1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey: „Eine Bewegung von links mit Drift nach rechts“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Peter Riesbeck

Kommentare

„Die Vorbehalte gegenüber dem Staat stellen die Realität als solche in Frage“: Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger.
„Die Vorbehalte gegenüber dem Staat stellen die Realität als solche in Frage“: Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger. Foto: Jürgen Bauer/Suhrkamp Verlag © Jürgen Bauer/Suhrkamp Verlag

Literaturwissenschaftlerin Carolin Amlinger und Soziologe Oliver Nachtwey über Corona-Proteste, regressive Rebellen und Überschneidungen zu den neuen Montagsdemos.

Frau Amlinger, Herr Nachtwey, Sie gehen in Ihrer Studie zweigleisig vor: Zum einen haben Sie rund 1200 Anhänger der Querdenker-Bewegung befragt. Daneben haben Sie in der Szene rund 45 lange Tiefeninterviews geführt. Was sind die statistischen Ergebnisse der Erhebung?

Oliver Nachtwey: Vorab muss man einschränkend erwähnen, dass wir die quantitative Erhebung online durchgeführt haben. Das kann zu Verzerrungen führen, weil sich bestimmte Gesellschaftsgruppen verstärkt oder gar nicht an der Umfrage beteiligen. Wir können also gut etwas über die Teilnehmer:innen unserer Erhebung sagen. Das heißt aber noch nicht, dass die Umfrage repräsentativ ist.

Was lässt sich dennoch über die Zusammensetzung der Querdenker-Szene feststellen?

Nachtwey: Überraschend für uns war: Die Mehrheit der Befragten sind qualifiziert und kommen eher aus der Mittelschicht. Es finden sich kaum Industriearbeiter, ebenso auch kaum Mitglieder aus dem neuen Dienstleistungsprekariat wie Paketboten. Dafür sehen wir viele Angestellte und Selbstständige. Ein Viertel der Teilnehmer unserer Erhebung sind Selbstständige. Das sind 15 Prozent mehr als im Durchschnitt der Bevölkerung und ist auch ein Hinweis darauf, dass eine materielle Betroffenheit des Lockdowns bei den Protesten eine Rolle spielte. Insgesamt lässt sich sagen: Die Querdenker-Szene ist keine Jugendbewegung wie Fridays for Future. Es handelt sich um eine klassen- und altersübergreifende Bewegung, Eltern mit Kindern, aber auch viele, die schon in der Anti-Atom- und Friedensbewegung der 80er-Jahre aktiv waren.

„Ob es den vieldiskutierten heißen Herbst geben wird, halt ich für nicht ausgemacht. Dafür gibt es die reale Gefahr eines rechtsextremen Herbsts.

Oliver Nachtwey

Was lässt sich mit Blick auf Parteipräferenzen sagen?

Nachtwey: Das hat uns ebenfalls überrascht: 40 Prozent der Teilnehmer:innen unserer Erhebung haben bei der Bundestagswahl 2017 noch die Grünen oder die Linke gewählt. Aber nur noch 6 Prozent der Teilnehmer:innen wollte das wieder tun. Das Potenzial der AfD war mit 15 Prozent schon zu Beginn der Corona-Proteste recht hoch, ist aber bei der Wahl im Vorjahr auf 27 Prozent gestiegen. Das heißt, die Querdenker-Bewegung hat einen starken linksalternativen Einfluss, ist aber auf einem Drift nach rechts. Allerdings: Der größte Teil der Querdenker aber, vor allem jene Anhängerschaft, die ursprünglich aus dem grün-linken Milieu stammt, will überhaupt nicht mehr wählen. Oder sie entscheiden sich für eine Partei wie die Basis, das ist die eigentliche Querdenker-Partei. Insgesamt lässt sich festhalten: Es geht um eine Bewegung die eher von links kommt und eine Dynamik nach rechts entwickelt.

Um die Szene der Querdenker und ihre psychosozialen Befindlichkeiten besser zu verstehen, haben Sie zahlreiche Einzelinterviews geführt. Was können Literatur- und Sozialwissenschaften voneinander lernen? Und umgekehrt?

