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Boris Sawinkow: Russlands apokalyptischer Reiter

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Von: Ulrich Rüdenauer

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Boris Sawinkow kämpfte nach der Oktoberrevolution gegen die Bolschewiken. (Illustration)
Boris Sawinkow kämpfte nach der Oktoberrevolution gegen die Bolschewiken. (Illustration) © Imago Images

Sich friedlich im Bett liegend von der Welt zu verabschieden: Das ist nicht jedem vergönnt.

„Ein Henker, aber nicht ohne Lyrismus, infiziert von der Karamasow’schen Krankheit.“ So hat Maxim Gorki den Terroristen, Politiker und Schriftsteller Boris Sawinkow charakterisiert. 1879 im ukrainischen Charkiw geboren – im selben Jahr übrigens wie Leo Trotzki, der in ihm einen „Abenteurer“ sah –, hatte Sawinkow ein äußerst bewegtes Leben: Lange Zeit war er einer der führenden Köpfe der terroristischen Kampforganisation der Sozialrevolutionären Partei; er verübte zahlreiche Attentate im zaristischen Russland, um eben dieses aus den Angeln zu heben. Als Strippenzieher im Hintergrund war er 1904 beteiligt an der Ermordung des russischen Innenministers Wjatscheslaw von Plehwe, und ein Jahr später am Mordanschlag auf den Großfürsten Sergej Romanow. Diese Taten brachten ihm Ruhm ein – und ebenso viel Hass. Er selbst schrieb darüber in seinen „Erinnerungen eines Terroristen“.

1906 wurde der Staatsfeind Nummer eins verhaftet und zum Tode verurteilt. In Odessa sollte er auf seine Hinrichtung warten, aber es kam anders. Dem Delinquenten gelang die Flucht nach Frankreich, und im dortigen Exil tummelte er sich als blutrünstige Berühmtheit im Kreis von Intellektuellen, von Autorinnen und Autoren und avancierte selbst zum Dichter, zu einer jenen „schönen Seelen des Terrors“, von denen Hans Magnus Enzensberger einmal schrieb. Nach der Februarrevolution 1917 kehrte Sawinkow nach Russland zurück, brachte es zum stellvertretenden Kriegsminister der provisorischen Regierung unter Alexander Kerenski und kämpfte nach der Oktoberrevolution gegen die Bolschewiken. Neuerlich floh er irgendwann nach Paris und schmiedete von dort konterrevolutionäre Umsturzpläne. Durch eine Finte in die Sowjetunion gelockt, wurde er gleich hinter der Grenze festgesetzt und nach Moskau gebracht. Vermutlich folterte man ihn während seiner Internierung; jedenfalls nötigten ihm die Tschekisten die Erklärung ab, von seinem Denken und seinen Handlungen abschwören zu wollen.

Literaturhinweise

Hans Magnus Enzensberger: Die schönen Seelen des Terrors. In: Politik und Verbrechen. Frankfurt am Main 1978.

Boris Sawinkow: Erinnerungen eines Terroristen. Aus dem Russischen übersetzt von Arkadi Maslow. Revidiert und ergänzt von Barbara Conrad. Mit einem Vor- und Nachbericht von Hans Magnus Enzensberger. Nördlingen 1987.

Boris Sawinkow: Das fahle Pferd. Roman eines Terroristen. Aus dem Russischen übersetzt und kommentiert von Alexander Nitzberg. Mit einem Dossier zu Boris Sawinkow von Alexander Nitzberg und Jörg Baberowksi. Berlin 2015.

Boris Sawinkow: Das schwarze Pferd. Roman aus dem russischen Bürgerkrieg. Aus dem Russischen übersetzt, kommentiert und mit ergänzendem Material versehen von Alexander Nitzberg. Berlin 2017.

Am 7. Mai 1925 sprang oder fiel Boris Sawinkow aus einem Fenster der gefürchteten Geheimdienstzentrale Ljubjanka. In den offiziellen Akten ist von Selbstmord die Rede – was gar nicht so abwegig erscheint: Die Aussicht auf eine vieljährige Strafe dürfte dem ruhelosen Sawinkow größeres Unbehagen bereitet haben als ein schneller Tod. Es gab aber nicht wenige Zeitgenossen, die von einer Ermordung auf Anordnung Feliks Dzierżyńskis, dem Gründer und Leiter der bolschewistischen Geheimpolizei Tscheka, ausgingen. Unaufgeklärt ist der Fall bis heute. Wie auch dieses Leben auf gewisse Weise bis in die Gegenwart rätselhafte Züge aufweist: Denn Sawinkow handelte wohl weniger aus reinem Idealismus, mehr aus einem unbedingten Willen zur Tat heraus. Er sei ein „Terrorist aus Leidenschaft“ gewesen, bemerkt der Historiker Jörg Baberowski. So sehr habe ihm gefallen, was er anzettelte, „dass es ihm einerlei war, in wessen Auftrag er welche Menschen tötete“. Die Dichterin Marina Zwetajewa schrieb nach Sawinkows Fenstersturz: „Eine Totenmesse für den Terroristen – Kommunisten – Selbstmörder Sawinkow. Wie russisch das ist!“

