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DAM Preis 2022: Die Zukunft – einfach gebaut

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Von: Sandra Danicke

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Arge Summacumfemmer mit Büro Juliane Greb: Wohnhaus „San Riemo“, München. Foto: Florian Summa
Arge Summacumfemmer mit Büro Juliane Greb: Wohnhaus „San Riemo“, München. © Florian Summa

Die besten Bauten in Deutschland sind schlicht, nachhaltig, sozial

Man schließt die Tür auf und steht direkt in der Küche. Die Wohnungen in San Riemo haben keinen Flur. Man kommt hinein und ist mitten im Leben. Wohin mit dem Mantel, dem Schlüssel? Egal erstmal. Von hier gelangt man überall hin, denn alle Räume sind um die Küche herum platziert. Vorab, also vor Einzug, hat man bereits geklärt, wie genau man hier in San Riemo wohnen möchte. Möglichst normal, wie man das auch von anderen Wohnungen kennt? Das nennt sich hier Basiswohnen. Beim Filialwohnen sind die privaten Räume etwas kleiner, die gewonnene Fläche wird gemeinschaftlich genutzt.

Dann gibt es noch das Nukleuswohnen, das geht so: „Mehrere Wohnungen geben Flächen in einen ,Pool‘, dessen Nutzung neu und wechselnd definiert werden kann. Jede Partei behält aber auch einen individuell bewohnbaren Nukleus. So entsteht bewegliche Fläche, die untereinander je nach Bedarf dazugenommen oder abgegeben werden kann.“

Spektakulär oder schlicht

„San Riemo“ ist ein vom Architekturteam Arge Summacumfemmer mit dem Büro Juliane Greb entworfenes Wohnhaus im Münchner Stadtteil Riem, das jetzt mit dem DAM Preis für Architektur in Deutschland ausgezeichnet wurde. Das Modell, Fotos und einen Film darüber kann man sich in der neuen, vorübergehenden Dependance des Deutschen Architekturmuseums im Ostend angucken. Hier hat das Museum während des Umbaus seines eigenen Hauses ein Loft in einem Bürogebäude zur Verfügung. Präsentiert werden die 26 „besten Bauten“, die, was Nutzen und Erscheinungsbild angeht, eine enorme Spannweite aufweisen: Von Rem Kolhaas‘ Axel-Springer-Neubau in Berlin - einem spektakulären Bürogebäude mit 3000 Arbeitsplätzen - bis hin zu einem schlicht anmutenden muslimischen Wasch- und Gebetshaus in Hamburg, das von Medine Altiok Architektur entworfen wurde.

Florian Nagler Architekten: „Einfach Bauen“, Forschungshäuser, Bad Aibling. Foto: PK Odessa Schels, Lanz
Florian Nagler Architekten: „Einfach Bauen“, Forschungshäuser, Bad Aibling. © PK Odessa Schels, Lanz

Zu den Finalisten zählt neben dem Axel-Springer-Bau, der ursprünglich die Zukunft des Arbeitens demonstrieren sollte, in Corona-Zeiten aber natürlich erstaunlich unzeitgemäß wirkt, die John-Cranko-Schule in Stuttgart. Dabei handelt es sich um eine Ballettschule mit Internatsgebäude, die von Burger Rudacs Architekten an einen Hang gebaut wurde. Eine Reihe geradezu brutal schlichter Sichtbetonquader führt wie eine Treppe den Hügel hinauf. Eingänge gibt es oben und unten. Auch im Inneren dominieren Sichtbeton und klare Strukturen, absolut nichts wirkt hier dekorativ oder aufgehübscht, was für die Ballettschülerinnen und -schüler eine bemerkenswert starke Kulisse abgibt.

Kein Zierrat - das gilt auch für die Forschungshäuser „Einfach Bauen“ in Bad Aibling. Das Architekturbüro von Florian Nagler hat hier drei unspektakuläre, von außen fast identisch aussehende Häuser mit flach geneigten Dächern hingestellt, die es allerdings in sich haben, weil sie in unterschiedlichen Bauweisen aus verschiedenen Materialien errichtet wurden.

Eines ist aus Holz, das zweite aus Ziegeln, das dritte aus Leichtbeton gebaut. Die Häuser stehen frei und sollen mindestens hundert Jahre halten. Der Sinn der drei Gebäude ist allerdings ein besonderer: Mit ihrer Hilfe will man herausfinden, welche Bauweise sich für das „einfache Bauen“ am besten eignet. Es dreht sich dabei vieles um Bezahlbarkeit und Nachhaltigkeit. Und es liegt nahe, dass dies mit einer Vereinfachung der Gebäudehülle einher geht (einschichtig, ohne Hilfsstoffe). Wichtig ist überdies „die radikale Abkehr von kurzlebigen, hochgezüchteten, teuren und anfälligen Gebäudetechniksystemen“, wie es im Katalog heißt. Man hat sich aber auch über Details Gedanken gemacht, etwa Kippfenster eingebaut.

Burger Rudcs Architekten: John Cranko Schule, Stuttgart. Foto: Brigida GonzÁlez
Burger Rudcs Architekten: John Cranko Schule, Stuttgart. © Brigida GonzÁlez

Und weil Florian Nagler Professor an der technischen Universität München ist, gibt es eine Forschungsgruppe, die in jedem der bewohnten Häuser eine Messstation eingerichtet hat, die das Raumklima, den Energieverbrauch und das Nutzerverhalten der Bewohner erfasst. Welchen Einfluss die unterschiedlichen Bauweisen auf die Messergebnisse haben, wird dokumentiert und kann online eingesehen werden.

Glas und Wellblech

Bei dem Haus der Preisträger lassen sich vor allem zeitgemäße Formen des sozialen Zusammenlebens studieren. Die Entwicklung des San Riemo-Hauses fand in enger Abstimmung mit denen statt, die jetzt hier wohnen. Das Gebäude, das sich auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens München-Riem befindet, hat eine gläserne Fassade aus beweglichen Segmenten und eine vorgelagerte Schicht aus gewellten Polycarbonatplatten. Auf den anderen Seiten ist das Gebäude mit weißem Wellblech verkleidet. Hinzu kommen farbliche Akzente in hellem Türkis.

Das Erdgeschoss wird gemeinschaftlich genutzt. Hier gibt es Waschmaschinen, Spiele, Sitzmöbel. Auch auf einem großzügigen Dachgarten kann man in größeren Gruppen Zeit verbringen. Die Wohnungen verfügen außerdem alle über einen schmalen Wintergarten, der zugleich als Schallschutz dient.

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt: bis 27. März. dam-online.de

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