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Achille Mbembe.

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Antisemitismus oder Zensur? Debatte um Achille Mbembe

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Die Antisemitismus-Debatte um Achille Mbembe wird beherrscht von Lagerdenken und Fraktionszwang. Eine Einordnung von Claus Leggewie. 

  • Der kamerunische Historiker und Philosoph Achille Mbembe hat mit Äußerungen zum Holocaust eine große Debatte entfacht
  • Während ihm Kritiker Antisemitismus und Untersützung der BDS-Bewegung vorwerfen, sprechen Mbembes Verteidiger von Zensur
  • Politikwissenschaftler Claus Leggewie spricht sich für mehr Sachlichkeit und Moderation in der Debatte aus

Die „Mbembe-Debatte“ benötigt dringend Moderation im doppelten Sinne – Mäßigung in dem Sinne, dass eine Hermeneutik des Verdachts abgestellt wird, die beim Streitgegner nach anrüchigen Zitaten und unterstellten Absichten sucht, um ihn letztlich moralisch unmöglich zu machen; Moderation obendrein im Sinne einer neutralen Gesprächsführung, die letztlich erst eine „Debatte“, einen ernsthaften Austausch von Argumenten darüber ermöglicht, worum es im Fall Mbembe geht oder noch gehen könnte: das Verhältnis der Shoah zu anderen Großverbrechen wie der Sklaverei, des Kolonialismus, der mit Annexionen arabischen Landes verbundenen Staatsgründung Israels in Palästina, der südafrikanischen Apartheid, des armenischen Genozids, der Holodomor in der Ukraine in der sowjetischen Zeit, des Neokolonialismus und Rassismus von heute – es gibt weitere Beispiele.

Damit betreten die Kontrahenten ein unendlich weites Feld, wo ungeheuerliches, schwer vor dem Richterstuhl der Geschichte objektivierbares Unrecht verübt und Leid erfahren wurde, in dem es so viel unabgegoltene Verbrechen gibt, die nach Anerkennung und Kompensation rufen. Auch in einem solchen Feld muss man Meinungen und Vergleiche, die womöglich unangebracht, überzogen und in diesem Sinne „unmöglich“ sind, zunächst einmal zur Sprache bringen dürfen, damit sie auch widerlegt werden können. Und dazu ist erforderlich, sich von oberflächlichen Privattheorien freizuhalten, die sich oft einer Selbst- oder Fremdzurechnung zu einer tatsächlichen oder vermeintlichen Gruppe oder einem Kollektiv verdanken.

Zwischen Antisemitismusvorwürfen und BDS-Aktivisten: Claus Leggewie zur Debatte um Achille Mbembe

Nicht anders als bei einer Pandemie muss man dabei auf Menschen vertrauen, Experten also, Historikerinnen, die die genannten Fälle in all ihrer üblichen Differenziertheit und Widersprüchlichkeit studiert haben. Dabei irritiert, wenn den Startschuss eine Art Regierungsbehörde gegeben hat und ein Antisemitismusbeauftragter sozusagen ein Prüfsiegel abgibt, auch wenn die Monita inhaltlich berechtigt waren, wie nüchterne Bestandsaufnahmen der Aussagen und Schriften Mbembes belegt haben (etwa durch Jürgen Kaube in der FAZ). Achille Mbembe hat tatsächlich in unklarer Begrifflichkeit und unscharfer Moralisierung eine missliche, ja verheerende Opferkonkurrenz provoziert, und seine Verteidigerinnen haben darüber großzügig hinweggesehen, weil sie ihn als Opfer einer Hexenjagd, ja rassistischen Verfolgung sehen wollten.

Auf der anderen Seite stehen BDS-Aktivisten, die – das haben viele Diskussionsversuche mit ihnen gezeigt, die erfolglos abgebrochen werden mussten – wie Partisanen ihre Mission verfolgen und dabei zuallerletzt auf Differenzierung aus sind. Wobei die pauschale Inschutznahme der Regierung Israels – right or wrong, my country – ebenso zu denken geben muss, denn die Politik Israels in den besetzten Gebieten ist ohne Zweifel hochproblematisch und auch vor dem historischen Hintergrund des Holocaust nicht zu rechtfertigen, wie kritische Geister in Israel selbst nicht müde werden zu betonen. Sie kommen auch mit Mbembes grobschlächtigen Argumenten klar.

