Kaepernick als Superheld bei einem aktuellen Protest gegen Polizeigewalt in San Francisco.
+
Kaepernick als Superheld bei einem aktuellen Protest gegen Polizeigewalt in San Francisco.

Rassismus in den USA

Black Lives Matter: Die Ideale endlich leben

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
    schließen

Der Footballspieler Colin Kaepernick begründete eine Geste gegen Rassismus, die in den USA lange höchst umstritten war. Zuletzt knickte aber sogar US-Präsident Donald Trump ein.

  • Colin Kaepernick machte Kniefall statt patriotischer Geste
  • Zeichen gegen Rassismus in den USA sehr umstritten
  • Zuletzt knickte sogar US-Präsident Donald Trump ein

Am 1. September 2016 knieten Colin Kaepernick, einer der bekanntesten Footballspieler der USA, und sein Teamkollege Eric Reid, während die Nationalhymne erklang. Das hatte man noch nicht gesehen. Wenn in den USA die Nationalhymne ertönt, die Flagge hochgezogen wird, erheben sich die Menschen, drücken die rechte Faust an die Brust und blicken nach oben, himmelwärts. Kaepernicks Kniefall war die demonstrative Verweigerung dieser patriotischen Geste. Jeder verstand das.

Er wurde beschimpft – „Hurensohn“ nannte ihn Donald Trump – und bekam Morddrohungen. Die Football-Vereine schlossen keine Verträge mehr mit ihm ab. Aber Kaepernick ließ sich nicht unterbuttern. In einer Pressekonferenz erklärte er: „Ich werde nicht aufstehen, um Stolz auf eine Flagge und ein Land zu demonstrieren, das Schwarze und Farbige unterdrückt. Da geht es um mehr als um Football. Es wäre egoistisch, wenn ich das anders sähe. In den Straßen liegen Tote, und die Mörder behalten ihre Jobs und werden weiter bezahlt.“ Kaepernicks Geste richtete sich gegen die Polizeigewalt, die Tatsache, dass Polizisten vielerorts in den USA Schwarze als Freiwild betrachten.

Kniefall von Colin Kaepernick: Wie es zu der Geste gegen Rassismus kam

Schon zuvor hatte Kaepernick auf patriotische Gesten verzichtet. Er war einfach sitzen geblieben. Schon das hatte zu massiven Reaktionen geführt. Eine davon hatte große Auswirkungen. Der weiße Footballspieler und Kriegsveteran Nate Boyer (er war bei den Green Berets gewesen) war wütend. Fahne und Hymne bedeuteten ihm etwas. Kaepernick habe unrecht, sie nicht zu ehren. Er schrieb einen offenen Brief an Kaepernick. Der lud ihn ein zu einem Gespräch. „Wir saßen zusammen in der Lobby des Team-Hotels, sprachen über unsere Situation, unsere unterschiedlichen Auffassungen und Gefühle, über all das.“ Nate Boyer wollte Kaepernick zum Aufstehen bewegen. Kaepernick wollte sitzen bleiben. Dann meinte Boyer, Kaepernick solle doch knien. Das wäre ein Kompromiss zwischen stehen und sitzen. Anwesend war bei diesem Gespräch auch der oft vergessene Eric Reid, der dann zusammen mit Kaepernick am 1. September 2016 kniete. Er bestätigt Boyers Bericht.

Ich weiß nicht, wann Kaepernick auf die Idee kam, diese Idee aufzugreifen. Einfach sitzen zu bleiben, also nichts zu tun, ist zwar extrem lässig, aber nicht wirklich animierend. Der Körper übernimmt da nur das Signal, dass er nichts tun muss, dass er sitzen bleiben kann vor dem Fernseher. Er springt nicht an, geschweige denn auf. Symbole müssen mit Symbolen, große Gesten mit großen Gesten bekämpft werden. Kaepernicks Kniefall ist eben nicht einfach ein Kompromiss, gewissermaßen die halbe Strecke zwischen sitzen und aufstehen. Kaepernicks Kniefall ist eine große, immer wieder verwendete Geste.

Man kniet vor dem König, vor dem Papst, vor der Frau, der man einen Heiratsantrag macht, vor Gott. Kaepernick kniete nicht vor Fahne und Hymne. Sein Kniefall hat die Blickrichtung verändert. Kaepernicks Kniefall ehrt die, die man nicht sieht, die man nicht sehen, über die man schweigen soll: Kaepernick kniet vor den Opfern der Polizeigewalt. Sein Kniefall ruft sie in Erinnerung. Indem er an sie erinnert, erinnert er uns an sie. Kaepernicks Kniefall ist ein Zeichen wie das von Willy Brandt in Warschau. Das ist eine deutsche Assoziation. Vielleicht hat niemand in den USA daran gedacht.

