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Blick durch die karolingische Königshalle auf der ehemaligen Klosteranlage von Lorsch.

Lorsch

Sonntagsausflug während der Coronakrise: Unter Leuten

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Ein Besuch in Lorsch, berühmt wegen seiner Torhalle. Bestürzende Begegnungen rund um ein Weltkulturerbe in Zeiten der sich zuspitzenden Coronakrise.

Sonntagnachmittag, vorgestern im südhessischen Lorsch, in einem Dorf mit einem Weltkulturerbe, der karolingischen Torhalle. Weiter zurück in die Geschichte geht es kaum. Das war der Gedanke. Der Gegenwart den Rücken kehren.

Drittens: Ein Besuch in Lorsch verspricht einen Aufenthalt unter freiem Himmel. Denn Sonne ist nun mal zum Tanken da. Deshalb war’s auf der Autobahn bereits ziemlich voll. So war man, weil nicht wenige den Gedanken hatten, auch bei der Annäherung an Lorsch überhaupt nicht allein.

Corona: Mehr Abstand geht kaum

Dann, von der Allee aus bereits der grüne Hügel, auf dem im Gegenlicht ein Schemen dahinsank. Neben dem Parkplatz, unterhalb der Umfassungsmauer, eine Japanische Kirsche. Sieh nur, sie blüht schon, und die Forsythien auch. Alles unglaublich früh dran, fast schon unheimlich. Den Übergangsmantel könne er ruhig aufknöpfen, empfahl die Dame dem Herrn neben ihr.

Auch die beiden Alten kannten den Weg durchs Hintertörchen, zwischen der alten Umfassungsmauer, auf der vier, fünf Jugendliche hockten, ein Bierchen zischten, rauchten. Viele Jahre lang wurde die Anlage saniert – nur zu ihrem besten, angefangen mit dem Weltwunder selbst, das das Dorf von der ehemaligen Klosteranlage trennt. Weiter zurück als hier geht es bei einem Besuch kaum, mehr Abstand, zeitlichen Abstand, gibt es nicht. Was die Anfänge der Architektur in Deutschland angeht, liegt keine Zeit ferner. Weil die Torhalle nicht von den Römern ist oder welchen Weltmächten auch immer, sondern von den Karolingern stammt, gespendet durch Karl den Großen im Jahr 774. Was Weltmächte sind? Kinder, das ist lange her. Schon tollen die Kinder wieder, Kilian, Laura. Später dann, im Dorf, als man sie wiedersah, hatten auch sie ein Eis auf der Hand.

Ein Liebespärchen in Zeiten der Coronakrise

Wer noch nicht in Lorsch war, muss sich Lorsch so vorstellen, dass die Torhalle das Dorf von der ehemaligen Anlage trennt, das Dorf mit seinem Rathaus, seinem Dorfplatz, mit seinem Eiscafé und seiner Klosterapotheke. Zusammen bilden sie ein Dreieck. Unten das Dorf, oben das Kloster, dazwischen die Torhalle, sie trennte Jahrhunderte lang zwei Welten, die weltliche Welt und die klösterliche. An diesem Sonntag sollte sie das auch tun, wie unsichtbar. Oben auf dem historischen Hügel, aber unten im Dorf. Auf dem Hügel zeigte man sich gewarnt, auf dem Klosterhügel hielt man auf Abstand. Ob man sich dazusetzen dürfe? Die Bank war ja lang genug. Kinder tollten.

Wer hier, unter den Torbögen der Torhalle, auf dem Klosterhügel auch nur einmal war, kommt gerne wieder, dreimal, viermal, in den letzten 25 Jahren ein halbes Dutzend Mal, auch wegen der Kirche, der Nazarius-Basilika, als Fragment erst vor einigen Jahren wieder freigelegt. Hinter dem besonderen Bauwerk markieren auf dem Klosterhügel hevorgehobene Rasenwülste den Grundriss der historischen Anlage. Kinder spielten.

Dort, wo sich der Hügel geradezu aufgipfelt, erwartete nicht zum ersten Mal ein Verteidiger einen Angreifer, um ihn mit seinem Schwertarm in die Schranken zu weisen. Von weitem Geschrei, von weitem zwei Kinder, die ins Gras sanken. Von zwei Kindern waren nur noch zwei Köpfe zu sehen, die Körper nicht mehr. Aber die Rasenstreifen, leicht erhöht, gaben für Pärchen ein Kopfkissen ab. Die Nase in der Sonne, die Augen geschlossen. Händchenhalten im Schlummer, ein Liebespärchen in Zeiten der Coronakrise.

