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Der Architekt Christoph Mäckler in seinem Büro in der 33. Etage, City-Haus, DZ Bank. Links FR-Reporter Claus-Jürgen Göpfert.
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Der Architekt Christoph Mäckler in seinem Büro in der 33. Etage, City-Haus, DZ Bank. Links FR-Reporter Claus-Jürgen Göpfert.

Architektur

Christoph Mäckler: „Der öffentliche Raum ist der Sozialraum unserer Demokratie“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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  • Christian Thomas
    Christian Thomas
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Zum 70. Geburtstag ein Gespräch mit dem Architekten Christoph Mäckler über Defizite, die urbanes Leben zum Stillstand bringen, sowie den Reiz von Materialien, Formen und Farben.

Herr Mäckler, Ihr klassischer Auftritt ist der eiligen Schrittes, mit gezücktem Notizblock und bissiger Kritik an den Bauten von anderen Architektinnen und Architekten. Daraus haben Sie im Fernsehen mal eine Kult-Sendung gemacht.

Ich habe mit Ihrem Kollegen Manfred Schuchmann über viele Jahre im hessischen Fernsehen über Gebäude, meist aus den 1970er Jahren gesprochen, die den städtischen Raum mit ihrer ganzen Hässlichkeit erheblich beeinträchtigen. Da habe ich dann allerdings kein Blatt vor den Mund genommen. Es gab übrigens zahlreiche Anrufe von Kollegen, die gerne an meine Stelle getreten wären. Nur zweimal habe ich übersehen, dass ich über Häuser von Architekten sprach, die noch ein Büro haben und aktiv waren. Es ging mir ausdrücklich nicht um Kritik an Kollegen. Aber ich hasse Bauten, die aus rein ideologischen Moden heraus entstehen und sich nicht in den Ort integrieren, an dem sie stehen. Zum Schaden der Allgemeinheit.

Ideologie ist Ihnen suspekt?

Ich halte ideologische Fragen in der Architektur, im Städtebau, aber auch in der Politik für völlig unangebracht.

Welche Fragen wären das?

Zum Beispiel die Diskussion hier in Frankfurt, ob Studenten günstigen Wohnraum brauchen? Oder ob wir überhaupt bezahlbaren Wohnraum benötigen? Das kann keine Frage von Parteienzwist sein. Die Gemeinschaft muss dafür sorgen, dass jeder in der Stadt leben kann.

Allerdings ist gerade der Wohnungsbau für nicht begüterte Menschen stark zurückgegangen.

Wir haben vor einiger Zeit den Bau von Sozialwohnungen aufgegeben, weil wir glaubten, wir brauchten sie nicht mehr. Dazu kommt, dass viele Wohnungen aus der Sozialbindung gefallen sind und damit dem freien Markt überlassen sind. Das fällt uns jetzt auf die Füße. Zudem gibt es Ideologien in der Architektur. Es gibt Kollegen, die meinen, eine bestimmte Architektur sei demokratisch und eine andere undemokratisch. Das ist absurd. Dagegen aber gibt es sicherlich Gebäude, deren Fassaden im öffentlichen Raum von der Allgemeinheit als abweisend und hässlich empfunden werden.

Auch der öffentliche Raum in unseren Städten ist in keinem guten Zustand. Hat er sich in den zurückliegenden Jahren immer weiter verschlechtert?

Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Frankfurt am Main zum Beispiel hat sich in bestimmten Bereichen hervorragend entwickelt, wir schauen ja hier gerade zum Westhafen hinüber. Der war früher eine Brache und ist jetzt ein Wohnviertel. Ich denke auch an die Hanauer Landstraße als positives Beispiel. Aber Sie haben Recht: Wir Architekten kümmern uns zu wenig um den städtischen Raum. Für mich ist dieser öffentliche Raum der Sozialraum unserer Demokratie. Alle Menschen können und müssen sich dort frei bewegen, gleich, welcher Gruppe oder sozialen Schicht sie angehören. Und sie müssen sich dort vor allem wohl fühlen können. Das ist gut so und muss so sein. Deshalb muss der öffentliche Raum gestaltet werden. Das ist stark vernachlässigt worden.

