Billie Eilish – „Wählt, als ob euer Leben davon abhängt, das tut es nämlich“

Das Recht auf Abtreibung als Wahlkampfzone: Die USA erleben eine Sexual-Politics-Offensive – während sich in Dresden kräftig angefeindete Aktivistinnen zum Safe Abortion Day Ende dieser Woche rüsten.
You can grab ’em by the pussy!“ Mit der Frauengrapschernummer war Donald Trump 2016 noch durchgekommen bis ins Weiße Haus. Das könnte diesmal anders laufen. Taylor Swifts Wahlempfehlung für Kamala Harris darf getrost als Retourkutsche auf Trumps Übergriff-Rhetorik verstanden werden: No, you can’t!
Ausdrücklich lobt die einflussreichste Popkünstlerin der Gegenwart den demokratischen Vize-Kandidaten Tim Walz, der sich „seit Jahrzehnten für LGBTQ+-Rechte, IVF (In-vitro-Fertilisation) und das Recht einer Frau auf ihren eigenen Körper einsetzt“. Das kommt an bei 283 Millionen Menschen, die ihr auf Instagram folgen und nicht mehr als „skurrile Minderheiten“ abgetan werden können, wie Putinfreundin Sahra Wagenknecht das mit Leuten versucht, die von der Heteronorm abweichen. Selbstverständlich kommuniziert Swift mit Kürzeln wie LGBTQ+ und IVF, selbstverständlich propagiert Harris reproductive rights. Und selbstverständlich sind die Rechte queerer Personen, künstliche Befruchtung und die Freiheit von Frauen, über ihren Körper selbst zu bestimmen, kein „Gedöns“, wie der ehemalige SPD-Kanzler und Putinkumpel Gerhard Schröder zu sagen pflegte. Und keine „Nebenwidersprüche“, wie jahrhundertelang bei Traditionslinken.
Auch ohne Taylor Swifts explizites Votum wissen Millionen von Swifties, dass die Politik des Gespanns Trump/Vance ihren way of life angreift, ihre Körper, ihre, Achtung: Identität.
Kamala, Taylor und die Swifties haben den Spieß umgedreht, haben die Gefahrenzone zwischen den Beinen zum Wahlkampfschauplatz umgewidmet. Eine Sexual-Politics-Offensive, in die sich nach Swift der nächste weibliche Superstar pro Kamala einmischt, mit hehren Worten: „Wählt, als ob euer Leben davon abhängt, das tut es nämlich“, verkündet Billie Eilish nebst Bruder Finneas am 18. September bei Instagram (120 Millionen Follower:innen) und beruft sich ausdrücklich auf reproduktive Gerechtigkeit.
Tags darauf veröffentlicht Harris „Monster“, einen dramatischen Video-Clip. Da erzählt die heute 22-jährige Aktivistin Hailey Duvall, wie sie im Alter von zwölf Jahren von ihrem Stiefvater vergewaltigt und geschwängert wurde. Sie selbst habe zwar noch medizinische Hilfe beanspruchen können, aber mit der Aufhebung des Grundsatzurteils Roe v. Wade, das das Recht auf Abtreibung garantierte, „haben Mädchen und Frauen im ganzen Land das Recht verloren, zu wählen, selbst bei Vergewaltigung oder Inzest. Donald Trump hat uns die Freiheit genommen“. Untermalt wird der Clip von einem nicht minder dramatischen Song: „When the Party’s Over“ von: Billie Eilish. Gutes Timing.
Dass Kandidaten und Kandidatinnen der Demokratischen Partei von Hollywood-Größen und Rockstars wie Springsteen und R.E.M. unterstützt werden, ist nichts Neues. Neu allerdings ist der alltagsfeministische Drive von Harris’ Kampagne und ihre Social-Media-gestützte Allianz mit jungen Popfrauen mit Massenappeal. „My Pussy, my Choice“ verkünden längst nicht mehr nur Riot Grrrls und Radikalfeministinnen, das steht auch auf dem knappen Cat Suit (!) von Miley Cyrus, die Swift und Eilish in puncto Reichweite kaum nachsteht. Cyndi Laupers 80er-Hit „Girls just wanna have fun“ erlebt eine Rückkehr als Demoparole, mit dem Zusatz: „damental rights“.
