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Skandal um „Bild“-Chef

Verfahren gegen Julian Reichelt: „Bild-Zeitung besoffen von der eigenen Bedeutung und Macht “

  • Bascha Mika
    VonBascha Mika
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Der Medienethiker Tanjev Schultz über Julian Reichelt, gegen den ein Compliance-Verfahren läuft, und die „Bild“-Zeitung.

Herr Schultz, der Chefredakteur der Bild-Zeitung, Julian Reichelt, macht derzeit selbst Schlagzeilen. Gegen ihn läuft ein Compliance-Verfahren im Springer-Verlag. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werfen ihm Machtmissbrauch vor, Nötigung, Mobbing und Ausnutzen von Abhängigkeitsverhältnissen. Das klingt nach der Art Schlammschlacht, wie sie die „Bild“ gerne anzettelt.

Ja, wenn es nicht sie selbst betreffen würde, hätte die Bild-Zeitung sicher eine wahre Freude daran, die Sache in großen Lettern und mit süffisanten Details auszubreiten. Nun geht es aber um sie selbst. Und auch wenn wir nicht wissen, was dabei herauskommt, was an den Vorwürfen stimmt und was nicht, ist diese Geschichte nicht sonderlich überraschend.

Tatsächlich?

Die Stichworte, die hier gefallen sind, passen zur Kultur eines Boulevard-Journalismus, der eine traditionelle Auffassung von Führung, Autorität und Männlichkeit konserviert. Und der es nicht nur in der Berichterstattung, sondern auch in der Redaktion an Sensibilität und Selbstkontrolle vermissen lässt.

Julian Reichelt und die Bild: Am Ende wird die Zeitung belächelt

Reichelt widerspricht den Vorwürfen. Dabei wird sein „Frontschwein-Führungsstil“ nicht zum ersten Mal öffentlich kritisiert. In der Redaktion heißt es, er verhalte sich wie in seinem früheren Job als Reporter im Kriegsgebiet – skrupellos und aggressiv. Braucht eine Boulevard-Zeitung so ein aggressionsgeschwängertes Klima?

Ich weiß weder, ob sie es braucht, noch, ob es ihr guttut. Aber es deckt sich mit dem Auftritt des Blattes nach außen. Immer noch einen drauflegen, noch eine Umdrehung mehr, noch eine härtere Schlagzeile! Gleichzeitig zeigt sich die Bild-Zeitung besoffen von der eigenen Bedeutung und Macht – die sie meiner Meinung nach aber gar nicht mehr hat.

Dennoch behauptet die „Bild“, sie könne Karrieren aufbauen oder zerstören. Beim Virologen Christian Drosten hat sie es mit der Vernichtung durchaus versucht.

Psychosozial betrachtet kann die Arbeit bei so einem Boulevardblatt offenbar mit einer narzisstischen Kränkung einhergehen, die zu dem Impuls führt, andere Menschen fertigzumachen. Denn selbst wenn viele Leute die Bild-Zeitung wahrnehmen, wird sie letzten Endes belächelt und als Medium nicht für voll genommen.

Julian Reichelt, Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, sieht sich einem Compliance-Verfahren ausgesetzt. (Archivbild)

Ein „Bild“-Mitarbeiter sagte im SWR-Fernsehen, dass das „Niedergemetzel von Kollegen“ endlich aufhören müsse. So eine Führungskultur kann Springer-Chef Mathias Döpfner nicht verborgen geblieben sein. Wie viel Verantwortung trägt der CEO am Klima im Haus?

Letzten Endes muss Döpfner sich zurechnen lassen, dass er schon bei anderen Vorfällen nicht eingeschritten ist und Reichelt weiter gewähren ließ. Zuletzt musste sich Döpfner öffentlich für die Berichterstattung der „Bild“ im Kriminalfall von Solingen entschuldigen. Es gab auch Verwerfungen, als Tanit Koch als „Bild“-Chefin abgetreten ist, die mit Reichelt in einer Doppelspitze gearbeitet hat. Döpfner hat Reichelt, so wirkt es, immer unterstützt und damit auch dessen Radau-Kurs mitgetragen. Als CEO ist er mitverantwortlich.

„Nicht alles ist falsch, was in der Bild-Zeitung steht“

Die „Bild“ zeigt mit Reichelt wieder ihr Gesicht als aggressives Kampfblatt. Wie muss man journalistisch gestrickt sein, um Boulevard à la Reichelt zu betreiben?

Sie haben ja vorhin seine Vergangenheit als Kriegsreporter erwähnt. Diese Wuchtigkeit, dieses breitbeinige Auftreten ist ihm doch sehr zu eigen. Und wenn man beobachtet, wie er sich auf Twitter als Social-Media-Krieger geriert, scheint er Gefallen an diesem Image zu haben.

Ist es noch Journalismus, was dann im Blatt dabei herauskommt?

