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Lindner auf Sylt: Es geht um Glaubwürdigkeit

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Von: Martin Benninghoff

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Christian Lindner
Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) und seine Frau Franca Lehfeldt. © Axel Heimken / dpa

Ja, sind wir denn noch in den 90ern? Christian Lindners Sylter Bildsprache wirkt gestrig, erst recht im Vergleich mit den machtvoll schlichten Inszenierungen der Kollegen und Kolleginnen

Bilder stehen für Zeiten, und Bilder stehen auch für Zeitenwenden. Willy Brandts Kniefall am Ehrenmahnmal des jüdischen Ghettos in Warschau ist ein solcher Moment ikonografischer Bildgewalt, der Politik verändern kann. Winston Churchill war ebenfalls ein Meister politisch getriebener Selbstvermarktung. Der liberale Denker Ralf Dahrendorf wird gewusst haben, welches Signal die gemeinsamen Bilder mit dem „Rebellen“ Rudi Dutschke in seine bürgerliche Welt ausstrahlten. Gerhard Schröder wusste – zu seinen besseren Zeiten – um die Macht der Bilder, im Flutgebiet und auf den Marktplätzen. Joschka Fischer krächzte sich auf dem Kosovo-Sonderparteitag ins kollektive Gedächtnis und veränderte die Grünen nachhaltig. Egal, wie man inhaltlich zu den Themen steht: Die Meistermechaniker der Macht wissen, an welchen Schrauben zu drehen ist, damit sich etwas bewegt.

Aber weiß das Christian Lindner auch? Der Bundesfinanzminister, übrigens wie Dahrendorf ja bekanntermaßen Freidemokrat, setzt sich vor diesem Hintergrund in ein fahles Licht. Anlass ist ein Privatereignis, das das 43 Jahre alte Regierungsmitglied nach allen Regeln der Boulevard-Kunst – zur Unzeit – in Szene gesetzt hat: seine Hochzeit mit der Journalistin Franca Lehfeldt auf der Nordseeinsel Sylt. Und damit könnte dieser Text schon an sein Ende gelangt sein, wenn der sendungsbewusste Spitzenliberale sein Freudenereignis nicht zur überregionalen öffentlichen Sache gemacht hätte, mit bereitwilliger Unterstützung vieler Medien. Leider aber ist das Verhalten des Bundesfinanzministers symptomatisch.

Nur Käßmann regt sich darüber auf, dass das Brautpaar aus der Kirche ausgetreten ist

Aber für was? Sie hatte doch was Anrührendes, etwas Royales, mit Porsche, Luxus-Brautkleid und einer Sause an Sylts erster Dünen-Chi-Chi-Location, der „Sansibar“ am Rantumer Strand. Dass Lindner und seine Frau zuvor in der Keitumer Kirche St. Severin geheiratet haben, obwohl sie den Berichten zufolge beide nicht mehr Kirchenmitglied sind, sei nur am Rande erwähnt. Das bestätigt zwar die These einer weitgehenden Eventisierung des Hochzeitsereignisses, allerdings regt das ansonsten fast nur noch Margot Käßmann auf. Mögen diejenigen den ersten Stein werfen, die ihre Hochzeit nicht auch ein wenig „eventisieren“ – inklusive Cabriofahrt und Kirchenglocken.

Ebenfalls am Strand, aber auf der Höhe der Situation: Außenministerin Annalena Baerbock lässt sich von dem Anwohner Ngirangas Biallany Thomas Erosionsschäden am Melekeok Beach in der Inselrepublik Palau zeigen.
Ebenfalls am Strand, aber auf der Höhe der Situation: Außenministerin Annalena Baerbock lässt sich von dem Anwohner Ngirangas Biallany Thomas Erosionsschäden am Melekeok Beach in der Inselrepublik Palau zeigen. © Britta Pedersen/dpa

Nein, hier geht es um die Wirkung der Politik in Zeiten, da mitten in Europa Krieg, Tod und Elend die Schlagzeilen beherrschen, zugleich der Klimawandel zusehends sichtbar seine Schneisen der Verwüstung zieht, und die politische Führung deshalb eine besondere Verantwortung trägt. Bei Lindners Hochzeit fuhr oder flog die Politprominenz aber so ein, als wäre seit Februar, dem Beginn des russischen Krieges in der Ukraine, nichts grundlegend Neues passiert. Besonders eindrucksvoll hat sich das Bild des Privatjet steuernden CDU-Chefs Friedrich Merz am Flughafen in Westerland eingebrannt. Würde Helmut Dietl noch leben, hätte er das Skript übernehmen können – mitgefeiert hätte er wohl auch. Stößchen!

