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Canan Topçu: „Privilegiert. Marginalisiert. Migrantisiert.“

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Von: Pitt von Bebenburg

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Die Erinnerung bleibt lebendig: Das Plakat zeigt die Terroropfer von Hanau.
Rassismus tötet - wie hier in Hanau. Aber was ist gegen Rassismus zu tun? © Peter Jülich

Die Autorin sieht die Unversöhnlichkeit der Rassismus-Debatten mit Unbehagen. Sie will lieber Brücken bauen – unermüdlich.

Kaum eine Debatte wird so verbissen und verbittert geführt wie die über Rassismus. Es ist aus der Sicht der Journalistin, Autorin und Dozentin Canan Topçu eine „Desintegrationsdebatte“. Dabei geht es im Kern doch um eine Frage des Respekts vor unterschiedlichen Identitäten. Da täte es gut, wenn die Kontrahentinnen und Kontrahenten öfter die Gelassenheit aufbringen würden, für die Topçu in ihrem Buch „Nicht mein Anti-Rassismus“ plädiert. Brücken bauen statt vor Wut und Enttäuschung Brücken abzureißen.

„Ich komme da nicht mehr mit“, schreibt die Autorin über die immer neuen und immer wieder vergeblichen Versuche, rassistische Zuschreibungen aus der deutschen Sprache zu verbannen und neue Worte zu finden. „Weiß kleingeschrieben, Schwarz großgeschrieben, Privilegiert. Marginalisiert. Migrantisiert. Rassifiziert. Black and People of Color“, zählt Topçu auf. „Ich, die ich nach Wörtern suche, um daraus Brücken zu bauen, zwischen ,wir‘ und ,ihr‘, zwischen ,uns‘ und ,euch‘, sehe euch auf diesen Brücken zanken“, ruft sie der jüngeren Generation von antirassistischen Aktivist:innen zu.

Ausgerechnet sie, die Ausgrenzung und Diskriminierung erlebt hat. So handelt ihr Buch von der lebenslangen Suche der Autorin nach dem richtigen Umgang mit verschiedener Herkunft und Identität, nach dem richtigen Weg, um gegen Ungleichbehandlung vorzugehen. Von einer nicht endenden Suche, in der eines im Mittelpunkt steht: das ehrliche Interesse am Gegenüber.

Ein Tag im November

Topçu kam 1973 im Alter von acht Jahren aus der Türkei nach Deutschland, „an einem regnerischen Novembertag“. Ihre Mutter war schon früher zum Arbeiten in die Bundesrepublik gezogen, jetzt kamen Vater und Kinder nach. Keineswegs war damals abzusehen, dass das neugierige Mädchen zur ersten türkeistämmigen Redakteurin einer deutschen Qualitätszeitung werden würde, im Jahr 1999 bei der Frankfurter Rundschau. Und dass sie heute seit langem als Journalistin und Autorin in deutscher Sprache arbeitet, als Hochschuldozentin und treibende Kraft in zivilgesellschaftlichen Organisationen wie den Neuen deutschen Medienmacher:innen, die sie mitgegründet hat.

Topçu kennt aus eigener Erfahrung die Ausgrenzung, die viele Menschen anderer Herkunft, anderer Religion, anderer Sprache, anderer Traditionen, anderen Aussehens oder mit anderen Namen in Deutschland erfahren. Sie erinnert sich an den Sportunterricht, in dem keine der Mannschaften sie, das Mädchen aus der Türkei, in die eigenen Reihen wählte. Welch eine Beschämung. Aber zugleich wehrt sie sich gegen „das Rumgeschimpfe auf Deutschland und die Deutschen“, das manche von ihr erwarteten. „Was für ein Quatsch“, findet Topçu.

Zum Inbegriff des antirassistischen Unmuts ist die Frage „Wo kommst du her?“ geworden. Dabei kann sie ehrliches Interesse bekunden an der anderen Person. Aber sie kann auch ausgrenzen. Nach dem Motto: Du gehörst nicht hierher. Sie kann ein Gespräch eröffnen, das in Freundschaft endet. Oder in Ärger und Bitterkeit mündet.