Lorsch im Zeichen des Virus: Ein schöner Sonntag

Lorsch, ein Idyll? Wahrscheinlich ist die Anlage zu berühmt und als Weltkulturerbe zu beliebt, um nicht enorm frequentiert zu werden. Wie man selbst, so dachten Hunderte. 500, 1000? Man befinde sich ja nicht, dachte man, in einem geschlossenen Raum. Tatsächlich war das Museum von Lorsch geschlossen, ein Zettel nannte den Grund. Die Museumsleute baten um Verständnis. Und bleiben Sie gesund. Kinder, ob die Kinder denn nicht lesen könnten, warum sie denn heute alles anfassen müssten, mahnte eine Mutter, ausgerechnet auch noch die Türstange.

Das Kind solle sich die Finger abwischen lassen. Und am besten auch gleich den Mund. Unterhalb und oberhalb der Torhalle stellten sich die Dinge schon deswegen anders dar, weil sich die Menschen auf der grünen Wiese, oberhalb des Monuments, verliefen, spielend, während sie unterhalb zum Marktplatz hin, zusammendrängten, soziale Kontakte direkt suchten. Was für ein schöner Sonntag. Im Café zum Kloster war jeder Platz unter der Sonne besetzt, ebenso an Tischen und auf Stühlen vor der Pizzeria Am Kloster.

Wer wusste schon, wie lange noch? Man stand zusammen, man zeigte sich nicht unsicher, sondern war sich ungemein sicher. Die Grenzen schließen, werde allerhöchste Zeit. Die Sonne lachte, die Sonnenbrillen wurden ausgetragen, das Körpergewicht wurde von einem Bein auf das andere verlagert. Man zeigte, wie sehr man den Körperschwerpunkt in der Hose trägt. Man wippte mit dem Oberkörper. Und jetzt mal eins, dichte Grenzen, das habe Deutschland viel zu lange verpasst, nicht nur in diesen Tagen. Worte wie Hiebe in Zeiten der Coronakrise.

Menschen taten das, was sie so tun, sie erfüllten Klischees. Ebenso wie man das als Beobachter tat, indem man zusah, aufschnappte, notierte. Keine Krise, auch das bestätigte sich, in der nicht die Wortführer zum Wort greifen, und in Zeiten der Krise erst recht mal so richtig, nicht zu überhören, wo Café und Buchhandlung, Pizzeria und Antiquitätengeschäft eine schmale Gasse bilden und wo eine Bank steht, von der aus man nur zuhören musste, dem Redefluss der Vorbeiströmenden, eine Viertelstunde, eine halbe, eine ganze.

Im Straßencafé kein Stuhl mehr frei trotz Corona

Oberhalb der Torhalle ein Spielplatz, unterhalb der Torhalle Worte wie Hiebe. Das ist Deutschland, dass man sich, so bekam man zu hören, bange machen lässt. Anstatt durchzugreifen, wie der Chinese, der Chinese habe es vorgemacht. Aber es würden doch mittlerweile Anweisungen gegeben, Schulschließungen, keine Bundesligaspiele. Man werde noch an den Chinesen denken! Aber Enno! War Enno immer schon heimlich ein Chinese?

Sich umhören im Dorf, nicht von Haustür zu Haustür, denn was käme dabei heraus? Aber doch umschauen auf einer Fläche von nicht einmal zwei Fußballfeldern, unterhalb der Torhalle, Halt machen vor einem Schmerzensmann, unter dem sich drei Wanderer drängten, Schulter an Schulter vor der Botschaft: „Gott sei Dank“.

Schlendern durch ein Dorf, in dem Klosterapotheke, Rathaus und Eisdiele ein Dreieck bilden. Eine Kugel Erdbeere auf die Kinderhand, eine Kugel Nuss für die Hamsterbacken? Der Reporter konnte das Rezensieren nicht lassen. Im Straßencafé war Frühnachmittags kein Stuhl mehr frei. Im Apothekenschaufenster wurden Mittelchen empfohlen, auf die man sich blind verlassen kann. Oder man las doch den Slogan: „Sei stärker als jede Erkältung“. Auch das eine Botschaft.

