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Spanien, Cala Millor: „Todo íra bien“, (Alles wird gut).dpa
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Spanien, Cala Millor: „Todo íra bien“, (Alles wird gut).dpa

Gesellschaft

Corona-Deutsch: „Wir können den Wortschatzwandel wie in einem Gewächshaus betrachten“

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
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Geisterküche, Kuschelkontakt, Virussturm: Die Corona-Krise hat uns viel neue Wörter beschert. Aus ihnen könne man den Verlauf der Pandemie herauslesen, sagt die Sprachforscherin Maike Park

Frau Park, leben wir in guten Zeiten für Sprachforscherinnen?

Das kann man so sagen. Wenn man mit der Arbeit hinterherkommt, dann gibt es zur Zeit viel, an dem man sich abarbeiten kann. Das kommt natürlich immer darauf an, was man beobachtet. Unser Projekt „Neuer Wortschatz“ beim Leibniz-Institut für Deutsche Sprache untersucht neue Sprache, lexikalische Innovationen, Entlehnungen aus anderen Sprachen, die in der Allgemeinsprache aufkommen und sich verbreiten. Normalerweise untersuchen wir den Wortschatz von den 90ern bis in die 2020er Jahre. Vor einem Jahr haben wir dann begonnen, uns mit dem Corona-Wortschatz zu beschäftigen und unsere Arbeit online zu dokumentieren.

Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie gemerkt haben: Oh, es entwickelt sich nicht nur eine gesundheitliche Krise, da passiert auch etwas mit der Sprache.

Es war eher eine Entwicklung: Plötzlich kamen immer mehr Wörter auf, die nicht nur aus dem fach- oder sachsprachlichen Bereich stammten, wie wir das zum Beispiel von anderen Viren kannten, sondern zunehmend auch emotional gefärbte Bezeichnungen. In den Zeitungen und sozialen Medien war quasi täglich Neues zu beobachten. Wir haben dann entschieden, dass wir uns einklinken und mitmachen.

Seit März 2020 haben Sie fast 1230 neue und umgedeutete Wörter gesammelt. Was hat die Pandemie mit unserer Sprache gemacht?

Die Pandemie hat zu sehr vielen neuen Bezeichnungen beigetragen, die eventuell auch auf Dauer in der Allgemeinsprache bleiben werden. Es gibt auch viele kreative Wortschöpfungen und Entlehnungen, die sich nicht nur auf Gesetze und die Pandemie beziehen oder so offen sind, dass sie in der Allgemeinsprache verbleiben könnten. Zum Beispiel blaue Reise oder Autogottesdienst. Außerdem finden wir viele Wörter und Wortverbindungen, die es in Fach- oder Gruppensprachen bereits gab, jetzt aber in der Allgemeinsprache angekommen sind. Digitales Schulzeitalter, digitales Lernen, Distanzlernen – das sind alles Begriffe, die nicht neu sind, aber sich aufgrund der Pandemie stark verbreitet haben.

Begriffe, die schon länger existieren, haben plötzlich Konjunktur.

Genau, ein gutes Beispiel ist auch das Geisterspiel. Das stammt aus den 90er-Jahren. Andere Begriffe wie Geisterrestaurants oder Geisterküchen kursieren schon seit zwei, drei Jahren – also Küchen, die nur für Lieferdienste arbeiten – waren aber bis zur Pandemie kaum bekannt.

Was können Sie aus den neuen Wörtern herauslesen?

Wir können den Verlauf der Pandemie nachzeichnen: Was umgesetzt wurde, was gerade gilt und wie die Gesellschaft die Maßnahmen wahrnimmt. Der Wortschatz ist im Bereich Gesetze, Regelungen und Empfehlungen stark gewachsen. Dann ging es oft um Lockdowns, den ersten, den zweiten, Lockdown light, es ging um Öffnungen, Lockerungen. Mit neuen Trends oder Vorgaben haben sich auch die neuen Wörter in Wellen ausgebreitet. Wir konnten beobachten, dass viel über technologische Innovationen diskutiert wurde, etwa über die Corona-Apps. Ein anderer großer Bereich ist der Wandel ins Digitale. Nicht nur an Schulen und Universitäten, sondern auf alle gesellschaftlichen Bereich ausgedehnt: Von digitalen Bühnen bis zu digitalen Fans, die bei Geisterspielen auf den Tribünen sitzen. Aktuell geht es viel um das Thema Impfen.

Mit Begriffen wie Impfdiktatur.

Zuletzt haben wir auch Impfstoffmafia oder Impftourismus in die Liste „Neuer Wortschatz rund um die Corona-Pandemie“ aufgenommen. Auffällig ist schon, dass es sehr viele wertende Begriffe gibt. Oft stammen sie aus der Politik, etwa der Begriff Öffnungsrausch, den der bayrische Ministerpräsident Markus Söder geprägt hat. Andere wertende Begriffe sind Selbst- oder Fremdbezeichnungen einzelner Gruppen, zum Beispiel Impfkritiker. Da merkt man, dass sich gesellschaftliche und politische Diskussionen im Wortschatz wiederfinden.