Carolin Amlinger: Die Literaturwissenschaften schauen ganz anders auf Erzählungen, auch auf Verschwörungsmythen. Da finden sich viele tradierte Narrative wieder. Etwa Konversionserzählungen, die man eher beim Glaubenswechsel aus dem religiösen Kontext kennt. Nun finden wir in der Querdenker-Szene ganz oft die Erzählung, dass jemand erwacht sei. Mit diesem Erweckungserlebnis wird ein eigenes Verständnis der Realität begründet: Man sieht die Welt nun mit anderen Augen. Deshalb lohnt es sich, nicht allein auf Zahlen zu schauen, sondern auch auf kulturelle Narrative.

Wie lässt sich das Verhältnis zu Wissenschaft und Verschwörungsmythen in der Querdenker-Szene beschreiben?

Amlinger: Die Bewegung, zumindest der Teil, der aus dem linksalternativen Milieu stammt, ist herrschaftskritisch und antiautoritär: Das bedeutet zum einen weniger fremdenfeindlich und zugänglicher für eine offene Gesellschaft. Das antiautoritäre Verständnis kippt aber teilweise in Verschwörungsdenken. Oder, wie wir es genannt haben: eine schiefgestellte Herrschaftskritik.

Was bedeutet das?

Amlinger: Die herrschaftskritische Grundhaltung führt schnell zu einem generellen Unbehagen gegenüber biopolitischen Eingriffen des Staates – vom Maskentragen bis zum Impfen. Das verdichtet sich bis hin zu einem Generalverdacht, der das staatliche Handeln überhaupt in Frage stellt – nicht nur in der Pandemie. Das bedeutet: Die Vorbehalte gegenüber dem Staat lösen sich vom konkreten Inhalt – sprich dem Impfen – und stellen die Realität als solche in Frage. Über eine allgemeine Elitenkritik landen viele dann oft bei antisemitischen Verschwörungstheorien. Die Überschneidungen sind da sehr groß.

Woher speist sich diese Wissenschaftsskepsis?

Amlinger: Wir lesen das auch als eine Nebenfolge der Politisierung von Wissen. Der Soziologe Ulrich Beck hat 1986 sein Buch „Die Risikogesellschaft“ vorgelegt. Darin beschreibt er, dass nicht allein die globalen Gefahren zunehmen, sondern die Risiken auch einen anderen Charakter haben. Die Radioaktivität nach einem Reaktorunfall oder die Folgen der Erderwärmung können klassenübergreifend jeden treffen. Die Risiken sind aber auch unsichtbar. Das führt zu einem veränderten Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft: Die Politik verlässt sich zur Bewertung der Risiken auf Expertenwissen. Das Erfahrungswissen des einzelnen wird dadurch entwertet, der einzelne fühlt sich zurückgesetzt und verletzt.

Wie hat sich das in der Pandemie ausgewirkt?

Nachtwey: Viele aus der Querdenker-Szene lehnen sich auf gegen den Staat und Expertenwissen. Stattdessen setzen sie auf ihren eigenen Erfahrungsschatz. In unseren Interviews in der Szene legten uns die Befragten vielfach eigene Tabellen und Statistiken vor – teils offizielle, teils alternative – die sie selbst gedeutet und zu einer eigenen Argumentationskette zusammengefügt hatten. Gegen das Expertenwissen bauten sie eine eigene Expertise auf. Wir sprechen darum von Autoexpertise.

Was haben Sie noch beobachten können?

Amlinger: Das zweite Phänomen war eine Aufwertung der eigenen Intuition und Anschauung. Sätze wie „Ich kenne niemanden, der an Corona gestorben ist.“ Oder: „Ich weiß von jemandem, der nach einer Impfung ums Leben kam.“ Diese anekdotische Evidenz – ein Begriff, der aus der Literaturwissenschaft stammt – wird gegen die Wahrheit der Wissenschaft gesetzt. Aus dieser Wahrhaftigkeit resultiert eine Art Selbstermächtigung: „Ich weiß selbst, was für meinen Körper gut ist.“

Sie sprechen in Ihrem Buch von einer Verabsolutierung des Freiheitsbegriffs. Was bedeutet das für das Verhältnis der Szene zum Staat?

