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Ragt in die britische Gegenwart: Statue von König Artus in Tintangel, Cornwall.

EU-Austritt

No Brexit mit König Artus

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Der Ritter der Tafelrunde war ein überzeugter Europäer - und wäre heute Gegenspieler von Boris Johnson.

Nun, wir kennen seine Geschichte, alle Welt kennt sie, unbedingt. Tafelrunde, Camelot, Lancelot, Guinevere. Der denkbar würdigste Ort, der edelste Ritter überhaupt, die definitiv schönste Frau der Welt. Alle Episoden aber kreisen um das Tafelrundenoberhaupt, denn vor allem ist es seine Geschichte, die von Artus, dem Inbegriff des Herrschers. Der mit Excalibur, ganz richtig, so heißt sein Schwert, die Geschicke lenkte, vielleicht nicht sämtliche souverän, aber doch die entscheidenden. Es ist die Legende vom zweifellos besten Regenten aller Zeiten, die vom wiederkehrenden König, dem eigentlichen, dem ewigen König von England. Womöglich auch deswegen, weil Sean Connery ihn spielte, einen King mit der Lizenz zum Töten?

Wegen Artus strömen sie zu Tausenden jährlich an die Orte seiner überlieferten Taten, also auch (auf!) nach Tintagel. Das liegt nun mal an der Westkante von Cornwall, dort, wo Britannien in den Atlantik stürzt und an dessen Küste und Klippen sich die Archäologie immer wieder auf Spuren von ihm gesetzt hat, intensiv auch in den letzten Jahren, mit immer gewiefteren Methoden und feiner kalibrierten Messgeräten, so dass zum Abschluss der jüngsten Kampagne ein Archäologe in eine Kamera der BBC nickend sagte, die „revolutionäre Erkenntnis“ bestehe darin, dass „Großbritannien immer schon enge Kontakte zum europäischen Festland hatte“.

In der Arte-Mediathek kann man die Stelle aus der BBC-Dokumentation zurückspulen, denn hört sich das, ohne dass es direkt ausgesprochen wurde, nicht auch nach einem Statement gegen den Brexit an? Stand, gewissermaßen formuliert mit einem gewissen Understatement, über den Fundamenten und Resten einer freigelegten uralten Siedlung der Gedanke im Raum, mit Artus wäre kein Brexit zu machen gewesen, ganz im Gegenteil? Artus, der Brite, aber Antibrexit? So möchten man es gerne glauben, denn oft ist seine Geschichte erzählt oder aufgeschlagen, doch nicht nur schlicht nacherzählt worden. Gerne ist sie politisch instrumentalisiert worden oder, weil auch das passte, poetisiert worden:

„Ein Schiff die Segel zur Sonne,

sechs Maiden umrunden den Mast,

auf den Häuptern rotgoldene Kronen,

die letzte im grünen Damast.“

Marion Zimmer Bradley musste 1982 in ihrem frauenbewegten Roman über „Die Nebel von Avalon“ nur dort weitermachen, wo der sensible William Morris rund hundert Jahre vorher mit seinen Versen die Phantasie angeregt hatte. Doch eingegangen ist Artus nicht erst im 20. Jahrhundert in die (britische) Fantasy, auferstanden aus den Nebeln des 5. Jahrhunderts ist er bereits in der mittelalterlichen Überlieferung, nachdem die Römer nach 400 Jahren der Präsenz Britannien verlassen hatten. Böse Zeiten, solche der Zerrüttung, des Chaos. Die Tage dunkel wie die Nacht, so hieß es in einer frühmittelalterlichen Chronik.

Der Runde Tisch der Tafelrunde, hier ein Holzstich, der 1880 nach einer Buchminiatur aus dem 14. Jahrhundert entstand.

So gut wie alles, was wir über die Zeit wissen, wurde nachträglich über sie erzählt. Auch deswegen sind die den Römern nachfolgenden Jahrzehnte lange als die „Dark Ages“ bezeichnet worden, als eine Zeit fast ohne Zeugnisse, eine Zeit der Gewalt, über die es keine Kenntnisse gab außer der Gewissheit, dass in das Vakuum Invasoren einbrachen, Sachsen und Jüten, ungehobelte Horden, unerschrockene Nordseefahrer, gerissene Piraten, ebenso rücksichtslose Eroberer wie die Pikten aus dem Norden. Berufen konnte man sich auf den Mönch Gildas, der im 6. Jahrhundert von „hungrigen Wölfen“ sprach. Ein Nennius, Mönch auch er, wusste im 9. Jahrhundert zu berichten, dass am Berg Badon „Artus bei einem einzigen Angriff“ nicht weniger als „960 Mann an einem einzigen Tag fällte“. Der Mann muss ungeheuerlich gewütet haben unter den Feinden, den Sachsen.

