Bettina Munk, Heinz Bude und Karin Wieland (v.l.) in Kreuzberg.
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Bettina Munk, Heinz Bude und Karin Wieland (v.l.) in Kreuzberg.

Berlin in den 80ern

„Aufprall“ – „Man war ziemlich arm, traute sich aber allerlei zu“

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Heinz Bude, Bettina Munk und Karin Wieland über ihren gemeinsamen 80er-Jahre-Roman „Aufprall“, Berlin als Stadt, um zu scheitern, und die 68er, die ihnen damals im Nacken saßen.

Frau Munk, Frau Wieland, Herr Bude, einer der ersten Sätze Ihres Romans „Aufprall“ lautet: „Im entscheidenden Moment ihres Lebens hat sie geschlafen.“ Erst später erfährt man, dass es sich dabei um einen schweren Autounfall handelt. Die Hauptfiguren Ihres Romans entstammen einer Generation, die bisher als Zaungäste oder Zuspätgekommene beschrieben wurden. War in den 80er Jahren alles ganz anders?

Heinz Bude: Wir kommen gerade nicht aus einer Zeit trostloser Selbstbezüglichkeit. Unser Roman handelt von einer Gruppe aufrührerischer Jungmenschen, die alles andere als Zaungäste sind. Es geht um das Austesten der Möglichkeit, im West-Berlin jener Jahre ein ganz anderes Leben als in Westdeutschland zu führen. Berlin war der Ort, an dem man stets den Eindruck haben konnte, dass der Zweite Weltkrieg gerade einmal drei Wochen vorbei sei.

Karin Wieland: Der erste Satz, der Aufschlag, ist immer das Wichtigste. Wir haben dabei an John Le Carré gedacht. Es ist die Anlehnung an den Kalten Krieg, an etwas Geheimnisvolles. In dem Berlin, in das wir geraten sind, waren die Geister und Gespenster der Vergangenheit noch sehr präsent. Der Anfang des Buches ist filmisch. Es könnte auch der Auftakt zu einem Spionage-Thriller sein.

Tatsächlich ist der Roman jedoch im West-Berliner Hausbesetzer-Milieu angesiedelt. Was lässt sich über diese inzwischen eher vernachlässigte Episode aus der späten Bundesrepublik heute sagen? Warum ausgerechnet heute ein Roman über Hausbesetzer?

Bettina Munk: Mit dem Mauerfall war West-Berlin plötzlich verschwunden. Es gibt vergleichsweise wenig, was die Erinnerung an den Mythos West-Berlin konserviert hat, zumindest außerhalb der Erzählgemeinschaft unserer Generation.

Wieland: Ich war vor vier Jahren bei einer Tagung im Getty-Center in Los Angeles. Es ging um urbane Rebellionen. In einem der Vorträge berichtete eine Professorin mit feurigem Pathos von den Hausbesetzungen im West-Berliner SO 36. Ich dachte, da bin ich doch dabei gewesen! War das etwa was Besonderes? Als ich Bettina davon erzählte, holte sie die Zeichnungen über diese Zeit aus ihrem Archiv. Uns wurde klar, dass diese Jahre zwischen 1980 und 1989 nicht nur für uns sehr wichtig waren, sondern zugleich auch das letzte Jahrzehnt des Kalten Krieges waren. Der besondere Drive des Romans besteht darin, dass die Dinge auf ein Ende zurasen, das keiner kennt.

Bude: Von den Protagonisten heißt es im Roman, dass sie in diese Stadt gekommen waren, von der sie nicht wussten, dass die Toten einem hier den Platz zuwiesen.

Dann stimmt es also doch, das etwas infantile Bonmot: „Wer sich an die 80er Jahre erinnern kann, war nicht dabei.“ Hat Ihr Buch einen nachholenden Charakter?

Bude: Es gibt insofern etwas nachzuholen, weil wir einer Generation angehören, die nicht stolz auf ihre Jugend ist. Es gibt für uns keinen narzisstischen Jugendstolz, in dem man auf das früh Geleistete blickt. Gleichzeitig haben wir entdeckt, dass es für die zahlenmäßig größte Generation der Nachkriegszeit, also die sogenannten Babyboomer, die formierende Phase ihres Lebens war. Deren Bedeutung und Geschichte ist in der Literatur bislang allenfalls ironisch angedeutet wie in Sven Regeners „Herr Lehmann“, aber nicht in ihrer ganzen Tragweite und auch Tragik erzählt worden.

Sie zeichnen das Bild von Akteuren, die im kulturellen Umfeld des „anything goes“, einer neuen Beliebigkeit, in der alles möglich scheint, ein Leben in kompromissloser Direktheit anstreben. Was unterscheidet diese sogenannten 78er von den 68ern?

