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Die Zeit vertreiben, wenn man nicht vor die Tür gehen kann oder will? Da gibt es einige Möglichkeiten.

Corona-Krise

Zur Muße gezwungen: So macht man das Beste aus einer Quarantäne

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  • Frank Junghänel
  • Ulrich Seidler
  • Susanne Lenz

In Corona-Quarantäne verfügt man über den seltenen Luxus, sich ungestört mit schönen Dingen zu beschäftigen. Vier Tipps.

Um Infektionen zu vermeiden und die Ausbreitung von Krankheitserregern einzudämmen, ist Isolation nicht zu vermeiden. Doch die Zeit kann bereichernd genutzt werden. Wir hätte da vier Vorschläge.

Musikhören: Tickend verrinnt die Zeit

Alle sagen, es gehe jetzt darum, die Zeit zu dehnen. Also deren Verlauf irgendwie zu verlangsamen. In der Fußballreportersprache nennt man diesen Vorgang, Zeit von der Uhr nehmen. Im Grunde ist damit gemeint, sich so lange in der sicheren Zone zu bewegen, bis einer abpfeift und das Leben wieder im regulären Tempo laufen kann – oder muss. Für eine solche Art von Zeitspiel bietet das heimische Plattenregal, sofern noch in Holzbauweise vorhanden und nicht schnöde digitalisiert, eine wunderbare Anregung.

Wem es nicht gelingen sollte, seine Pulsfrequenz yogamäßig auf 33 Schläge pro Minute abzusenken, kann seinen Organismus mit dem Auflegen einer Schallplatte in diese Richtung stimulieren. Das schwarze Vinyl ist sozusagen gepresste Zeit. Mit 33 Umdrehungen pro Minute dreht sie sich auf dem Teller und wenn man nicht nur der Musik lauscht, sondern der Platte schön beim Drehen zuschaut, kommt man schon mal ein bisschen runter.

Wenn man auch inhaltlich beim Thema bleiben mag, ist die Auswahl riesig. Neben der Liebe, Love, ist die Zeit, Time, und deren Verrinnen der am meisten bearbeitete Topos in der Popmusik. „As Time Goes By“, „Time Is On My Side“, „Time After Time“, „Wasted Time“, „Time Waits For No One“, „The Times They Are A-Changin’“ und – natürlich – „Time“ von Pink Floyd mit der ultimativen Zeile: „Ticking away the moments that make up a dull day. Fritter and waste the hours in an offhand way.“ Tickend zerrinnt die Zeit eines langweiligen Tages. Gedankenlos verplemperst du die Stunden – grob gesagt.

Bei weitem nicht so bekannt, aber viel poetischer ist der „Time Song“ von den Kinks. 1973 eingespielt, aber damals nicht veröffentlicht, ist die Aufnahme vor zwei Jahren endlich erschienen. Das Stück ist kurz, nur 2:13 Minuten, und mit Klavier und Akustikgitarre dezent orchestriert.

Ray Davies singt alles, was es zu den Dimensionen der Zeit zu sagen gibt. „Time is ahead of us/ Above and below us/ Standing beside us/ And looking down on us.“ Das soll mal unübersetzt bleiben. Wer es genau wissen will, möge im Wörterbuch nachschlagen. Zeit dazu ist ja.

Einen Nachteil hat das Vinyl, man muss alle zwanzig Minuten vom Sofa hoch, um die Platte umzudrehen.
Frank Junghänel

Bewegung: Von Chinesen lernen

In vieler Hinsicht ist der Coronaausbruch ein riesiges gesellschaftliches Experiment. Was passiert, wenn ein ganzes Land in den Winterschlaf geht, wenn in der häuslichen Quarantäne oder gar schon im Homeoffice Lagerkoller droht? Es kommt zur psychischen Belastung durch die Ungewissheit noch ein Problem hinzu: Selbst wenn man eine sitzende Tätigkeit ausübt, bewegt man sich unter normalen Umständen trotzdem ganz schön viel, erst recht als Kind. Die ganzen Wochen Mensch-ärgere-dich-nicht oder Mikado zu spielen, ist keine Option, wenn die Schulaufgaben gemacht sind, die die Lehrer den Kindern mitzugeben versprochen haben. China hat Europa die Erfahrung voraus. Ein Blick dorthin verspricht Lösungen.

Während der Quarantänezeit boomte dort die Aktivität in den sozialen Medien. Die Menschen stellten Videos ins Netz, die zeigen, dass dies die Zeit ist, Fitness-Apps herunterzuladen, aber vor allem, um kreativ zu werden und die Vorstellungskraft zu mobilisieren. Warum still vorm Herd stehen, während man mit zwei Kochlöffeln in der Hand bei der Essenszubereitung auch tanzen kann. Jonglieren lernen, lässt sich auch mit Suppenkellen, ein Plastikhocker und ein Flokati genügen, um zwei Mitbewohner in einen tanzenden Löwen zu verwandeln, wie man in von den Feierlichkeiten zum chinesischen Neuen Jahr kennt. So kommt man im Wohnzimmer ins Schwitzen, und die bösen Geister werden auch vertrieben. 

