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„Im April 1933, nach den ersten Aktionen des NS-Regimes gegen Juden, war Bonhoeffer von der Notwengigkeit des Widerstands überzeugt.“ 

Bischof Wolfgang Huber im Interview

Zum Todestag von Dietrich Bonhoeffer: Seine „verantwortete Freiheit“ ist von erstaunlicher Aktualität

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Zum 75. Todestag von Dietrich Bonhoeffer: Wolfgang Huber über den frühen Widerstand gegen Hitler – und über Möglichkeiten, in der Krise das Nötige zu tun und das Geschehen dennoch wach zu verfolgen.

Über Jahre verweigerten Teile seiner Kirche Dietrich Bonhoeffer die
Anerkennung als christlicher
Widerstandskämpfer. Heute wird er von der Evangelischen Kirche in Deutschland als Märtyrer (Gedenktag: 9. April) geehrt. Auch die katholische Kirche führt ihn in ihrer Märtyrer-Liste des 20. Jahrhunderts. 

Bischof Wolfgang Huber gehört zu den Herausgebern des Gesamtwerks Dietrich Bonhoeffers.

Bischof Huber, Dietrich Bonhoeffer wurde noch kurz vor dem Ende des Kriegs auf persönlichen Befehl Hitlers hingerichtet. Wieso war er Hitler dermaßen verhasst?

Bonhoeffer saß schon seit April 1943 in Haft. Man warf ihm vor, sich dem Wehrdienst entzogen und Devisenvergehen begangen zu haben. Seine enge Verbindung zum Widerstand kam erst Anfang 1945 durch den Fund geheimer Papiere heraus. Hitler war empört, dass immer noch Verschwörer aus dem Umkreis des 20. Juli am Leben waren. Und er verfügte deren sofortige Liquidierung. Es war eine der letzten Wahnsinnstaten des Diktators.

Welchen Anteil hatte Bonhoeffer am Widerstand?

Er gehörte über seinen Schwager Hans von Dohnanyi (geb. 1902) dem Widerstandskreis um den Chef der militärischen Abwehr, Wilhelm Canaris (geb. 1887), an. Beide wurden ebenfalls am 9. April 1945 hingerichtet. Diese Gruppe hatte eine wichtige Scharnierfunktion zwischen dem militärischen und dem zivilen Widerstand. Dohnanyi war an mehreren versuchten Attentaten auf Hitler beteiligt, zum Teil schon geraume Zeit vor dem 20. Juli 1944. Er hatte seinen Schwager absichtlich nicht in die Attentatspläne einbezogen. Zu Bonhoeffers Aufgaben gehörte es, seine durch die ökumenische Friedensbewegung gewonnenen internationalen Kontakte zu nutzen, um im Ausland die Existenz des Widerstands bekannt zu machen und sich bei den Regierungen der Alliierten um politische Handlungsspielräume zu bemühen.

Wie weit kam Bonhoeffer damit?

Wolfgang Huber, geboren 1942, ist Theologieprofessor. Er war evangelischer Bischof von Berlin-Brandenburg und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Er gehört zu den Herausgebern des Gesamtwerks Dietrich Bonhoeffers.

Zu seiner großen Enttäuschung blieb seine Geheimdiplomatie erfolglos. Insbesondere die britische Regierung verweigerte jegliche Kooperation mit dem Widerstand und bestand auf einer bedingungslosen Kapitulation Deutschlands auch nach einer Beseitigung Hitlers. Das hinderte Bonhoeffer jedoch nicht, sich an Überlegungen zu einer politischen Nachkriegsordnung zu beteiligen.

Gehörte zu Bonhoeffers Beratung auch die Rechtfertigung des Tyrannenmords?

Das Aufregende ist, dass Bonhoeffer schon im April 1933, nach den ersten Aktionen des NS-Regimes gegen Juden, davon überzeugt war, dass Widerstand gegen Hitler notwendig sei. Als Konsequenz formulierte er ein dreiteiliges Konzept kirchlichen Widerstands: Erstens müsse die Kirche den Staat an seine Verpflichtung auf Recht und Ordnung erinnern. Zweitens müsse sie „die Opfer unter dem Rad verbinden“, das heißt, Opfern staatlicher Willkür beistehen. Und drittens müsse sie der staatlichen Macht bei systematischem Verstoß gegen deren eigentliche Aufgabe auch aktiv entgegentreten, also „dem Rad in die Speichen fallen“. 1933 hatte Bonhoeffer noch die Hoffnung, dies sei durch gewaltloses Handeln möglich. Er wollte dafür sogar nach Indien zu Mahatma Gandhi fahren, um Genaueres von dessen Spiritualität und Inspiration zu lernen. Mit dem Fortschreiten der Diktatur in Deutschland gelangte Bonhoeffer dann aber zu der Überzeugung, dass Gewaltfreiheit nichts mehr bewirken würde.

Die evangelische Kirche tat sich selbst nach dem Krieg damit schwer.

Dietrich Bonhoeffer

1906 wurde der Sohn des bekannten Berliner Psychiaters und Neurologen Karl Bonhoeffer in Breslau geboren, er studierte Theologie und wurde 1931 als evangelischer Pfarrer ordiniert. Vom gleichen Jahr an lehrte der inzwischen promovierte und habilitierte Bonhoeffer an der Berliner Universität. Zwei Tage nach der Machtergreifung Hitlers hielt Bonhoeffer im Radio einen – vorzeitig abgebrochenen – Vortrag mit Kritik am Führerprinzip.