Munk: Die 68er saßen uns im Nacken. Sie wurden oder werden immer die Alt-68er genannt. Mit deren Programm wollten wir nichts zu tun haben. Mehr noch: Wir wollten nicht hinein in die Institutionen, sondern raus. Wir waren so gesehen eine Aussteiger-Generation.

Wieland: Die 68er wussten immer alles besser. Das war öde und hat uns genervt. Sie waren unsere Lehrer, die sich gar nicht genug loben konnten für das, was sie erreicht hatten. Aber wenn man jung ist, will man selbst etwas erobern. Es gab eine Sehnsucht nach der großen Stadt, die es in Deutschland gar nicht gab. Wir hatten ja nur dieses Rumpf-Berlin, in das wir uns retten konnten.

Dann stellte die Hausbesetzung als politische Aktion lediglich eine günstige Gelegenheit dar?

Munk: Nein, das nicht. Aber sie bot den Rahmen für etwas, das wir uns vorgestellt haben. Besser noch: Wir konnten den Rahmen selbst abstecken.

Wieland: Es war das gelebte Experiment mit offenem Ausgang. Es hatte natürlich auch etwas Schwärmerisches, Abenteuerliches, Naives, war voll lebensgestalterischer Energie.

Munk: Und es inkludierte alles. Es waren die dabei, die erst nachmittags um vier aufgestanden sind und den Rest des Tag gekifft haben.

Aber Ihr Roman ist ja keine romantisierende Erzählung geworden. Am Ende scheitern fast alle.

Wieland: Berlin ist eine Stadt, um zu scheitern. Das ist bis heute der Sog dieser Stadt.

Bude: Wer gewinnen will, soll nach München gehen.

Wieland: Lutz Seilers Roman „Stern 111“, der in der Ost-Berliner Besetzerszene spielt, ist eine Art Gegenstück. Aber er schlägt einen völlig anderen Ton an. Wenn man die beiden Bücher nebeneinanderlegt, hat man zwei sehr unterschiedliche Milieuschilderungen, die für die Mentalitätsgeschichte dieser Stadt äußerst reizvoll ist. Selbst die Erzählperspektiven sind ähnlich. Seiler schreibt über Carl, der Künstler werden will, bei uns ist Luise, eine junge Künstlerin, eine der Hauptfiguren.

Zur Person

Heinz Bude, 1954 in Wuppertal geboren, hat Soziologie, Philosophie und Psychologie in Tübingen und Berlin studiert. Seit 2000 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Makrosoziologie an der Universität Kassel. Ebenfalls bei Hanser erschien 2019 sein Buch „Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee“.

Bettina Munk, 1960 in München geboren, hat Kunst in Berlin und London studiert. Sie übernahm Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen und hat in Europa sowie in den USA ausgestellt.

Karin Wieland, 1958 in Hohenlohe geboren, hat Politische Wissenschaften in Berlin studiert. Ebenfalls bei Hanser erschien 2017 ihr Buch „Das Geschlecht der Seele. Hugo von Hofmannsthal, Bert Brecht und die Erscheinung der modernen Frau“.

Das Buch: Bude, Munk, Wieland: Aufprall. Roman. Hanser Verlag, München 2020. 384 Seiten, 24 Euro.

Ich gehöre derselben Generation an, die Sie beschreiben. Die meisten Schauplätze sind mir sehr vertraut. Beim Lesen ist mir aufgefallen, dass Ihre Figuren stets inmitten eines Geschehens sind, von dem ich allenfalls gestreift wurde. In der berühmten Disco „Dschungel“ war ich ein einziges Mal. Das einzig Triumphale daran war, vom Türsteher durchgelassen zu werden. An der FU waren es andere, die sich groß in Szene setzen. Aber war dieses abwartende Danebenstehen nicht gerade das Merkmal der um 1960 Geborenen?

Munk: Da ist auf jeden Fall etwas dran, es ging mir damals ganz ähnlich. Der Künstlerin Luise ist im Roman dieses bloße Dabeisein durchaus vertraut. Aber plötzlich war man mittendrin. Die Hausbesetzer mussten jeden Augenblick damit rechnen, polizeilich geräumt zu werden.

Wieland: Wir zeigen eine sehr heterogene Gruppe von Figuren, die ihren Weg finden oder eben nicht finden. Uns war es wichtig zu zeigen, was passiert, nachdem der Peak des politischen Abenteuers überschritten ist. Der Ausblick auf die 90er Jahre, der heraufziehende Neo-Liberalismus scheint Ende der 80er Jahre bereits auf. In der Entwicklungsgeschichte der Figuren ist auch ein Bildungsroman enthalten, der danach fragt, was Schicksal, was Zufall ist. Und wir versuchen zu zeigen, was es heißt, als heterogene Gruppe zusammenzuleben und etwas zustande zu bringen. Der Preis dafür war hoch.

