1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

Charlotte Wiedemann „Den Schmerz der Anderen begreifen“: Globale Empathie

Erstellt:

Von: Micha Brumlik

Kommentare

Darstellung des Herero-Aufstandes 1904/05 im französischen „Petit Journal“.
Darstellung des Herero-Aufstandes 1904/05 im französischen „Petit Journal“. © picture-alliance / akg-images

„Den Schmerz der Anderen begreifen“: Charlotte Wiedemann denkt in einem triftigen Essay über den Holocaust und das Gedächtnis der Welt nach.

Die unter anderem von Dirk Moses angestoßene Debatte über das Verhältnis von kolonialen Gräueltaten und nationalsozialistischem Judenmord, über die Singularität der Shoah und die Verbrechen in den Kolonialkriegen hat nicht nur – aber doch vor allem – in Deutschland tiefe Spuren, wenn nicht gar Feindschaften hinterlassen. Nun aber hat die weitgereiste und in jeder Hinsicht welterfahrene Publizistin Charlotte Wiedemann ein Buch vorgelegt, dem es gelingen könnte, die festgefahrenen Fronten wieder aufzulockern.

Ihr soeben erschienenes Buch „Den Schmerz der Anderen begreifen. Holocaust und Weltgedächtnis“ setzt im weitesten Sinne psychologisch ein und fragt, welche Opfer „uns“ – also den Deutschen – nahe sind. Sie beantwortet diese Frage zunächst mit Verweis auf die von Deutschen ermordeten sechs Millionen Juden, um dann – nicht zuletzt mit Blick auf die afrikanischen Opfer des Deutschen Reiches im Jahre 1913 sowie später auf die Opfer des Bürgerkrieges in Biafra – den Horizont zu weiten. Dabei stellt sie die von ihr selbst als „heikel“ bezeichnete Frage:„Gelten aus deutscher Perspektive womöglich nur die jüdische Oper als ein gleichwertiges Gegenüber? Fällt es leichter, diesen Gleichwertigen gegenüber Schuld einzugestehen, leichter als gegenüber Menschen, die offen oder insgeheim weiterhin verachtet werden, wie Roma oder Schwarze?“

Darüber hinaus stellt sich dann das Problem, welcher Schmerz überhaupt zählt. Schon daraus wird klar, dass es Charlotte Wiedemann um eine Universalisierung von Trauer und Empathie geht – um eine Universalisierung, die freilich nur dann möglich ist, wenn kollektive Verdrängungsprozesse wieder rückgängig gemacht werden: im spezifisch deutschen Fall der Kolonialherrschaft in Afrika vor 1914.

Dabei räumt Charlotte Wiedemann ein, dass es (aus europäischer Sicht) einfacher ist, sich in die Lage der Aufständischen im Warschauer Ghetto im Jahre 1943 hineinzuversetzen denn in die Situation der Maji-Maji-Kämpfer im Jahre 1913. Gleichwohl zitiert sie aber auch eine afrikanische Quelle, in der ein überlebendes Kind dieses Kolonialkrieges berichtet: „Wir, die Kinder wurden am Tag des Exekution zusammengerufen. Wir standen in der ersten Reihe. Hinter uns standen die Frauen, und in der dritten Reihe die Männer. Dann brachten sie das Opfer ... .“

Das Buch:

Charlotte Wiedemann: Den Schmerz der Anderen begreifen. Holocaust und Weltgedächtnis. Propyläen, Berlin 2022, 288 S., 22 Euro.

Um diesen Bericht in den Kontext zu bringen, stellt die Autorin historisch belegt fest, dass das deutsche Kaiserreich in Afrika bis zu eine Million Tote hinterlassen hat – ein Verbrechen, für das niemals irgendjemand zur Verantwortung gezogen wurde, mehr noch: „Eine Million“ so Wiedemann „das entspricht fast der Zahl der in Auschwitz-Birkenau getöteten Menschen.“

Bei alledem geht es nicht um eine empörte weitere Schuldzuschreibung, sondern um den Versuch des Verstehens: warum stehen den heutigen Deutschen die ermordeten Juden näher als die ebenfalls von Deutschen ermordeten Afrikaner? So einfach die Antwort scheint – geht es doch um zurückliegende Taten nicht zuletzt eigener Familienangehöriger –, so sehr ist doch auf den Umstand eines sich nur allmählich entwickelnden Weltgedächtnisses zu verweisen. Eines Weltgedächtnisses, in dem die vor allem von Deutschen verübte Shoah die Funktion eines – so Wiedemann – „welthistorischen Ankerplatzes“ übernehmen könnte, eines Erinnerungsbrennpunktes, von dem aus sich ein solidarisches Gedenken auch an andere Opfer der Weltgeschichte herausbilden könnte.

In diesen Zusammenhängen erinnert dieser packend geschriebene Langessay nicht zuletzt an die „schwarz-jüdische Beziehungsgeschichte“, die sich nicht nur im gemeinsamen Gang von Martin Luther King und Rabbi Abraham Jehoschua Heschel von Selma nach Montgomery im Jahr 1965 erschöpft, sondern eben auch an die Befreiung jüdischer KZ-Häftlinge durch schwarze GIs erinnert.

Bei alledem unternimmt Charlotte Wiedemann einen psychologischen Selbstversuch: den Selbstversuch einer Frau, die als Deutsche der Tätergeneration unbehaglich nahe ist. Gleichwohl fragt sie: „Würde ich als Tansanierin, als Bosnierin oder Kambodschanerin den Holocaust einzigartig nennen wollen?“ Das aber ist eine Frage, die nicht zuletzt der sich wandelnden Bevölkerung der Bundesrepublik gilt, einer Bevölkerung, von der ein unwiderruflich wachsender Anteil eben nicht mehr von ehemaligen NS-Tätern und -täterinnen, Mitläufern und Mitläuferinnen abstammt, sondern von Menschen aus verschiedensten Ländern.

Es ist hier nicht der Ort, auf Wiedemanns Lösungsvorschläge einzugehen, wohl aber festzuhalten, dass mit diesem Buch, das nach der Möglichkeit einer globalen Empathie fragt, ein neues Kapitel in Richtung dessen, was Michael Rothberg als „multidirektionales Erinnern“ bezeichnet, aufgeschlagen worden ist – und das in einer Sprache, die an Klarheit und Lesbarkeit aber auch gar nichts zu wünschen übrig lässt.

Auch interessant

Kommentare