Reicht das? Das Mahnmal gegen das mittelalterliche „Judensau“-Relief in Wittenberg.
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Reicht das? Das Mahnmal gegen das mittelalterliche „Judensau“-Relief in Wittenberg.

Bundesgerichtshof

BGH zum antijüdischem Relief von Wittenberg: „In Stein gemeißelter Antisemitismus“

  • Ursula Knapp
    VonUrsula Knapp
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Der BGH entscheidet am Dienstag über die Entfernung der „Judensau“ an der Wittenberger Stadtkirche.

Wie gehen wir um mit historischen Monumenten, die eindeutig rassistisch oder antisemitisch sind? Reicht die Distanzierung, oder müssen sie demontiert werden? Dieser Grundsatzstreit hat nun auch den Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe erreicht, der am Dienstag über Verbleib oder Entfernung der sogenannten „Judensau“ an der Wittenberger Stadtkirche entscheiden wird.

Es ist ein Sandsteinrelief, das um 1290 in etwa vier Metern Höhe an der Stadtkirche Wittenberg angebracht wurde und eine Sau zeigt, an deren Zitzen zwei mit Spitzhüten versehene Juden saugen. Eine als Rabbiner dargestellte Figur hebt den Schwanz der Sau und schaut in ihren After. „In Stein gemeißelter Antisemitismus“, so charakterisierte der BGH-Richter Stephan Seiters die Darstellung in der mündlichen Verhandlung vor knapp zwei Wochen. Die heutige Evangelische Kirche könne sich auch nicht auf die mittelalterliche Herkunft berufen, denn 1983 hatte sich die Gemeinde anlässlich der Sanierung der Kirche dazu entschieden, die „Judensau“ ebenfalls zu sanieren, wodurch sie sogar besser erkennbar wurde.

Michael Düllmann, Mitglied der Jüdischen Gemeinde, verlangt wegen schwerer Beleidigung die Entfernung des Reliefs. Die Kirche beruft sich dagegen auf zwei Inschriften, die am Boden angebracht wurden. Mit der Distanzierung solle das historische Schmähbildnis nun zur Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus beitragen.

So sah es vor rund zwei Jahren auch das Oberlandesgericht Naumburg, das Michael Düllmanns Klage auf Entfernung abwies. Die ursprünglich beleidigende Wirkung des Reliefs sei durch die Mahntafeln zurückgenommen. Das beurteilt Kläger Düllmann ganz anders und legte Revision ein, wodurch der Fall nun vom obersten deutschen Gericht für Zivilstreitigkeiten entschieden werden muss.

Düllmanns Anwalt Christian Rohnke traf in der mündlichen Verhandlung Ende Mai den kritischen Punkt. Hat sich die evangelische Kirche überhaupt distanziert? „Der Text auf der Bodenplatte ist wirres Geschwurbel, das niemand versteht“, sagte der Anwalt. Man kann ihm schwerlich widersprechen. „Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem Ha Mphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in 6 Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen“. Das steht seit 1988 auf der Bodenplatte.

Auch auf der zweiten, zusätzlich angebrachten Informationstafel sucht man eher nach Distanzierung: „An der Südostecke der Stadtkirche Wittenberg befindet sich seit etwa 1290 ein Hohn- und Spottbild auf die jüdische Religion. Schmähplastiken dieser Art, die Juden in Verbindung mit Schweinen zeigen – Tiere, die im Judentum als unrein gelten – waren besonders im Mittelalter verbreitet. Es existieren noch etwa fünfzig derartige Bildwerke.“ Für Düllmanns Anwalt ist auch diese Inschrift „verharmlosend“, es klinge, als sei das eben so normal gewesen. Nirgendwo distanziere sich die Kirchengemeinde eindeutig.

Muss das Relief also weg? Brunhild Ackermann, Anwältin der Evangelischen Kirchengemeinde, warnte. Wie solle sich eine Schulklasse noch mit Antisemitismus auseinandersetzen, wenn die historischen Zeugnisse verschwinden? Sie erinnerte auch an die aktuellen Auseinandersetzungen um den Sarotti-Mohr, der dann ebenfalls verschwinden müsse. Demokratie lebe aber von der Auseinandersetzung. „Man darf die Erinnerungskultur nicht auf dem Altar des Zeitgeists opfern“, forderte Anwältin Ackermann in ihrem Plädoyer.

Dass die Evangelische Gemeinde bisher zu wenig getan hat, um sich von dem Schmähbild eindeutig zu distanzieren, deutete auch der amtierende Wittenberger Pfarrer Matthias Keilholz ein. „Der Text der Bodenplatte ist vielleicht zu undeutlich“, sagte er nach der Verhandlung in Karlsruhe. Die Gemeinde arbeite an einer klareren Botschaft. Ob es dafür nicht zu spät ist, entscheidet sich am Dienstag.

Michael Düllmann deutete schon an, dass er weiterklagen wird, sollte das Schmähbildnis nicht entfernt werden. Dann will er zum Bundesverfassungsgericht, möglicherweise auch zum Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg gehen.

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