In der NS-Zeit schloss sich Bonhoeffer der „Bekennenden Kirche“ an, die als Minderheit im deutschen Protestantismus auf Distanz zum Regime ging. Er leitete in Finkenwalde (Pommern) ein Predigerseminar für angehende Pfarrer der Bekennenden Kirche, das nach der Schließung durch die Nationalsozialisten 1937 illegal weitergeführt wurde.

Von 1940 an engagierte er sich als Zivilist im militärischen Widerstand gegen Hitler. 1943 wurde er verhaftet und am 8. April 1945 von einem SS-Standgericht auf persönlichen Befehl Hitlers zum Tod verurteilt. Am 9. April 1945 wurde er im KZ Flossenbürg zusammen mit weiteren Mitgliedern des Widerstands gehenkt.
Noch 1956 wurde das Todesurteil vom Bundesgerichtshof als – nach damaligem Recht – ordnungsgemäß eingestuft. Erst 1998 wurde es per Gesetz aufgehoben. 

Es gab im Protestantismus sehr verbreitet die Position, christlicher Widerstand könne – wenn überhaupt – nur vollkommen gewaltlos sein und müsse sich auf ein Einstehen für das Evangelium beschränken, dürfe also nicht im eigentlichen Sinn politisch handeln. Diese Maxime war für viele Christen der einzige Weg, ihre Loyalität zum Staat mit ihrem Unbehagen und häufig erst nachträglicher Kritik am NS-Regime irgendwie in Einklang zu bringen. Natürlich wird das all denen überhaupt nicht gerecht, die sich aus christlicher Überzeugung und auf Grund einer klaren Gewissensentscheidung zum Widerstand entschlossen. Und mir liegt sehr daran, das Handeln von Juristen wie Hans von Dohnanyi oder Helmut James Graf von Moltke, von Militärs wie Henning von Tresckow, von Politikern wie Carl Friedrich Goerdeler, von aktiven Frauen wie Elisabeth Schmitz und von vielen anderen als christlichen Widerstand genauso ernst zu nehmen wie das Agieren des Theologen Bonhoeffer.

In den Monaten seiner Inhaftierung dachte Bonhoeffer auch über die künftige Gestalt des Christentums in der säkularen Welt nach. Deren rasante Veränderungen nach 1945 konnte er nicht voraussehen. Passen seine Überlegungen von damals überhaupt noch zu einer Gesellschaft wie unserer?

Den Begriff „säkular“ verwendet er nicht. Er entwirft ein „religionsloses“ Christentum und will damit der Vorstellung ein Ende machen, der Glaube sei ein Sonderbereich des menschlichen Lebens, der auf die Innerlichkeit beschränkt ist, und der in einem sonst gottfernen Dasein auf Gott zurückgreift, um mit den unerklärlichen Wechselfällen des Lebens klarzukommen. Diese Art Lückenbüßer-Religion hielt Bonhoeffer für unvereinbar mit dem Geist und der Botschaft Jesu. Und er entwickelte stattdessen eine neue Sicht des Glaubens, in der es auf dreierlei ankommt: das Beten, das Tun des Gerechten und das Warten auf Gottes Zeit. Dieser Kerngedanke ist meilenweit entfernt von einer Säkularität aus Gleichgültigkeit, wie sie heute verbreitet ist. Aber er hat nichts von seiner Inspirationskraft verloren.

Was ist Bonhoeffers wichtigstes Vermächtnis?

Neben dem Gedanken einer der Welt verpflichteten „Diesseitigkeit“ des Christentums würde ich Bonhoeffers in der Zeit der Konspiration entworfene Ethik nennen. Sie lässt sich unter dem Leitbegriff „verantwortete Freiheit“ zusammenfassen und ist von erstaunlicher Aktualität – bis hin zu der aktuellen Krise. Mit ihr können wir dann am ehesten umgehen, wenn wir von unserer Freiheit in verantwortlicher Weise Gebrauch machen.

Sie meinen, die momentanen Beschränkungen der Freiheit zu akzeptieren?

Ja. Abstand halten, Kontakte zu anderen meiden ... All das wird uns sehr viel besser gelingen, wenn wir uns nicht einfach nur an Verbote halten, sondern aus innerer Überzeugung das Nötige tun. Und wir werden sehr viel wacher verfolgen, ob einzelne dieser Auflagen womöglich bestehen bleiben, auch wenn sie gar nicht mehr angemessen sind.

Mögen Sie eigentlich Bonhoeffers Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“?

Ja. Der Vers, aus dem Sie eben zitiert haben, steht in vielen Poesiealben. „Von guten Mächten wunderbar geborgen / erwarten wir getrost, was kommen mag. / Gott ist mit uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Das ist die letzte von insgesamt sieben Strophen. Mir ist der Text als ganzer sehr wichtig. Besonders beeindruckt mich die Strophe, in der es um den Umgang mit der eigenen Lebensgeschichte geht: „Doch willst du uns noch einmal Freude schenken / an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, / dann woll’n wir des Vergangenen gedenken, / und dann gehört dir unser Leben ganz.“ Es handelt sich um Bonhoeffers letztes Gedicht, geschrieben im Advent 1944 als Weihnachtsgabe für seine Verlobte. Ein solches Wort der Zuversicht und des Vertrauens als Lebensentwurf in einer Situation unmittelbarer Todesgefahr – das ist schon ungeheuer beeindruckend.

Interview: Joachim Frank

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