Nach dem Vorbild unbedingt parteiischer und furchterregender Chroniken hat sich ganz offensichtlich auch ein Til Schweiger an seine durch und durch düstere Darstellung eines blutrünstigen Sachsenkriegers gehalten in Jerry Bruckheimers Historiendrama „King Arthur“. Da ist er ebenfalls kein König, sondern ein römischer Heerführer, der die Interessen Roms (Europas) und der Zivilisation verteidigt, mit britischem Herkunftshintergrund. Unter den heftig durch den Legendenstoff pflügenden Artusverfilmungen ist sie diejenige, die vorgibt, sich besonders stark an historische Fakten zu halten. Sie tut es jedoch, Keira Knightley als bezaubernde Braut hin oder zähe Amazone her, ganz und gar nicht.

Denn was hatte es mit Eroberung, Mord und Vertreibung auf sich? Spekulationen von Anfang an, Fabeleien wurden für Gewissheiten ausgegeben, darunter der Kampf des Briten Artus gegen Invasoren aus Übersee. Das ist die historische Lesart der Artuslegende, wobei kein ernsthafter Artusforscher sich mit dem Verhältnis von Fakten und Fiktion nicht beschäftigt hätte. Denn was diesen Sagenkreis angeht, so weiß man im Grunde seit Jahrhunderten und ist seit dem 12. Jahrhundert gewarnt durch Robert Wace: „Das alles ist nicht ganz gelogen und nicht ganz die Wahrheit, nicht alles Unsinn, aber auch nicht alles mit Sicherheit verbürgt.“

Darf man das auch aktuell verstehen, zumal in einem Britannien der vorsätzlich durch alternative Fakten herbeigeführten Konfusion, die den Brexit beeinflusst haben. Auf jeden Fall ist verbürgt, dass bereits der Anglonormanne Wace um 1170 den Lesern seiner Geschichte mit auf den Weg gab, dass „die Erzähler so viel erzählt und die Fabulisten so viel gefabelt haben, um ihre Geschichten damit auszuschmücken, dass sich jetzt alles wie eine erfundene Fabel ausnimmt“.

Artus also nur eine Erfindung, eine Fiktion, von Anfang an durchschaut als Fabelei? Auf jeden Fall blieb Artus’ Geschichte eine geheimnisvolle. Ungezählte Male geschah es, dass man sie las, auch um sich zurechtzufinden unter bedrückenden Umständen, oft in einer der Zeit der großen Unübersichtlichkeit und Unruhe. Umtriebig in diesen Zeiten vor allem die üblen Polarisierer sowie, und auch das ist keine unzulässige Aktualisierung, die unverantwortlichen Populisten. Artus war sicherlich ein auch grimmiger Machtmensch, ein furchterregender Herrscher, aber er war auch ein Antipode der Hasardeure, man darf wohl sagen: das Gegenteil eines Boris Johnson. Denn polarisieren war Artus zuwider.

Seit Jahrhunderten liest man die Artusgeschichten, um Orientierung zu erlangen. Man las sie, auch auf der Suche nach Antworten - und wurde mit neuen Fragen konfrontiert. Die gewichtigste: Woher kam er? Was unternahm Artus, der auch Arthur hieß oder Artur. Wohin ging er? Aus seiner Welt, einer ehemaligen Welt, einer im Umbruch, einer am Abgrund, in eine andere Welt, einer mit Zukunft.

Gab es diesen Artus/Artur also wirklich? Es gab eine gewaltige literarische Resonanz – und seit dem Mittelalter kein größeres Echo:

Artur – tur –

tur –

ur.

