Beim Prozess. 1. Reihe v.l.: Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel, 2. Reihe v. l.: Karl Dönitz, Erich Raeder, Baldur von Schirach, Fritz Sauckel.
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Beim Prozess. 1. Reihe v.l.: Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel, 2. Reihe v. l.: Karl Dönitz, Erich Raeder, Baldur von Schirach, Fritz Sauckel.

NS-Verbrechen

„Zur Belehrung für die Zukunft“

Heute vor 75 Jahren begann in Nürnberg der Prozess gegen Hauptverantwortliche der NS-Verbrechen.

Der Verhandlungssaal des Nürnberger Justizpalastes war in gleißendes Licht der Neonlampen und Filmscheinwerfer getaucht, als die Angeklagten am 20. November 1945, kurz vor 10 Uhr, auf zwei Bänken Platz nahmen. Hitler, Himmler und Goebbels waren nicht darunter; sie hatten sich einer Bestrafung durch Suizid entzogen. Aber es war den Alliierten gelungen, einiger der Spitzenleute aus Partei, Regierung, Militär und Terrorapparat des „Dritten Reiches“ habhaft zu werden.

Dazu gehörten vor allem Hermann Göring, zeitweilig der zweitmächtigste Mann nach Hitler, der Hitler-Stellvertreter (bis zu seinem Flug nach England im Mai 1941) Rudolf Heß, Außenminister Joachim von Ribbentrop, Innenminister Wilhelm Frick, Wirtschaftsminister Walther Funk, Rüstungsminister Albert Speer, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht Wilhelm Keitel, der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine und Hitler-Nachfolger Karl Dönitz, der Generalgouverneur im besetzten Polen Hans Frank, der Chef des Reichssicher-heitshauptamtes Ernst Kaltenbrunner, der Parteiideologe Alfred Rosenberg, der Gauleiter von Franken und Herausgeber der antisemitischen Hetzschrift „Der Stürmer“, Julius Streicher.

Robert Ley, der Leiter der Deutschen Arbeitsfront, hatte sich vor Prozessbeginn, am 25. Oktober, in der Gefängniszelle erdrosselt. Gegen Martin Bormann, den Leiter der Parteikanzlei und Sekretär Hitlers, wurde in Abwesenheit verhandelt. Erst 1972 konnte endgültig bewiesen werden, dass er Anfang Mai 1945 beim Versuch, aus Berlin zu fliehen, ums Leben gekommen war.

Lange Zeit waren die Alliierten unsicher gewesen, wie sie mit den ehemaligen Machthabern des Nazi-Regimes umgehen sollten. Der britische Premier Winston Churchill hatte sich zunächst dafür ausgesprochen, sie ohne viel Federlesens zu exekutieren. Schließlich aber hatten sich jene durchgesetzt, die für ein ordentliches Gerichtsverfahren plädierten. Anfang August 1945 verständigten sich die vier Siegermächte auf ein Statut für das Internationale Militärtribunal. Darin wurden als zentrale Anklagepunkte festgelegt: Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Die Wahl Nürnbergs als Schauplatz des Prozesses war von hoher symbolischer Bedeutung: Hier hatten die jährlichen Reichsparteitage der NSDAP stattgefunden, und der Name der Stadt war verbunden mit den Rassengesetzen vom September 1935. Für Nürnberg sprachen aber auch pragmatische Gründe: Die Stadt lag in der amerikanischen Zone; der Justizpalast war fast unzerstört geblieben und besaß ein Gefängnis, das die Angeklagten aufnehmen konnte.

Den zweiten Verhandlungstag eröffnete der US-Chefankläger Robert H. Jackson mit einer großen Rede, die in dem Satz gipfelte: „Wir dürfen niemals vergessen, dass nach dem gleichen Maß, mit dem wir die Angeklagten heute messen, auch wir morgen von der Geschichte gemessen werden.“ Dabei war den westlichen Alliierten ein Makel des Tribunals von Anfang an bewusst: Über den Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939, der dem deutschen Überfall auf Polen vorausging, durfte mit Rücksicht auf die verbündete Sowjetunion nicht verhandelt werden, erst recht nicht darüber, dass es Stalins und nicht Hitlers Schergen gewesen waren, die im Frühjahr 1940 einen großen Teil der polnischen Offiziere bei Katyn ermordet hatten.

