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Biografie „Black Spartacus“: Ein Vorbild für den Widerstand

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Von: Andrea Pollmeier

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Toussaint Louverture in einer zeitgenössischen Darstellung von Marcus Rainsford (1758-1817).
Toussaint Louverture in einer zeitgenössischen Darstellung von Marcus Rainsford (1758-1817). © Kharbine-Tapabor/Imago

Sudhir Hazareesinghs Studie über den Revolutionär Toussaint Louverture.

Wer die weltweit wichtigsten Befreiungskämpfer in der Geschichte der Menschheit sucht, wird an Toussaint Louverture (1743-1803) nicht vorbeikommen. Sein Name, im deutschsprachigen Raum noch wenig bekannt, markiert den entscheidenden Wendepunkt im Kampf gegen Sklaverei und für die Gleichstellung von Schwarzen Menschen. Ihm gelang es als Anführer befreiter Sklaven in der französischen Kolonie Saint Domingue, sich Napoleons Truppen erfolgreich zu widersetzen und eine Wiedereinführung der Sklaverei zu verhindern.

Mit Sudhir Hazareesinghs preisgekrönter Biografie „Black Spartacus. Das große Leben des Toussaint Louverture“ hat der Beck-Verlag nun die umfassendste historische Studie über das Handeln und Denken dieses Kämpfers auf Deutsch zugänglich gemacht. Dies geschieht in einer Phase, in der die Black-Lives-Matter-Bewegung von den USA aus nach Europa wirkt und erkennbar gemacht hat, wie dringend Toussaints Ringen um Gleichstellung aller Menschen bis heute geblieben ist. Die mit dem Wolfson-Preis für das beste historische Buch ausgezeichnete Studie erfasst die Relevanz von Toussaints Wirken auf der Basis tiefer Quellenrecherche.

Es ist das Porträt eines Gouverneurs und Rebellenführers, der die Freiheitsideale der Französischen Revolution für alle Menschen realisieren wollte. So entstand das Ideal eines – wie Hazareesingh es nennt – „kreolischen Republikanismus“, der europäische, afrikanische und indigene Elemente miteinander vereinte. Vor dem Hintergrund dieser Überzeugungen, die Toussaint in einer von ihm für die Kolonie Saint Domingue ausgearbeiteten Verfassung 1801 verankerte, entstand in der damals reichsten französischen Kolonie erfolgreicher Widerstand gegen den Jahrhunderte dauernden Sklavenhandel. Das Wissen über Toussaints Denken und Handeln macht es möglich, dieses „als Inspiration für unsere Zeit“ – so die Überschrift des Epilogs – zu nutzen.

Schon François-Dominique Toussaint Louvertures biografische Eckdaten sind einzigartig. Als Kind von Versklavten, die aus dem heutigen Benin in die französische Kolonie verschleppt worden waren, ist es Toussaint nach seiner Freigabe aus der Sklaverei gelungen, innerhalb der französischen Armee zum General aufzusteigen und, nach dem Sieg der République über das Ancien Régime, zum Gouverneur Saint Domingues ernannt zu werden.

Zuvor bereits hatte ihn der damalige Gouverneur der Kolonie, Etienne Laveaux, den „schwarzen Spartacus“ genannt und ihn als einen für die Rechte seines Volkes kämpfenden Retter bezeichnet. Dieser Moment, der sich 1796 in Haut-du-Cap, im Norden des heutigen Haiti ereignete, werde, so Hazareesingh, heute als Wendepunkt betrachtet, an dem das Ende der „weißen Herrschaft“ in dieser Kolonie und – so darf man ergänzen – später auch des Kolonialsystems eingeleitet wurde. Protokolle von Reden, tausende Briefe und bislang ungesichtetes Archivmaterial bilden die Basis für Hazareesinghs Biografie, die bestehende kontroverse Urteile über den haitianischen Nationalhelden korrigiert und seine welthistorische Bedeutung herausstreicht.

