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Albrecht Dürers Kupferstich „Melencolia I“ entstand etwa 1514.
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Albrecht Dürers Kupferstich „Melencolia I“ entstand etwa 1514.

Gesellschaft

Melencolia I von Dürer: Wie Kunst und Literatur gegen den Corona-Blues helfen können

  • VonBjörn Hayer
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Corona sorgt mitunter für trübe Gedanken und Melancholie – Literatur und Kunst zeigen aber, dass Schwermut bisweilen sogar heilsam sein kann.

Leergefegte, geisterhafte Innenstädte, geschlossene Restaurants und Theater. Was einst noch Leben war, ist nun Erinnerung. Über die Wintersadness hat sich eben ein noch viel grauerer Firn gelegt: jener Corona-Schleier - doch wie umgehen mit der Melancholie? Orientierung bieten Kunst und Literatur, also jene Sphären, die wir so schmerzlich vermissen, aber zumindest in Bildern und Texten greifbar wird. Was sagen sie uns über die Traurigkeit dieser Tage? Können wir ihr in hellen Momenten vielleicht sogar doch noch etwas abgewinnen? Sie nutzbar machen?

Corona: So können Kunst und Literatur helfen

Nicht zuletzt Albrecht Dürer gibt in seinem berühmten Kupferstich „Melencolia I“ (1514) gleich mehrere Hinweise. Zwar macht die engelsartige Figur mit dem spätgotischen Faltenkleid zunächst nicht den Eindruck, als könnte man ihrer Verstimmung Positives abgewinnen, allerdings deutet das Raumensemble alle Möglichkeiten an, die die Schwermut mit sich bringt. Da sind zunächst das rätselhafte Zahlenquadrat und der Zirkel, die für die symbolische Vermessung der Welt stehen. Mögen sich viele mit dem Status quo abgefunden haben, besitzen Melancholiker eine besondere Sensibilität für Fehlentwicklungen der Welt. Deshalb scheint die Dürer’sche Trauerfee die Einzige zu sein, die den Aufprall des im Hintergrund sichtbaren Meteoriten wahrnimmt. Und gerade weil den Schwermütigen das Unheil so klar vor Augen steht, verspüren sie mehr als ihre Mitmenschen die Sehnsucht zum Aufbruch. Damit sind Betrachter und Betrachterin des Werks bereits bei der Leiter angekommen. Sie eröffnet den potenziellen Weg in ein anderes Reich, ein befreiendes Aufsteigen in der Fantasie.

Die Melancholie diente Literaten wie Guoth und Nietzsche als Inspiration

Wer könnte jene Wendung wohl besser vollziehen als der Schriftsteller, dessen Lorbeerkranz als Anspielung auf den Dichtergott Apoll natürlich auf dem Haupt der Melancholiegöttin des Bildes nicht fehlen darf? Nachdem die Schwermut noch im Mittelalter als Sünde galt, da sie den Menschen vom rechten, gottgegebenen Weg abbringen würde, sehen die Autoren und Autorinnen der Neuzeit in ihr verstärkt eine produktive Kraft. Vielfach finden sich seither Gedichte „An die Melancholie“ wie jenes Johann Jakob Guoth von 1772: „Komm, Königin erhabner weiser Gedanken, / Du Schwester ernster Phantasie! / Du Wächterin des philosophischen Kranken, / (...) Und Freude soll nicht meine Saiten beleben. – / Mein Lied bist du, Melancholie!“ Indem die Schwermut heraufbeschworen wird, setzt sich Produktivität frei.

„Verarge mir es nicht, Melancholie, / Daß ich die Feder, dich zu preisen, spitze“, schreibt 1871 Friedrich Nietzsche in seinem Text „An die Melancholie“. Und was noch viele andere mit gleichnamigen Texten, von Nikolaus Lenau bis Hermann Hesse, so euphorisch besingen, ist vielen von uns bekannt: Dann, wenn wir traurig sind, schreiben, malen oder musizieren wir. Und dann kommen nicht selten die großen Einfälle, die kleinen, nächtlichen Gedankenblitze.

