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Benito Mussolinis Aufstieg: Krieg, Revolution - dann der Faschismus

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Von: Arno Widmann

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Mussolini ließ sich gern mit freiem Oberkörper verewigen.
Mussolini ließ sich gern mit freiem Oberkörper verewigen. Picture Alliance © dpa

Beim „Marsch auf Rom“ wartete Benito Mussolini erst einmal ab. Aber er verstand sich aufs Umgarnen wie aufs Morden.

Im Ersten Weltkrieg versank das alte Europa. Aus seinen Schützengräben kamen nicht mehr Sieger und Besiegte, sondern Überlebende. Sie wissen, dass sie das nicht irgendeiner Leistung zu verdanken haben, sondern dem, was sie sich angewöhnt haben, Schicksal zu nennen. Den Glauben an die Möglichkeit eines normalen Lebens haben sie verloren.

Das sind etwas groß geratene Sätze. Es wäre völliger Unsinn zu behaupten, sie träfen auf alle Soldaten dieses Krieges zu. Aber die Millionen junger Männer, die mit dem Gefühl der Sinnlosigkeit der eigenen Existenz an ihre Heimatorte zurückkehren, bilden den Grundton jener Jahre. Sie warten darauf, dass sich irgendetwas Ungeheuerliches ereignet. Sie warten nicht nur. Sie sind auch bereit, dem, worin sie ihr Schicksal sehen können, durch dick und dünn zu folgen. Wie sie das während des Krieges getan hatten.

Der Untergang der europäischen Kaiserreiche – das älteste der Welt, das chinesische, hatte schon 1912 einer sehr fragilen Republik Platz machen müssen – war ihr Werk und war es doch auch nicht. Jedenfalls entstand aus den Trümmern keine neue Ordnung. Keine Utopie wurde wahr. Der Krieg war einem Bürgerkrieg gewichen. In vielen Ländern Europas. Der Sozialismus, der in Russland behauptete, an der Macht zu sein, watete im Blut von Freund und Feind.

Vor 100 Jahren: Marsch auf Rom

Konzentrieren wir uns heute auf Italien. „Am Morgen des 28. Oktober begann der ,Marsch auf Rom‘. Am 29. Oktober ließ König Viktor Emanuel III. Mussolini telefonisch nach Rom bestellen, wo er am Morgen des nächsten Tages eintraf und am 31. Oktober als Ministerpräsident vereidigt wurde.“ (Wikipedia)

Es wäre übertrieben zu behaupten, der „Marsch auf Rom“ habe niemals stattgefunden, aber sicher ist, dass die bürgerlichen Politiker und der König schon seit Tagen bereit waren, einer Regierung unter Benito Mussolini (1883 – 1945) zuzustimmen. Sie gingen davon aus, dass er auf Dauer machen werde, was sie wollten. Es kam anders. „Der Marsch auf Rom“ war eine Camouflage. Nicht mehr als fünf- bis zehntausend Faschisten sollen in Zügen und Autos bis in die Nähe Roms gefahren sein. Mussolini selbst, der niemals eine bewaffnete Machtergreifung in Erwägung gezogen hatte, war von einer Parteiversammlung in Neapel, auf der er den „Marsch auf Rom“ angekündigt hatte, schon am 25. Oktober nach Mailand gefahren, um von dort aus – also in Grenznähe – abzuwarten, was die nächsten Tage bringen würden.

Italien war seit Kriegsende nicht zur Ruhe gekommen. 1919 und 1920 waren die roten Jahre mit Fabrik- und Landbesetzungen im Norden und im Süden.

Die 1892 gegründete sozialistische Partei Italiens war zerstritten. Der Parteitag in Livorno im Januar 1921 sorgte für Klarheit. Ein Großteil glaubte an die unmittelbar bevorstehende Revolution und lehnte jede Zusammenarbeit mit bürgerlichen Parteien ab. Ein Teil davon verließ die Partei und gründete die Kommunistische Partei Italiens. Aber noch immer waren die Maximalisten in der Restpartei die Mehrheit. Sie schlossen die Minderheit aus, die fand, dass der Sozialismus nicht auf der Tagesordnung stand, dass vielmehr alles getan werden müsse, um dem Land eine gewisse Stabilität zu geben.

Die an die Revolution glaubende Mehrheit aber glaubte nur an die Revolution. Sie tat nichts zu ihrer Realisierung. Die große Erfahrung der zwei roten Jahre blieb die der Vergeblichkeit. Sie wurde draufgepackt auf die des Krieges.