Heikle Frage nach der Herkunft

Fängt damit schon der Rassismus an, wie manche antirassistische Debatte nahelegt? Die Journalistin Topçu mahnt zur Differenzierung. „Wenn aber schon allein die Frage nach der Herkunft zu einer rassistischen Sprachhandlung wird und die eigene Sensibilität so sehr in den Mittelpunkt gerückt wird, wenn Verletzungen zu Schuldzuweisung und Gesprächsverweigerung führen, dann verengt sich auch der Begegnungsraum“, stellt sie mit Bedauern fest.

Ihr geht es um jeden einzelnen Menschen, nicht um die ganze Gruppe. Sie trifft auf alte deutsche Männer, die ihr den Job zutrauen, auf eine deutsche Kollegin, die ihr eine Suppe vorbeibringt, als sie gleich am Anfang des Jobs erkrankt. „Ich bin perplex“, schildert Topçu ihre Erinnerung daran, „denn das passt so gar nicht zu meiner Vorstellung über ,die‘ Deutschen“.

Vorurteile haben nicht nur die anderen. Die Autorin stellt sich dieser Tatsache. „Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich Menschen in eine Schublade stecke“, schildert sie. „Das geht schnell und instinktiv. Auch in meinem Kopf geistern – leider – jede Menge böse Gedanken umher. Über bestimmte Glaubensgemeinschaften, über diese und jene Gruppen und Ethnien, über Menschen mit diesem oder jenem Outfit.“ Wie viel leichter ist es, mit diesem Eingeständnis Brücken zu bauen als mit einer besserwisserischen Attitüde.

Der Terror von Hanau

Einem „versöhnlicheren Umgang“ will Topçu den Weg bereiten, sogar bei einem Thema, das keinen Trost lässt: dem Terror, den ein von Verschwörungsideologien besessener Rechtsextremist am 19. Februar 2020 in Hanau verübte, wo er neun Menschen tötete, bevor er auch seine Mutter und sich selbst erschoss. In Hanau, wo auch Canan Topçu zuhause ist. Es ist das heikelste Kapitel in ihrem Buch und das am wenigsten überzeugende.

Natürlich dringt sie auf Aufklärung und einen angemessenen Umgang mit den Familien der Opfer. Aber sie fragt auch, ob diese instrumentalisiert werden, „um die Politik unter Druck zu setzen“. So wendet sie sich gegen den antirassistischen Diskurs der Hanauer „Initiative 19. Februar“, die mit den Opferangehörigen eng zusammenarbeitet. Hier übersieht die Autorin, wie entscheidend die Herangehensweise der Initiative dazu beiträgt, die Ereignisse von Hanau aufzuarbeiten – an Punkten, die der Politik und der Polizei höchst unangenehm sind. Stattdessen versucht Topçu, selbst hier noch Brücken zu bauen. „Schon allein aus therapeutischen Gründen, und um den Heilungsprozess zu fördern, hätten die am Einsatz beteiligten Polizisten und Rettungskräfte mit den Opferangehörigen an einen Tisch gebracht werden sollen.“

Ist das nun Migrantinnenliteratur, was Topçu liefert? Einerseits ja, denn sie erzählt eindrücklich von ihren Erfahrungen aus dieser Perspektive. Andererseits bleibt die Hessin mit türkischen Wurzeln auch hier versöhnlich. Die Gesellschaft habe sich verändert, befindet die Autorin und nennt den Büchermarkt als Beispiel. „Autoren, die früher höchstens in Nischenverlagen erschienen, veröffentlichen inzwischen ihre Bücher in renommierten Verlagen“, stellt sie fest und schließt die Frage an: „Braucht es eine besondere Bezeichnung für all diese Autoren, die biografische Bezüge zu anderen Ländern haben und/oder andere Erfahrungen machen als Herkunftsdeutsche?“ Ihre Antwort ist eindeutig: „Ich denke nicht.“

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