Der Prozess gegen die „Hauptkriegsverbrecher“ nahm 218 Verhandlungstage in Anspruch. Die Anklage hatte ein erdrückendes Beweismaterial zusammengetragen, darunter viele Schlüsseldokumente des Unrechtsstaates. 240 Zeugen wurden gehört; Tausende von eidesstattlichen Erklärungen geprüft. Zum ersten Mal wurde die Weltöffentlichkeit mit der ganzen monströsen Dimension der NS-Verbrechen konfrontiert. Für Robert M. W. Kempner, vor 1933 Justitiar der Polizeiabteilung im Preußischen Innenministerium, in Nürnberg einer der Anklagevertreter, war der Prozess die „größte politologische und historische Forschungsstätte, die jemals existiert hat“. Die Prozessakten und Verhörprotokolle füllen 43 dicke Bände.

Die Verhandlungen verliefen schleppend, weil sie in vier Sprachen – Englisch, Französisch, Russisch und Deutsch – geführt werden mussten. Eine von den Amerikanern installierte Anlage ermöglichte es allerdings, dass jedes Wort simultan übersetzt und auf Band gespeichert werden konnte – eine technische Weltneuheit.

Der Prozess war aber auch ein Medienereignis ersten Ranges. Vierhundert Korrespondenten und auch Korrespondentinnen aus mehr als 20 Nationen verfolgten die Verhandlungen, unter ihnen die amerikanischen Starreporterinnen Martha Gellhorn, Janet Flanner und Rebecca West, die deutschen Emigranten Willy Brandt, der für die norwegische Zeitung „Arbeiderbladet“ berichtete, und Erika Mann, die als Korrespondentin des Londoner „Evening Standard“ in Nürnberg akkreditiert war. Im Dezember 1945 schilderte die älteste Tochter Thomas Manns in einem Interview ihren Eindruck: „Der Prozess ist kein Sensationsprozess, so sensationell sein Gegenstand zweifellos ist, er soll keiner sein, er ist weniger zur Aufregung und Unterhaltung der Gegenwart als zur Belehrung für die Zukunft, für die Geschichte gedacht, und die ungeheuer gewissenhafte und manchmal pedantische Art, mit der die ungeheure Fülle von Tatsachenmaterial ruhig und undramatisch präsentiert ist, hat, glaube ich, ihre großen Vorzüge im Angesicht der Geschichte.“

Was die Beobachter beim Prozessauftakt am meisten irritierte, war der Kontrast zwischen der Ungeheuerlichkeit der Verbrechen und dem eher kläglichen Eindruck, den die Angeklagten auf sie machten. „Wie war es nur möglich“, fragte der amerikanische Korrespondent William L. Shirer, „dass diese unscheinbar aussehenden Gestalten, die da nervös in ihrer ziemlich schäbigen Kleidung herumzappeln (...), eine so monströse Macht ausüben konnten?“ Und der amerikanische Schriftsteller John Dos Passos notierte in sein Tagebuch: „Und da, wie zusammengeschrumpelt und von der Niederlage entstellt, sind all die Gesichter, die einen jahrelang von den Titelseiten der Weltpresse anblitz-ten.“ Die „Banalität des Bösen“, die Hannah Arendt später beim Eichmann-Prozess konstatierte – sie traf auch schon auf die Nürnberger Angeklagten zu.

Gleich zu Beginn hatten sie sich allesamt für „nicht schuldig“ im Sinne der Anklage erklärt. Und bis zuletzt blieben sie bei ihrer Strategie, sich selbst zu entlasten, indem sie alle Schuld für die Verbrechen auf Hitler, Himmler und Bormann abwälzten. Er sei überzeugt, erklärte Hans Frank, der „Schlächter von Polen“, im Gespräch mit dem amerikanischen Psychologen Gustave Gilbert, dass „all diese Gräueltaten im geheimen von diesen drei Männern ausgeklügelt“ worden seien. Und Alfred Rosenberg, der als Reichsminister für die besetzten Ostgebiete ebenfalls ein wichtige Rolle bei der Vernichtung der Juden gespielt hatte, beklagte sich: „Sie können uns nicht für die Schandtaten, die geschahen, zur Verantwortung ziehen (...). Das waren höchstens Hitler, Himmler und Bormann und vielleicht noch Goebbels. Doch die sind tot. Wir haben keine Schuld.“

Blick in den Gerichtssaal mit der Anklagebank, circa 1946.