Um fundamentale Rechte geht es am 28. September, dem Safe Abortion Day, für den in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden gleich zwei Gruppen mobilisieren: Pro Choice Dresden und Kuzynka z Drezna. „Es war Donald Trump, der für eine reaktionäre Besetzung des höchsten Gerichts der USA sorgte, das vor zwei Jahren die liberale Abtreibungsregelung aufgehoben hat. Inzwischen haben über 20 Bundesstaaten ein Abtreibungsverbot eingeführt“, sagt Pro-Choice-Aktivistin Anke Schäfer. „Harris hat Frauen getroffen, die aufgrund von Verboten medizinisch nicht versorgt wurden oder erst als sie eine lebensbedrohliche Sepsis entwickelten. Trump und Harris könnten also in der Abtreibungsfrage nicht gegensätzlicher sein.“
Zur Sache
Der „International Safe Abortion Day“ am 28. September und die Aktionswoche davor werben seit 1990 für das Recht auf sichere und legale Schwangerschaftsabbrüche, die Frauen in zahlreichen Ländern nicht (oder nicht mehr) ermöglicht werden. FR
Informationen im Internet safeabortionday.noblogs.org/ instagram.com/kuzynka_drezno/
pro-choice.de
www.freie-radios.net/124104
Anke Schäfer heißt anders: „Klarnamen kommen angesichts der Anfeindungen, Drohungen und Belästigungen von religiösen Rechten gegen Pro-Choice-Aktivist:innen und -Mediziner:innen nicht infrage, das würde unsere Arbeit gefährden.“ Das gilt besonders in Sachsen, wo die AfD bei der Landtagswahl Anfang September auf ein knappes Drittel der Stimmen kam. Eine deutliche Mehrheit in den USA sei gegen die Kriminalisierung von Abtreibung, erklärt Schäfer und warnt vor amerikanischen Verhältnissen: „Auch jenseits des Wahlkampfes ist das Recht auf Abtreibung ein stark polarisierendes Thema. Es gab Anschläge auf Abtreibungskliniken. Ein Arzt, der sich für das Recht auf Abtreibung einsetzte, wurde von einem fundamentalistischen Abtreibungsgegner erschossen.“ Der von Kirchenfürsten propagierte „Schutz des ungeborenen Lebens“ lade die Debatte moralisch auf.
Angefangen hat Pro Choice mit Protesten gegen den alljährlichen „Schweigemarsch für das Leben“ von christlich-fundamentalistischen Gruppen in Annaberg-Buchholz, Erzgebirge. „Das Erzgebirge gilt als der sächsische Bible Belt“, erzählt Anke Schäfer. „Hier agiert eine starke fundamentalistische Szene, die tief in kommunalen Strukturen verankert ist und eng vernetzt mit konservativen bis rechtsextremen Kräften.“ Bibelgürtel gibt es also nicht nur zwischen Arkansas und Oklahoma, falsch wäre allerdings auch, den Siegeszug des Klerikalfaschismus als rein ostdeutsches Phänomen zu verkennen. Evangelikale Hochburgen finden sich auch in Provinzen der alten BRD, vom Siegerland bis Westerwald.
Überhaupt ignoriert der heutige herablassend-westliche Blick gerade vieler Linker gerne die Ungleichzeitigkeiten und Widersprüche im Verhältnis der beiden deutschen Staaten, die im weiten Feld der reproduktiven Gerechtigkeit besonders eklatant ausfallen. „Die 1972 in der DDR eingeführte Fristenregelung hat sicher noch Auswirkungen auf das hiesige Selbstverständnis zum Thema Abtreibung“, sagt Anke Schäfer aus Dresden. Für viele ostdeutsche Frauen habe „die Wiedervereinigung weitreichende Verschlechterungen mit sich gebracht, nicht nur beim Thema körperliche Selbstbestimmung, auch bei Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung, Rentenrecht für in der DDR geschiedene Frauen usw. Das wirkt nach. Gerade ältere Frauen erzählen von einem selbstverständlicheren, enttabuisierten Umgang mit dem Thema Abtreibung.“
Die Pro-Choice-Aktivistin erinnert an eine weitere Ungleichzeitigkeitspointe in der Ost-West-Dynamik. Danach hatten die SED-Herren um Ulbricht und Honecker keine edlen oder gar feministischen Motive im Sinn, als sie 1972 die Fristenregelung einführten. Das passierte vielmehr „unter dem Eindruck der westdeutschen Frauenbewegung“ so Anke Schäfer. „Aus propagandistischen Gründen, als Beweis, in der Systemkonkurrenz der bessere Staat zu sein. Vor 1972, also mehr als die Hälfte der Zeit des Bestehens der DDR, war Abtreibung ähnlich kriminalisiert wie in der BRD. Mit ähnlichen Folgen für die Gesundheit von Frauen. Pauschal zu sagen, in der DDR gab es Abtreibung auf Krankenschein, ist also schlichtweg falsch.“
Schauen wir weiter nach Osten. Im katholischen Polen ist Abtreibung kriminalisiert, hier engagiert sich die zweite Dresdner Aktivistinnen-Gruppe, Kuzynka z Drezna, „Cousine aus Dresden“. Auch Fenja Kowalska möchte ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. „Wir arbeiten an solidarischen Unterstützungsstrukturen für Menschen aus Polen, die in Dresden einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen möchten“, berichtet sie. „Wir vereinbaren Termine bei örtlichen Beratungsstellen und Arztpraxen, organisieren Dolmetscher:innen, und helfen bei Reise- und Übernachtungsplanung.“
Von politischen Gegner:innen, darunter nicht wenige, die das C im Parteinamen tragen, wird die so unglamouröse wie mühsame Kleinarbeit der Dresdner Cousinen behindert, geschmäht und denunziert. Sie nennen es „Abtreibungstourismus“, ein böser Onkel des „Asyltourismus“. Die Aktionswoche zum Safe Abortion Day läuft bis zum Tag selbst, dem 28. September.



