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Cannabis-Legalisierung: Der süße Duft in den Straßen New Yorks

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Von: Sebastian Moll

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Neues Lebensgefühl in New York.
Neues Lebensgefühl in New York. © imago

Seit der Legalisierung von Cannabis in vielen US-Bundesstaaten blüht auch in New York der Handel mit der Droge.

New York - Die 151. Straße im New Yorker Stadtbezirk Washington Heights ist seit Jahrzehnten eine beliebte Einkaufsstraße für Drogen aller Art. Junge Männer stehen in Gruppen zusammen und bieten Crack, Kokain und Marihuana an. Bis vor nicht allzu langer Zeit wurde die Ware in beistehenden Mülleimern versteckt und auffällig unauffällig der Kundschaft beim Händedruck im Vorbeigehen zugesteckt. Die Polizei vom Revier um die Ecke patrouillierte nächtlich, es gab periodisch Verhaftungen, damit die Ordnungshüter nicht untätig erschienen.

Seit einem Jahr jedoch haben sich die Sitten auf dem Block dramatisch gewandelt. Es wird permanent offen Marihuana geraucht, der Duft zieht süßlich durch die Fenster in die Wohnungen. Die Dealer haben mit aggressivem Marketing begonnen. Es werden Papptafeln mit Preisen für die verschiedenen Sorten aufgestellt – Produkte mit so klingenden Namen wie „Oreo“, „Tyson Ranch“ oder „Silver Haze“. Daneben sind auf Klapptischen, sorgfältig beschriftet, Proben der Ware ausgestellt. Die Kundengespräche und der Warenaustausch finden am helllichten Tag und in aller Ruhe statt. Die Polizei fährt vorbei und beschwert sich nur, wenn die Musik zu laut wird.

Staat New York hat Marihuana im Frühjahr 2021 legalisiert

Der Staat New York hat Marihuana im Frühjahr des Jahres 2021 legalisiert. Das ist im Grunde in diesen Tagen nichts Besonderes mehr. Die Drogenpolitik in den USA hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch gewandelt. Selbst konservative Politiker haben begriffen, dass dem Drogenproblem durch Kriminalisierung und Härte nicht beizukommen ist. Die sozialen und wirtschaftlichen Kosten des sogenannten „Krieges gegen die Drogen“, den Ronald Reagan in den 1980er Jahren angezettelt hat, sind untragbar geworden. Die Masseninhaftierung insbesondere nicht-weißer junger Männer hat zu einem dramatischen Anstieg von Armut und Gewalt geführt.

Die Aussicht, jetzt einen Haufen schwarzer und braunhäutiger Händler zu verhaften, wäre ein politischer Alptraum

Staatsabgeordneter Jesse Campoanor

So ist das liberale New York nur einer von 22 Staaten, in denen Marihuana mittlerweile legal ist. In vielen weiteren ist es entkriminalisiert worden. Lediglich in vier Bundesstaaten ist es weiterhin komplett illegal. In New York zeigt sich jedoch derzeit deutlich, dass sich die Folgen einer verfehlten Drogenpolitik nicht über Nacht rückgängig machen lassen.

So floriert das Geschäft an der 151st Street zwar bislang allerbestens. Allerdings geht das auch nur deshalb gut, weil die Polizei die Augen zudrückt. Die Legalisierung im Jahr 2021 betraf lediglich den Besitz und den Konsum. Für den Verkauf müssen Lizenzen erworben werden. Die ersten dieser Lizenzen für offizielle Händler werden jedoch erst in diesen Tagen verteilt. Gerade einmal 38 gibt New York zum Jahresende heraus.

Die Händler an der 151st Street haben selbstverständlich keine Lizenz. Ebenso wenig wie Hunderte Geschäfte, die seit der Legalisierung einfach mal losgelegt haben. Geschäfte wie „Weed World“ und „Smoke Shop“ sind bereits beliebte Anlaufstellen für Touristinnen und Touristen am Times Square geworden.

Und als Werbegeschenk gibt es einen Joint dazu

In Brooklyn bekommt man in einem Cafe namens „Funky Dog“ einen Blunt zum Kaffee. Der „Empire Cannabis Club“, nimmt Abonnements für regelmäßige Lieferungen an seine Mitglieder entgegen. Und Hunderte von Bodegas, die allgegenwärtigen Allzweck-Eckläden der Stadt, verkaufen Süßigkeiten für 60 Dollar und geben dem Kunden als „Werbegeschenk“ einen Joint mit. Die Tatsache, dass sich dieser halblegale Markt in den vergangenen anderthalb Jahren wohl etabliert hat, stellt den Staat nun, da die Lizenzen kommen, vor ein großes Problem. Prinzipiell müsste man den unlizenzierten Verlauf unterbinden. Doch damit würde man die harte Anti-Drogen-Politik fortsetzen, die überhaupt zu der Reform geführt hat. „Die Aussicht, jetzt einen Haufen schwarzer und braunhäutiger Händler zu verhaften, wäre ein politischer Alptraum“, sagt der Staatsabgeordnete Jesse Campoanor, einer der Hauptautoren des Gesetzes zur Legalisierung von Marihuana.

Wenn du glaubst, dass dir der Typ von der Bodega dein Geschäft wegnimmt, gibst du nur zu, dass sich dein Zeug von seinem nicht abhebt.

Inhaber eines lizenzierten Betriebs

Vor allem jedoch wäre das Hauptziel der Legalisierung damit deutlich verfehlt. In der neuen Drogenpolitik geht es darum, denjenigen, die neben dem Drogenhandel nur begrenzte Möglichkeiten haben, einen Lebensunterhalt zu bestreiten, einen Weg in eine respektable Existenz zu bahnen. Eine große Zahl dieser Menschen, wie die Händler auf der 151st Street, haben jedoch nicht darauf gewartet, dass der Staat mit dem Lizenzierungsverfahren zu Potte kommt. Zudem schließt das Zulassungs-Verfahren viele von diesen Händlern aus. Man muss beispielsweise beweisen, dass man seit zwei Jahren ein profitables legales Geschäft betreibt. Das können freilich nur die Wenigsten.

Cannabis-Legalisierung in New York dürfte vorläufig wohl nur halb erfolgreich bleiben

So wird Legalisierung in New York vorläufig wohl nur halb erfolgreich bleiben. Angesichts der Scheu der Staatsgewalt, die Unlizenzierten zu bestraften, dürften auf absehbare Zeit legale und illegale Betriebe koexistieren. Anreize, eine Lizenz zu erwerben, gibt es allerdings reichlich. Zu einer Lizenz gibt es das Anrecht auf von der Stadt bereitgestellte Verkaufsräume, sowie Zugang zu günstigen Unternehmerkrediten.

Wohin sich die Konsument:innen wenden, glauben Insider, wird sich nun vor allem nach der Qualität des Produktes richten. Der Betreiber einer der ersten lizenzierten Betriebe in Brooklyn formulierte es so: „Wenn du glaubst, dass dir der Typ von der Bodega dein Geschäft wegnimmt, gibst du nur zu, dass sich dein Zeug von seinem nicht abhebt.“ Ein simples Gesetz des Kapitalismus. (Sebastian Moll)

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