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Bundesgerichtshof zur „Judensau“ von Wittenberg: „Objektiver Gesamteindruck“

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Von: Ursula Knapp

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Stadtkirche St. Marien: Das Relief sitzt über der Südostecke der Chorfassade (auf dem Foto rechts).
Stadtkirche St. Marien: Das Relief sitzt über der Südostecke der Chorfassade (auf dem Foto rechts). © Christian Schroedter/imago

Der BGH sieht keinen rechtlichen Grund, die Abnahme des antisemitischen Reliefs an der evangelischen Stadtkirche in Wittenberg zu verlangen.

Das antisemitische Sandsteinrelief an der Stadtkirche von Wittenberg bleibt hängen. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat am Dienstag die Klage eines Mitglieds der jüdischen Gemeinde auf Entfernung rechtskräftig abgewiesen. Die Karlsruher Bundesrichter bejahten zwar den „massiv diffamierenden“ Charakter der mittelalterlichen Darstellung. Die Beleidigung des Judentums sei 1988 aber durch zwei angebrachte Mahntafeln zurückgenommen worden, so die Begründung.

Pfarrer fordert Eindeutigkeit

Unmittelbar nach der Urteilsverkündung in Karlsruhe kündigte der Pfarrer der Wittenberger Stadtkirche, Alexander Garth, allerdings eine eindeutigere Distanzierung an. „Wir müssen etwas machen, das lauter spricht als dieses Schandmal da oben“, sagte Garth. Das aus dem Jahr 1290 stammende Relief zeigt Juden, die an einer Sau saugen, eine weitere als Rabbiner gekennzeichnete Figur hebt den Schwanz des Tieres und schaut ihm in den After. „Isoliert betrachtet verhöhnt und verunglimpft das Relief das Judentum als Ganzes“, sagte der Vorsitzende Richter, Stephan Seiters in der Urteilsverkündung. Es handle sich um „in Stein gemeißelten Antisemitismus“, so Seiters weiter.

Aber die Evangelische Gemeinde installierte fünfzig Jahre nach der Reichspogromnacht der Nationalsozialisten unter anderem eine Tafel mit der Überschrift „Mahnmal an der Stadtkirche Wittenberg.“ Dort heißt es unter anderem: „An der Südostecke der Stadtkirche Wittenberg befindet sich seit etwa 1290 ein Hohn- und Spottbild auf die jüdische Religion. Schmähplastiken dieser Art, die Juden in Verbindung mit Schweinen zeigen – Tiere, die im Judentum als unrein gelten – waren besonders im Mittelalter verbreitet ... Judenverfolgungen fanden in Sachsen Anfang des 14. Jahrhunderts und 1440 statt, 1536 wurde Juden der Aufenthalt in Sachsen grundsätzlich verboten.“

Auf der Bodenplatte ist zu lesen: „Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem Ha Mphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in 6 Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen“. Durch diese Inschriften sei das Schandmal in ein „Mahnmal zum Zwecke des Gedenkens und der Erinnerung an die jahrhundertelange Diskriminierung und Verfolgung von Juden bis hin zu Shoah “ umgewandelt worden.

BGH sieht Gemeinde am Zug

Der Vorsitzende Richter verwies auf die Rechtsprechung, wonach der objektive Gesamteindruck zu bewerten sei. Bei unvoreingenommener Betrachtung sei die Distanzierung von der Darstellung erkennbar. Aber auch wenn man diese für nicht ausreichend halte, könne deshalb keine Entfernung verlangt werden. Denn wenn es mehrere Möglichkeiten gebe, müsse es der Evangelischen Gemeinde überlassen werden, wie sie den Störungszustand beseitige. (AZ: VI ZR 172/20)

Das Urteil hat Signalwirkung, wie rein rechtlich mit Diskriminierung auf historischen Monumenten umzugehen ist.

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