Andere haben ihren Esstisch mit einer Reihe Bücher als Netzersatz in eine Tischtennisplatte verwandelt, verfügt man über ein Spielzeuggewehr, kann aus der Wohnung einen Abenteuerparcours machen, mit der Knarre im Anschlag Türen auftreten, vorher aufgebaute Objekte abballern, und seien es bunte Plastikkegel. Größere Haushalte stellen ganze Peking-Opern nach. Und dabei leben die Chinesen nicht in großzügigen Berliner Altbauwohnungen. So vergeht nicht nur die Zeit, und man entwickelt keine Verhaltensauffälligkeiten, man bewegt sich auch und amüsiert sich, seine Mitbewohner und Social-Media-Nutzer. Gute Laune zu haben, ist nicht nur erfreulich, sie aktiviert auch die Killerzellen der Immunabwehr. Susanne Lenz

Serienschauen: Wellness im Wurmloch

Spät aus der Kneipe, aus dem Theater oder auch aus dem Kino nach Hause kommen, wie noch vor wenigen Tagen – und dann im Bett noch mal den Computer aufklappen, um „nur noch eine Folge“ zu schauen ... Manchmal werden es auch zwei. Serien funktionieren anders als Filme. Sie machen thematisch und ästhetisch kein neues Fass auf, dem man sich nach einem langen Tag nicht mehr gewachsen fühlen könnte. Sondern sie schleichen sich heran und schmiegen sich an, man kann es mit ihnen langsam angehen lassen, alsbald gehören sie zum Leben und transportieren einen sanft in andere Gefilde.

Willkommen in der Welt der Wurmloch-Wellness.

Na ja, es gibt natürlich auch schlechte Serien. Aber da guckt man dann einfach nicht länger zu, sondern folgt der nächsten, die vorbeischlendert, verführerische Angebote gibt es genug. Und da man jetzt – wegen des C-Falles! – etwas mehr Zeit zu Hause verbringen und das Folgenschauen schon zeitiger am Tag beginnen kann, gibt das Gelegenheit, aufzuholen.

Ich persönlich bin jüngst in der dritten Staffel von „The Crown“ steckengeblieben, weil ich mich zu stark mit den derzeit allwöchentlich eintröpfelnden Folgen der fünften Staffel von „Outlander“ identifiziert habe und nicht gleichzeitig den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg im 18. Jahrhundert verfolgen und Sympathie für die britische Krone im 20. Jahrhundert empfinden kann. Das lässt sich ab jetzt besser entzerren. Auch eine fünfte Staffel von „Better Call Saul“ ist in der Welt, ab 17. März gibt es schon die fünfte Folge bei Netflix, und die schauspielerische Dialektik von Bod Odenkirk in dieser ausführlichen Vorgeschichte von „Breaking Bad“ ist doch immer wieder lohnend.

Und dann existiert ja noch das gute, alte DVD-Format. Allen, die an Schauspiel interessiert sind und leiden, weil sie gerade nicht ins Theater können, lege ich für alle Zeiten die erste Folge der fünften Staffel der Wiederaufnahme von „Doctor Who“ ans Herz. Matt Smith als 11. Doctor in seinem finalen Marsch aufs Krankenhausdach, wo er den Außerirdischen rhetorisch die Harke zeigt und nebenbei eine Fliege auswählt und bindet – das strahlt und hat Schwung und Größe, man sollte eigentlich jeden Tag damit beginnen. Petra Kohse

Decamerone: Im Garten der Liebe, fern dem Tod

Wer von den Lesern bedauernswerterweise kein Landhaus in den toskanischen Hügeln rund um Florenz sein eigen nennt, mit einem schattigen Garten hinter dichten Hecken, wer vielleicht zufällig auch nicht gehobenen Standes und exquisiter Bildung ist, wer sich womöglich nicht mehr zu den Jüngsten zählen kann, ohne verspottet zu werden, wessen Libido und Sehnsucht nach dem Mittelmeer gleichwohl nicht erloschen sind, wer auch keine aristokratischen Freunde, vor allem Freundinnen hat, die vom Schmelz der Jugend umflossen sind, zu leben und zu scherzen wissen, und wen bei allen genannten Entbehrungen eine Epidemie in die Quarantäne zwingt, während er sich in irgendwelchen nordosteuropäischen Sumpfgegenden, zum Beispiel in einer Stadt wie Berlin aufhält, der kann all dies dennoch haben, indem er Giovanni Boccaccios Novellenzyklus „Decamerone“ zur Hand nimmt.

Die Rahmenhandlung versetzt ihn in den Frühling 1348 nach Florenz, wo der Schwarze Tod wütet, die Pest, was Boccaccio detailliert beschreibt und in unseren Tagen die modern abgespaltene Gefahrenlage und das verdrängte Verderben wieder greifbar macht. „Dieser fürchterliche Anfang soll euch nicht anders sein, wie den Wanderern ein steiler und rauher Berg, in dessen Nähe eine schöne anmuthige Ebene liegt, die ihnen um so wohlgefälliger scheint, je größer die Anstrengung des Hinaufsteigens war. Und wie der Schmerz sich an das Übermaß der Lust anreiht, so wird auch das Elend von der hinzutretenden Freude beschlossen.“ Der Weg führt aus dem mörderischen Verderben: von der florentiner Kirche Santa Maria Novella hinauf in die Hügel von Fiesole.

Sieben Frauen und drei Männer, allesamt edelgeboren und locker befreundet, finden dort, in der Gartenkühle, zwischen duftenden Pinien und Rosmarinbüschen, ihr kulturelles Refugium. Zehn Tage lang erzählen sie einander reihum einhundert knisternde Anekdoten von obszönen Skandalen, erotischen Räuschen oder auch letalem Liebeskummer. Sie lassen sich in der Abgeschiedenheit, fern von elterlicher Kontrolle fröhlich und schambefeuert bekichern oder eben stilvoll schmachtend betrauern. Man muss nur das Buch aufschlagen, um sich zu ihnen zu gesellen. 

von Ulrich Seidler

Derweil plant das Mainzer Biotechnologie-Unternehmen „BioNtech“ in Kooperation mit dem Unternehmen „Fosun Pharma“ aus Shanghai die Entwicklung eines Impfstoffes gegen die durch das Virus Sars-CoV-2 ausgelöste Krankheit Covid-19.

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