Claus Leggewie: Mehr Moderation in der Debatte um Achille Mbembe

Es wäre gut, wenn vor dem Hintergrund dieser Dauerpolitisierung der Kern der Debatte sichtbar würde – die Frage nach dem Stellenwert der Shoah in einer langen Geschichte von Verfolgungen und Staatsverbrechen, die vorher begann und damit nicht endete. Es geht um den bereits zu Beginn der 1950er Jahre von Hannah Arendt in ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ thematisierten Zusammenhang von Kolonialismus und dem Mord an den europäischen Juden – und mögliche Kontinuitäten im heutigen Antisemitismus und Rassismus. Die einen beharren auf der Einzigartigkeit der jüdischen Verfolgung, also der völligen Inkommensurabilität des Holocaust, was unter Historikern und Komparatisten ausgeschlossen ist, da sich Singularität überhaupt erst im Vergleich erweisen könnte. Vergleichen heißt nicht gleichsetzen, das gilt auch für den natürlich ebenfalls zulässigen, aber lange aus politischen Gründen vermiedenen Vergleich von Hitler- und Stalin-Diktatur, zwischen Genoziden aus Rassen- und Klassengründen.

Auf der anderen Seite findet statt der Singularisierung eine Subsumtion statt, bei der die Shoah (nur) ein rassistisches Verbrechen unter anderen war und die Überlebenden der Shoah in Israel den Palästinensern ein ebensolches Unrecht antun. Derartige Reduktionen lösen sich bei genauem Hinschauen blitzschnell im Säurebad eines methodisch sauberen Vergleichs auf, den dann auch Intellektuelle wie Mbembe oder Judith Butler anerkennen sollten. Das schon aus Respekt vor den Leidtragenden. In der „Genau wie …“-Gleichsetzung oder „Schlimmer noch als …“-Hierarchie steckt eine die Opfer missachtende Konkurrenz, die vor allem den unbeteiligten Nachlebenden zu oft banalen tagespolitischen Zwecken dient. Und die dabei die tatsächlichen Gemeinsamkeiten verkennt, um deren Identifizierung und Bekämpfung es heute doch wohl geht.

Bei aller Streitlust den Hauptgegner nicht vergessen - Claus Leggewie zur „Mbembe-Debatte“

Arendt nahm die Burenherrschaft in Südafrika ins Visier, wobei es nicht nur um die damals schon eingerichteten Konzentrationslager ging. Die Kernaussage von Hannah Arendt, die im Blick auf die Wahrnehmung des kolonisierten Afrikas durchaus noch von zeitgemäßen Vorurteilen beherrscht war, lautet: „Hier … verlor die Idee der Menschheit und des gemeinsamen Ursprungs des Menschengeschlechts (…) zum ersten Mal ihre zwingende Überzeugungskraft, und der Wunsch nach systematischer Ausrottung ganzer Rassen setzte sich (…) fest“. Unter diesem Vorzeichen können Menschen ganz „grundlos“, also nicht aus Habgier, Sadismus oder anderen bekannten niedrigen Motiven ausgerottet werden.

Wo immer sich diese Logik der Extermination wieder abzeichnet – und das ist bei den völkischen Nationalisten heute der Fall –, kann man nach genauer Prüfung von einer Vorläuferschaft des Holocaust im Kolonialismus und seinen Nachwirkungen in heutigen Kontexten sprechen. Und am Ende in eine Gegnerschaft zum heutigen weißen Suprematismus einmünden, der bei aller Streitlust im linken und liberalen Lager, wo man gerne den Narzissmus der kleinsten Differenz feiert, doch den zweifelsfreien Hauptgegner darstellen sollte.

Claus Leggewie ist Politikwissenschaftler und Mitherausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“. 

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