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Christoph Butterwegge über neue Risse in der Gesellschaft: Die Paternoster-Pandemie

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Von: Christoph Butterwegge

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April 2020: Ein Gabenzaun in Wolfsburg.
April 2020: Ein Gabenzaun in Wolfsburg. © Imago

Corona hat sich als sozioökonomischer und politischer Spaltpilz erwiesen.

Kaum hatte das als Sars-CoV-2 bezeichnete Virus im Frühjahr 2020 die Bundesrepublik erreicht, wurde unser Land von einer Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft erfasst. Auf den Balkonen applaudierte man den Angehörigen „systemrelevanter“ Berufe, Altenpfleger und Krankenschwestern wurden ebenso wie LKW-Fahrer und Verkäuferinnen als „Helden des Alltags“ gefeiert, und viele Jüngere praktizierten wirksame Nachbarschaftshilfe, indem sie für Ältere einkauften, um deren Infektionsrisiko zu reduzieren. Allerdings dauerte diese Phase eines demonstrativen Zusammenrückens der Gesellschaftsmitglieder nicht allzu lange, vielmehr zeigten sich bald tiefe Risse in der Bevölkerung, die mit unterschiedlichen oder gegensätzlichen Interessen verbunden waren.

Solidarität oder Ellbogenmentalität? Mehr als zwei Jahre nach Beginn der Covid-19-Pandemie lässt sich resümieren, dass sie die Spaltungstendenzen zwischen den Bevölkerungsschichten verschärft hat, weil sich ein sozialer Polarisierungseffekt verstärkte, der systemtypisch für alle „marktwirtschaftlich“ verfassten Gesellschaften ist. Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, Eigentumsstrukturen und Verteilungsmechanismen bewirkten, dass Sars-CoV-2 und Covid-19 den ohnehin bestehenden Trend zur ökonomischen Ausdifferenzierung und zur Fragmentierung der Sozialstruktur unterstützen.

Die schwere wirtschaftliche Verwerfungen erzeugende Pandemie ließ das Kardinalproblem der Bundesrepublik, die wachsende Ungleichheit, nicht bloß deutlicher ins öffentliche Bewusstsein treten, sondern wirkte auch als Katalysator des Polarisierungsprozesses, der dazu beitrug, sie weiter zu verschärfen. „Impfdrängler“ zu Beginn der Schutzimpfungen zeigten die Rückkehr zur Ellbogenmentalität.

Wenn man so will, glich die Coronakrise einem Paternoster, der materiell Privilegierte eher nach oben und Unterprivilegierte zur selben Zeit nach unten beförderte. Die verschiedenen Klassen und Schichten bewegten sich in entgegengesetzte Richtungen, was dem gesellschaftlichen Zusammenhalt schadete. Zu denen, die sozial aufstiegen, gehörten etwa Besitzer und Besitzerinnen von Versand- und Lieferdiensten, weil sich die Kundschaft lieber etwas zuschicken ließ, als ein Ladengeschäft zu betreten; ebenso von Bau- und Supermärkten, weil Menschen im wiederholten Lockdown ihre Wohnung oder ihr Haus renovierten und Lebensmittelgeschäfte nicht schließen mussten; Pharmaunternehmen profitierten sowie Apotheken und Drogerien, die keinen Einschränkungen unterlagen.

Zu denen, die verloren, zählten hingegen viele Soloselbstständige, Menschen, die freiberuflich tätig sind, Kleinunternehmen führen, Einzelhandelsläden besitzen oder Diskotheken, Clubs, Restaurants, Kneipen, Hotels. Dazu die Kunst- und Kulturschaffenden. Ähnliches galt für Beschäftigte in der Gastronomie, der Touristik und der Luftfahrtindustrie sowie Beschäftigte kontaktintensiver Dienstleistungsbranchen, in denen viele Geringverdienende arbeiten: Friseurinnen, Fußpflegerinnen und Mitarbeiter von Fitnessstudios.

Zur Person:

Christoph Butterwegge ist Politikwissenschaftler und Armutsforscher. Bis 2016 hat er Politikwissenschaft an der Universität zu Köln gelehrt. Am Mittwoch, 18. Mai, stellt er sein am selben Tag erscheinendes Buch „Die polarisierende Pandemie. Deutschland nach Corona“ um 19 Uhr im Haus am Dom auf einer Diskussionsveranstaltung mit der Pädagogikprofessorin Sabine Andresen und dem Soziologen Stephan Lessenich vor.

Ebenen und Dimensionen der Polarisierung Aufgrund der Pandemie und der von ihr mit ausgelösten Rezession haben sich die Lebens-, Einkommens- und Vermögensverhältnisse der Menschen noch stärker als zuvor auseinanderentwickelt. Weil sich der Gesundheitszustand, die Arbeits- und Lebensbedingungen sowie die Einkommens-, Vermögens- und Wohnverhältnisse der Gesellschaftsmitglieder zum Teil erheblich voneinander unterscheiden, waren auch die Infektionsrisiken sehr ungleich auf die einzelnen Berufsgruppen, Klassen und Schichten der Bevölkerung verteilt.