Melancholie wegen Corona: Kollektive Krisen waren schon häufig Thema der Literatur

Wer sich jedoch zu unkontrolliert der dunklen Seligkeit hingibt, droht den Halt zu verlieren. Während der Schwermütige auf dem Küstenfelsen den Horizont bestaunt, geht der Depressive nur einen Schritt zu weit und stürzt in den Abgrund – wo aller Gedankenreichtum nivelliert ist. Melancholie im Schatten von Corona ist eine gesellschaftliche wie individuelle Gratwanderung, der wir uns immer wieder neu aussetzen müssen. Kollektive Krisen haben immer auch zur Eintrübung der Traurigkeit in der Literatur geführt. In Georg Trakls Gedicht „Melancholie“ (1912) wird etwa die Untergangsstimmung eines ganzen Jahrhunderts vorweggenommen. In dem darin gezeichneten Garten sind „Sonnenblumen schwärzlich und verwittert“ und zeigen Statuen einzig noch „verfallne Lippen“ in der „Todes ernste(n) Düsternis“. Bei dem jüdischen Dichter Paul Celan, dessen Lyrik der Schrecken des Holocaust eingeschrieben ist, wird Melancholie zur ewig zermarternden Erfahrung: „Mit ausgebeulten Gedanken / fuhrwerkt der Schmerz. // Die koppheistergegangene Trauer // Die Schwermut, aufs neue geduldet, / pendelt sich ein.“ („Unverwahrt“, 1968)

Corona könnte helfen, uns mehr mit uns selbst auseinanderzusetzen

Schwermut fungiert immer auch als Zeitdiagnose, als Messinstrument für die gefühlte Temperatur einer Epoche. Manche Großwetterlagen halten uns zum Rückzug an, zum eremitischen Einigeln. Wie etwa die Pandemie, die uns zum Abstandhalten zwingt. Damit einher geht die Auseinandersetzung mit uns selbst. Gelingt es uns, an manchen Tagen, dem Zuhausesein und der allgemeinen Einschränkung etwas abzugewinnen, so kann die Melancholie geradezu als Schutzfilm dienen.

Ähnliches hält Wilhelm Schmid in „Unglücklichsein. Eine Ermutigung“ 2012 fest: „Wo die Beanspruchung ins Unermessliche wächst, wird die Verweigerung zur verführerischen Alternative. Mit Sorge um ihre Innerlichkeit formen Menschen sich gleichsam eine Falte, in der sie inmitten einer Zeit, die sich zu überschlagen beginnt, wahrhaft in sich gekehrt leben können.“ Die Melancholie kann uns abschirmen und uns gegenüber äußeren Verfehlungen und Bedrängnissen immun machen. Sie birgt die Verheißung, dass man bei sich ist und die Ruhe eine meditative Qualität annimmt. Wohl nicht zuletzt aus diesem Grund schrieben ihr Intellektuelle unterschiedlichster Zeiten heilsame Qualitäten zu. So attestierte ihr 1978 der Literaturwissenschaftler Ludwig Völker in seinem Buch „Muse Melancholie“ eine therapeutische Funktion, wenn sie etwa in künstlerisches Tun überführt werde.

Melancholie kann gerade in den Zeiten von Corona eine therapeutische Wirkung haben

Vor diesem Hintergrund lässt sich die traurige Verstimmung als ein Mittel zur Krisenbewältigung denken und erfahren. Sie macht den Mangel in der Gegenwart sichtbar und vermag uns gleichsam, Möglichkeiten des Rückzugs aufzuzeigen und in Anspruch zu nehmen: in unsere Gefühlswelten genauso wie in musische Aktivität. Was sie darüber hinaus eröffnet, ist ein utopisches Bewusstsein. Nur wer das Schlechte in der Welt sieht, weiß um die Potenziale ihrer Verbesserung. Der Melancholiker muss nicht in seinen Gedanken verharren, er ist dazu prädestiniert, sich Vollkommenheit, Schönheit und Wahrheit auszumalen. In den Ruinen sieht er den Glanz der Schlösser und Tempel.

Dürers Melencolia I: Worauf weist das Bild hin?

Selbst diese Ambivalenz zwischen Untergang und Aufgang scheint bereits bei Dürer angelegt. So muss das Gestirn im Hintergrund des Bildes nicht allein als der alles zerstörende Meteorit gesehen werden, er könnte ebenso auf eine neue Sonne, das lang ersehnte Licht, hinweisen. Überhaupt ließe sich fragen: Worauf richtet sich der eigenartige Blick der Titelfigur? Gewiss auf ein Außerhalb, auf eine Ferne, die buchstäblich den Rahmen des Kupferstichs sprengt. Ein Dürer wusste ganz offensichtlich: die Melancholie ist nicht das Ende, sie ist der eigentliche Anfang.

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