Saint Paul s being used as a pest house during the Plague of London 1665 Illustration by John Fra
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Die Kathedrale von Saint Paul in London wurde 1665 als Pesthaus genutzt.

Gesellschaft

Coronavirus: Es ist die Pest!

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Denn Panikmache und Verschwörungstheorien zum Coronavirus haben sich weltweit schneller verbreitet als die Seuche selbst.

Man möchte in diesen Tagen melancholisch werden, womöglich mehr noch, vielleicht sogar schwarzsehen? Denn offenbar keine Epidemie ohne Erreger, auch diese nicht. Keine Pestilenz ohne verbale Auswürfe, keine Seuche ohne virale Effekte. Jetzt erneut, in den Tagen und Wochen des Coronavirus, in denen die Frage umtreibt: Darf man eine Postkarte aus China in Empfang nehmen? Weil das schließlich lebensgefährlich ist. Schon wird aus einer Frage umgehend Gewissheit. Aber auch wirklich Wissen? Tatsächlich wird mitMutmaßungen Unsicherheit verbreitet, mit Angst Politik gemacht, denn Angst ist ansteckend. Die Angstmache eilt der Ausbreitung der Krankheit dramatisch voraus. Immerhin Knoblauch soll helfen.

Um nicht gar zum Misanthropen zu werden, sollte man es bei der Melancholie belassen. Galt doch der Melancholiker bereits in der Antike wegen seiner besonderen Körpersäfte, seinem Übermaß an kalter und trockener schwarzer Galle, als angeblich außergewöhnlich seuchenresistent. Ist er wegen seiner Körperflüssigkeit auch besonders verschwörungsresistent, heute? Eine Fiktion, gewiss. Passend zu einer Hochkonjunktur von Konstruktionen. Die Ausbreitung von Selbstbetrug und Betrug ist immens. Angeblich nicht nur Knoblauch, auch Rauch von Feuerwerkskörpern soll gegen das Coronavirus helfen. Die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, spricht von einer „massiven Infodemie“.

Gerüchte schneller als der Tod, vorsätzliche Täuschungen, verantwortungslose Lügen. Es ist die Pest! Was, wenn man es so sagt, eine vielleicht heikle Reaktion ist, nicht unbedingt originell. Auf jeden Fall ist es eine emotionale Redewendung, weniger eine melancholische als eine sarkastische. Offenbar ironisch gibt sich das Interesse an einem Video, das die „Simpsons“ zeigt, den weltberühmten Homer Simpson. In einer Folge der Comicserie aus dem Jahr 1993 bestellt Homer einen Entsafter in China. Beim Verpacken niest ein Arbeiter in das Paket – sondert damit einen Virus ab, der auf Reisen geht. Als das Paket nach einigen Wochen bei den Simpsons eintrifft und Homer es erwartungsfroh öffnet, schwirren ihm die Viren um den Kopf. In den asozialen Netzwerken sind sich tausende sicher: Die Simpsons haben das Coronavirus prognostiziert.

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Ach, Homer. Der Melancholiker weiß, dass es tatsächlich der Grieche Homer war, der in seiner „Ilias“ von der Pest erzählte, einer von den Göttern über die griechischen Belagerer der Burg von Troja verhängte Geisel. Was nun nicht nur den vorgeschichtlichen Mythos anging, sondern die griechische Geschichte selbst, war es der Historiker Thukydides, der vor annähernd 2500 Jahren die desaströsen Begleitumstände einer Seuche, der „Attischen Pest“ schilderte. Athen im Ausnahmezustand, nicht nur hygienisch, auch sozial, nicht nur medizinisch, auch zivilisatorisch. Gerüchte, Verschwörungstheorien, Feindbilder.

Der Rückblick zeigt: Pest ist seit alters her ein Sammelbegriff für Seuchen, schon im antiken Athen oder Rom wurden etwa die Pocken zur Pest erklärt, nicht unbedingt als solche auch identifiziert, aber die Pest doch zum Synonym für jedwede Epidemie. Pest war ein Wort, das Angst und Schrecken verbreitete, Pest stand für eine nicht nur medizinisch tückische, weil nicht durchschaute Krankheit, sondern eine auch soziale Geißel, nämlich die Auflösung aller Verhältnisse.