Ein für nicht wenige Menschen abschreckendes Beispiel ist das MainTor-Viertel auf dem ehemaligen Degussa-Gelände in der Frankfurter Innenstadt. Da ist der öffentliche Raum eine ziemliche Wüste ohne Qualität. Wie kann so etwas entstehen?

Dieses Urteil scheint mir verfrüht zu sein, denn noch ist das Projekt nicht abgeschlossen. Prinzipiell aber ist zu sagen, dass überall dort, wo Grundstücke zu teuer verkauft werden, wie zum Beispiel das Grundstück der ehemaligen Metallgesellschaft hinter der Alten Oper, meist schlechte Qualität im öffentlichen Raum entsteht. Es muss dafür gesorgt werden, dass diese neuen Quartiere eine funktionale Mischung bekommen. Wir brauchen dort auch Dichte, damit Leben entstehen kann. Gleichzeitig aber muss dafür gesorgt werden, dass neben Bürohäusern auch Wohnungen geschaffen werden. Oft fehlt das und es fehlt oft die soziale Vielfalt. Früher war diese auf nur einer Parzelle zu erleben. Da wohnten der Professor der Charité und der Straßenbahnfahrer noch in einer Nachbarschaft. Die sind sich im Hof begegnet. Heute gibt es diese soziale Mischung nicht mehr. Die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten treffen sich nicht mehr, oder durch unsere funktionalistischen Bauweisen zumindest zu wenig. Das ist Gift für unsere Gesellschaft.

Heute werden die Straßenbahnfahrer, die Krankenschwestern und die jungen Polizeibeamten an den Rand der Stadt gedrängt.

Weil sie die Mieten nicht mehr zahlen können. Das ist ganz schlecht. Dahinter steht das grundsätzliche Problem, dass dem Städtebau in der Politik zu wenig Beachtung geschenkt wird. Welchen Stellenwert besitzt der Städtebau heute noch? In der politischen Diskussion redet man über den Bundeskanzler, den Außenminister, den Wirtschaftsminister. Aber wo bleibt eigentlich der Städtebau? Früher gab es mal ein für den Städtebau zuständiges Bauministerium. Seit ungefähr dreißig Jahren aber ist es dem Verkehrs-, dem Umweltministerium oder heute dem Innenministerium untergeordnet. Was macht eigentlich unser Bauminister Horst Seehofer? Fatal ist auch, dass Stadtplanung und Architektur in der Ausbildung getrennt werden. Viele Planer haben noch nie ein Haus entworfen, während Architekten kaum etwas von Planung verstehen. Planer wissen also nicht, um welche Herausforderungen es in der Architektur geht und umgekehrt.

Besitzt die Baukultur in der Politik überhaupt keine Rückendeckung?

Leider kaum. Die Politik in Deutschland versteht überhaupt nicht, welche sozialen Folgen schlechter Städtebau anrichtet. Schlechter Städtebau führt zur Gettoisierung und lässt Gewalt entstehen. In städtebaulich vernachlässigten Vierteln werden die Ärmsten der Armen von der Gesellschaft separiert. So entstehen soziale Konflikte.

Wie ließe sich das ändern?

Wir müssen endlich wieder eine funktionale Mischung im Bauen erlauben. Genau das fordert die Düsseldorfer Erklärung unseres Instituts an der TU Dortmund, die 2019 von mehr als 100 Planungsdezernenten und Planungsamtsleitern in Deutschland unterzeichnet wurde. Von der Vorschrift der sogenannten TA Lärm wissen nur die wenigsten Menschen in Deutschland etwas. Sie sorgt aber dafür, dass zum Beispiel ein Bäcker keinen neuen Betrieb im Hof eines städtischen Wohnhauses eröffnen kann. Das wird ihm wegen des vermeintlichen Lärms untersagt. Das solche Betriebe im Hof aber perfekt funktionieren, ohne dass sich die Anwohner gestört fühlen, sehen Sie in unseren alten Stadtvierteln, wie beispielsweise dem Frankfurter Nordend oder in Bornheim.

Wäre Städtebau in der Lage, dieses Miteinander verschiedener Funktionen zu garantieren?