Das Jahrzehnt der Bomben

Russisch ist nicht nur der Tod Sawinkows, sondern auch seine ganze Lebensgeschichte. Aus mehreren Büchern – seinen Erinnerungen sowie einigen Romanen – lässt sie sich ziemlich gut zusammensetzen. Ihren Hintergrund bildeten die turbulenten politischen Zeiten. Ende des 19. Jahrhunderts wollte der radikale Anarchismus die Gesellschaft aufrütteln – durch symbolträchtige Attentate auf hochstehende Repräsentanten der alten Macht. Die Zeit ging als „Jahrzehnt der Bomben“ in die Geschichte ein, und einer der geistigen und tatkräftigen Bombenleger im zaristischen Russland war eben Boris Sawinkow. Als „kühler Techniker der Gewalt“ wurde er beschrieben, als mordlüsterner Aufrührer, den Trotzki als „Revolutionär vom Sportlertyp“ bezeichnete, ausgestattet mit reichlich Zynismus und Todesverachtung.

Sawinkow wurde aber, angeregt durch sein Tun, auch zum Protokollanten und Dichter. Und er lieferte 1908 in seinem autobiographischen Roman „Das fahle Pferd“ einen Blick in die inneren Strukturen terroristischer Zellen, übertragbar übrigens auch auf andere Zeiten und Situationen. „Das fahle Pferd“ ist ein modernistischer, kühler Roman, verfasst in Form eines Tagebuchs und mit vielen religiösen, biblischen Motiven spielend. Der Autor führt uns darin verschiedene terroristische Typen und ihre Antriebe vor. In der Hauptfigur George finden sich Züge von Sawinkow selbst, eines abgebrühten, an nichts glaubenden Berufskillers. Man dürfe die beiden allerdings nicht zur Gänze miteinander verwechseln, warnt Alexander Nitzberg. Der Übersetzer ist ein ausgewiesener Kenner moderner russischer Literatur und vertritt die Auffassung, Sawinkow spiele mit der Überblendung von Wirklichkeit und Fiktion sehr bewusst. Er setze eine Maske auf, die ihm ähnele, aber doch handele es sich um eine Maske. In einem Interview mit der Wiener Zeitung vermutete Nitzberg, dass Sawinkow dem Übeltäter George Worte in den Mund gelegt habe, die er selbst niemals ausgesprochen hätte. „Für mich“, so Nitzberg, „ist das vor allem ein künstlerischer Prozess, und die Frage nach seinen tatsächlichen Missetaten muss man meiner Ansicht nach ganz neu aufrollen. Es ist nicht erwiesen, dass er mit eigenen Händen Menschen umgebracht hat.“

Weiß und grün gegen rot

Besagter George hat Jahre später in Sawinkows letztem Roman „Das schwarze Pferd“ einen weiteren Auftritt. „Du sollst nicht töten! … Früher einmal trafen diese Worte mich scharf wie Stahl. Doch nun … Doch nun halte ich sie für Lügen. Du sollst nicht töten, aber alles rings tötet. Der Himbeersaft fließt, und seine Fluten reichen den Pferden fast an den Hals. Der Mensch lebt und atmet Mord, schweift umher im blutigen Dunkel, stirbt im blutigen Dunkel dahin. Ein Raubtier tötet, von Hunger gequält, der Mensch – aus Müdigkeit, Faulheit und Trübsinn. So ist das Leben.“