Die Großmächte unter den Dichtern Europas erzählten immer wieder von ihm, denn sie waren von ihm fasziniert. Kaum weniger häufig konnte man Artus regelrecht über die Schulter schauen, wenn er im Film das Schwert aus dem Zauberstein zog, Excalibur, eine exklusive Leistung, mit der sich dutzende Konkurrenten vergeblich abgemüht hatten. Ein Kraftakt, ein Coup, der Anfang einer Karriere, und es wurde eine beispiellose Laufbahn, obwohl anfangs der eine oder andere Baron maulte. Auch machte manches Früchtchen unter Britanniens Edelleuten mächtig Lärm. Oder es schmiedete dieser oder jener Schlagetot Mordpläne, aus finsteren Absichten, aus dem Hinterhalt.

Bei Meister Wace, wie schon bei seinem Vorgänger Geoffrey of Monmouth und erst recht Mitte des 15. Jahrhunderts, bei Thomas Malory, spielte ein geschichtspolitisches Motiv eine bedeutende Rolle. Malory am deutlichsten versah den Artusstoff mit didaktischen Tendenzen. Malory erzählte von furchteinflößenden Barbareien, bei ihm herrschte Artus wahrhaftig nicht nur großzügig oder gar großherzig. Wie die Artuswelt zu ihren Feinden stand, wurde immer wieder vorgemacht. Abschreckungsstrategie! Dazu zählte, dass der Ritter seinem Gegner den „Schädel bis zu den Schultern spaltete“ oder die Waffe, über die er verfügte, „in den Schlund trieb, bis in den Hals hinein, tief ins Mark“. Erbarmungslosigkeit regierte die Artuswelt bei Malory, der schrieb, dass Artus, vom Ideal der Ritterlichkeit beseelt, im Blut wate.

Thomas Malory, über den selbst Geschichten in Umlauf waren, denn er soll ein Mörder gewesen sein, machte den Artusstoff auch deswegen populär, weil er in William Caxton einen der ersten Buchdrucker überhaupt fand. Der hatte, wie wir noch heute wegen des Vorworts von 1485 wissen, ein ausgeprägt nationales Interesse an der Artussage, verband mit dem Abgesang auf die Ideale einer ritterlichen Welt die Idee der Nation, die Vorstellung eines starken Staates, hatte doch England einen schrecklichen Bürgerkrieg, die Zeit der Rosenkriege soeben erst hinter sich gebracht. Der Runde Tisch als nationales Therapeutikum, zur Stärkung der Zentralmacht.

Malorys Tafelrunde war nicht nur ein erlesener Kreis, an der die Minne und der Inbegriff edler Tugendhaftigkeit zu Tische saßen. An der Tafelrunde kamen immer wieder die Mordsgeschichten zusammen, mit aller entwaffnenden Direktheit. Artus’ Institution lebte sowohl von der Anmut der schönsten Frauen der Welt als auch vom Charisma der finstersten Gestalten zwischen Okzident und Orient.

Es gibt, abgesehen von dem Mythos um Troja und der Flucht des Aeneas, keine auch nur annähernd so umfangreiche und vielgestaltige wie die Artuslegende. Nach den ersten Geschichten, die der Waliser Geoffrey of Monmouth (um 1100 – 1154) in Umlauf brachte, im Anschluss an den Waliser Wace (1157-1174), fortgeführt von den Engländern Chaucer (um 1340-1400) und Malory (um 1408-1471), bleibt die Geschichte auf der Insel gegenwärtig. Da hatten auf dem Festland Mitte des 12. Jahrhunderts der Franzose Chrétien de Troyes, Ende des 12. Jahrhunderts ein Gottfried von Straßburg, ein Hartmann von Aue oder Wolfram von Eschenbach ihre mittelhochdeutschen Artusromane verfasst. Von Dante Alighieri (1265-1321) über Boccaccio (1313-1375), Ariost (1474-1533) in Italien über Walter Scott, Mark Twain, den Freiherrn von Münchhausen und William Morris im 19. Jahrhundert bis zu T.S. Eliot (1888-1965), John Steinbeck (1902-1968) oder Tankred Dorst (1925-2017) ist der Stoff immer wieder variiert worden.