Doch die unschuldigen politischen Zeiten sind vorerst vorbei. Seit Jahren versucht die FDP, deren Vorsitzender Christian Lindner ist, das Klischee der „Partei der Besserverdienenden“ loszuwerden. Umso erstaunlicher, wie bedenkenlos der Parteichef sämtlichen Stereotypen Futter gibt. Fast scheint es so, als fielen die Liberalen wieder zurück in Zeiten, da der verstorbene Guido Westerwelle Bedürftige in „spätrömischer Dekadenz“ wähnte. Dabei kommt das alles schräg zusammen: Als Finanzminister will Lindner offenbar bei den Ärmsten den Rotstift anlegen, zu einer Zeit, da die steigenden Energiepreise und die Inflation die Gehälter und Sparguthaben der sogenannten kleinen Leute auffressen. In der Kombination, und nur darum geht es, lässt Lindner nicht nur nötiges Fingerspitzengefühl vermissen, offenbar sind ihm beide Hände nahezu taub geworden.

Lindners Hochzeit: Es geht um Glaubwürdigkeit

Dabei geht es nicht um den typischen Sozialneid, der Politikerinnen und Politiker eher trifft als reiche Erbinnen und Erben oder gar Formel-1-Fahrer, obwohl sie weitaus mehr in den Taschen haben dürften als ein Bundesfinanzminister. Es geht um Glaubwürdigkeit. Wie soll Friedrich Merz künftig noch wahrhaftig Sparappelle und Gürtel-enger-schnallen-Reden halten, wenn jeder weiß, dass ihm seine Millionen aus der Tätigkeit bei dem US-Vermögensverwalter Blackrock einen Lebensstil ermöglichen, den sonst nur Industriekapitäne und vielleicht noch Roland Kaiser erreichen?

Ihnen muss klar sein: Die Macht der Rede ist ungebrochen, solange die politische Inszenierung dahinter wahrhaftig erscheint. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zeigt eindrucksvoll, wie die Macht der Rede eine internationale Öffentlichkeit bewegt und Politik verändert, manchmal vielleicht sogar mehr als eine Waffenlieferung. Selenskyj beantwortet damit jeden Tag aufs Neue die Frage, ob er der Richtige auf der Position ist, mit Ja. Aber hat auch Lindner den Ernst der Lage verstanden?

Wenn die reflexive Selbstrepräsentation, sozusagen der innere Kompass, wie bei Lindner nicht richtig eingestellt ist, so zeigt sich das umso deutlicher im Vergleich zu politischen Mitbewerbern und -bewerberinnen. Natürlich, auch der barfüßige Auftritt von Bundesaußenministerin Annalena Baerbock am Strand der dem Untergang geweihten Pazifikinsel Palau ist eine politische Inszenierung. Wohl dem, der die richtigen Fotografien verbreiten kann und die richtigen Social-Media-Accounts bedient. Aber angesichts des Klimawandels, der Erosion und des steigenden Meeresspiegels, setzt sie tatsächlich ein Zeichen in den Sand. Zumal sie in offizieller Funktion das erste Regierungsmitglied ist, das mehr als hundert Jahre nach der deutschen Kolonialherrschaft Palau wieder besucht. Und sie hätte dort nur schwerlich mit dem Neun-Euro-Ticket hinkommen können – für Sylt braucht es hingegen nicht unbedingt den Privatjet. Lindners Verhalten wirkt im Vergleich dazu nahezu altbacken und gestrig – ein bisschen 90er.

Lindner muss sich an Habeck messen lassen

Er muss sich messen lassen am Kommunikationsverhalten Robert Habecks, den Ralf Stegner als „Meister der Inszenierung“ bezeichnet. Wenn sich der Wirtschaftsminister sitzend auf dem Bahnsteig fotografieren lässt, darf man trefflich über die Zufälligkeit solcher Motive streiten. Andererseits verbindet er eine neue Kommunikation mit inhaltlicher Tiefe, so dass eine Journalistin jüngst schrieb, man könne ihm beim Denken zusehen. Mit der saloppen Art eines ergrauten WG-Papas schafft er es, selbst vorsichtige Unverschämtheiten in sympathische Worte zu kleiden: „Und wenn da einer sagt, ich mach nur mit, wenn ich 50 Euro kriege, würde ich sagen: Die kriegst du nicht, Alter“, sagte er vor einigen Wochen in einem Fernsehinterview, angesprochen auf nötige Solidarität in der Bevölkerung.

Natürlich, es ist zu bezweifeln, ob Habeck so auch mit dem Emir von Katar spricht. Beim Heimatpublikum, das die Sprache der Generation X und der Nachgeborenen – von „krass“ bis „Alter“ – spricht, kommt das aber gut an. Zumindest solange die richtigen, der Gegenwart und Zukunft zugewandten Inhalte transportiert werden, wie Klimaschutz, Menschenrechte und neue Energiepolitik. Dass Lindner diese Sprache offenbar nicht spricht, fällt umso negativer auf. Die öffentliche Zurschaustellung der Dekadenz ist nicht nur schlechter Geschmack. Politisch ist sie kontraproduktiv: Wer mag Lindner oder Merz noch zuhören, wenn sie ihre künftigen Krisenreden halten? Wer mag noch den Gürtel enger schnallen, wenn auf Sylt die Champagnerkorken knallen? (Martin Benninghoff)

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