Der Roman „Das schwarze Pferd“, 1923 verfasst, ist nach Sawinkows eigenem Bekunden weder biographisch noch fiktiv. Tatsächlich vermischen sich darin Erfahrungen, die er und einige seiner Weggefährten gemacht haben oder gemacht haben könnten. Das Buch spielt während des russischen Bürgerkriegs 1917/1918, als Konservative unterschiedlichster Prägung, gemäßigte Sozialisten, Nationalisten und die Weiße Armee gegen die kommunistischen Bolschewiki kämpfen. Sawinkow wie auch sein dubioses Alter ego George haben sich auf die Seite der Weißen geschlagen, später führt er grüne Banden an – eine anarchistische Bewegung, die sich als Vertreter der Bauern sieht, in denen sie die eigentliche Kraft Russlands vermuten. Boris Sawinkow bzw. George wird zum Guerillero in Moskau. Sein einstiger Kampf gegen das Zarenregime als eiskalter Terrorist ist vom Kampf gegen die Kommunisten abgelöst worden – alles zum Wohle des russischen Volkes. Was den jungen mit dem älteren Sawinkow verband, ließe sich vielleicht mit Jörg Baberowski so fassen: Man dichtete sich gegen die Wirklichkeit ab und alle bestätigten einander, „dass sie im richtigen, die anderen im falschen Leben lebten“.

Über die Serie

Wir blicken in unserer Serie auf Autorinnen und Autoren, die nicht im Bett starben, meist auch nicht mit dem Stift in der Hand am Schreibtisch, sondern auf ungewöhnliche, verstörende Weise. Und wir fragen uns: Sagt uns der Tod etwas über ihr Leben und Werk? Bislang veröffentlicht:

Ödön von Horváth und sein früher Tod in Paris: Dass schon die Bäume exilierte Poeten erschlagen
Johann Joachim Winckelmann: Meuchelmord in Triest
Robert Walsers lautloses Verschwinden: „Eine Schneeflocke flog mir auf den Mund“
Wolfgang Herrndorf: Chronik eines angekündigten Freitodes
Karoline von Günderrode: Überall Liebe
Rolf Dieter Brinkmann: Einen Tag älter, tiefer und tot
Dagny Juel: Eine müde Lässigkeit der Bewegung
Georg Heym: Der dämonischste unter den zeitgenössischen Dichtern

„Wofür kämpfe ich? Ich glaube nicht an all die Programme und natürlich glaube ich an keinen Führer. Auch ich kämpfe für das Leben, für das Recht, auf der Erde zu leben … Ich kämpfe wie ein Tier – mit meinen Krallen, mit meinen Zähnen, mit meinem Blut … Ich sagte: Auf der Erde. Das ist nicht wahr. Nicht auf der Erde, sondern in Russland, nur in Russland. Von mir aus der Alltag. Von mir aus der Abfall. Von mir aus das Zwielicht. Aber es ist mir traut und lieb. Wie auch Olga mir traut und lieb ist.“ Olga ist eine russische Adelige, die sich auf die Seite der Roten schlägt – und sie ist die Geliebte von George. Die Widersprüche dieser Jahre, die durch alle Schichten verlaufenden Fronten, das Undurchdringbare der geschichtlichen Dynamik, die Brutalität der Ereignisse, Verrat, Folter, Mord – all das versuchte Sawinkow in einer prosaischen und dann wieder lyrischen Sprache einzufangen. Das zentrale Bild des Romans stammt übrigens aus der Bibel: der apokalyptische Reiter mit der Waage in der Hand. Das schwarze Pferd. Man handelte eben in göttlichem Auftrag.

Sinn und Sinnlosigkeit der Geschichte

Sawinkow war ein zwiespältiger Akteur jener Epoche, die unserer vielleicht näher ist, als wir glauben: Gewaltige Umbrüche kündigten sich an; der Terrorismus, in welcher Form auch immer, wurde als probates politisches Mittel genutzt; die Fronten waren nicht mehr so klar, wie sie einmal schienen. Sawinkow hat da fast etwas Emblematisches; faszinierend und abstoßend ist er zu gleichen Teilen. Dass er sich die paradoxe Suche nach dem Sinn der Geschichte zur Aufgabe gemacht hatte, wirkt so archaisch wie aktuell. Die Gabe, aufgrund seiner intellektuellen Potenz und seines vornehm-dezenten Auftretens verschiedene Identitäten anzunehmen, je nach Laune und Klima, das macht ihn ebenfalls fast zu einem Zeitgenossen. Er führte die „Existenz eines modernen Gewaltunternehmers“ (Baberowski). Die Gewalt ist inzwischen auch in Europa wieder allgegenwärtig, und der auf die Müllhalde der Geschichte entsorgte Tatmensch wieder unter uns. Sawinkow ist eine nachdrückliche, bedenkliche, gefährliche Gestalt, so radikal im Leben wie im Tod. (Ulrich Rüdenauer)

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