Nicht zu vergessen Heinrich Heine, der frech reimte:

„Ich selber sah ihn vor wenigen Tagen

Lebendigen Leibes im Walde jagen.“

Artus ist also nicht gestorben. Deshalb auch ein besonderes Echo bei J.R.R. Tolkien, der mit jedem noch so abseitigen Faktum als Forscher vertraut war, woraus sich dessen „Hobbit“-Saga oder „Der Herr der Ringe“ entspann. Unter all den blutigen Legenden nahm Tolkien tiefrot den Faden des Beschützers Artus auf, nicht nur des erstrangigen Beschützers Britanniens, sondern auch des letzten Beschützers Roms gegen die „bübisch brandschatzenden“ und „Beute“ suchenden Sachsen. Doch im Gegensatz zu Tolkiens Fantasyfabeleien handelte es sich bei seinem Langgedicht „König Arthur“ nicht etwa um eine Privatmythologie, sondern um eine weitere Interpretation der Artussage. Darin ein King, dessen Europaorientierung jedem Brexit-Anhänger die fadenscheinigen Argumente aus der Hand schlägt.

Tolkien, eine immense Kapazität auf dem Gebiet der altenglischen Mittelalterforschung, stellte Mitte der 1930er Jahre für die Fortsetzung seiner durch und durch düsteren Legende die Dinge ziemlich auf den Kopf. Camelot, so konnten 2015 Leser der erstmals veröffentlichten Übersetzung ins Deutsche lesen, war nur noch ein Schatten seiner sagenhaften Autorität. Camelot, erstmals erwähnt im Lancelot-Epos des altfranzösischen Dichters Chrétien de Troyes, also um 1150, bei Malory gar lokalisiert, von dessen nicht weniger selbstbewussten Verleger, Caxton, flugs in eine andere Gegend verlegt: Camelot, diese besondere Attraktion, utopischer Ort und Phantasma, hat bei Tolkien abgewirtschaftet. Die Helden sind nicht mehr der Inbegriff höfischen Rittertums, der Runde Tisch ist nur noch schemenhaft erkennbar, die Recken sind dreiste Halunken und eigensüchtige Lumpen, allen voran Mordred, der Neffe des Königs ist ein durch und durch zwielichtiger Geselle in einem auseinanderbrechenden Britannien. Eine polarisierte Nation!

Nein, nur ja keine brachialen Hinweise auf Brexit-Britannien, obwohl mittelalterliche Literatur so etwas ununterbrochen tat, indem sie nämlich von der Übertragung vergangener Verhältnisse auf ihre unmittelbare Gegenwart lebte, so auch Tolkien von dem Vergleich desaströser Verhältnisse im Artus-Reich mit der desillusionierenden Lage Großbritanniens in einem faschistischen Europa.

Artus ein Anti-Brexiteer? Das ist eine so heikle Spekulation wie steile These, ein typischer Anachronismus, wie er typisch für das Mittelalter war, gerade auch für den Artus-Mythenkreis, besonders auffällig bei Malory, der Mitte des 15. Jahrhunderts angesichts der immensen innenpolitischen Spannungen in England in seiner Artusfigur einen Friedensstifter, angesichts der bürgerkriegsähnlichen Zustände einen Regenten mit harter Hand sah.

Besonders attraktiv die Wiederkehr des Königs, und auch das ist ein Anachronismus, dem Archäologen, Historiker, Schriftgelehrte und Literaturwissenschaftler nachgespürt haben. In den letzten Jahren haben zudem Biologen zum Thema geforscht, mit allen vor wenigen Jahren noch unbekannten Möglichkeiten – einer Hightechanlage, die aus der Luft, von der BBC gefilmt und bei Arte ebenfalls zu sehen, aussieht wie ein gewaltiges rundes Möbel.

Warten auf die Wiederkehr durch die Jahrhunderte: Tod des Artus in einer Buchillustration von 1910.

In der darin verborgenen Röhre haben sie in einem 500 Meter langen Magnetring mit annähernder Lichtgeschwindigkeit Messungen vorgenommen, um chemische Analysen an Gegenständen vorzunehmen, die Rückschlüsse darüber zulassen, dass im poströmischen Britannien nicht etwa Krieg und Chaos herrschten, sondern offenbar Handel getrieben wurde. Man tauschte Waren und verzichtete darauf, wie von Waffen unbeschädigte Skelette beweisen, sich die Schädel einzuschlagen.

Zu römischer Zeit teilte der Hadrianswall von Westen nach Osten die Zivilisation eines Weltreichs gegen die so genannten Barbaren entlang einer Süd-Nord-Linie, seit der Invasion solcher Seefahrerstämme wie der Sachsen und Jüten, denen sich die Angeln anschlossen, entwickelte sich auf der Insel von Süden nach Norden eine neue, imaginäre Grenze, an deren Achse entlang im Osten die Einwanderer, im Westen die Einheimischen siedelten. Die Grenze markierte ein beträchtliches Kulturgefälle, wie Archäologen durch zahllose Artefakte, die sie aus dem Boden haben bergen können, nachweisen konnten ebenso wie solche Beweise, dass man sich, trotz der Grenze in den Köpfen, keinesfalls auch die Köpfe spaltete.