Und ihr hier so? „Und ihr hier so?“ Alles klar. „Alles klar.“ Man habe, indirekte Rede jetzt, ohne dass auch dies hier anders gesagt worden wäre, denn keine wiedergegebene Äußerung in diesem Text, die nicht ein wörtliches Zitat ist: Man habe also das Wetter ausgenutzt. Allerdings, wenn man das so hört, ging es in Lorsch nicht nur um das Wetter. Offenbar um mehr, womöglich um eine letzte Gelegenheit, eine allerletzte, ein Luftschnappen, ein Atemholen auf Vorrat? Man nahm noch mal mit, was sich so bot. In diesem Dreieck, das wegen des Cafés bestuhlt war, war am Sonnfrühnachmittag kein Platz frei. So gesund komme man womöglich nicht mehr zusammen.

Dicht an dicht vor dem Eissalon trotz Corona

Noch mal was mitnehmen, das Motto schien, noch einmal, das Privileg der Provinz. Während in deutschen Großstädten die ersten Schließungen für Restaurants, Cafés, Bars, Clubs verhängt wurden, womit auch in Deutschland mit Verzögerung das nachgeholt wird, worauf man sich in Italien seit einigen Tagen bereits zu gewöhnen versucht, stand man in Lorsch noch einmal an für ein italienisches Eis. Ein Zusammenhang? Oder gar eine Koinzidenz? Und was für eine?

Gegenüber vom Rathaus und der Klosterapotheke standen sie also Schlange für ein Eis, dicht an dicht, auf der Straße, vor dem Tresen, in dem engen Raum. Aus der Schlange machte sich Galgenhumor breit. Denn man will sich nicht die Stimmung verderben lassen, dann könne man sich ja gleich die Kugel geben, also dann zwei, Schoko und Vanille.

Pest, Cholera, Corona

Was war das jetzt, Hilflosigkeit, Ratlosigkeit, ein Entlastungsversuch, psychologisch erklärbar. Man konnte Abstand halten, um zu sehen, wie sich im Dorf von Lorsch die Gleichgültigkeit gegenüber jeder Vorsichtsmaßnahme auf engstem Raum konzentrierte. Eine Ausflugswelt, die auf die Empfehlungen der letzten Tage pfiff, Witze machte, denn man habe schließlich die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ein Running Gag, ein Zitat, die Straße rauf, das Gässchen runter. Solchen robusten Naturen begegnete man in den letzten Tagen nicht nur unter den Lorsch-Ausflüglern, natürlich nicht.

Pest, Cholera, Corona. Schlendern, aufschnappen, sich abseits halten, dennoch nicht zu übersehen, wie eine Mutter mit ihrem Kind vor einem Sicherungskasten verharrte, der mit einem Theaterplakat beklebt war. Die Reaktion unwirsch, wegen der Absage, die da zwar nicht stehe, aber doch wohl klar sei. Warum? Das Kind solle nicht fragen, oder habe man ihm am Morgen etwa nicht den ganzen Coronakram erklärt. Was jetzt noch fehle, nein, worüber sie sich nicht wundern würde, erklärte die Mutter dem Kind, dass noch nicht die ganze Stadt abgesagt worden sei. Coronakram, eine ganze Stadt absagen.

Die Schilderungen der letzten Tage aus Italien sind niederschmetternd. Nichts, so liest man, habe geholfen, nicht die Aufrufe zur Hygiene, nicht die Empfehlung zum Abstandhalten, nicht die Einschränkung sozialer Kontakte. Vor der Eisdiele von Lorsch zu sehen, dass man gewillt ist, es Italien nachzumachen. Gerade in Italien habe sich gezeigt, dass ein Misstrauen gegen staatliche Institutionen, mangelnder Bürgersinn, ein extrem ausgelebter Individualismus die Krise verschärft habe. Wobei man natürlich unmittelbar ergänzen muss, wie der Appell des Bundesgesundheitsministers an Solidarität und Gemeinsinn denn eigentlich verfangen soll in einer Gesellschaft, in der Politiker den Eigensinn vorleben.

Eine ganze Stadt absagen wegen Corona?