In Bezug auf die 68er gibt es zahlreiche Konversionsgeschichten und Erzählungen über sogenannte Renegaten, die sich von ihren Ideologien lösen mussten, um ins Leben zurückkehren zu können. Ist diese Generation anschlussfähiger?

Bude: Die Generation, die wir beschreiben, muss keine lebenspraktischen Konversionen vornehmen, keine ideologischen Wenden begründen. Marianne, eine der harten Polit-Frauen in unserem Roman, nimmt die Rasterfahndung des BKA als Grundlage eines Programms für eine Werbeagentur und macht damit Karriere.

Kann man sagen, dass 1989 für diese Generation ein Glücksfall in dem Sinne war, dass eine quälende Geschichte an ein Ende gekommen ist?

Bude: Das gilt für den jungen Wissenschaftler Thomas, für viele andere aber nicht. Die sind eher irritiert. Die Mauer galt als eine Art Naturtatsache, und plötzlich ist sie nicht mehr da. Als biografische Chance wird es im Roman nur von Thomas aufgefasst.

In der deutsch-deutschen Selbstbezüglichkeit fällt auf, dass die anderen Transformationgesellschaften des Ostens kaum eine Rolle spielen. Haben Sie einen Teil der Handlung des Romans deswegen in die damalige Tschechoslowakei verlegt?

Munk: An dieser Stelle haben wir nichts konstruiert. Der Zufall hat auf sehr grausame Weise seine Hand erhoben. Die Romanfigur der Luise ist aus der konkreten Erfahrung des Unfalls hervorgegangen. Der Unfall hat stattgefunden.

Wieland: Dazu muss man wissen, dass Bettina mir 1995 aus New York ein Textfragment geschickt hat, in dem sie ihre Nahtoderfahrung verarbeitet hat. Dieser Text ist die Keimzelle des Romans. Das Buch ist nicht zuletzt das Produkt einer langen Freundschaft. Die Herausforderung bestand für uns darin, ein existenzielles Erlebnis des Kalten Krieges, der Zusammenstoß mit einem sowjetischen Militärlaster, mit der politischen Praxis der Hausbesetzungen zu verknüpfen.

Bude: Sie sind da hineingeworfen worden. Der Unfall in der damaligen Tschechoslowakei konfrontiert Luise und Thomas mit der Wirklichkeit des Ostblocks.

Es ist sehr ungewöhnlich, dass eine Künstlerin, ein Soziologe und eine Historikerin gemeinsam einen Roman schreiben. Was hat bei der Arbeit überwogen: die Übereinkunft auf eine gemeinsame Botschaft oder die Lust am Experiment? Wie schreibt man so etwas zu dritt?

Bude: Wir haben uns über ein Tableau von Themen verständigt.

Wieland: Wir wollten keine Dokumentation, kein Sachbuch schreiben. Wenn man etwas Besonderes zu sagen hat, fängt man an zu erzählen. Die Schwierigkeit bestand darin, eine Form zu finden, die zwischen dem „Wir“ der Gruppe und dem „Ich“ der Hauptfiguren changiert.

Bude: Wir haben nicht Satz für Satz gemeinsam geschrieben. Das Buch ist durchaus auch in der jeweiligen Einsamkeit am Schreibtisch entstanden. Beim kritischen Zusammenfügen sind wir sehr vorsichtig miteinander umgegangen. Wir haben uns viel Raum gegeben und nach Berührungspunkten gesucht. Das war übrigens auch ein Teil des Experiments, das aus der im Buch beschriebenen Lebensform hervorgegangen ist, einer Mischung von Kunst, Alltag und Theorie.

Munk: Man darf nicht vergessen, dass es eine sehr bilderlose Zeit war. Man hatte als Künstlerin eine große Freiheit, selbst etwas zu entwickeln. Die Filme, die wir machten, waren radikal und anarchistisch. Es gab keine Ästhetik, an der man sich wie heute über Youtube entlanghangeln kann.

Wieland: Hochkultur und Punk, Bach und Sex Pistols, Trash und Glamour gingen nahtlos ineinander über. Man war ziemlich arm, traute sich aber allerlei zu. Aber da gibt es nichts zu verherrlichen. Es war ein hartes und entbehrungsreiches Leben, das man nicht lange durchhalten konnte.

Weltgeschichtlich findet der Roman vor dem Horizont eines doppelten Aufpralls statt. Tschernobyl war das bedrohliche Symbol einer globalen Katastrophe und Aids die Blaupause einer modernen Pandemie. Was kann man aus den 80er Jahren lernen?

Wieland: Wenn etwas mit der heutigen Situation vergleichbar ist, dann ist es die Erfahrung, dass es keine rationale Handhabe, keine Bedienungsanleitung gibt. Bei Tschernobyl war man sich selbst überlassen. Die einzelnen wussten nichts und die Regierungen wussten auch nichts. Katastrophenbewusstsein kann man nicht lernen.

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