Mussolini, einst radikaler Sozialist und Chefredakteur des Zentralorgans der Partei, verlor diese Stelle, als er im Oktober 1914 sich für einen Eintritt Italiens in den Krieg einsetzte. Auf der Seite der Entente. Noch im September hatte er das für konterrevolutionär erklärt. Ob er auch da in Wahrheit schon für eine Kriegsbeteiligung gewesen war, darüber streiten die Historiker. Es spricht einiges dafür, dass er sich eine Weile lang beide Optionen offen hielt. Spätestens seit dem 14. Oktober aber agitierte er ganz offen für den Kriegseintritt Italiens.

Das demonstrative Einstehen mit seinem Leben war Mussolini wichtig

Krieg und Revolution wurden ihm eines. Mussolini wurde im November 1914 aus der Sozialistischen Partei ausgeschlossen. Im Dezember war er schon bei der Gründung der „Fasci d’azione rivoluzionaria“ dabei.

Es handelte sich dabei um einen Zusammenschluss von Gruppen, die aus syndikalistischen Traditionen stammten, aber für eine Kriegsbeteiligung Italiens auf der Seite der Alliierten kämpften. Mussolini erklärte damals, der Sozialismus der Zukunft werde ein antideutscher, also antimarxistischer und nationaler Sozialismus sein. Als Italien im Mai 1915 auf der Seite der Entente gegen Deutschland und seine Verbündeten in den Krieg zog, war Mussolini bis 1917 dabei.

Benito Mussolini überstand in den Jahren 1915 bis 1922 fünf Duelle. Der körperliche Einsatz, das demonstrative Einstehen mit seinem Leben, war ihm wichtig. Die Betonung liegt freilich auf „demonstrativ“. Eines dieser Duelle, einen Schwertkampf, soll er mit freiem Oberkörper absolviert haben. Ihn setzte er immer wieder bis spät in seine Regierungsjahre ein. Dass das Wort Fleisch wird, dass dieses Fleisch die Isonzoschlachten überlebt hatte, war ihm wichtig. Der Körper des Königs und seine Demonstration hat eine große Tradition. Friedrich Eberts Foto in Badehose aus dem Jahre 1919 zeigte in den Augen der Republikfeinde die Schlaffheit der Demokratie. Darin wollten sie sich nicht wiedererkennen. Mussolini dagegen sah sich als Bild von einem Mann und seine Anhänger lachten nicht über ihn, sondern taten es ihm nach.

Nach den zwei roten Jahren kamen die zwei schwarzen, in denen Mussolinis Trupps sozialistische Einrichtungen zerstörten – darunter auch den Sitz des Parteiorgans, das Mussolini einst geleitet hatte – und linke Demonstrationen angriffen. Es waren Tausende. Dennoch wurde auch deutlich: Wenn die Angegriffenen sich wehrten, wichen die Faschisten immer wieder zurück. Der monarchistische General Pietro Badoglio erklärte damals vor einer Versammlung von Bankiers und Industriellen, beim ersten Feuer seitens des Militärs wäre der faschistische Spuk sofort beendet. Der König gab nicht ihm, sondern Mussolini den Feuerbefehl. Badoglio machte später seinen Frieden mit Mussolini, zog für ihn in den Krieg. Gegen Abessinien setzte er Giftgas ein, in Libyen organisierte er einen Genozid. Er wurde erster postfaschistischer Staatschef Italiens. Der wohl größte Kriegsverbrecher Italiens starb 1956 völlig unbelästigt im Alter von 85 Jahren.

„Der Marsch auf Rom“ war die Farce, die der Tragödie voranging

Im Februar 1922 hatte Mussolini geschrieben, die Weltgeschichte habe die Richtung gewechselt. Das bürgerliche Jahrhundert sei 1919/1920 zu Ende gegangen. „die Orgie der Disziplinlosigkeit“ sei beendet, „der Enthusiasmus für demokratische Gesellschaftsmythen“ sei verebbt, man lebe in der Zeit einer „Restauration der Rechten“. Anders als die Sozialisten glaubte er nicht nur an seine Revolution. Er tat auch alles dafür, dass sie Wirklichkeit wurde. Dazu gehörte nicht nur das Brandschatzen und Morden, sondern auch das Umgarnen und Antichambrieren.

Vor allem bei König und Papst. Die Mobilisierung der Massen und die Zusammenarbeit mit den Mächtigen – das war das Erfolgsrezept des Faschismus.

„Der Marsch auf Rom“ war die Farce, die der Tragödie voranging.

PS: Wer Lust auf mehr hat, der lese den Klassiker: Emilio Lussus „Marsch auf Rom und Umgebung“ (Folio Verlag) und Antonio Scuratis „M – Der Sohn des Jahrhunderts“ (Klett-Cotta). (Arno Widmann)

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