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Diese Dortmunder befolgten die Regeln und waren froh angesichts eines Konzerts im Hof.
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Diese Dortmunder befolgten die Regeln und waren froh angesichts eines Konzerts im Hof.

Regeln & Pandemie

Corona-Pandemie: Raus aus der Krise. Aber wie?

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Unser Krisenbewusstsein trägt paradoxerweise dazu bei, dass wir in der Pandemie gefangen bleiben. Warum es jetzt darauf ankommt, neue Routinen zu entwickeln.

Wir müssen über die Straßenverkehrsordnung reden. Für Verkehrsteilnehmer, also fast alle, hält sie zahlreiche Sanktionen bereit. Wer zu schnell fährt, muss mit Geldbußen rechnen, bei der Überschreitung festgelegter Grenzen auch mit dem Entzug der Fahrerlaubnis. Falsch parken, in der zweiten Reihe stehen, bei Rot über die Ampel gehen – Sie wissen schon. Wir neigen in diesen Fällen nicht dazu, eine gravierende Einschränkung der bürgerlichen Freiheit zu beklagen. Verkehrsteilnehmer kennen die Regeln – und fahren fort, so oder so.

Simulation des Gelingens

Nicht jeder, der zu schnell fährt, wird entsprechend bestraft, es mangelt an Kontrollen. Das Regelwerk ist nicht auf Sanktionierung ausgelegt, sondern aufs Funktionieren. Es basiert auf der Befolgung durch viele, sanktioniert einige und hält all jene aus, die durch die Maschen schlüpfen. Man nennt es Alltag. Der Straßenverkehr fließt, gerade weil nicht ständig alle kontrolliert werden. Wer erwischt wird, bleibt trotzdem Verkehrsteilnehmerin und Verkehrsteilnehmer, und wer entwischt, darf sich nur für den Moment glücklich schätzen. Verkehr basiert auf der Ausblendung der Annahme, dass es zum Unfall oder Stillstand kommen kann. Es geht um die fortwährende Simulation eines Gelingens. Die Regeln bilden eine Grundlage, auf der die Routinen ablaufen können, durch die man von hier nach da gelangt.

Der Straßenverkehr ist eine gebräuchliche Metapher, um eine gesellschaftliche Realität zu beschreiben, die abläuft, ohne dass sie an jeder Weggabelung infrage gestellt wird. Sie ahnen, dass es im weiteren Verlauf dieses Textes um die Corona-Notlage geht. In dieser sind wir zuletzt von Kreuzung zu Kreuzung gestolpert, eine unübersichtlicher als die andere. Der Verkehrsfluss wurde dort weder durch Ampeln reguliert noch durch die Faustregel rechts vor links. In der Pandemie sind die Routinen abhandengekommen, gerade auch in der politischen Entscheidungsfindung.

Der seit bald zwei Jahren herrschende Ausnahmezustand greift in alle Lebensbereiche ein, aber er ist nicht allumfassend. Es wurden neue Verhaltensregeln generiert, wie lästig und widersprüchlich auch immer diese sind und waren. Die Wissenschaft hat in bislang ungeahnter Geschwindigkeit Erkenntnisse gesammelt und Impfstoffe bereitgestellt, und die Wirtschaft war trotz aller Einbußen in der Lage, die Produktions-, Konsum- und Dienstleistungshemmnisse zu kompensieren.

Trotz alledem scheinen wir uns in der gesellschaftlichen Kommunikation bevorzugt auf Störungen, Defizite und Kontrollversagen zu konzentrieren. Die Selbstdarstellung des Staates als Schutzmacht bürgerlicher Freiheit droht bis an die Grenze der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden. Ist es da übertrieben, von einer auffälligen Lust am Versagen zu reden?

Der Souverän, der eben erst seine Stimme abgegeben hat, sieht sich in Verkennung der eigenen Rolle als Opfer einer willkürlich agierenden Obrigkeit. Obwohl allenfalls von einem partiell verhängten Ausnahmezustand die Rede sein kann, sind wir in einer Atmosphäre vollständiger Lähmung gefangen – alle Auswege verrammelt. Politisches Handeln scheint dabei den Kredit jeglichen Steuerungsversprechens verspielt zu haben und sieht sich mit pauschalen Vorwürfen konfrontiert: zu wenig, zu spät, unpassend.

Aufseiten der Regierten äußert sich die gesellschaftliche Lähmung in Gestalt einer gesteigerten Bereitschaft, sich in die Opferrolle zu fügen. Wer bislang trotz günstiger medizinischer Voraussetzungen kein Impfangebot wahrgenommen hat, verschanzt sich hinter den Prinzipien der Freiheit seiner Entscheidung und gefällt sich in der Rolle des Stigmatisierten. Der Begriff Impfpflicht wird bereitwillig als Impfzwang aufgefasst, als ginge es nicht zuletzt darum, aus dem Zustand der Ausgrenzung eine besondere Genugtuung zu ziehen.

Der Münchner Soziologe Armin Nassehi hat die Dynamik, die aus solch einer Überproduktion des gesellschaftlichen Unbehagens entsteht, im Zeichen einer überforderten Gesellschaft beschrieben (Armin Nassehi: „Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft“, C. H. Beck). Während man sich in der Wissenschaft darauf verständigt hat, gesellschaftliche Differenzierung als Merkmal einer fortschreitenden Modernisierung zu goutieren, scheint in der Krise das Fehlen eines gesellschaftlichen Handelns aus einem Guss zuallererst als Defizit wahrgenommen zu werden. Man könne, konstatiert Nassehi, von einem gesellschaftstrukturellen Heimatverlust sprechen.

Basislager für den Aufbruch

Ganz in diesem Sinne hat denn auch der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid die Erweiterung des Heimatbegriffs vorgeschlagen, der sich nicht länger auf Herkunft und Vergangenheit bezieht, sondern eher als Basislager für den Aufbruch in die Zukunft aufgefasst werden sollte. Heimat, so lautet eine Kapitelüberschrift bei Schmid, „ist überall, wo Beziehung ist“ (Wilhelm Schmid: „Heimat finden“, Suhrkamp).

Beziehungen sind anfällig und bedürfen insbesondere auch der philosophisch hinreichend ausgearbeiteten Kategorien wie Anerkennung, Freiheit und Respekt. Das Paradox einer permanenten Bearbeitung von Krisenphänomenen besteht indes in der Aufhebung und Infragestellung von sozialen Gewohnheiten und Routinen, der es gerade zur Bewältigung von Notlagen unbedingt bedarf. Im dritten Jahr der Corona-Pandemie wird es angesichts des anhaltenden Verlusts der gesellschaftlichen Normalität darauf ankommen, neue Praktiken des sozialen Verkehrs auszubilden, die nicht allein das Stocken beklagen, sondern Bewegung generieren.

Die Beobachtung der politischen Bühne als große Versager-Show hat jedenfalls sehr begrenzten Unterhaltungswert.

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