Als Gouverneur blieb Toussaint der Französischen Republik gegenüber zunächst loyal. Doch nachdem diese im Auftrag Napoleons Truppen schickte, um 1802 die Sklaverei wieder einzuführen, leitete er den Widerstand ein. Von Verbündeten verraten, wurde Toussaint jedoch inhaftiert und nach Fort Joux im Jura verschleppt, wo er 1803 starb. Toussaints Kampf setzte sein Nachfolger Jean-Jacques Dessaline erfolgreich fort und gründete – in Abwandlung der Verfassung Toussaints – 1804 die von Frankreich unabhängige Republik Haiti. Was damals geschah, schien vorher undenkbar: Ehemaligen Sklaven war es ohne Hilfe anderer Großmächte gelungen, die stärkste Armee Europas zu vertreiben und ihre Freiheit zu behaupten.

Das Buch:

Sudhir Hazareesingh:Black Spartacus. Das große Leben des Toussaint Louverture. Übers. v. A. Nohl. C.H.Beck, 551 S., 34,95 Euro.

Die Schlüsselphase hat der in Oxford lehrende, auf die Geschichte Frankreichs spezialisierte Historiker Hazareesingh in ihren Abläufen bisweilen nahezu tagesgenau analysiert und die Entscheidungsprozesse Toussaints nachvollzogen. Sein Werk räumt mit Klischees und ideologisch motivierten Fehlbehauptungen auf, die hartnäckig kursieren. Diese spiegeln u.a. die Widerstände wider, die die Gesellschaften der bisherigen Kolonialmächte bis heute bei der Aufarbeitung dieser Phase ihrer Vergangenheit haben.

Hazareesingh stammt aus Mauritius. Das Buch „Die Black Jacobins“ von C.L.R. James, das als erste bahnbrechende Studie über die Haitianische Revolution gilt und Toussaint für den Selbstbehauptungskampf der Schwarzen vereinnahmt, habe, so sagte er vor Studenten, bereits in seiner Jugend zu seinen Lieblingsbüchern gezählt. Als Kenner der französischen Geschichte, der für sein Werk „How the French think“ (2015) den „Grand Prix du Livre d’Idees“ erhielt, beleuchtet Hazareesingh historische Narrative und nationale Ambivalenzen, die den Stellenwert von Toussaint Louverture und der durch ihn vorangetriebenen Haitianischen Revolution in den Hintergrund gedrängt haben.

So erinnert er an die 1998 erfolgte, späte Aufnahme des Generals in den Pariser Panthéon, wo ein Informationsschild darauf hinweist, dass Toussaint angeblich im „Exil“ in Fort Joux gestorben ist. Doch fehle jeder weitere Hinweis, dass Toussaint als französischer Bürger inhaftiert worden sei, weil er gegen die Wiedereinführung der Sklaverei in Saint Domingue gekämpft hatte. Offenbar, so interpretiert es Hazareesingh, „scheint es leichter – und weniger schmerzhaft – zu sein, den weißen Abolitionismus zu ehren, als den schwarzen Widerstand gegen die Sklaverei.“ Auch tue sich die bisherige geschichtswissenschaftliche Betrachtung damit schwer anzuerkennen, dass die Republikaner nach der Französischen Revolution nicht konsequent die Abschaffung der Sklaverei betrieben haben.

Die von Toussaint angeführte Haitianische Revolution ist dementsprechend gering in Europa oder den USA rezipiert worden. Noch gibt es beispielsweise keinen Film. Dennoch hat das Leben Toussaints Wirkkraft entfaltet. Seine Kampftaktiken wurden zum Vorbild für den Widerstand Schwarzer Gemeinschaften, in Literatur, Kunst und Musik ist Toussaint ikonisch präsent. Musiker wie Wycliff Jean oder die Gruppe Santana widmeten ihm Songs, der Künstler Basquiat oder das Künstlerkollektiv Atis Rezistants, das aktuell auf der documenta 15 zu sehen ist, integrieren die Silhouette des Revolutionärs in ihr Werk.

Hazareesingh geht dieser umfangreichen Rezeption nach und weist Toussaint Louverture nun zudem auf der Basis historischer Quellenanalyse den ihm geschichtswissenschaftlich zugehörigen Platz zu.

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