Nicht alles ist falsch, was in der Bild-Zeitung steht. Ihre Reporter sind teilweise gut informiert, die Fakten, die sie liefern, stimmen dann durchaus. Deshalb tue ich mich schwer, über alle Journalisten und Journalistinnen, die dort arbeiten, den Stab zu brechen. Aber sie haben sich bei einem Kampagnen-Blatt verdingt, das sich permanent Rügen des Presserats wegen unethischer Berichterstattung einhandelt...

Zur Person:

Tanjev Schultz, 1974 in Berlin geboren, ist Professor für Journalismus an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Medienethik und dem Vertrauen in den Journalismus. Der früherer Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ gab zuletzt das Buch „Auf dem rechten Auge blind?“ im Kohlhammer-Verlag heraus.

...und damit journalistische Spielregeln verachtet?

Wie oft kann man Regeln brechen, bis ein Spiel nicht mehr erkennbar ist? Wenn Fußballspieler den Ball nur noch im Arm übers Feld tragen, würde man es nicht mehr als Fußball bezeichnen. Es gibt allerdings auch den Rumpelfußball, bei dem das Spiel noch erkennbar ist, aber sehr schlecht gespielt wird. Oft ist das, was die Bild-Zeitung liefert, ein schlechtes Spiel von Journalismus – und manchmal nicht einmal mehr das.

Reichelt behauptet, die „Bild“ mache „aus Fakten Emotionen, aber nicht aus Emotionen Fakten“.

Was soll das denn heißen? Natürlich will Journalismus die Leute erreichen, vielleicht auch bewegen. Aber was hat die Bild-Zeitung mit meinen Gefühlen zu tun? Sie bedient im Übermaß, was sowieso schon ein Problem unserer Social-Media-Welt ist: permanent mit Emotionalisierungen, Bekenntnissen und Übertreibungen zu arbeiten...

Verfahren gegen Julian Reichelt: Bei der Bild halten sie an ihm fest

...und unsere niederen Instinkte zu bedienen?

Eben. Das schädigt unsere Diskurskultur und unsere Demokratie. Im Digitalen ist „Bild“ deshalb auch ein gefragter Titel, während die Druckauflage sinkt. In einer betriebswirtschaftlichen Logik mag der Auftritt im Netz erfolgreich sein, vielleicht hält Döpfner deshalb an Reichelt fest. Doch wenn es um Journalismus geht, ist der Erfolg nicht an Reichweiten zu messen. Wird er durch publizistische Fehlleistungen erkauft, ist er gar nichts wert.

Ihr Kollege Bernhard Pörksen sagt mit Blick auf die Bild-Zeitung: „Zur Berufsbeschreibung des aggressiven People-Journalismus gehört auch, dass man das Gegenüber in seinem Schmerz kaum wahrnehmen kann.“

Diese Problematik betrifft allerdings nicht nur Boulevard-Medien. Denn jeder von Aktualität getriebene Journalismus steht in der Gefahr, das Leiden zu ignorieren oder gar zu instrumentalisieren. Der Boulevard treibt es zynisch auf die Spitze.

Tanjev Schultz.

Heißt das, Zynismus kann zu einer Berufskrankheit werden?

Ja, wenn ethische Selbstbindung, Reflexion und die entsprechende kollektive Kultur in einem Medienhaus fehlen. So eine Kultur muss im Umgang miteinander und im Umgang mit den Menschen, über die berichtet wird, gelebt werden. Wenn das nicht passiert, entgleitet es. Dann entstehen Verhärtungen, Blindheiten und Instrumentalisierungen in der Berichterstattung. Aber auch in der Kultur des eigenen Hauses.

Das bedeutet doch: Wenn man in einer Redaktion quasi täglich Persönlichkeitsrechte verletzt, die Menschenwürde und den Schmerz von Opfern missachtet, ist man auch eher bereit, anderswo Grenzen zu missachten. Etwa wenn es um Menschenführung geht?

Diese Grenzen können zumindest verwischt werden. So, dass alles als großes Spiel oder als Wettkampf wahrgenommen wird, bei dem es vor allem um Macht und ums Gewinnen geht. Um das Beherrschen von gesellschaftlichen Stimmungen, aber auch das Beherrschen einer Redaktion. Dabei werden die Eigenrechte von Menschen missachtet.

In einer Mitteilung warnt Döpfner zu Recht vor einer Vorverurteilung im Fall Reichelt. Ist das mit Blick auf das Geschäftsmodell der „Bild“ nicht dennoch irgendwie heuchlerisch?

Ich sehe einen öffentlichen Impuls, jetzt mit Häme und Vorverurteilungen an die Sache heranzugehen. Ich selbst habe ja auch kritische Worte gewählt. Aber man muss sich vor Selbstradikalisierung schützen, vor Schadenfreude und Häme. Man braucht die aktuellen Vorgänge nicht, um die Bild-Zeitung als problematisch einzustufen. Triumphgeheul verbietet sich. Doch der Fall ist ein guter Anlass darüber nachzudenken, ob es einen besseren, sauberen Boulevard-Journalismus geben kann. (Interview: Bascha Mika)

Rubriklistenbild: © Bernd von Jutrczenka

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