Gab es Vergleichbares in der Vergangenheit?

In dieser Geschwindigkeit nicht. Das liegt auch am Internet: Wir sind besser vernetzt, Begriffe aus anderen Sprachen erreichen uns viel schneller. Ähnliche historische Ereignisse gab es aber durchaus. Auch die Wende oder die Verbreitung des Internets hatten einen einschneidenden Einfluss auf den deutschen Wortschatz. Ein Großteil der damals aufgekommenen Begriffe benutzen wir bis heute: surfen, browsen, der Soli. Andere Begriffe sind dagegen wieder verschwunden, zum Beispiel der sogenannte Leihbeamte.

Also braucht es gewisse Bedingungen, dass neue Wörter in unserem Wortschatz bleiben.

Zur Person

Maike Park, 31, ist Sprachforscherin am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim und Mitglied des Projektes „Neuer Wortschatz“. Seit 1996 erfasst und dokumentiert es neue Wörter und Wortbedeutungen im Deutschen.

Genau, vor allem müsste die Referenz weiter gegeben sein. Der Leihbeamte zum Beispiel ist ein Begriff aus der Zeit nach der Wiedervereinigung: Verwaltungen in den Bundesländern rekrutierten Verwaltungsbeamte aus dem Westen. Inzwischen existiert diese Praxis nicht mehr und auch der Begriff ist in Vergessenheit geraten.

Waren Sie überrascht von der Geschwindigkeit, in der der Corona-Wortschatz gewachsen ist?

Überhaupt nicht. Überrascht waren wir von der Menge der Begriffe. Und wir haben uns natürlich gefreut: Man hat selten die Gelegenheit, den Wortschatzwandel wie in einem Gewächshaus zu betrachten.

Ist die Deutsche Sprache viel offener für Veränderungen als viele annehmen?

Das wünscht man sich natürlich, aber leider ist es nicht so, zumindest nicht im internationalen Vergleich. Wir finden auch in anderen Sprachen einen großen Reichtum an neuen Corona-Begriffen. Es fällt aber auf, dass sich die verschiedenen europäischen Sprachen sehr stark gegenseitig prägen. So etwas wie Knuffelkontakt oder Kuschelkontakt stammt ursprünglich aus dem Niederländischen, auch aus dem schweizerdeutschen und österreichischdeutschen Raum kommen viele Bezeichnungen.

Wie finden Sie neue Wörter?

Während die Wörter neu aufkommen, kann man sie natürlich nur finden, indem man die Presselandschaft beobachtet – also Tageszeitungen, Radio- und TV-Sendungen. Aber auch soziale Medien spielen eine große Rolle, insbesondere wenn es um Wortneuschöpfungen geht, die aus dem privaten Lebensbereich kommen. Wir bekommen aber auch viele Vorschläge direkt von Nutzerinnen und Nutzern unseres Neologismenwörterbuchs zugeschickt.

Welche Wörter schaffen es in Ihre Liste?

Letztlich erfassen wir Wörter, die nicht semantisch durchsichtig sind. Das heißt: Ihre Bedeutung kann man nicht aus der Einzelbedeutung ihrer Bestandteile herleiten. Zum Beispiel Coronavirussturm – also die extrem schnelle Verbreitung des Virus. Diese Bedeutung ist nicht aus den Bestandteilen herleitbar. Man müsste die den Kontext der Pandemie und die metaphorische Bedeutung von Sturm kennen.

Können Sie prognostizieren, welche Wörter in der nächsten Zeit eine größere Rolle spielen werden?

Das ist schwierig. Wir beobachten natürlich viele Wörter, bevor wir sie auf unsere Liste aufnehmen. Welches sich dann verbreitet, kommt immer darauf an, was gerade in der Gesellschaft passiert und diskutiert wird. Grundsätzlich verbreiten sich Substantive schneller als Verben und Adjektive, neue Wörter aus dem Deutschen schneller als Lehnwörter aus anderen Sprachen.

Schauen wir in die Zukunft: Wir sind geimpft, das Schlimmste liegt hinter uns – was passiert mit dem Corona-Wortschatz? Werden die Begriffe weiterleben oder schnell vergessen?

Der Großteil der Wörter wird nicht in der Allgemeinsprache weiterleben. Das bedeutet aber nicht, dass sie aussterben. Viele Wörter stammen ja aus den Fach- oder Gruppensprachen – dort bleiben sie nach der Pandemie. Also im Alltag werden wir nicht mehr von den Virusvarianten sprechen, die Medizinerinnen und Mediziner hingegen schon. Das gleiche gilt für die Gesetze und Normen: Sobald eine Maßnahme nicht mehr verordnet wird, verschwindet auch die Bezeichnung dafür. Benennungsbedarf haben wir nur für Dinge, die uns tatsächlich betreffen. Ich schätze, 70 bis 80 Prozent der Corona-Begriffe werden aus der Allgemeinsprache verschwinden. Sobald wir nicht mehr im Lockdown leben, müssen wir nicht mehr über den Lockdown sprechen.

Interview: Steffen Herrmann

Maike Park.

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