Kniefall von Colin Kaepernick: Langer Kampf gegen Rassismus und für Gleichstellung

Aber dass Kaepernick mit seiner Geste erinnern möchte an die Opfer jenes Staates, auf den er stolz sein soll, das verstand auch dort jeder. Als die Polizeigewalt in den letzten Jahren weiter eskalierte, verbreitete sich die Geste des Kniefalls immer mehr. In jeder Highschool gibt es jetzt Schüler, die nicht ihren Stolz darauf, Amerikaner zu sein, demonstrieren, sondern ihre Scham über den Rassismus in den USA. Sie wollen nicht, dass ihr Land „great again“ wird. Sie wollen, dass es endlich einmal die Größe seiner Ideale leben wird. In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 steht: „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“ Zur Größe dieses Textes haben die USA sich in den vergangenen fast 250 Jahren zu keinem Zeitpunkt aufrichten können.

Als ich Kaepernicks Kniefall das erste Mal sah, dachte ich sofort an die Olympischen Spiele 1968 in Mexiko. Damals standen nach dem 200-Meter-Lauf drei Männer auf dem Siegerpodest. Die schwarzen Amerikaner Tommie Smith (Gold) und John Carlos (Bronze) senkten die Köpfe und streckten jeder eine behandschuhte Faust in die Höhe. Der weiße Australier Peter Norman (Silber) blickte nach vorne. Er schien nichts mit dem Protest zu tun zu haben. Doch auch er trug wie seine Ko-Athleten das verbotene weiß-grüne Abzeichen des „Olympic Project for Human Rights“. Diese im November 1967 gegründete Organisation setzte sich für die Gleichstellung weißer und schwarzer Athleten ein und den Ausschluss des Apartheid-Regimes von den Olympischen Spielen. Als Letzteres gelang, verzichteten die Organisatoren auf den Boykott der Spiele und überlegten, wie sie sie zur Propagierung ihrer Anliegen nutzen könnten.

Als Tommie Smith, John Carlos und Peter Norman ihre Aktion besprachen, wurde Norman auch gefragt, ob er an Gott glaube. Wem das komisch vorkommt, der hat die USA nicht verstanden. Die Bürgerrechtsbewegung der USA war tief religiös, die radikalen Vertreter der Black-Power-Bewegung waren es nicht minder. Martin Luther King war Baptistenpastor und Malcolm X war Prediger der „Nation of Islam“. Der Gott der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, der alle Menschen gleich geschaffen hat, hatte immer wieder gerade unter den radikalen Kämpfern seine glühendsten Anhänger. Daran wird sich so lange nichts ändern, so lange Verfassungstext und Verfassungswirklichkeit so weit auseinanderliegen.

Kaepernicks Zeichen gegen Rassismus: Zuletzt knickte sogar Donald Trump ein

Man preist gerne das Gedächtnis und die Erinnerung. Man vergisst dabei, wie sehr sie einem auch im Weg stehen können. Zur Erinnerung an die Demonstration der drei Athleten von 1968 gehört natürlich auch die an ihren Misserfolg. Hätten sie Erfolg gehabt, sähen die USA anders aus und Kaepernicks Kniefall wäre nicht nötig gewesen, sagte ich mir. Wer so redet, verwechselt die Geschichte mit Treppensteigen. Er vergisst die Rückschläge. Es kann immer alles auch wieder schlechter werden. Für die drei Athleten bedeutete Mexiko das Ende ihrer Laufbahn. Aber ihre Geste erinnerte die Welt daran, dass in den USA kurz zuvor Martin Luther King ermordet worden war, dass die schwarzen Ghettos brannten. Die emporgereckten Fäuste signalisierten: Wir lassen uns das nicht mehr gefallen, wir wehren uns. Es war das Zeichen von Black Power. Es erinnerte nicht an die Opfer, sondern rief auf zum Widerstand.

Dass Kaepernicks Aktion einen solchen Erfolg haben würde, dass jetzt sogar Donald Trump einknickt und den Football-Vereinen rät, Kaepernick, wenn er gut genug sei, wieder zu engagieren, damit hatte ich nicht gerechnet. Geschichte beflügelt nicht. Manchmal drückt ihr Gewicht die auflodernde Hoffnung zu Boden. Man erkennt die Zeichen der Zeit nicht, weil man sie durch die dick gewordenen Linsen all dessen sieht, das man schon gesehen hat. Man hat Angst vor Enttäuschung.

Dabei weiß man doch, dass man nicht kämpfen darf, wenn man Angst vor der Niederlage hat. Wer freilich nur kämpft, weil er sich für unverletzlich hält, der ist ebenfalls verloren. Nur wer bereit ist einzustecken, kann siegen.

Arno Widmann

Die Proteste gegen Rassismus nach dem Tod von George Floyd in den USA ebben nicht ab. Schwarze Amerikaner hoffen laut einer Umfrage auf bleibende Veränderungen durch sie. 

Kanada sieht sich gerne als den zivilisierteren Nachbarn der USA. Jetzt aber kommt zutage: Auch Kanada hat ein systemisches Problem mit Rassismus und Gewalt in der Polizei.

Rassismus gegen Juden und Schwarze - „Weiße Vorherrschaft“ gibt es auch in Deutschland.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare