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Die Munitionskisten mit den letzten Büchern der Deportierten. Foto: Cornelia Maenz
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Die Munitionskisten mit den letzten Büchern der Deportierten.

Holocaust

Berliner Bücherfund: Die Bibliothek der Toten

  • VonAndreas Förster
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Ein Forschungsprojekt widmet sich Tausenden Büchern von Holocaust-Opfern, die diese in Berlin zurücklassen mussten.

Hölzerne Munitionskisten stehen in einem Raum, jede ist gut einen Meter lang und etwa 50 Zentimeter breit. Ihre graue Farbe ist abgeschabt, das Holz rissig, die metallenen Ecken sind angerostet. Aber es liegen keine Patronen oder Granaten darin, sondern Bücher. Tausende. Kleine und große, viele mit grauen, schmucklosen Buchdeckeln, andere mit kunstvoll gestaltetem Einband. Alte Bücher in alten Kisten. Ein Schatz?

Wahrlich. Aber keiner, der sich in Euro und Dollar messen lässt, denn keines dieser Bücher ist eine bibliophile Kostbarkeit. Es sind Unterhaltungsromane, Klassiker aus populären Editionen, Schulbücher, auch viel Fachliteratur und ein paar Zeitschriften. Zerlesen, abgegriffen, abgestoßen und mit vergilbten Seiten. Und doch sind diese Bücher eine einzigartige Sammlung. Sie stammen mit hoher Wahrscheinlichkeit aus den von den Nazis geplünderten Wohnungen deportierter und ermordeter Berliner Juden. Eine Bibliothek der Toten.

„Wir stehen erst ganz am Anfang mit der Aufarbeitung dieses einzigartigen Bestandes“, sagt die Berliner Historikerin Irena Strelow. „Aber was wir schon bei einer ersten groben Sichtung entdeckt haben, lässt uns hoffen, zumindest einige frühere Besitzer zu identifizieren und deren Bücher an mögliche Nachfahren zu übergeben.“ In der Tat weisen eine Reihe der in den Holzkisten über Jahrzehnte hinweg gelagerten Bände kunstvoll gestaltete Exlibris mit handschriftlich eingefügten Daten wie Namen und Jahreszahlen auf.

In einigen Büchern finden sich gepresste Blumen, Briefe oder Fotografien, etwa von Schulklassen und Hochzeiten. „Für die Nachkommen von Holocaust-Opfern haben solche persönlichen Gegenstände einen unschätzbaren und identitätsstiftenden Wert, weil sie oftmals der einzige überlieferte Beleg für die Existenz ihrer ermordeten Verwandten sind“, sagt Strelow.

Das in 20 Munitionskisten und einigen Umzugskartons gelagerte Bücherkonvolut umfasst geschätzt 3500 Bände und rund 8000 lose Blätter. Der Berliner Unternehmer Manfred Wolff hat es vor drei Jahren der Moses Mendelssohn Akademie in Halberstadt übergeben. Die Bücherkisten stammen aus dem Erbe seines 1963 verstorbenen Adoptivvaters Ernst Wolff, einem jüdischen Kaufmann und Filmunternehmer, der die NS-Zeit in der Illegalität in Berlin überlebte. „Ich wusste nicht, was es mit diesen vielen Büchern auf sich hatte, die mein Vater seit Kriegsende verwahrte. Aber ich spürte, dass sie eine Bedeutung für ihn und vielleicht auch für andere Menschen haben und ich sie daher erhalten muss“, sagt Manfred Wolff.

Und dann erzählt er, wie sein Vater in den Besitz der Bücher gekommen war. Gleich nach Kriegsende hatte sich Ernst Wolff wieder in die Arbeit gestürzt und gründete in Berlin die Mosaik-Film GmbH, ein lange Zeit erfolgreiches Unternehmen. Er freundete sich mit einem jüdischen US-Offizier an, Captain Harry Nowalsky. „Im August 1945 schlug mein Vater Nowalsky vor, einen Seitenflügel der ehemaligen Synagoge am Kreuzberger Thielschufer, das heute Fraenkelufer heißt, für jüdische Feiertage wieder herzurichten“, erzählt Manfred Wolff. Die Gebäude der in den Novemberpogromen 1938 schwer beschädigten Synagoge in Kreuzberg waren ab Ende 1941 als Lager für geraubte jüdische Besitztümer missbraucht worden. Das Oberfinanzpräsidium lagerte hier elektrische Haushaltsgroßgeräte sowie Möbel ein, die in den Wohnungen deportierter Juden beschlagnahmt worden waren.

Den bei den Pogromen weitgehend unbeschädigt gebliebenen Seitenflügel des Gebetshauses hatte der Berliner Antiquitäten- und Kunsthändler Rudolf Sobczyk angemietet. „Sobczyk gehörte schon seit Mitte der 1930er Jahre zu den großen Nutznießern der Ausplünderung jüdischer Familien durch den NS-Staat“, sagt Irena Strelow, die die Rolle des Unternehmers in der Zeit des Nationalsozialismus erforscht hat. „Dank seiner guten Beziehungen zur Vermögensverwertungsstelle des Oberfinanzpräsidiums konnte er Textilien und Alltagsgegenstände, aber auch Möbel und Kunstwerke aus Wohnungen deportierter oder geflohener jüdischer Bürger zu Schleuderpreisen erwerben.“

Nowalsky stellte Soldaten zur Beräumung des Seitenflügels ab. Auch Ernst Wolff selbst half tatkräftig mit und war jeden Tag vor Ort. „Bei den Aufräumarbeiten stieß mein Vater in einem Raum auf Berge von Büchern, die dort auf Regalen und am Boden lagen“, erzählt Manfred Wolff. „Er ließ sie erst einmal in Munitionskisten verpacken, ohne dass er wusste, woher sie kamen. Er wollte sie einfach nicht wegwerfen. Vielleicht hatte er damals schon eine Ahnung davon, was es mit diesen Büchern auf sich haben könnte.“

Tatsächlich stammen viele der geretteten Bücher aus dem Lager Sobczyks, das belegen Firmenstempel in einer Reihe der Bände. Sobczyk dürfte sie mit großer Wahrscheinlichkeit in der Vermögensverwertungsstelle erworben haben, in der Raubgut aus den Haushalten der Deportierten zum Verkauf ausgestellt war. „Es ist sogar zu vermuten, dass diese Bücher zu den letzten Gegenständen gehörten, die jüdische Bürger aus ihren Wohnungen mitnehmen konnten, bevor sie in die von den Nazis als ‚Judenhäuser‘ benannten Wohngebäude zwangsumgesiedelt wurden“, sagt Strelow. Dafür spreche etwa, dass es sich bei den Bänden aus den Munitionskisten überwiegend um Gebrauchsliteratur handelt, also Romane, Fach- und Wörterbücher, Nachschlagewerke und Schulbücher, sowie um Fotoalben und Notenblätter. „Wenn ihre Besitzer aus Berlin in die Ghettos und Vernichtungslager im Osten abtransportiert wurden, mussten sie ihren verbliebenen Besitz fast vollständig zurücklassen. Dieser kam dann in die Vermögensverwertung“, sagt sie.

Etwa in jedem zehnten der Bücher aus den Munitionskisten – so schätzt Irena Strelow – finden sich Hinweise auf einen Besitzer oder eine Besitzerin. „Das sind die aufregendsten Funde“, sagt die Historikerin. Zu den bekannteren Namen gehören etwa die der 1942 ermordeten Leichtathletin Lili Henoch, der 1943 in Auschwitz vergasten Lyrikerin Gertrud Kolmar, der 1939 verstorbenen Ärztin Ruth Alexander-Katz und des 1943 im KZ Theresienstadt umgekommenen Notars Ludwig Chodziesner. Aber auch die Namen weithin unbekannter NS-Opfer finden sich in den Büchern. „So sind wir etwa auf den Namen von Betty Swiemer gestoßen, von der wir aufgrund erster Recherchen vermuten, dass sie im Zusammenhang mit der sogenannten T4-Sonderaktion deportiert und umgebracht wurde, also der systematischen Ermordung behinderter Menschen“, sagt Irena Strelow. In einem Buch, das dem Eintrag zufolge Betty Swiemer gehörte, habe das Foto einer Schulklasse gelegen und ein Brief, gerichtet an „Mein wertes Fräulein Betty“.

In einem auf zwei Jahre angelegten Forschungsprojekt der Moses Mendelssohn Akademie soll nun der von Ernst Wolff gerettete Bücherschatz aufgearbeitet und, so möglich, die Provenienz der einzelnen Bände erforscht werden, um mögliche Nachfahren zu finden. Manfred Wolff freut das sehr. „Nach dem Tod meines Vaters 1963 habe ich die Kisten stets bei mir bewahrt“, erzählt er. „Im Laufe meines Lebens bin ich ein paarmal umgezogen mit meinen Firmen, die Kisten aber nahm ich immer mit.“ Eine Verpflichtung seien sie ihm gewesen, ein Auftrag, den ihm sein Vater hinterlassen habe. „Nun wird dieser Auftrag erfüllt“, sagt der 86-Jährige.

Was in Büchern liegen bleibt.

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