Violinistin Alexandra Conunova beim Balkonkonzert in Lausanne.
+
Violinistin Alexandra Conunova beim Balkonkonzert in Lausanne.

Interview

Oskar Negt zur Corona-Krise: „Es entsteht auch eine neue Freiheit“

  • vonDaniel Behrendt
    schließen

Trotz aller Abstandsregeln beobachtet der Sozialphilosoph Oskar Negt in Corona-Zeiten ein Zusammenrücken in der Gesellschaft. 

  • Sozialphilosoph Oskar Negt studierte bei Adorno.
  • Er sieht in den Kontaktbeschränkungen neue Formen von Öffentlichkeit.
  • Die Corona-Krise kann als soziologisches Experiment begriffen werden.

Oskar Negt, 1934 auf einem Gut in der Nähe von Königsberg einer Kleinbauern- und Arbeiterfamilie geboren, kam als Flüchtlingskind über Dänemark nach Deutschland. Er studierte in Frankfurt bei Max Horkheimer, promovierte bei Theodor W. Adorno in Philosophie und war Assistent von Jürgen Habermas. Während der Studentenbewegung von 1968 trat er als einer der Wortführer der Außerparlamentarischen Opposition auf. Von 1970 bis 2002 hatte Negt eine Professor für Soziologie in Hannover. 

Herr Negt, was erleben wir gerade: eine vorübergehende Krise oder eine Zeitenwende?

Mir scheint, dass sich schon vorher bestehende gesellschaftliche Erosionsprozesse verschärft haben, also das Brüchigwerden etablierter Bindungen und Wertemuster. In dem Maß, in dem alte Gewissheiten und Orientierungen poröser werden, entsteht, zunächst noch tastend, ein neues Bewusstsein. Ich habe das Gefühl, dass der gegenwärtige Stillstand von Produktion und öffentlichem Leben, die Verlangsamung unseres Alltags, dazu führt, dass sich immer mehr Menschen die Frage stellen, in welchen Zusammenhängen sie eigentlich leben, in welchen Verbindungen und Abhängigkeiten sie stehen. Viele begreifen gerade womöglich zum ersten Mal wirklich, was Gesellschaft, was unsere Demokratie für sie bedeutet. Nicht nur als politische Konstruktion oder als institutionelles Geflecht, sondern als etwas mit den eigenen Lebenszusammenhängen unmittelbar Verknüpftes.

Corona befeuert Proteststimmung

Was heißt das konkret?

In Zeiten von Kontaktbeschränkungen entstehen neue Formen von Öffentlichkeit und Wegen, miteinander in Bezug zu treten. Es fing in Italien auf den Balkonen an. Menschen überwanden die politisch auferlegte Grenze zum Nachbarn durch gemeinsames Singen. In meiner Nachbarschaft in Hannover spielt ein Klavierprofessor jeden Nachmittag um 17 Uhr Jazz-Improvisationen von seinem Balkon vor wachsender Zuhörerschaft. Das sind – neben vielfältigen Formen der Nachbarschaftshilfe – nur zwei Beispiele, auf welch spontane, mitunter unkonventionelle Weise Menschen derzeit Beziehungen zueinander herstellen. Inmitten aller Beschränkungen entsteht eine neue Freiheit, die uns die Möglichkeit eröffnet, aus dem Erprobten, Konventionellen auszuscheren. Und das hat viel mit Mündigkeit, mit gelebter Demokratie zu tun.

Zugleich wächst die Gruppe der Unzufriedenen, der Ängstlichen, derer, die sich entmündigt fühlen und hinter der Corona-Krise eine große Verschwörung wittern. Entsteht auf den sogenannten Hygiene-Demos eine neue gesellschaftliche Bewegung?

Was jetzt in einer Art Sammlungsbewegung in vielen Städten auf Plätzen und Straßen zusammenkommt, mag zunächst wie eine neue gesellschaftliche Strömung wirken, weil sie scheinbar divergierende Akteure scheinbar zusammenbindet: Rechtsextreme, Ultralinke, Esoteriker, Verschwörungstheoretiker, aber auch Menschen, die schlichtweg die wirtschaftliche Sorge umtreibt. Diese „Bewegung“ hat jedoch kein erkennbares Programm. Enteignungs- und Abstiegsängste sowie ein Verlust von Orientierung scheinen weitaus stärkere treibende Kräfte zu sein als eine Entrüstung über vermeintlichen Demokratieabbau. Das Leitmotiv sind also altbekannte Befürchtungen, die auch schon vor Corona, etwa im Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise, Proteststimmung befeuert haben.