Nachtwey: Es gibt eine staats-, wissenschafts- und medienskeptische DNA in dieser Bewegung. Das kann durchaus auch eine sinnvolle Form von Herrschaftskritik sein. Für die nunmehr alten Neuen Sozialen Bewegungen war das zentral. Die eigene Gegenexpertise, etwa in der Anti-Atom-Bewegung, war eben auch ein Mittel gegen die Behauptung des Staates, dass Kernenergie eine sichere Technologie sei. Daneben gab es gerade im Alternativmilieu auch eine gewisse Tradition von Staatsferne und Formen der Selbstorganisation: andere Kindergärten, andere Schulformen. Deshalb begegnen wir in der Szene auch vielen aus dem anthroposophischen oder esoterischen Milieu. Dort war eine gewisse Skepsis gegenüber Staat und Paternalismus immer vorhanden. Bei den Querdenkern wurden diese Elemente wieder aufgerufen, aber verquer radikalisiert.

Zur Person

Carolin Amlinger, geboren 1984, hat in Trier Philosophie, Germanistik und Soziologie studiert. Sie lehrt Literaturwissenschaften an der Universität Basel.

Oliver Nachtwey , geboren 1975, hat in Hamburg ein Volkswirtschaftsstudium absolviert. Er ist Professor für Strukturanalyse an der Universität Basel.

Ihr gemeinsames Buch „Gekränkte Freiheit. Aspekte des Libertären“ ist . Suhrkamp, Berlin 2022. 480 S., 28 Euro.

Die Vorbehalte gegen den Staat und seine Maßnahmen schlagen rasch um in Ablehnung…

Amlinger: Daher sprechen wir von einer schiefgestellten Herrschaftskritik. Der Staat wird wahrgenommen als Diktatur. Von da ist es nicht weit zu Selbstermächtigung und Widerstand. Die Imagination, in einer Diktatur zu leben und die Selbstinszenierung als heroisches Opfer impliziert eine Dringlichkeit zum Handeln. Ein zentrales Motiv, das uns in unseren Interviews in der Szene immer wieder begegnet ist.

Neben Staat und Wissenschaft erfährt auch der Freiheitsbegriff eine Umwertung. Ihr Buch trägt den Titel „Gekränkte Freiheit“. Was ist darunter zu verstehen?

Amlinger: Selbstverwirklichung hat gerade im alternativen Milieu einen hohen Wert, auch durch Praktiken der Selbstsorge wie Yoga. Diese spirituelle Innerlichkeit kann äußerst kränkungsanfällig sein, etwa durch Einschränkungen der Freiheit von außen wie den Lockdown. Allgemeiner gesagt: Aus dem starken Drang nach Selbstverwirklichung resultiert bei Zurückweisung auch ein starkes Gefühl von Kränkung. Deshalb unser Begriff der gekränkten Freiheit.

Welche Konsequenzen hat das?

Amlinger: Freiheit wird nicht mehr gesehen als etwas, das in einer Beziehung gelebt wird zur Gesellschaft. In der Querdenker-Szene wird der Freiheitsbegriff verabsolutiert. Auch im Umgang mit Corona. Es geht allein um die Widerstandsfähigkeit des eigenen Körpers, nicht um die Risiken der Gesellschaft. Viele sahen nur den Selbstschutz, nicht den Schutz der anderen.

Sie sprechen von einer Dynamik der Bewegung nach rechts und einem libertären Autoritarismus. Was verstehen Sie darunter?

Amlinger: Die Überlegungen knüpfen an Arbeiten der kritischen Theorie um Theodor W. Adorno in den 30er-Jahren und 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Damals wurde eine sogenannte F-Skala entwickelt, sprich Merkmale eines autoritären Charakters. Wir haben in unseren Untersuchungen in der Querdenker-Bewegung viele dieser Merkmale wiedergefunden. Etwa die, ein ausgeprägtes Machtdenken oder Projektivität, also eigene Aggressionen, auf andere zu übertragen. Ein Merkmal aber fehlt: Die Idealisierung einer Führerfigur, der man sich unterwerfen will. Stattdessen beobachten wir eine extreme Identifikation mit der eigenen Freiheit, die absolut gesetzt wird und gegen Einschränkungen radikal, eben autoritär verteidigt wird. Deshalb die Bezeichnung libertärer Autoritarismus.

