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Buch über Schöpfungsmythen: Die Schlange war besser als ihr Ruf

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Von: Micha Brumlik

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Nicht Schuld, sondern Segen: der „Sündenfall“ nach Dürer, in einer Kirche im Erzgebirge.
Nicht Schuld, sondern Segen: der „Sündenfall“ nach Dürer, in einer Kirche im Erzgebirge. © epd

Die biblischen Grundlagen der freiheitlichen Demokratie: Peter Schäfers „Die Schlange war klug“

Es erstaunt nur auf den ersten Blick, am Ende eines Buches über altorientalische und antike Schöpfungsmythen ein Kapitel über den ebenso brillanten wie faschistischen Rechtstheoretiker Carl Schmitt zu lesen. Indes: auch der Faschismus sowie eine Vorliebe für Diktaturen gehören zur Tradition westlichen Denkens; eines Denkens, das nicht nur mit den beiden Schöpfungsberichten der Hebräischen Bibel beginnt, sondern auch mit altorientalischen Mythen wie dem Gilgameschmythos aus dem dritten Jahrtausend vor der Zeitrechnung.

Auf jeden Fall: Freiheitliche Demokratien wie die der Bundesrepublik Deutschland setzen mündige Bürgerinnen und Bürger voraus, Menschen, die in Kenntnis moralischer Prinzipien und mit freiem Willen Entscheidungen treffen können – etwa so, wie sich das wesentliche Denker der deutschen Klassik, zum Beispiel Kant, Schiller und Fichte vorgestellt haben.

Diese Prinzipien unserer Kultur wurzeln jedoch – und das nachzuweisen gelingt dem Judaisten Peter Schäfer in exzellenter Weise – in den Schriften der Hebräischen Bibel, vor allem in den beiden Schöpfungsberichten des Buches Genesis. In Schöpfungsberichten, die zwar von ihren altorientalischen Vorgängern geprägt sind, aber gleichwohl eine alles entscheidende Neuerung enthalten: den Hinweis auf die menschliche Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

In den biblischen Berichten ist es die später im Christentum zu Unrecht verteufelte Schlange, die Adam und Eva dazu verführt, Früchte vom Baum der Erkenntnis zu verzehren, um daraufhin aus dem himmlischen Garten verstoßen zu werden und ein Leben in Mühe und Endlichkeit, aber eben auch in sittlicher Freiheit zu führen. Im christlichen Glauben wurde aus der Tat der Schlange und der Verführbarkeit der beiden ersten Menschen, eines Mannes und einer Frau, das, was vom Kirchenvater Augustinus – er lebte im vierten Jahrhundert – bis zu Martin Luther als „Erbsünde“ gilt.

Nun basiert die westliche Kultur gleichermaßen auf Philosophie und Geschichte des klassischen Griechenland sowie des biblischen Israel, ergänzt um die griechischen Schriften des Neuen Testaments sowie – viel zu wenig berücksichtigt – dem rabbinischen Schrifttum. Beim Blick auf die griechische Tradition zeigt sich freilich, dass ihre Philosophie, obwohl die Demokratie in Athen entstanden ist, keineswegs besonders freiheitsinteressiert war – was sich vor allem bei Platon zeigt. Insofern ist es erhellend, Schäfers Darstellung der Welterschaffung in Platons Dialog „Timaios“ – mit seiner Gestalt des die Welt erschaffenden „Demiurgen“ – zur Kenntnis zu nehmen, beziehungsweise über den ganz ohne einen Schöpfer auskommenden Materialismus Epikurs und Demokrits sowie des römischen Denkers Lukrez informiert zu werden.

Im „Timaios“ jedenfalls – so liest Schäfer diesen Dialog – hat der Mensch nur die Möglichkeit, sich der Lenkung der Sternengötter zu unterwerfen: „wer sich dieser Lenkung entzieht, ist selbst für sein trauriges Schicksal verantwortlich.“ Im Kontrast dazu postulieren die zweite biblische Schöpfungsgeschichte sowie ihre späteren rabbinischen Deutungen menschliche Entscheidungsfreiheit, denn, so Schäfer: „Die Übertretung des Verbots, vom Baum der Erkenntnis zu essen, ist das, was den Menschen erst zu einem Individuum, zu einem freien und selbstbestimmten Menschen werden lässt, der in eigener Verantwortung über sein Schicksal entscheidet.“ Schäfer weist nach, dass es das Christentum namentlich des Kirchenvaters Augustinus mit seiner den biblischen Bericht verfälschenden Lehre von der durch Adam und Eva in die Welt gekommenen „Erbsünde“ war, das schließlich auch autoritäres politisches Denken wie das von Carl Schmitt ermöglicht hat.

Als einer der besten Kenner des rabbinischen Judentums hält Schäfer mit einer Geschichte aus dem babylonischen Talmud dagegen, dass zwar der Tod eine Folge der Sünde sei, dieser Tod sich indes als das Movens der Geschichte erweist: „Ohne den Tod gäbe es keine Geschichte und damit auch keine Geschichte Israels mit seinem Gott.“ Weshalb für die Rabbinen – so Schäfer – „die angebliche ‚Schuld‘ Adams und Evas deswegen kein Fluch, sondern ein Segen“ gewesen sei.

In den letzten Jahrzehnten sind nur wenige Bücher erschienen, die mit großer Präzision, bewundernswertem Kenntnisreichtum und größtem hermeneutischen Verständnis klar gemacht haben, auf welchen Grundlagen die westliche, also unsere Kultur beruht und welche grundlegenden, allemal auch politisch bedeutsamen Optionen sie bietet. Wer auch immer sich über die Grundlagen unseres freiheitlichen Gemeinwesens klar werden möchte, kommt um die Lektüre dieses zudem bestens lesbaren Werks nicht herum.

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