Also gefährden derzeitige Einschränkungen unsere Demokratie nicht?

Oskar Negt

Seine Bücher, darunter eine zwanzigbändige Werkausgabe, erscheinen bei Steidl. 2019 kam hier auch der Band „Erfahrungsspuren. Eine autobiographische Denkreise“ heraus, 384 Seiten, 28 Euro.

Das ist zu hoffen, denn die Entscheidungen, die hinter diesen Einschränkungen stehen, laufen transparent ab. Sie sind nachvollziehbar, gewissenhaft abgewogen und verhältnismäßig. Ich glaube ohnehin, wir betrachten die gegenwärtige Situation zu sehr unter den Vorzeichen des Ausnahmezustands, der Corona-Pandemie. Aus der Sicht eines Soziologen ist das, was gerade abläuft, hingegen nicht nur Krisenmanagement, sondern ein großes soziologisches Experiment, hinter dem die Frage steht: Was macht das Stillhalten, das Anhalten der Zeit, die Erfahrung, nicht immer vorwärts zu streben, sondern im Gegenteil sogar Rückbildung zu akzeptieren – was macht all das mit unserer Gesellschaft? Aus dieser Perspektive scheinen mir „Hygiene-Demos“ und der Unmut einer Minderheit weit weniger interessant als der leise, vielleicht auch fragile Bewusstseinswandel, der sich gerade in der breiten Gesellschaft vollzieht. Die Menschen entdecken, wie sehr Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt von ihrem eigenen Handeln abhängen, wie viel in ihrer eigenen Verantwortung, aber auch ihrer eigenen Handlungsmacht liegt. In diesem allmählich aufkeimenden Bewusstsein liegt die große Chance, „demokratische Antikörper“ gegen antidemokratische Tendenzen und Denkweisen zu entwickeln, wie der Frankfurter Politikwissenschaftler Reiner Forst kürzlich zutreffend feststellte.

Die Corona-Krise lehrt Zusammenhalt

Wird dieses Bewusstsein die Krise überdauern?

Zumindest wird etwas hängenbleiben, da bin ich mir sicher. Weil die Menschen in dieser außergewöhnlichen Situation, für die es ja keine Blaupause gibt, stärker denn je aus eigener, authentischer Erfahrung lernen. Und dieser Erfahrungsbezug ist der stärkste Motor für nachhaltige Veränderung.

Welche Hoffnung weckt das in Ihnen?

Dass wir Alternativen zur bestehenden Ordnung erkennen und ergreifen lernen. Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die nicht förderlich ist für Solidarität, sondern auf der Schädigung und Ausgrenzung des Nächsten gründet. Es ist eine in ihren Grundzügen räuberische Gesellschaft. Die Corona-Krise, die eine Herausforderung, gewissermaßen eine Lernprovokation ist, lehrt uns Zusammenhalt. Wir entdecken zugleich, was wir dem Gemeinwesen, was wir unseren Mitmenschen geben können. Wir begreifen, dass Teilen eine weit bessere Krisenbewältigungsstrategie ist als Raffen, als etwa die Akkumulation von Klopapierrollen. Natürlich ist der Ausgang dieser Krise längst noch nicht absehbar. Aber ich habe Hoffnung, dass dieser Zusammenhalt bleibt. Getrübt wird meine Zuversicht allerdings von einer großen Sorge: Dass eine Gewöhnung an den Zustand der Einschränkung wesentlicher Grundrechte stattfindet – und damit dem möglichen Missbrauch berechtigter Ängste durch antidemokratische Kräfte Tür und Tor geöffnet wird.

Die Corona-Krise ist auch eine Chance

Sie haben die gesellschaftliche Entwicklung fast seit Bestehen der Bundesrepublik kritisch betrachtet. Wie fügt sich die Corona-Krise in dieses Panorama ein?

Es ist eine Situation, in der natürlich viele Fragen, mit denen ich mich seit Jahrzehnten beschäftige – etwa nach gesellschaftlichen Erosionsprozessen – besonders deutlich hervortreten. Zugleich kann ich aber nur darüber staunen, welche gewaltigen Verwerfungen, welche bedrohlichen Potenziale, aber auch riesigen Chancen ein so kleiner Krümel wie das Coronavirus hervorruft. Dieser Moment ist extrem, mit kaum etwas zu vergleichen – selbst durch die Brille eines 85-Jährigen.

Interview: Daniel Behrendt

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare