Margaret Thatchers Politik hat Einfluss auf Boris Johnson und den Brexit gehabt.
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Margaret Thatchers Politik hat Einfluss auf Boris Johnson und den Brexit gehabt. (Archivbild).

England und Europa

Brexit in Großbritannien: Boris Johnson ist die Folge von Margaret Thatchers Politik

  • vonRüdiger Görner
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Wie der Wahn von Margaret Thatcher in Boris Johnson und dem Brexit mündet. Für Widerstand ist es zu spät. Eine Diagnose aus Großbritannien.

  • Margaret Thatcher ging mit Tränengas und Polizei gegen streikende Bergarbeiter vor.
  • Der Brexit zeigt: Verglichen damit, war das sogaar noch erträglich.
  • „Regieren“ kann man das nicht nennen, was Boris Johnson aktuell tut.

Als ich vor etwas über zwei Jahren das Wort „Brexitis“ in Umlauf brachte, geschah dies noch mit einem mulmigen Gewissen; gehört es doch zu den Lehren, die wir aus dem ideologisch verheerten 20. Jahrhundert gezogen haben, das Politische, zumal den politisch Andersdenkenden nicht zu pathologisieren. Gerade das ging mir in England auf, als ich der von mir damals in studentischem Übermut verworfenen scheinbaren geistigen Provinz Tübingens im September 1981 nach London entfloh.

Ich geriet vom Nieselregen am Neckar in die Traufe des Thatcherismus, der mich stutzen ließ; denn in seinem Namen wurde der Wert von sozialer Gemeinschaft diskreditiert, ja als Bazillus diskriminiert, der den Kapitalismus mit seinem freien Spiel der Marktkräfte infiziert und ans Krankenbett gefesselt habe.

Margaret Thatcher erkannte: ohne „Europa“ stünde Großbritannien im Eisregen

Die Dame mit der berühmten Handtasche und Imitatorin der Queen empfahl sich von Downing Street aus als Ärztin, die den Britischen Inseln eine erste Radikalkur gegen die „englische Krankheit“ (ökonomische Stagnation, Lähmung der Kommerzfreude durch die Gewerkschaften) verordnete. Mit Tränengas und berittener Polizei ließ sie gegen streikende Bergarbeiter und Drucker vorgehen; Obdachlose hielt sie für lichtscheues Gesindel; Vorstellungen von betrieblicher Mitbestimmung galten ihr als Schauermärchen kontinentaler, schlimmer: deutscher Prägung. Die „englische Krankheit“ ersetzte sie durch Wahnvorstellungen von britischer Souveränität, gepaart mit dem Schüren von Angst vor angeblichen deutschen Herrschaftsambitionen – vor und nach dem Fall der Mauer.

Magaret Thatcher unterschrieb immerhin den Maastricht-Vertrag, sie befürwortete den Eurotunnel.

Eines aber hatte Thatcher erkannt: ohne „Europa“ stünde Britannien im Eisregen. Sie unterschrieb den Maastricht-Vertrag, sie befürwortete den Eurotunnel unter dem Ärmelkanal, auch wenn ihr „Europa“ nur unter marktwirtschaftlichen Voraussetzungen sinnvoll erschien. Selbst hartgesottene Brexitianer halten Thatcher für ihre Zwecke daher nicht wirklich zitierfähig.

Margaret Thatcher Ehemalige Premierministerin des Vereinigten Königreichs
Geboren13. Oktober 1925, Grantham, Vereinigtes Königreich
Gestorben8. April 2013, Hotel Ritz, London, Vereinigtes Königreich
Vollständiger NameMargaret Hilda Thatcher
EheparnerDennis Thatcher (verheiratet von 1951-2003)
KinderMark Thatcher, Carol Thatcher
Beeinflusst vonMilton Friedman, Friedrich August von Hayek, Ayn Rand

Der Brexit zeigt jetzt deutlich: Thatcherismus war erträglich

Verglichen mit dem Bild, das vor allem England (nicht Schottland, nicht Nordirland) seit dem fatalen Brexit-Referendum von 2016 der (europäischen) Welt zeigt, waren die Verhältnisse im Thatcherismus, so krude er sich auch in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens gebärdete, noch erträglich. In der letzten Phase der Regierung Cameron, während der Übergangsregierungen unter May und Johnson, aber vor allem jetzt, angesichts der gemeingefährlichen Manöver der mit absoluter Parlamentsmehrheit operierenden Regierung Johnson ist Britannien zu einem Risiko geworden, das täglich unkalkulierbarer wird.

Denn „regieren“ möchte man das nicht nennen, was Downing Street derzeit an Grotesken bietet. Es scheint, als wollten die beiden Blondschöpfe der westlichen Hemisphäre sich gegenseitig in Sachen Unberechenbarkeit überbieten. Wie tieftraurig für einen in der Wolle gefärbten Anglophilen, das Vorurteil vom „perfiden Albion“ täglich bestätigt zu sehen. Wie beschämend feststellen zu müssen, dass nahezu nichts von dem, was an Wertschätzung britischer Lebensart lange Vorbildcharakter hatte, mäßigend auf die grotesken Ideologen des Brexit wirken konnte. Ja, hier schreibt ein Ernüchterter, ein angesichts der britischen Verhältnisse fassungslos Gewordener.

Der Brexit zeigt, wie infam kalkuliert die Regierungspolitik in Großbritannien geworden ist

Dieses Souveränitätsgehabe, das die Brexit-Befürworter bis zur Lächerlichkeit paradieren lassen, wohin führt es? In eine Politik der verfehlten, weil unerfüllbaren Erwartungen, zu der Fahrlässigkeit, Überheblichkeit, Wortbruch, Zynismus, Lügen wie selbstverständlich gehören. Dabei ist der Vertrauensverlust bereits einkalkuliert. Dass Downing Street überhaupt erwägt, die mit Brüssel ausgehandelten Vereinbarungen vor Abschluss eines regelgerechten Vertrages über den Brexit zu verwerfen, zeigt, wie korrumpiert, sprich: infam kalkuliert die Regierungspolitik geworden ist. Tragisch daran ist, dass die unter Keith Starmer inzwischen gut aufgestellte Labour-Opposition aufgrund ihres desaströsen Wahlergebnisses, das sein Vorgänger zu verantworten hat, im Unterhaus quasi machtlos diesem Politik-Fiasko zuschauen muss. Eine mögliche Antwort wäre angesichts dieser Situation ein Generalstreik, um sich dieser regierungsamtlichen Zumutungen zu erwehren.

Es stimmt einen nicht unbedingt froher zu sehen, dass eine aus Niederbayern stammende Politikerin, die als Gisela Gschaider (nomen non est omen) einst nach England ging, als Labour-Abgeordnete für Birmingham-Edgbaston zunächst eine Hoffnungsträgerin der East Midlands war und jetzt als Überläuferin zum Brexit-Beraterstab von Johnson & Cummings gehört, sich als Baroness Stuart of Edgbaston ins Oberhaus adeln ließ. Zuletzt widerfuhr Ralf Dahrendorf diese zweifelhafte Ehre als Leiter des St. Anthony College Oxford. Aber man möchte beide Fälle lieber nicht eingehender vergleichen – war doch der Letztere ein Glücksfall aber der Erstere nur ... ein Vorfall.

„Regieren“ möchte man das nicht nennen, was Boris Johnson so treibt.

Brexit: Ohne eine Verfassung kann Britannien als Staat nicht überstehen

Immer wieder kommt man auf einen entscheidenden Punkt zurück: Allein die innerbritischen verfahrenstechnischen Seiten der Brexit-Saga, die sich nur als chaotisch bezeichnen lassen, verlangen zwingend eine geschriebene Verfassung, die auch das Verhältnis der Landesteile zueinander regelt. Ohne eine vernünftige, verfassungsrechtlich verbriefte Föderalisierung wird Britannien als Staat nicht überstehen. Man hat föderalistisches Gedankengut in alle Weltteile (des früheren Empire) exportiert, ohne zu begreifen, dass man es „zu Hause“ am dringendsten brauchte. „Brüssel“ wurde jahrzehntelang als ein Föderalismus-Leviathan verketzert, ohne zu verstehen, dass die Regionalförderung und der länderspezifische Interessen- und Finanzausgleich (immer in dieser Reihenfolge!) zu den bedeutendsten Leistungen des Föderalismus gehören.

Und jetzt, da man sich gerade in England verwundert fragt, weshalb Deutschland so viel wirksamer mit Covid-19 umgegangen ist, zeigt sich mehr und mehr, dass gerade das durch das föderale Staatswesen mögliche differenzierte Vorgehen diese Wirksamkeit wohl mit bedingt haben dürfte; Zwischenergebnisse dazu liegen in Gestalt einer Studie zum Infektionsschutz vor, die an der Technischen Universität Darmstadt unter der Leitung von Nathalie Behnke erarbeitet worden ist.

Nein, es steht verzweifelt schlecht um diese britischen Inseln, deren Brexit-Mündigkeit zum Unmündigsten gehört, was sich dort seit Generationen zugetragen hat. Wobei man an sich selbst feststellt, dass man dieser frappierenden Unmündigkeit selbst zu verfallen droht auf diesen Inseln, Kompromisse eingeht, duckmäusert, Rücksichten nimmt, zum Konformisten verkommt. Ist man doch angetreten, dort und hier, um zu vermitteln, Brücken zu bauen, Verständnis für den anderen und das andere.

Seit den Tagen Thatchers ist es üblich geworden unter sogenannten Akademikern, erst dann Tacheles über diese Inseln zu reden, wenn man sie verlässt oder in Ruhestand ins Ausland geht. Das spektakulärste Beispiel dafür war der Philosoph Bernhard Williams, der während seiner Demission nach Amerika mit dem Thatcherismus öffentlich abrechnete.

Großritannien nach dem Brexit: Für Widerstand ist es zu spät

Wir haben in Britannien zugelassen, dass über Jahrzehnte die Würde der Bildung, der Universitäten zerstört wurde; sie werden weiter degradiert zu funktionalen Ausbildungsstätten, wo die jeweiligen fachbedingten Verdienstmöglichkeiten für Absolventen nach dem Willen der Regierung als Wertungskriterium für den Bestand bestimmter Fächer herhalten sollen.

Britannien ist zu einem Risiko geworden.

Mehr und mehr wächst die Einsicht in unseren Köpfen, dass es für wirklichen Widerstand zu spät geworden ist. Wir sind zu Komplizen eines regierungsamtlichen Utilitarismus geworden, der den Philister für einen Intellektuellen hält. Die englische Krankheit, sie ist keineswegs nur ein Fall von mangelnder Effizienz oder Produktivität (gewesen); ihr Bazillus heißt: pragmatischer Konformismus, der mit Lethargie zu tun hat, politischer Apathie, über die auch die paar Demonstrationen gegen den Brexit und gegen den Irrsinn des Irak-Krieges, so eindrucksvoll und so friedlich sie waren, nicht hinwegtäuschen können. Es war letztlich Wähler-Lethargie, die Johnson über achtzig Sitze Mehrheit im Unterhaus verschafften und ein Mehrheitswahlsystem, das an Antiquiertheit schwer zu überbieten ist.

Ein Dauer-Trauerspiel in Number 10 Downing Street

Seltsam, mir drängte sich dieses neuerliche Wort zu den britischen Verhältnissen mitten in einer kleinen Arbeit zu Thomas Bernhard auf, der aus der Ferne, sei es aus seinem hassgeliebten Österreich, aus der spanischen oder portugiesischen Perspektive England immer hochgehalten hat. Aus seinem Protagonisten Roithamer zum Beispiel, im Roman „Korrektur“, wurde als Naturwissenschaftler etwas, weil er „zum richtigen Zeitpunkt“ nach England ging, im Gepäck freilich einen wenig naturwissenschaftlichen Versuch über Purcell und Händel, aus dem er angeblich eine Musiktheorie destillierte.

Wie ja alles bei Bernhard „angeblich“ und allenfalls „sogenannt“ ist; aber er war eben ein Erregungskünstler, wie er in England fehlt, ein Entzauberer mit einer nichtsdestotrotz einnehmenden Sprache, ein rabiater Kritiker gesellschaftlicher und politischer Zustände, aber mit subtilem Verständnis für die allzu-menschlichen Schwächen der in eben dieser Gesellschaft Vereinzelnden. Genauer: Es fehlt dort auf den Britischen Inseln (inzwischen?) ein Publikum, das solche „Erregungen“ wirklich in sich aufzunehmen im Stande wäre, irgendwie in sich weiterwirken lassen könnte. Denn wenn ein Theaterstück nicht alle paar Minuten Lacher zu erzeugen vermag, gilt es in England bekanntlich als durchgefallen. Manche Leute lachen sich auch durch „Hamlet“. Was dagegen das Dauer-Trauerspiel in Number 10 Downing Street angeht, besteht vielleicht doch die Hoffnung, dass manchen ihr Gelache vergangen ist.

Der Autor, Jg. 1957 ist Literaturwissenschaftler und Autor. Er ist Gründungsdirektor des Zentrums für Britisch-Deutsche Kulturbeziehungen und lebt seit 1981 in London.

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