1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

César Rendueles: Gegen Chancengleichheit - Zurück zur Kraft der messbaren Gerechtigkeit

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Kaspar

Kommentare

César Rendueles. Foto:Tania González/Suhrkamp Verlag
César Rendueles. Foto:Tania González/Suhrkamp Verlag © Tania González/Suhrkamp Verlag

„Chancengleichheit“ ist eine gar zu billige Vertröstung: César Rendueles weist den Weg in eine moderne Sozialdemokratie

Allein der Titel ist eine unerhörte Provokation. „Gegen Chancengleichheit“ nennt der spanische Soziologe César Rendueles sein soeben in deutscher Sprache erschienenes „egalitaristisches Pamphlet“. Wer den Suhrkamp-Inselband deswegen mit spitzen Fingern anhebt und Clickbait vermutet, wird beim Weiterlesen sehr schnell zur Vorstellung einer besseren Gesellschaft belehrt. Dieser Madrilene denkt spitz und schreibt noch spitzer – und er nutzt diese Fähigkeiten, um Grundannahmen über westeuropäische Gesellschaften vor den durchdringenden Scheinwerfer einer strengen egalitären Prüfung aufzustellen.

„Die verantwortungslose, egoistische oder einfach nur lächerliche Anrufung einer radikalen persönlichen Freiheit ist zum Normalfall geworden.“ Rendueles folgert aus diesem Ausgangspunkt, Freiheit und Gleichheit seien inzwischen so voneinander entkoppelt, dass Egoismus ohne gemeinschaftliche Begrenzung als Standarddenkweise in immer mehr gesellschaftliche Bereiche eindringt. Es sei, als ob alle im Straßenverkehr forderten, nach eigenem Gutdünken zu entscheiden, wie schnell sie an jeder Stelle fahren wollen oder mit welchem Alkoholpegel.

Diese „antiegalitäre Wende“ der Gegenwart hat für den Vordenker der einst radikaldemokratischen Podemos-Bewegung verheerende Folgen. Die wichtigste: Nahezu alle Parteien, auch die Sozialdemokraten, hätten die Forderung nach materieller Gleichheit aufgegeben und dürsteten in einem Parteienkartell mit Mitgliederschwund nach Parteienfinanzierung, nicht aber nach Gleichheit.

Sehr differenziert führt er aus, dass diese Forderung allein natürlich nicht ausreiche, um soziale Ungleichheit aufzuheben, aber sie bleibt für ihn der wichtigste Baustein. Und mit dem Verschwinden der Utopie einer materiell gleichen Gesellschaft verstärkt sich eine Theorie-Asymmetrie, in der liberalkonservative Denker immer mehr Modelle ausbreiten können, die linken dagegen kaum mehr durchdachte, zeitgemäße Alternativen dagegenstellen.

„Alle Menschen sollen die gleiche Chance haben, sich in einen Idioten zu verwandeln, der andere herumkommandieren, viel Geld besitzen und dekadenten Luxus besitzen will.“ Das könnte nicht nur die treffende Überschrift über die sich schönende Selbstdarstellung in den sozialen Medien sein, es ist auch die Maxime für das, was Rendueles die „Meritokratie“ nennt. Bildung, Kultur, Bürokratie, aber auch demokratisches Engagement wird in diesem Sinne dem Diktat der laufenden Selbstoptimierung unterworfen.

So wurde das Ziel der materiellen Gleichheit durch Chancengleichheit ersetzt. Ein Ziel, auf das sich alle – etwa Ampelregierungen – einigen können, das aber für Rendueles völlig in die Irre führt. Der „Trick“ dabei ist, dass das Versprechen, jede und jeder könne die Welt der Oberschicht erreichen, uneinlösbar bleibt. Denn die Mechanismen der sozialen materiellen Ungleichheit wirken weiter, ja verstärken sich. Doch durch die normative Verengung, durch das Ersetzen eines Gleichheitsanspruchs im Sinne des Gemeinwohls durch das individualisierte Hamsterrad fehlen kulturelle Techniken, in denen Gemeinschaft erlernt werden kann. Laut Rendueles ist es das Ur-Interesse der besitzenden kleinsten Eliten, die Massen so zu vereinzeln.

Der „Elitismus“ fördert zuerst die Individualisierung in der Arbeitswelt. Dass kollektiv gewerkschaftliche Tariflösungen systematisch durch individuelle Vereinbarungen ersetzt werden, ist eine Binse. Dies in Verbindung mit dem Streben nach Chancengleichheit zu setzen, ist dagegen eine monströse Herleitung dafür: Die Karotte persönlichen Vorteilsstrebens zerstört die Herde. Die Isolierung im Homeoffice führt zwar zu persönlichen Vorteilen, nimmt aber die Möglichkeit, Kollektiv zu sein, sich als Gemeinsames zu erleben. Diesen Vorteil wieder zu nehmen ohne die Internalisierung des Sinns von Gemeinschaft, scheint unmöglich.