Noch in seinem Schlusswort am 31. August 1946 bestritt selbst Göring, irgendetwas mit dem Menschheitsverbrechen zu tun gehabt zu haben: „Dass ich diese furchtbaren Massenmorde auf das schärfste verurteile, und mir jedes Verständnis hierfür fehlt, stelle ich ausdrücklich fest. Ich möchte es aber hier noch einmal vor dem Hohen Gericht ganz klar aussprechen. Ich habe niemals, an keinem Menschen und zu keinem Zeitpunkt, einen Mord befohlen und ebensowenig sonstige Grausamkeiten angeordnet oder geduldet, wo ich die Macht und das Wissen gehabt hatte, solche zu verhindern.“

Der einzige Angeklagte, der sich zu seiner Verantwortung bekannte, ohne allerdings persönliche Schuld einzugestehen, war Albert Speer, Hitlers einstiger Lieblingsarchitekt und späterer Rüstungsminister. Er stilisierte sich zum unpolitischen Technokraten, der zeitweise den dämonischen Verführungskünsten des Diktators erlegen sei, gegen Ende des Krieges sich aber dessen Zerstörungsbefehlen mutig widersetzt habe. In dieser Pose des Geläuterten konnte er die Richter für sich einnehmen, und das rettete ihm das Leben – unverdientermaßen, wie man heute weiß, denn sowohl an der Vertreibung der Berliner Juden aus ihren Wohnungen als auch an der Rekrutierung eines Millionenheers von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen für die Rüstungsindustrie war Speer führend beteiligt gewesen.

Alle unvoreingenommenen Beobachter stimmten darin überein, dass der Prozess, unter der Regie des Vorsitzenden des Tribunals, des Briten Sir Geoffrey Lawrence, bemerkenswert fair geführt wurde. Den Angeklagten standen Wahl- und Pflichtverteidiger zur Seite, die sich nach Kräften bemühten, ihre Mandan-ten vor dem Strang zu bewahren. Dennoch war für viele Deutsche das Nürnberger Verfahren nichts weiter als „Siegerjustiz“. William Shirer notierte Anfang Dezember 1945 als typische Meinungsäußerung Nürnberger Bürger: „Der Prozess? Ach, alles Propaganda! Ihr werdet sie doch ohnehin alle aufhängen (...). Warum sollten wir uns dafür interessieren? Wir frieren. Wir haben Hunger.“

Am 1. Oktober 1946 wurden die Urteile verkündet; zwölf Angeklagte wurden zum Tode verurteilt: Neben Göring, Frank, Frick, Keitel, Kaltenbrunner, Rosenberg, Ribbentrop, Streicher auch Fritz Sauckel, der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz, Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtsführungsstabes beim OKW, Arthur Seyß-Inquart, Reichskommissar der besetzten Niederlan-de, und, in Abwesenheit, Martin Bormann.

Sieben Angeklagte erhielten Freiheitsstrafen: Dönitz (10 Jahre), Konstantin von Neurath, von Ribbentrops Vorgänger als Außenminister, von 1939 bis 1941 Reichsprotektor von Böhmen und Mähren (15 Jahre), Speer und „Reichsjugendführer“ Baldur von Schirach, von 1940 bis 1945 Reichsstatthalter von Wien (20 Jahre), Heß, Funk und Erich Raeder, Dönitz’ Vorgänger als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine (lebenslänglich). Drei Angeklagte – Hitlers „Steigbügelhalter“ Franz von Papen, der Bankier Hjalmar Schacht und der Rundfunkpropagandist Hans Fritzsche – wurden freigesprochen.

Die Todesurteile wurden am 15. Oktober vollstreckt. Göring gelang es, sich kurz vor der Hinrichtung mit einer Zyankalikapsel das Leben zu nehmen. Die Leichen wurden im Krematorium des Münchner Ostfriedhofs verbrannt, die Behälter mit der Asche in die Isar entleert.

Der Nürnberger Prozess – und die sich anschließenden Nachfolgeprozesse gegen die gesellschaftlichen Eliten des „Dritten Reiches“– waren ein Meilenstein in der Entwicklung des humanitären Völkerrechts. Zum ersten Mal mussten sich die Repräsentanten eines Staates, der einen Angriffskrieg geführt und schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt hatte, vor den Schranken eines Gerichts verantworten. Das war von großer, zukunftsweisender Bedeutung. Ohne das Nürnberger Vorbild wäre die Errichtung des Internationalen Strafge-richtshofs in Den Haag wohl kaum denkbar gewesen.

Volker Ullrich veröffentlichte zuletzt den Band „Acht Tage im Mai. Die letzte Woche des Dritten Reiches“, C. H. Beck.

Am morgigen Samstag lesen Sie auf der Seite „Magazin“ eine Reportage zum heutigen Umgang der Stadt Nürnberg mit ihrem historischen Erbe.

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