Nicht von ungefähr wurde sie so in den Sinnbildern des Mittelalters und der frühen Neuzeit dargestellt, besonders prominent durch Albrecht Dürer und seinen Kupferstich von den „Vier apokalyptischen Reitern“. In Dürers Allegorie wird die Pest mit Pfeil und Bogen dargestellt, mit den tödlichen Waffen Apollons, der schon in den Krieg um Troja eingriff, als er unter den griechischen Belagerern ein entsetzliches Sterben verbreitete, ein qualvolles Krepieren, einen unheldenhaften Tod.

Der tödliche Pfeil wurde zum Symbol für die Seuche, zugleich verkörperte der Griechengott Apollon eine Gottesgeißel, nicht zuletzt, auch das ein Mythos, der bis heute nachwirkt, eine Form biologischer Kriegsführung. Schon die Militärgeschichte der Antike kannte die Strategie, belagerte Burgen mit Leichen zu beschießen, die Belagerten mit infizierten Leichen zu vergiften.

Das Mittelalter stellte die Seuche in aller Drastik dar: Der Tod erwürgt ein Pestopfer. Die böhmische Buchmalerei aus dem Codex Stiny stammt aus dem 14. Jahrhundert.

Virenkrieg! Ein verschwörerisch basiertes Genre des Politthrillers spielt diese Variante der Fama gerne bereitwillig durch – bereit zu was? Und so gehören zu den in Umlauf gebrachten Spekulationen über die Ursachen der jüngsten Epidemie auch Virenkriegsszenarien. Gemachte Seuchen, der Coronavirus als eine aus chinesischen Hochsicherheitslabors bewusst herausgeschleuste und auf die Menschheit losgelassene Geißel.

Wie auch immer sich die Coronavirusepidemie entwickeln wird, einzelne soziale Symptome erinnern durchaus an die „Attische Seuche“, die von 430 – 426 v. Chr. in Athen wütete, während der Belagerung durch die Spartaner. Sie wurde bereits als gemachte Seuche, als „pestilentia manufacta“ angesehen, wie manche spätere auch, erst recht die „Schwarze Pest“, die seit Ende der 1340er Jahre durch Europa zog, eingeschleppt über die Seidenstraße in Zentralasien.

Caffa auf der Krim, das von italienischen Kaufleuten verwaltet wurde, gehörte zum Reich der Mongolen. Die Stadt hielt den Seeweg offen, eine von den seeuntüchtigen Mongolen hastig errichtete Flotte wurde von den Genuesen versenkt. Die belagernden Mongolen katapultierten die von der Pest gezeichneten Leichen in die Stadt, der Seuchenkrieg ließ die europäischen Kaufleute Reißaus nehmen, so dass der Erreger auf dem „globalisierten“ Seeweg, über Konstantinopel, Alexandria in den Mittelmeerraum getragen wurde. Die Infizierten gingen in den Hafenstädten Messina, Genua, Venedig von Bord, die Pest überzog Italien, breitete sich über Marseille Richtung Frankreich und Mitteleuropa aus, wobei, so der Pestforscher David Herlihy, das Gerücht die Epidemie überholte. Dem Schwarzen Tod eilte seit 1348 eine aggressive Verschwörungstheorie voraus, das Wort von der Brunnenvergiftung, ein mörderischer Schlachtruf.

„Wir wissen nicht, welche Menschen die Verleumdung in die Welt setzten“, heißt es bei Herlihy, als hätte er vor mittlerweile 20 Jahren die Anonymität im Internet vor Augen gehabt. Herlihy betont, dass „von den anerkannten Führern der mittelalterlichen Gesellschaft kaum einer – kein Kaiser, kein König, kein Papst – diesen absurden Geschichten Glauben schenkte“. Tatsächlich war es Papst Clemens VI., dessen „gesunder Menschenverstand“ opponierte, so wiederum ein anderer Pestforscher, Klaus Bergdolt, als sich der Mob an der jüdischen Bevölkerung vergreifen wollte. Die Intervention blieb ein in den folgenden Jahren hoffnungsloses Unterfangen, denn ein mörderischer Antisemitismus fiel in ganz Europa über die Juden her, dann doch aufgestachelt auch von der katholischen Kirche, deren „antijüdische Polemik“ von einer „eschatologischen Grundstimmung verschärft wurde“, wie Bergdolt schreibt.