Polarisierend hat die Covid-19-Pandemie auf drei Ebenen gewirkt: Auf der gesundheitlichen Ebene unterschieden sich die Infektionsrisiken einzelner Bevölkerungsschichten erheblich voneinander, wobei die Finanzschwächsten auch zu den Immunschwächsten gehörten. Auf der ökonomischen Ebene sorgten die Unterbrechung der Lieferketten einerseits und die staatlichen Infektionsschutzmaßnahmen andererseits für eine schwere Krise, in der es neben einzelnen Gewinnern zahlreiche Verlierer gab. Schließlich wiesen die Finanzhilfen, „Rettungsschirme“ und Förderprogramme des Staates für Unternehmen eine soziale Schieflage auf.

Zu denen, die vom pandemiebedingten Krisendesaster am meisten profitierten, gehörten einige der profitabelsten Unternehmen mit den reichsten Eigentümern und Eigentümerinnen. Vor den Vermögenden machte die sozioökonomische Polarisierungsdynamik der Pandemie aber keineswegs halt. Ganz entscheidend war der Wirtschaftszweig. Es machte einen riesigen Unterschied, ob man einen Baumarkt betrieb oder selbstständig im Messebau tätig war, ob man einen Friseursalon oder einen Fahrradladen besaß.

Die horizontale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern hat sich ebenso erhöht wie die vertikale: Frauen und Mütter trugen die schwerste Last in Bezug auf die Betreuung von Kleinkindern sowie die häusliche Unterstützung der Schulkinder im Hybrid- bzw. Wechselunterricht und beim Homeschooling. Überwiegend bessergestellte Männer waren seltener von Kurzarbeit und entsprechenden Lohn- oder Gehaltseinbußen betroffen.

Spaltung der Großstädte und Zerfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts In beiden Pandemiejahren verzeichneten die Arbeitnehmer einen Reallohnverlust, der sich auf 1,1 Prozent und 0,1 Prozent belief. Kurzarbeit für knapp sechs Millionen Beschäftigte blieben ebenso wenig aus wie Geschäftsaufgaben und Pleiten meist kleinerer oder mittelständischer Firmen. Auch wenn häufig so getan wurde, als hätte sich die Coronakrise auf dem Arbeitsmarkt kaum niedergeschlagen, gab es infolge zahlreicher Betriebsschließungen immerhin eine halbe Million mehr Arbeitslose und etwa 600 000 Minijobs weniger. Vor allem spiegelte sich der Konjunkturrückgang in einer Verfestigung der Arbeitslosigkeit wider. Daher stieg die Zahl der Langzeitarbeitslosen erstmals seit dem Jahr 2016 wieder auf über eine Million. Hiermit gingen neben massiven Einkommensverlusten psychosoziale Probleme der Betroffenen und ihrer Angehörigen einher.

Rentnerinnen und Rentner, Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst verzeichneten zunächst kaum finanzielle Einbußen – es sei denn, dass sie einer Nebentätigkeit nachgingen, die wegfiel. Denn mit Minijobs konnten sie weder Arbeitslosengeld I bzw. II noch Kurzarbeitergeld beziehen. In den westdeutschen Bundesländern wurden die Renten am 1. Juli 2021 gar nicht angehoben, und in den ostdeutschen betrug die Rentenerhöhung bloß 0,72 Prozent. Zwar fällt die Rentenerhöhung am 1. Juli 2022 mit 5,35 Prozent in den westdeutschen und 6,12 Prozent in den ostdeutschen Bundesländern sehr viel höher aus. Sie wird aber durch die starken Preissteigerungen im Energie-, Verkehrs- und Nahrungsmittelbereich weitgehend aufgezehrt.

Zuletzt verstärkte der inflationäre Preisauftrieb, den der Ukraine-Krieg und die westlichen Sanktionen gegenüber Russland beflügelt haben, den sozioökonomischen Paternoster-Effekt der Pandemie. Die untere Mittelschicht wurde vom Emporschnellen der Verbraucherpreise besonders hart getroffen. Während reiche und hyperreiche Haushalte aufgrund hoher Wertzuwächse von Aktien, Immobilien und Edelmetallen ihr Vermögen steigerten, gehörten Ärmere einmal mehr zu den Verlierern und Verliererinnen der ökonomischen Entwicklung.

Niemand weiß, ob die Pandemie beendet ist oder nur eine saisonale Pause einlegt. Trotzdem lässt sich bereits jetzt bilanzieren, dass sich Klassen und Schichten während der Coronakrise in entgegengesetzte Richtungen bewegt haben. Driftet eine Gesellschaft wie die unsere immer mehr auseinander, manifestiert sich die Spaltung zwischen Arm und Reich auch im Stadtbild der Metropolregionen. Villenviertel und abgehängte Quartiere boten den Menschen, die hier leben, ganz unterschiedliche Möglichkeiten, den pandemischen Ausnahmezustand zu ertragen. Wächst die ökonomische und soziale Ungleichheit mangels konsequenter Gegenmaßnahmen weiter, dürfte auch die politische Zerrissenheit zunehmen, was zu einer Gefahr für die Demokratie wird.

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