„Rush Hour“ in Zeiten von Corona: New Yorks Grand Central Station in diesen Tagen.
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„Rush Hour“ in Zeiten von Corona: New Yorks Grand Central Station in diesen Tagen.

Gesellschaft

Coronakrise: Dichte ist unter Druck geraten

  • vonWerner Girgert
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Corona zeigt: Ob es in den Metropolen zu eng ist, ist weniger eine städteplanerische denn eine soziale Frage.

Müssen wir unsere Vorstellungen von Urbanität nach Corona neu überdenken, weil die Konzentration von Menschen auf engstem Raum, die unsere Städte erst zu Orten der Innovation, der Produktivität und kulturellen Vitalität macht, auch die Anfälligkeit für Infektionskrankheiten erhöht? Als spezifische Form des städtischen Lebens ist Urbanität von jeher untrennbar verknüpft mit der Vorstellung sozialer und räumlicher Dichte. Der deutsch-amerikanische Soziologe Louis Wirth bemühte in seinem inzwischen zum Klassiker avancierten Text „Urbanism as a Way of Life“ aus dem Jahr 1938 den Dreiklang aus Größe, Dichte und Heterogenität, um das Phänomen des Urbanen zu beschreiben. Bei Architekten und Planern steht das Leitbild der europäischen Stadt bis heute hoch im Kurs, scheint darin doch eine Idee von Urbanität gewährleistet, in der sich räumliche Kompaktheit, Dichte und die Mischung der Funktionen in einzigartiger Weise mit der Gegenwart des baulichen Erbes verbinden.

Doch mit der Ausbreitung der Corona-Pandemie hat sich nicht nur das Leben in den Städten verändert, es mehren sich auch die Stimmen, die in den großen, hochverdichteten und global vernetzten Metropolen die begünstigenden Brutstätten für die Ausbreitung des Virus sehen. Die Namen Wuhan, Mailand und Madrid, New York, Detroit und New Orleans, aber auch Berlin, München und Hamburg stehen für Städte, in denen die Fallzahlen auf markante Höhen geschnellt sind. Am heftigsten ist die Diskussion um die Gefahren urbaner Dichte inzwischen in den USA entbrannt, wo sie nach dem dramatischen Anstieg der Infektionszahlen in New York die Schlagzeilen der großen Zeitungen des Landes und die Auseinandersetzung unter Stadtforschern bestimmt.

Schon im März titelte „New York Times“-Autor Brian M. Rosenthal „Density is New York City’s big ‚Enemy‘ in the Coronavirus Fight“. Dichte sei der große Feind New Yorks im Kampf gegen Corona. Rosenthal weist auf die Risiken hin, die in der quirligen Metropole am Hudson nicht nur von den überfüllten U-Bahnen ausgehen, die an normalen Werktagen von rund fünf Millionen Menschen genutzt werden. Auch die engen, oft überbelegten Wohnungen gerade in den ärmeren Quartieren der Stadt sowie die 60 Millionen Besucher jährlich, die das global vernetzte Finanz- und Wirtschaftszentrum aus geschäftlichen Gründen oder als Touristen aufsuchen, böten ideale Bedingungen für die Ausbreitung des Virus.

Das Furman Center der New York University School of Law lieferte bereits im April erste Untersuchungsergebnisse zur Verbreitung der Virusinfektionen in einzelnen New Yorker Stadtteilen und Bevölkerungsgruppen. Die Zahlen bestätigen Rosenthals Befürchtungen weitgehend, bieten jedoch ein deutlich differenzierteres Bild. Demnach ist die Zahl der Infizierten dort am höchsten, wo die Einkommen niedrig sind und der Anteil von Schwarzen und Bewohnern hispanischer Herkunft besonders hoch ist. Gerade die Ärmeren sind seltener in der Lage, ihre Arbeit im Homeoffice zu erledigen und stärker auf die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel angewiesen, aber auch an ihren Arbeitsplätzen besonders im Einzelhandel und Servicebereich häufig höheren Ansteckungsrisiken ausgesetzt. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse des Furman Center, dass es weniger die städtische Dichte an sich ist, die das Infektionsrisiko erhöht, sondern die Überbelegung der einzelnen Wohnungen gerade in den ärmeren Stadtvierteln.

Die ökonomisch Privilegierten dagegen entflohen vielfach dem Gedränge der Stadt in die Zweitwohnung auf dem Land. Ein Trend, der auch in London, Madrid und Paris zu beobachten war, weniger dagegen in deutschen Städten, wo der Zweitwohnsitz im Grünen keine ausgeprägte Tradition besitzt. Allerdings ist die Stadtflucht der Reichen in Zeiten von Epidemien kein neuartiges Phänomen. Im Onlineportal CityLab wiesen Laura Bliss und Kriston Capps kürzlich auf die Entstehungsgeschichte von Giovanni Boccaccios „Decamerone“ hin. Sie waren sicherlich nicht die Ersten, aber die Novellensammlung beschreibt den Zeitvertreib einer Gruppe wohlhabender Florentiner, die dem Wüten der Pest in ihrer Heimatstadt im Jahr 1348 durch Flucht ins Landhaus zu entkommen suchten.