Zur Person

Christoph Mäckler wurde am 17. April 1951 in Frankfurt geboren. Bereits in den 1980er Jahren machte er sich einen Namen mit alternativen Stadtplanungskonzepten und markanten Gebäuden in Frankfurt. Zu den vielfach beachteten Bauwerken gehören das Lindencorso in Berlin, die Marktgalerie in Leipzig, die Rekonstruktion der Alten Stadtbibliothek in Frankfurt, die Generalsanierung des Augustinermuseums in Freiburg, der Frankfurter Portikus sowie die Hochhäuser Opernturm, Tower 185 in Frankfurt oder das Zoofenster in Berlin. Das Büro ist für den Neubau des Terminal 3 des Frankfurter Flughafens ebenso verantwortlich wie für die (Mit-)Gestaltung des Deutschen Romantik-Museums in Frankfurt.

Eine Professur erhielt Mäckler 1998 an der Technischen Universität Dortmund, wo er 2008 das Deutsche Institut für Stadtbaukunst gründete, das heute in Frankfurt angesiedelt ist.

Ja. Man müsste lediglich Gesetzgebungen wie die bundesdeutsche Baunutzungsverordnung unserer Zeit und unseren gesellschaftlichen Bedürfnissen anpassen. Der Bäcker darf heute in der Nacht im Hof seine Brötchen nicht in den Lieferwagen einladen. Das gilt als nicht zulässiger Betriebslärm. Wir müssen uns darüber klar werden, dass derartige Gesetze die funktionale Vielfalt und das Leben in der Stadt zerstören. Gesetze wie die Baunutzungsverordnung sind in den 1960er Jahren entstanden. Hier wird die Stadt in einzelne Funktionseinheiten separiert. Gearbeitet wird im Gewerbegebiet, gewohnt im Wohngebiet, was städtisches Leben zum Absterben bringt und, wie in Frankfurts Vorort Eschborn zu sehen, zu einem übermäßigen Verkehrsaufkommen mit den täglichen Staus in der Früh und am Abend führt. Unsere Gesellschaft erwartet Gesetze, die ein vielfältiges Leben, wie es durch das Miteinander von Wohnen und Arbeiten entsteht, ermöglichen.

Diejenigen, die das verteidigen, argumentieren, diese Vorschriften brächten einen Fortschritt, weil die Menschen vor Lärm geschützt werden.

Wir reden von städtischem Zusammenleben. Wenn einer meint, er könne Autos oder den kleinen Betrieb im Hof nicht vertragen, soll er irgendwo aufs Land ziehen.

Eine Provokation von Ihnen ist Ihre Forderung, die Autos sollten wieder über die Zeil fahren, die schon lange eine Fußgängerzone ist. Ist das ökologisch nicht absolut rückschrittlich?

Wer diese Forderung von mir kritisiert, ist offenbar nicht in der Lage, sich aus seinem ideologischen Gedankengut zu befreien. An der Fußgängerzone Zeil kann kein Wohnungsbau entstehen. Die Zeil ist nachts ein kriminelles Pflaster, das von Polizisten überwacht werden muss. Das liegt daran, dass es dort an sozialem Zusammenleben mangelt.

Wie kann das Wohnen in der Innenstadt gestärkt werden, gerade um Verödung zu verhindern?

Wir benötigen unter anderem Stadtstraßen, auf denen unterschiedliche Verkehre möglich sind. Ich darf auf der Zeil noch nicht einmal Fahrrad fahren. Ich darf nur laufen und einkaufen. Das ist doch krank. Die Zeil ist nichts anderes als eine Shopping-Mall ohne Glasdach. Es gibt keine funktionale und keine soziale Mischung. Das aber ließe sich leicht ändern. Wenn wir beispielsweise zwei Reihen Bäume auf der Zeil wegnehmen und dafür zwei Fahrspuren anlegen würden, dann könnte man bei einem Andrang von Kaufpublikum immer noch die Straße sperren. Aber nachts könnte man sie offenlassen, damit dort ein Taxi fahren kann und damit eine gewisse soziale Kontrolle entsteht. Alle Leute, die fordern, das Auto müsse raus aus der Stadt, sind von vorgestern. Da sind wir wieder bei den Ideologien. So funktioniert Stadtplanung nicht. In wenigen Jahren werden Autos keine Geräusche mehr machen und keine Abgase verursachen.