Der italienische Schriftsteller Antonio Scurati hat soeben in einem Interview in der FAS über die Verantwortungslosigkeit in Zeiten des Coronavirus nachgedacht. Vor allem, so Scurati, habe nicht so sehr die Hilflosigkeit der Mediziner und politische Schlamperei Italien immer tiefer in die Coronakrise gestürzt, sondern das mangelnde Verantwortungsbewusstsein einer Gesellschaft, der ein „tragisches Lebensgefühl“ abgehe.

Ein mangelndes tragisches Leben, eine zunehmend postheroische Mentalität: Die pompösen Begriffe sollen einen Halt geben, während zahlreiche Reaktionen auf die Krise vor den Kopf stoßen. Italien ist um etwa 14 Tage früher dran, in Deutschland hätte man, nach den Erfahrungen in Italien, die Zeit nutzen können, um politisch und medizinisch zu reagieren. In Lorsch war es, anders als in der FAS beklagt, keine jüngere Generation, sondern waren es Jung und Alt, die ihre Absage an einigermaßen eingehaltene Regeln vorführten.

Eine ganze Stadt absagen, in der Formulierung der wütenden Mutter steckt wohl mehrerlei, Skepsis gegenüber dem Ernst der Lage, Misstrauen gegenüber denen, die Direktiven aussprechen, Verwaltungen, Politiker. Behörden und Regierungen sind von Empfehlungen zu Direktiven übergegangen. Wann kippt die Stimmung, wann macht sich, anstelle von Hilflosigkeit und Ratlosigkeit, pure Aggression breit? Wann anstelle von Ignoranz bewusste Sabotage?

An den einen Ratschlag der Kanzlerin, man solle Sozialkontakte meiden und ein wenig Abstand halten, glaubte hier unten, unterhalb der Torhalle, kein Mensch. Nähme das irgendjemand ernst, säße man nicht so eng aufeinander, schöbe man nicht Schulter an Schulter die zur Torhalle leicht ansteigende Straße hinauf, vorbei an einer Bank, die für vier Menschen gedacht ist und auch jetzt von zwei Mal zwei Bikern genutzt wurde, die ihre Bikes vor ihren ausgestreckten Beinen parkten wie Pferde vor einer Tränke.

Das Kind spricht von Coronakrieg

In der Geschichte von Lorsch gab es die eine oder andere Katastrophe, politische, kulturelle – nicht zuletzt wurde auch Lorsch von Seuchen heimgesucht, von einer besonders grauenvollen Pestepidemie während des Dreißigjährigen Krieges auch das Kloster, trotz seiner medizinischen Abteilung.

Lorsch und die Medizin, davon erzählt heute noch das Klostergärtlein, gegenüber von der langgestreckten Zehntscheune. Aus einem Seminarraum lugte, so dass man neugierig wurde, ein weißes Skelett, ja. Aber nein, kein echtes, eines aus Kunststoff, ein Seminarskelett, nicht zu übersehen vom Klostergärtchen aus, auf dessen sanft angelegten drei, vier Terrassen noch nicht viel zu sehen ist, sich die späteren Erfolge erst ankündigen, Brennnessel und Weiße Taubnessel, der Huflattich. Heil- und Würzpflanzen noch im Winterschlaf, vieles ein wenig struppig, auch strohig, das Seifenkraut direkt verholzt, aber das Immergrün mit seinen blauen Blüten.

Lorsch und die Medizin. Giftig sind Eisenhut und Herbstzeitlose, ein Totenkopfzeichen warnte. Eine Frisbeescheibe stieg auf über dem grünen Hügel und sichelte durch einen strahlen blauen Himmel, echt nice, freute sich der Werfer. Gegen die Stirnwand der Basilika bolzten drei Jungen ihren Fußball, Pascal, Hugo und – den dritten Namen vergessen (aufzuschreiben). Ausgelassenheit auf dem uralten Hügel von Lorsch. Ein Großvater schulterte seinen Enkel. Und wie gehe, rief er, die zweite Zeile? Wenn er fällt, jauchzte das Kind, dann schreit er.

Letzte Meldung: Deutschland mache die Grenzen dicht. Woher er das habe? Na, woher schon. Ein vielleicht Fünfzehnjähriger zeigte am frühen Nachmittag sein Handy vor. Coronakrieg, meinte das Kind mit der Frisbeescheibe. Coronakrieg, wiederholte der Mitspieler, das sei stark.

Das war vorgestern.

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