Unfriede, Feindschaft zwischen den Einheimischen und den Eindringlingen: Das war die historische Lesart bisher, bis in die Schulbücher hinein, britische, solche in Kontinentaleuropa. Die Archäologie, radikal wie sie ist, denn sie geht den Dingen auf den Grund, widerspricht. Mit wendigen Motorseglern haben Forscher die ehemalige Grenzlinie zwischen den Angeln und Sachsen überflogen, mit geophysikalischen Untersuchungen, die wie Röntgenaufnahmen unter die Erdoberfläche loten können, hat man keine Massengräber, typisch für militärische Zusammenstöße, aufspüren können, keine Gewaltspuren. Entlang der vermeintlichen „Konfliktlinie“, so berichtet die Archäologin Sam Lucy, wurden bei tausenden Skeletten weniger als „zwei Prozent scharfe Verletzungen“ vorgefunden.

Man darf das wohl eine völlig neue Lesart der Frühgeschichte der Angelsachsen nennen! Die „Dark Ages“ in einem ganz anderen Licht, so dass man die Arte-Doku gerne immer wieder vor- und zurückspult, zumal sie von neuen Erkenntnissen spricht – wobei man allerdings auch sagen muss, dass sie ältere, die dann die Anfänge des Artus selbst betreffen, allenfalls mit einem Halbsatz erwähnt. Zur ganzen Wahrheit gehört, dass schon in den 1930er Jahren C.A. Ralegh Radford auf dem Hügel von Troja – sorry: von Tintagel grub und erstaunliche Artefakte ans Licht förderte, Überreste von Töpferwaren, die als „Tintagel-Keramik“ berühmt wurden, Bruchstücke von Gefäßen, eingeführt aus dem östlichen Mittelmeerraum, eine jede Scherbe wurde zum Beweisstück für einen bedeutenden Handelsplatz, einen überseeischen Hafen auf den grünen Klippen von Cornwall, wobei zunächst über einen von Mönchen bewirtschafteten Umschlagplatz gemutmaßt wurde, bis weitere Ausgrabungen und Untersuchungen auf die Festung eines Fürsten schließen ließen.

So neu ist die (archäologisch gestützte) Erkenntnis, dass Britannien zu Europa gehörte, also nicht. Erst recht nicht ist es, wie zuletzt behauptet, eine revolutionäre Entdeckung, dass der Europabezug Britanniens durch eine Residenz auf einer Landzunge von Cornwall repräsentiert wurde. Historisch so auszuholen, verringert jedoch nicht im mindesten den Rang der in den letzten Jahren sichergestellten Belege, wonach Tintagel ein Umschlagplatz war für Waren aus dem östlichen Mittelmeerraum, aus Griechenland, Zypern, aus Gegenden in der heutigen Türkei. Die Schiffe führten Begehrenswertes aus dem heutigen Südspanien, von der bretonischen Küste bis nach Cornwall mit sich, um es gegen Wertvolles aus Irland und Schottland zu tauschen.

Nach Tintagel führten in poströmischer Zeit viele Wege, weithin sichtbar über dem Atlantik. Der schroffe Fels wurde begradigt durch verlegte Schieferplatten, in nicht weniger aufwendig aufgemauerten Steinhäusern wurde Handel getrieben – wie die jüngste Archäologiekampagne, 2018 abgeschlossen, gezeigt hat anhand von Keramik, Glas, nicht zuletzt Schriftzeichen, die Kopfzerbrechen machen.

Zudem ungemein anziehend war Tintagel noch aus einem weiteren Grund. Metall hat Britannien schon für die Römer attraktiv gemacht, nachweislich eine besonders ergiebige Zinnmine, wie sie in der unmittelbaren Nachbarschaft von Tintagel existierte und noch 2000 Jahre später, bis Anfang 1900 ausgebeutet wurde. Denn Zinn, mit Kupfer zusammengebracht, bringt Bronze hervor – Zinn also war der Stoff, aus dem die Antike, Rom, Schwerter fabrizierte, Haushaltswaren, Schmuck, Kultgegenstände. Die Zinnmine von Tintagel war bereits auf römischen Handelsrouten verzeichnet, und auch nach dem Zusammenbruch des Imperiums sank die Erinnerung, so legen es aufwendige Analysen nahe, nicht ab.