Dem „Schwarzen Tod“, der Beulenpest, sind im „dramatischen 14. Jahrhundert“ (Barbara Tuchman) Millionen Menschen zum Opfer gefallen, 20 Millionen, die Forschung spricht von einem Drittel der europäischen Bevölkerung. Die Kunst reagierte auf das Massensterben in ebenso dramatischen wie drastischen Bildern – etwa, wenn in einer böhmischen Buchillustration aus dem Codex Stiny ein personifizierter Tod ein Pestopfer erwürgt. Eine Schreckensszene, eine erbarmungslose Darstellung. Die Literatur kennt große Pestprosa, Boccaccios Erzählungen aus Florenz, das sagenumwobene „Decamerone“, die „Canterbury Tales“ von Chaucer, Werke eines mittelalterlichen Humanismus, während sich gleichzeitig die mittelalterliche Kunst an der antijüdischen Propaganda und Hetze beteiligte.

Durch die Verschwörungstheorie von der Brunnenvergiftung wurden hunderttausende Juden umgebracht. Der mittelalterliche Holzschnitt zeigte Juden beim Ritualmord an Christenkindern. Der mittelalterliche Holzschnitt zeigte die Juden an den Zitzen der Judensau hängen und deren Exkremente verzehren. Bis zum Holocaust im Dritten Reich waren die Pogrome zwischen 1348 und 1350 die größte Vernichtung der europäischen Juden. Der mittelalterliche Holzschnitt zeigte Juden zusammengepfercht auf einem lodernden Scheiterhaufen.

Mit Seuchen einher ging in der Vergangenheit (in der Vergangenheit?) stets ein massiver Vertrauensverlust, ein Riss durch die Gesellschaft, dazu ein tiefer Argwohn gegenüber Autoritäten, ein aggressives Misstrauen gegenüber Eliten, angefangen mit den Ärzten. In Seuchenzeiten traten die Laien gegen die Experten auf den Plan, die Populisten gegen die Besonnenen, die Menschenverächter gegen die Melancholiker, die Fanatiker gegen die Vernunftgewillten, die Faktenfälscher gegen die Faktenchecker.

Die Ursachen der Seuche blieben unbekannt - und worin bestand ihr Grund wenn nicht, wie spekuliert wurde, in einer Gottesstrafe. Die Philosophen dachten über sie kaum anders nach als die Theologen, doch die Aquitaner als Ordnungssinnsucher gewiss anders als die Nominalisten, denen sich die Welt nicht als harmonischer Kosmos, sondern als Chaos darstellte. In einem Europa, in dem sich der christliche Glaube womöglich auf die weltlichen Eliten und den Klerus beschränkt hatte, während die Bevölkerung weiterhin heidnischen Vorstellungen gehuldigt hatte, steigerte das Grauen vor der Pest die religiöse Inbrunst - und den Aberglauben, ein Effekt bis heute.

Seuchen, zumal dann, wenn ihre Ursachen undurchschaubar waren, haben stets die Durchblicker auftreten lassen. In diesen Tagen wird ein Bill Gates zum Schuldigen erklärt - und weil in Mobilfunkanlagen böse Strahlungen vermutet werden, beteiligen sich an den Gerüchten zwangsläufig auch die Heilsbringer. Ob Sars, Vogelgrippe, Ebola oder Aids: Keine Epidemie, bei der nicht die Demagogen ihre große Stunde gesehen hätten.

Seuchenzeit – Wochen, Monate der schlichten Erklärungen. Der Holzschnitt, ein Propagandainstrument des Mittelalters, wirkt bis heute nach, wenn der „Spiegel“ ein reißerisches Titelblatt produziert, mit einem Menschen in roter Schutzkleidung, vermummt durch eine Schutzmaske, darunter die gelbe Schlagzeile „Made in China“.