Sie haben sich vor den Querdenkern auch mit der Occupy-Bewegung befasst, die im vergangenen Jahrzehnt mobil machte. Wo liegen die Unterschiede?

Nachtwey: Zunächst einmal gilt: Occupy war eine dezidiert linke Protestbewegung. Obwohl sich damals viele in der Anhängerschaft dieser Bewegung als weder links noch rechts einstuften. Es zeichnete sich aber schon damals eine neue Verwerfungslinie ab, die auch die Querdenker-Szene prägt: ein sehr starker anti-institutioneller Impuls. Der Staat und vermittelnde Intermediäre wie Parteien oder Gewerkschaften werden abgelehnt. Das deckt sich auch mit der Gelbwesten-Bewegung in Frankreich. Dieses sich gegen demokratische Repräsentation richtende Element macht diese Bewegungen anfällig für Verschwörungstheorien.

Ein Blick auf die Montagsdemonstrationen, die rund um Russlands Krieg in der Ukraine und steigende Energiepreise mobil machen. Wie stark sind die Überschneidungen zur Querdenker-Szene?

Nachtwey: Wir haben dazu im Frühjahr neue Erhebungen vorgenommen. Wie schon erwähnt, fehlt bei den Querdenkern diese Sehnsucht nach einem starken Führer. Aber was bei den Montagsprotesten mitschwingt, ist der allgemeine Generalverdacht gegen die öffentlichen Narrative, nun allerdings mit Bezug auf die Ursprünge des Ukraine Kriegs. Deshalb sieht man auch Teile der Partei die Basis auf diesen Demonstrationen.

Amlinger: Es gibt Gemeinsamkeiten – etwa die Skepsis gegenüber den USA oder der Nato. Insofern gibt es eine gewisse Anschlussfähigkeit.

Als wie gefährlich stufen Sie das Protestpotenzial der Montagsmarschierer ein?

Nachtwey: Wir müssen differenzieren. Es ist zunächst verständlich, dass Menschen, die ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können, gegen hohe Gasrechnungen demonstrieren. Die öffentlichen Ad-hoc Dämonisierungen von Menschen, die aus diesen Gründen demonstrierten, halte ich für hochproblematisch. Allerdings war schon zum Ende der Querdenker-Proteste zu beobachten, dass sich das Geschehen stärker vom Epizentrum Baden-Württemberg nach Bayern und Ostdeutschland verlagert hatte – und dort deutlich rechter und aggressiver geprägt waren. Dort dockt die Szene an andere Ressentiment-Bewegungen wie Pegida und rechte Strukturen an. Insofern finden in den Montagsprotesten auch rechtsextreme Akteure Gelegenheitsstrukturen. Ob es den vieldiskutierten heißen Herbst geben wird, halte ich für nicht ausgemacht. Dafür gibt es die reale Gefahr eines rechtsextremen Herbsts. Gerade in Ostdeutschland.

Sie betonen ausdrücklich, dass es nicht ausgemacht ist, dass die Querdenker-Bewegung komplett nach rechts abdriftet. Wie ließe sich ein Drift nach rechts verhindern?

Nachtwey: Verschwörungstheorien florieren in Zeiten von sozialen und existenziellen Umbrüchen, wenn es kein gesichertes Wissen mehr gibt und alte Gewissheiten plötzlich in Frage gestellt werden. Die Corona-Pandemie war und ist so ein Fall, jetzt kommt Russlands Krieg in der Ukraine dazu. Vieles wird davon abhängen, wie effektiv die Regierung nun soziale und existenzielle Notlagen verhindert. So richtig entschlossen ist die ja bisher nicht, da ja die privilegierten Klassen sich an der Krisenbewältigung nicht richtig beteiligen müssen.

Interview: Peter Riesbeck

Auch interessant

Kommentare