Was für ein Ort, ein Knotenpunkt, welch ein Hotspot der Fakten und Fiktionen. Historisch handelte es bei dem britannischen Handelsplatz um eine Drehscheibe in Europa. Nachfolgend wurde hier der Geburtsort des Artus ausgemacht, so wollte es die Legende, die einen Richard von Cornwall, den Neffen von Richard Löwenherz, dermaßen anfixte, dass er 1233 seinen Grafensitz im Tausch gegen andere Güter nach Tintagel verlegte.

„Arthur Mania“ nennt es English Heritage, die englische Denkmalorganisation, und spricht vom „Wahn“ „archetypische königliche und ritterliche Tugenden“ zu beleben. Berufen konnte sich der Graf auf eine Legende, die schon zu Mittelalterzeiten als nationaler Mythos in Stellung gebracht wurde – wobei „Vermittelalterlichung“ eine Rolle spielte, mit ihr ein weiterer Anachronismus. In diesem Fall eine Übertragung antiker Heldengeschichten und ihrer Muster auf die Artussage. Die Vermittelalterlichung verschaffte Artus eine grandiose Genealogie, in Artus erlebten römische und griechischen Helden ihre Wiederauferstehung, vor allem die Geschichte des Aeneas, der seinen Vater Anchises aus dem brennenden Troja rettete.

Geoffrey, unser Geoffrey von Monmouth berichtet, dass der Prinz Aeneas über den Umweg Italien, wohin es ihn mit einer Gruppe von Troja-Flüchtlingen verschlagen hatte, eines Tages ein meerumtostes Eiland erreicht habe, Albion, Britannien, ihm zur Seite sein Urenkel Brutus, der ebenso unerbittlich wie alle anderen Nachfahren der Trojaner gegen die auf Albion schrecklich herrschenden Riesen antrat.

Auch diese Tat wies Brutus, wie man sich denken kann, als guten Mann aus, auch hatte er verlässliche Bevollmächtigte an seiner Seite, einen besonders zuverlässigen in Wales, wo sich die Lage zuspitzte, wie die Nachwelt erfuhr. Waren doch offenbar Augenzeugen dabei, wie einer der Leute des Brutus gegen eines der Ungeheuer kämpfte, „Stirn an Stirn bald, sich packten und einander schimpften, so dass die Zuschauer kaum Zeit hatten, Athem zu holen.“ Zuschauer also, auch im „Brut Tysilio“ wurden Augenzeugen ins Spiel gebracht, in einer walisischen Chronik, auf deren ursprüngliche Quellen sich bereits ein Geoffrey berief.

Man war also unmittelbar dabei, ob als Hörer oder Leser, wenn dieser Brutus zum König des von ihm so genannten Britannien aufstieg, nicht von heute auf morgen, doch eines Tages auch zum Gründer von Neu-Troja an der Themse, wie es zunächst genannt wurde, London schließlich von den Sachsen, den Angelsachen.

Angesichts all der Phantasie, die mittelalterliche „Geschichtsschreiber“ entwickelten, ist es kein Wunder, dass auch ein Artus in eine Ahnenreihe seit der Antike gestellt wurde, darunter Alexander und Caesar, um der Fiktion dreierlei zu verleihen: historische Authentizität, Autorität in der Gegenwart sowie über sie hinaus. Nun, Caesarius dagegen war kein antiker Autor, aber er nannte sich aus den gerade genannten Gründen wohl so. Auf jeden Fall heißt der Schreiber, der, trotz des kühnen Namens, keine Erfindung war, anders als Lanczelot oder Camelot, Avalon oder Morgane, Klingsors Schloss oder Kundry. Der Mann ist keine Illusion, kein Phantasma, vielmehr ist Caesarius von Heisterbach als Zisterziensermönch verbürgt. Unter den Artusautoren so gut wie unbekannt, hat man ihm allerdings in Oberdollendorf, und Oberdollendorf ist nicht Camelot im Irgendwo, sondern ein Stadtteil von Königswinter bei Bonn, gar ein Denkmal gesetzt. Und auch dieser Umweg führt zum Ziel.

