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Bundeswehr-Serie auf Youtube: „Wir sind exzellente Kämpfer“

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Von: Rudolf Ogiermann

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Wachbataillon der Bundeswehr, hier außerhalb von Youtube bei einem Termin in Berlin.
Wachbataillon der Bundeswehr, hier außerhalb von Youtube bei einem Termin in Berlin. © Imago/Photothek

Statt Ende der 80er 495.000 sind heute nur noch 180.000 Menschen bei der Bundeswehr. Mit der Youtube-Serie „Semper talis“ werben die Streitkräfte um Nachwuchs.

Berlin – „Wir sind exzellente Kämpfer“, sagt einer der Protagonisten voller Stolz, und ein anderer betont, worauf es darüber hinaus vor allem ankommt: „Disziplin ist das A und O.“ Und dann sieht man Bundeswehrsoldaten exerzieren („Rechts um!“) und kurze Zeit später auf der „Ortskampfanlage“ mit Gewehr im Anschlag ein fiktives Hotel stürmen.

Das hier könnte ein beliebiges Reality-Format sein, von denen es im Fernsehen so viele gibt. Wie man abspeckt oder ein Haus renoviert und sich dabei filmen lässt. Doch es handelt sich bei dieser Serie um eine aufwendig gemachte Imagekampagne der Bundeswehr. „Semper talis“ (lateinisch: stets gleich) heißt die Produktion, die aus acht regulären und zwei „Spezialfolgen“ besteht und auf dem Kanal „Bundeswehr Exclusive“ bei Youtube zu sehen ist.

Bundeswehr-Serie „Semper Talis“ macht Nachwuchswerbung auf Youtube

„Semper talis“ ist der Wahlspruch des Wachbataillons beim Bundesministerium der Verteidigung in Berlin, und wer sich auf die jeweils rund zehnminütigen Folgen einlässt, die seit Ende Juni auf Sendung sind, bekommt einen Einblick in die Ausbildung und den Alltag bei dieser gut 1000 Soldatinnen und Soldaten zählenden Truppe, deren Hauptaufgabe der protokollarische Ehrendienst ist – beim Empfang ausländischer Staatsgäste beispielsweise. Aber das Wachbataillon hat auch einen „grünen Zweitauftrag“, im Verteidigungsfall übernimmt es „den Schutz von Anlagen und Einrichtungen der Befehlsstellen der Bundesregierung“, wie es in einer Einblendung heißt.

Entsprechend bunt sind die Bilder, unterlegt von rockigen Rhythmen, wie sie heute bei solchen Formaten Standard sind. Man sieht die jungen Soldaten beim Training für ihre so unterschiedlichen Aufgaben, dem Umgang mit dem historischen Karabiner, aber auch der Handhabung moderner Waffen. Die Clips lassen nur ahnen, wie die Männer und Frauen tatsächlich gedrillt werden, bis die Abläufe klappen und der so wichtige „Präsentiergriff“ sitzt. Soldatenballett. Da gibt es „Gruppenabnahmen“, hinterher werden von den Chefs Noten verteilt. Aber auch Sport steht auf dem Dienstplan – und Formationsfahren mit dem Motorrad.

Imagekampagne: Seit Wehrpflicht-Aussetzung wirbt die Bundeswehr um Nachwuchs

Die jungen Leute sind – wie sollte es anders sein in einem Film, der die Bundeswehr positiv darstellt – sehr motiviert, dürfen aber auch mal Schwäche zeigen und die blauen Flecke, die der vier Kilogramm schwere Karabiner beim Training verursacht. „Ich wollte etwas draußen machen, nicht stumpf im Büro sitzen“, sagt der Hauptgefreite Philipp (mit Rücksicht auf die Privatsphäre der Soldaten werden immer nur die Vornamen genannt) und strahlt: „Staatsgäste zu empfangen, wäre das Größte für mich.“ Dazu haben die Neulinge im Wachbataillon auch ganz überraschend die Gelegenheit, es gilt, den montenegrinischen Präsidenten mit militärischen Ehren zu empfangen. Auch die Ausbilder äußern sich immer wieder – strenge Lehrer und dennoch wohl weit entfernt von den sadistischen „Schleifern“ aus den Zeiten der Wehrmacht.

Werbung für die Truppe – in kriegerischen Zeiten wie diesen aus Sicht der Bundeswehr so notwendig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Im Jahr 1989, kurz vor der Wende, hatte die Bundesrepublik Deutschland noch 495.000 Mann unter Waffen, heute sind es rund 180.000 Männer und Frauen. Seit der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 wirbt die Bundeswehr verstärkt um Nachwuchs, seit 2015 öffnet sie einmal jährlich ihre Kasernen für die Öffentlichkeit. Mehr als 30 Millionen Euro gibt das Verteidigungsministerium im Jahr für PR aus. Vorbei die Zeiten, in denen die Truppe mit mehr oder weniger originellen Sprüchen („Bei uns geht es ums Weiterkommen, nicht nur ums Stillstehen“) auf sich aufmerksam machte. Vorbei die Zeiten, in denen man nur kurze, allzu perfekt inszenierte Spots im Fernsehen („Mach, was wirklich zählt“) im Repertoire hatte.

Bundeswehr-Serie „Semper Talis“ setzt auf Ästhetik des Reality-TV und kommt gut an

Schon länger arbeitet man mit anderen filmischen Mitteln, mit der Ästhetik des Reality TV, wie man es aus dem Privatfernsehen kennt. Es begann mit der Webserie „Die Rekruten“, die den Alltag in der Grundausbildung bei der Marine zeigt und – so die Verantwortlichen – die Zahl der Bewerber kurzzeitig um 20 Prozent steigen ließ. Es folgte eine Produktion, die den Einsatz deutscher Soldaten im afrikanischen Mali begleitete.

Und nun eben „Semper talis“. Zwischen 100.000 und fast 300.000 Aufrufe verzeichnen die Clips bis heute bei Youtube, auch die Kommentare sind überwiegend positiv. „Schon in der ersten Sekunde fällt auf, dass hier jemand Fähiges am Werk war“, ist da zu lesen, oder „Eine sehr tolle Serie, Respekt und vielen Dank für Eure tollen Einblicke“.

Beim Verteidigungsministerium ist man, was moderne Kommunikation betrifft, dagegen offenbar im vergangenen Jahrhundert stehen geblieben. Auf die Bitte um ein paar Worte der Macher zum Konzept und zum Erfolg der Produktion hieß es aus der Pressestelle, „aus kapazitären Gründen“ könne momentan „kein Ansprechpartner für ein Statement übermittelt“ werden. (Rudolf Ogiermann)

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