Das Buch

César Rendueles: Gegen Chancengleichheit. Ein egalitaristisches Pamphlet. A. d. Span. v. Raul Zelik. edition suhrkamp, Berlin 2022. 329 S., 20 Euro.

Ohne Anwesenheit geht nichts

Demokratie braucht aber genau das: Laufende Verhandlung, die Fähigkeit, anwesend zu sein, die anderen zu verändern durch die eigenen Argumente und sich zu verändern durch die der anderen. Diese „Deliberation“, vom lateinischen Verb für verhandeln abgeleitet, ist für Rendueles der methodische, inhaltliche und normative Schlüssel zur Rückkehr zur Gemeinschaft. Bürgerliche Partizipation in basisdemokratischen Projekten. Schulen ohne Bewertung, aber mit gegenseitiger Evaluation der Lehrenden – immer ist die Fähigkeit zum Gespräch als Prozess, als dauerhafte Einrichtung der Schlüssel für Schritte zu mehr Egalität.

Als Schlüsselmodell für die „emanzipatorische Kraft der Gleichheit“ stellt Rendueles in dem vielleicht kraftvollsten Kapitel des Buches die Geschlechtergerechtigkeit vor. Die lange Revolution der Beziehungen zwischen Männern und Frauen zeigt typische Kerne der Transformation. Die positiven politischen Rückkoppelungseffekte verstärken sich selbst: „Je mehr Gleichheit wir erreichen, desto mehr und bessere Gleichheit wollen wir.“ Die Voraussetzung dafür ist, dass die „Vision eines egalitären Endzustands“ nahezu von allen geteilt wird – und hier zeigt sich, dass es um tatsächliche Repräsentation geht und nicht nur um Chancengleichheit –, am Ende lässt sich der Lohn vergleichen, die Quoten messen. Die Geschlechterfrage erklärt so auch leichthin den Unterschied zwischen Ziel – und Verfahrensorientierung. Es reicht nicht, die Chance auf etwas versprochen zu bekommen, alle Prozesse müssen sich an der Zielerreichung messen lassen. In diesem Sinn ist Rendueles kein radikaler Antikapitalist, sondern weist eher den Weg für eine moderne Sozialdemokratie.

Redueles stellt hier eine starke These auf: Die Gleichheit zwischen Mann und Frau ist eng mit einem Zugewinn an gemeinsamer Freiheit verknüpft. Wenn Gleichheit zunimmt, nimmt auch die Freiheit zu, weil es schwerer wird, den anderen gegen seinen Willen zu Handlungen zu zwingen – „Selbstverwirklichung ist nur als gemeinsame Erfahrung möglich“.

Und schließlich zeigt Rendueles am langen Weg zur Geschlechtergerechtigkeit, dass die Abschaffung eines systemischen Problems ein komplexes soziales Projekt ist, in dem auch in einer egalitären Welt verschiedene Geschwindigkeiten, falsche Grenzziehungen, menschliche Schwächen nicht verschwinden. Nur „Allyship“, die Allianzen der Willigen, wie es Forscherinnen der Identitätsfrage genannt haben, ermöglichen das Voranschreiten.

Was hilft also, dieses Modell auf die Demokratie, auf die Arbeitswelt, auf Schulen und die Gesellschaft zu übertragen? Keine Revolution als Exzess, so Rendueles, eher die „Notbremse“, wie es Walter Benjamin genannt hat. Eine „umfassende Veränderung unserer ethischen Perspektive und unseres Begriffs vom guten Leben“. Die Pandemie und die Klimakrise werden keine andere Wahl lassen, als zu einer Orientierung am Gemeinwohl zurückzukehren.

Gegen die Vereinzelung

César Rendueles tarnt sein humanes Gegenprogramm zur Vereinzelung völlig zu Unrecht unter dem Titel „Pamphlet“. Mit „Gegen Chancengleichheit“ ist ihm eine glänzende Gegenwartsanalyse gelungen. Und er gibt allen Bewegungen, die es auf sich nehmen, für Egalität als Ziel in den Mühlwerken des langen Prozesses zu kämpfen, eine hoffnungsfrohe Vision mit auf den Weg: „ihren egalitären Anspruch, ihr Wissen um das Potenzial der Gleichheit als Ziel, als gemeinsamer Ethos, das es uns ermöglicht, obligatorische kollektive Verpflichtungen einzugehen, damit jede und jeder in einer aufgeklärten, freien und solidarischen Gesellschaft ihre bzw. seine besten Fähigkeiten entfalten kann.“

Auch interessant

Kommentare