Denn im ersten Drittel des 13. Jahrhundert schrieb Caesarius seine Geschichten von „Wundern und Gesichten“, und erst recht als Novizenmeister wusste er, wovon er sprach – und es ist eine Freude, heute noch die Passage über die Faszination der Artussage zu lesen: „Als einst etliche Mönche und Brüder bei der geistlichen Unterweisung eingeschlafen seien und einige von ihnen sogar angefangen hätten zu schnarchen, habe der Abt Gerard seine Ansprache mit den Worten unterbrochen: ,Es war einmal ein König, der hieß Artus…‘, worauf alle hellwach geworden seien und die Ohren gespitzt hätten.“

Natürlich könnte man an dieser Stelle auch die Geschichte vom Gral erzählen, endlich, oder diejenige vom Drachen, auf dessen feurigem Atem sich irrwitzige Distanzen im Nu überwinden ließen. Wie auch immer, mit oder ohne spirituelle, heilsgeschichtliche oder auch bloß esoterische Dimensionen: Die Artussage versetzte Hörer und Lesekundige auf dem Kontinent in Bann, ihr Held war alles andere als ein Local Hero, sein Name hatte auch in Abteien, Klöstern und Kirchen Europas einen sagenhaften Nimbus. Dafür spricht die kaum noch bekannte Anekdote von Caesarius, dafür spricht das heute kaum noch wahrgenommene Detail an der Kathedrale von Modena. Ein Artusforscher wie Geoffrey Ashe sprach von einer Skulptur, nicht später als 1120 entstanden. Tatsächlich steht man unter einem Relief im Nordportal, sagenhafte Geschichte, eben dort, eine Darstellung bereits vor der schriftlichen Fixierung einer Geschichte, einer wahrhaftig europäischen Legende, wie das?

Ein weiteres Rätsel! Aber die Geschichte selbst ist ja durch und durch geheimnisvoll, bis zur Unglaubwürdigkeit gar – auch wenn ein Sean Connery Artus als makellosen Ritter gegeben hat, sicher, auch als Regenten mit der Lizenz zum Nötigen, und das Töten selbst geschah dann im höheren Auftrag. Artus und der Tod, davon erzählte in den „Neun Büchern vom Glück und Unglück berühmter Männer“ auch ein Boccaccio, und er schilderte den Tod des Königs. Artus also definitiv tot?

Er kam um in einem grauenvollen Duell mit seinem Sohn, dem er die „Brust mit einer Lanze durchrannte“, so dass der Spieß zum Rücken herausschaute. Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass sich der tödlich Verwundete noch einmal aufbäumte und dem Vater „auf den Kopf durch den Helm bis auf die Hirnschale schlug“. Das Finale war dazu erdacht, um sich – theatralisch – hinzuziehen, denn als der sterbende Vater „die Lanze aus dem sterbenden Sohn zog, habe, so sagt man, durch die große Wunde Sonne und Mond scheinen können.“ So sagt man! So schildert der mittelalterliche Erzähler die Szene – wie in Zeitlupe! Eine zugleich geradezu opernhafte Szene, wie sie John Bormann in seinem Film „Excalibur“ inszenierte, wahrhaftig aufwühlend, auch wegen der Wucht der Musik Richard Wagners.

Boccaccio sah Artus’ Ende aus einer doppelten Distanz, zeitlich und räumlich, als Italiener, und nachdem die Legende bereits 200 Jahre schriftlich in ganz Europa in Umlauf war: „Sein Tod wurde lange geheim gehalten. Er bekam kein öffentliches Begräbnis.“ Kein öffentliches Begräbnis – das ist ein geradezu historischer Kommentar, zudem ungemein lapidar, von beträchtlicher Ironie. Boccaccio fährt fort: „Die Briten hoffen bis heute, dass er nicht tot ist und nach Heilung seiner Wunden wiederkommen wird.“

Ironie der Geschichte unserer Tage: In Brexit-Britannien, diese Prognose darf man wagen, wird es zur Wiederkehr dieses Königs nicht kommen. Denn morgen wird unter dem Pomp von Populisten und mit den Weihen von Faktenfälschern der Brexit vollzogen, mit ihm zugleich und unbeobachtet jedoch auch die Europaorientierung des Artus verscharrt.

Ach Artus, wobei, auch zukünftige Archäologen werden den Ort, an dem das Brexitdesaster seinen Anfang nahm, eines Tages freilegen.

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