Nicht weniger hysterisch, wie die Tagesschau in der Halbzeit des DFB-Pokalspiels am Dienstag ein im Internet kursierendes Video über katastrophale Zustände in einigen Krankenhäusern Chinas präsentierte. Reine Wiedergabe, keine journalistische Einbettung, auch keine Beglaubigung. Handyaufnahmen über offenbar katastrophale Zustände, die vertuscht werden. Ein Halbzeitaufreger, ein Einspieler anstelle der Bierwerbung. Man versuche sich vorzustellen, wie über eine Katastrophe vor der eigenen Haustür berichtet würde – worden wäre, denn eine Extremsituation, der in China nicht unumwunden vergleichbar, aber doch eine Extremsituation durchlebten 1967 Frankfurt und Marburg.

Von einem „Ausnahmezustand“ in Hessen spricht der Autor Kai Kupferschmidt in seinem Buch über Seuchen, weil sich die Ärzte in den beiden Städten ratlos und hilflos zeigten. Patienten starben noch an dem Tag, an dem sie ins Krankenhaus eingeliefert wurden, von den 32 Erkrankten sieben. Nach dem mysteriösen Erreger wurde jahrelang vergeblich geforscht, die Spur der als „Affenseuche“ oder „Marburgvirus“ benannten Krankheit führte nach Afrika, wo das Reservoir tatsächlich Jahre später unter Flughunden identifiziert wurde.

Eine vergessene Geschichte, der sich nachzugehen lohnte, gerade in diesen Tagen, eine unter dem Eindruck von Epidemien wie Ebola, Sars oder Vogelgrippe allerdings verdrängte Episode. Und doch ein Beispiel, wie sehr Angstmache ansteckend ist. Schon der Grieche Thukydides beschrieb vor 2500 Jahren nicht nur den atemlosen Tod der Pestopfer, sondern den schleichenden sozialen, politischen und kulturellen Verfall einer als vorbildlich geltenden Zivilisation. Wie dünn jedoch der zivilisatorische Firnis, wie brüchig der kulturelle Konsens ist, zeigte die „Attische Seuche“. Der Pesthistoriker Mischa Meier hat das Geschichtswerk des Thukydides als ein soziales Lehrstück und „Archetypus der Seuchenbeschreibung“ bezeichnet – grauenerregend beides.

Antikes Lehrstück und Archetypus sind ernstzunehmen, schon deshalb gibt es keinen Grund, die gegenwärtige Coronoviruskrise in irgendeiner Form zu bagatellisieren. Bis heute mehr als 600 Tote, binnen der letzten 24 Stunden sind 79 Menschen gestorben, über 31 000 Infizierte, abgeriegelte Millionenstädte, Menschen unter Verschluss, Informationen unter Quarantäne, umso ansteckender die Gerüchte – nicht zuletzt eine solche Schreckensnachricht wie diejenige, dass infizierte Mütter den Erreger an ihr Neugeborenes übertragen können. Schon deswegen ließe sich, wie es schon im Mittelalter hieß, an „help and healing“ denken, Hilfe und Heilung.

Ein Wort von Geoffrey Chaucer, ein Motto, das er dem Zeitgeist abtrotzen wollte. Der derbe Chaucer war ein Autor, der ganz bestimmt kein Melancholiker war, vielmehr ein eminenter Spötter, ohne deswegen ein Hundsfott zu sein. Dass nichts leichter gewesen wäre, ist auch heute nicht zu übersehen.

„Du Corona“ – auf einem Nachrichtenbildschirm in Frankfurts zentraler U- und S-Bahnstation, der Hauptwache, wurde in dieser Woche angezeigt (auch angeprangert oder bloß in Umlauf gebracht?), dass diese Injurie im öffentlichen Raum umgeht. Der offenbar ansteckende verbale Auswurf gegenüber asiatisch aussehenden Mitmenschen ist von einer Infamie, der das denkbar Äußerste zuzutrauen ist. Im Umgang des Menschen mit einer Seuche verhält sich der Mensch bis zur Kenntlichkeit, zu seiner Mittelalterkenntlichkeit. Es ist in diesen Tagen ein großes Elend.

In der Pandemie sieht eine Gruppe von Bischöfen eine Weltregierung am Werk. Die Kirchenmänner bedienen sich klassischen Corona-Verschwörungstheorien.

Zwischen Verschwörungstheorien und Impfdebatten hat vor allem ein altes Feindbild auch in Krisen wie der derzeitigen Corona-Pandemie wieder Hochkonjunktur: der Antisemitismus.

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