Wenn Sie die politische Forderung nach einer autofreien Innenstadt hören, werden Sie dann wütend?

Ich werde nicht wütend, ich werde traurig. Ich glaube, dass eine Stadt ohne einen gewissen zeitgemäßen Individualverkehr stirbt. Man kann nicht alles mit dem Fahrrad oder zu Fuß erledigen. Wenn wir behindertengerechtes Wohnen in der Stadt fordern, können wir nicht gleichzeitig den Individualverkehr abschaffen. Das Auto wird gebraucht. Es braucht Vielfalt in der Stadt. Monokulturen sind schon heute, aber auch morgen Gift für die Stadt.

Sie werden am Samstag 70 Jahre alt. Was nehmen Sie sich für die Zukunft vor?

Ich will mich in den nächsten Jahren dezidiert um die Verbesserung des öffentlichen Raumes kümmern. Ich schreibe momentan an einem Buch, in dem es um die Qualität und Schönheit von Straßen und Plätzen geht. In diesem „Handbuch zur Stadtbaukunst“ werden Stadträume, Straßenräume, Platzräume und Hofräume beschrieben, dokumentiert und maßstäblich aufgezeichnet, die als Beispiele für guten Städtebau dokumentiert werden.

Wieder der öffentliche Raum. Wie integrieren Sie darin Ihren Architekturbegriff?

Ich bin, wie viele meiner Kollegen ein Augenmensch. Das ist manchmal nicht ganz einfach, weil mir Hässlichkeit wehtut. Form, Farbe, Material, Proportion und die Entwicklung von lebenswerten Räumen sind für mich ausschlaggebend für gute Architektur.

Würden Sie den Begriff „klassisch“ für Ihre Architektur akzeptieren?

Ja, natürlich. Wenn wir nicht vom Klassizismus als Baustil sprechen. Ich bin allergisch gegen die Retro-Schublade, obwohl ich ja oft von Kritikern in die Retro-Ecke geschoben werde. Aber nicht einmal beim Dom-Römer-Areal, wo ich den Gestaltungsbeirat zusammenstellen konnte und viele Jahre geleitet habe, ging es mir in erster Linie um die Fachwerkhäuser. Vielmehr wollte ich nachweisen, dass wir mit moderner zeitgemäßer Architektur in der neuen Altstadt die gleiche Qualität erreichen können wie mit der Rekonstruktion von Fachwerkhäusern. Ich habe für den Wettbewerb viele Architekten angerufen und gefragt: Macht ihr mit? Manche sind fast durchs Telefon gesprungen: Ich baue doch kein Giebel-Haus mit Schieferdach! Andere haben die Aufforderung als Herausforderung gesehen. Und es sind wunderbare zeitgemäße Häuser entstanden, die den Rekonstruktionen der alten Fachwerkhäuser in ihrer architektonischen Qualität mindestens ebenbürtig sind.

Sie sprachen schon vor mehr als 30 Jahren von der „Rematerialisierung der Moderne“. Was meinen Sie damit?

Diesen Begriff habe ich anlässlich einer meiner ersten Ausstellungen in der Berliner Galerie Aedes im Katalog formuliert. Bei dem Begriff ging es mir um die Wiedergewinnung von Oberfläche und Volumen in der Architektur. Rematerialisierung spricht vom Verständnis für die Materialbeschaffenheit eines Baukörpers, vom Verständnis der Mauer als tragendem Element. Rematerialisierung meint die mit Licht und Schatten spielende Tiefe der skulpturalen Form, die der Fassade Ausdruck verleiht. Rematerialisierung schließt den weißen, fliegenden Kubus der Moderne nicht aus, sie soll ihn ergänzen, als Kontrast und Widerspruch, Spannung erzeugend. Zudem stärkt Rematerialisierung das Selbstverständliche in der Architektur und befreit vom Zwang des Originellen.

Ein Anliegen, das für Sie nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Rematerialisierung versöhnt die Moderne mit der Architekturgeschichte der vergangenen Jahrhunderte, ohne sich anzubiedern. Genau darum geht es in meiner Arbeit noch heute. (Interview: Claus-Jürgen Göpfert und Christian Thomas)

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