Spielt die Pandemie also jenen in die Hände, die in der Tradition der romantisch-konservativ geprägten Großstadtkritik eines Wilhelm Heinrich Riehl oder in Anlehnung an Oswald Spenglers Kulturpessimismus in der urbanen Konzentration der Massen schon immer die Ursache von Krankheit, Armut, Amoralität und Dekadenz zu erkennen glaubten? Oder die – wie viele in den Vereinigten Staaten – die tiefe Abneigung des einstigen Präsidenten Thomas Jefferson gegen alles Großstädtische teilen?

Richard Florida, bekanntgeworden durch seine Studien zur Bedeutung der kreativen Klasse für die Wettbewerbsfähigkeit von Städten, wirbt unterdessen für eine differenziertere Betrachtung des Infektionsgeschehens und verweist auf Städte wie Singapur, Seoul, Hongkong und Tokio. Metropolen mithin, die trotz hoher Bevölkerungsdichte dank frühzeitigem Lockdown und strengen Distanz- und Hygieneregeln die Zahl der Infizierten niedrig halten konnten. Überdies, so Florida, sei Dichte nicht gleich Dichte. In reichen Stadtteilen sei sie deutlich besser zu ertragen als in armen, in denen die Bewohner häufig in Mehrfamilien- und Mehrgenerationenhaushalten zusammenlebten und Rückzugsmöglichkeiten weder im Privaten noch bei der Arbeit gegeben seien.

Die hier zusammengetragenen Erkenntnisse verdichten sich zu einem Gesamtbefund. So warnen auch Stefan Siedentop und Ralf Zimmer-Hegmann vom Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) in Dortmund vor einer einseitigen Verkürzung der Diskussion auf die Bedingungen der Ausbreitung, ohne die Vorteile großer Städte beim Umgang mit der Pandemie in den Blick zu nehmen: „Großstädte scheinen mit ihrer hohen Dichte und globalen Vernetzung stärker gefährdet zu sein als ländliche Gebiete, sie bieten gleichzeitig jedoch auch eine leistungsfähige Infrastruktur, um die negativen Folgen einzudämmen.“

Räumliche Hotspots des Infektionsgeschehens finde man in Deutschland überdies in Großstädten ebenso wie in ländlichen Kleinstädten. „Ihre Entstehung scheint eher auf Zufälligkeiten und soziale Events zurückzuführen zu sein“, betonen Siedentop und Zimmer-Hegmann. Neben der Bevölkerungsdichte, so die beiden Stadtforscher, seien auch andere Faktoren relevant: „die Integration eines Ortes in globale ökonomische Prozesse, seine touristische Bedeutung, die gesundheitliche Verfassung der Bevölkerung oder auch ihre Alterszusammensetzung“. Erhebliche Bedeutung messen Siedentop und Zimmer-Hegmann der öffentlichen Handlungsfähigkeit bei. In stärker wohlfahrtsstaatlich geprägten Staaten wie Deutschland und in Großstädten mit staatszentrierter Regulierung wie Singapur und Hongkong mit gut ausgebauten öffentlichen Gesundheits- und Kommunalverwaltungen funktioniere das Krisenmanagement besser als in den Großstädten unterentwickelter Staaten oder in neoliberalen Systemen mit ausgedünnten oder privatisierten Versorgungsstrukturen, wie die Beispiele New York und London zeigten.

Die Pandemie zum Anlass für eine Neuauflage der alten Debatte zwischen Befürwortern und Gegnern städtebaulicher Dichte zu nehmen, greift mithin deutlich zu kurz. Nicht nur, weil sie schon immer von der falschen Annahme ausgegangen ist, gesellschaftliche Probleme seien mit den Mitteln des Städtebaus zu lösen, sondern auch, weil sie die strukturellen Ursachen sozialer Ungleichheit, die im städtischen Raum ihren materiellen Niederschlag finden, für gewöhnlich ausblendet. Die seit der Finanzkrise 2007 zu beobachtende Verlagerung des nach Anlagemöglichkeiten suchenden Kapitals auf den Immobilienmarkt hat die sozialräumliche Polarisierung in den großen Städten weltweit befördert. Steigende Mieten und anhaltende Gentrifizierungsprozesse zwingen auch in Städten wie Berlin ärmere Bevölkerungsgruppen dazu, in kleineren Wohnungen dichter zusammenzurücken, wollen sie nicht 40 Prozent oder mehr ihres Monatseinkommens für die Miete hinblättern. Der Anstieg prekärer Arbeitsverhältnisse hat diesen Trend weiter verschärft, während die Politik weitgehend darauf verzichtete, ihre Spielräume bei der Gestaltung der Wohnungsmärkte zu nutzen.

Bedingt durch die Corona-Krise dürfte die sozialräumliche Segregation noch zunehmen. Denn die Einbrüche auf dem Arbeitsmarkt treffen Geringverdiener besonders hart, während gleichzeitig die Mieten weiter steigen. Gerade aber die absehbaren sozialen Unterschiede in der Betroffenheit durch das Virus und die Folgen seiner Bekämpfung müssten für die „Politik Ansporn sein, der Entwicklung von sozioökonomisch zutiefst gespaltenen und sozialräumlich segregierten Stadtgesellschaften wirkungsvoller entgegenzutreten“, so Siedentop und Zimmer-Hegmann.

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