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Das Friedrich-Stoltze in Frankfurts „neuer Altstadt“.
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Das Friedrich-Stoltze in Frankfurts „neuer Altstadt“.

Architektur

Architektur und Politik: Bau und Überbau

  • VonRobert Kaltenbrunner
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Was Architektur über Politik aussagt – und was nicht. Und kann eine „bessere“ Architektur auf eine „bessere“ Gesellschaft hinarbeiten?

Wichtiger als jede Tat ist der Eindruck, den sie erweckt. Das gilt, man glaubt es kaum, sogar für das Bauen. Was ja unlängst die giftige Debatte über „rechte Räume“ erneut illustriert hat. Wobei es, wie der Kunsthistoriker Martin Warnke einmal anführte, ein latentes Strukturprinzip der Architekturgeschichte zu sein scheint, dass Bauten sich weniger einem Harmoniebedürfnis verdanken als einem Überbietungswillen. Wenn nun etwa das namhafte österreichische Büro Coop Himmelb(l)au einen futuristischen Entwurf für ein großes Opern- und Theaterhaus in Sewastopol auf der (völkerrechtswidrig annektierten) Krim liefert, dann trumpft es tatsächlich gehörig auf – und zwar für das System Putin. Dafür ist das Büro heftig kritisiert worden. Doch in der Regel verhält sich die Architektur nun einmal affirmativ gegenüber einer bestehenden Ordnung. Mit drei Thesen soll versucht werden, diese komplizierte Beziehung etwas auszuleuchten.

1. Architektur als politische Ikonographie hat allenfalls eine glaubwürdige Basis in der Vergangenheit.

Ob nun die neue Altstadt in Frankfurt, die Hamburger Bornplatzsynagoge oder das Berliner Schloss: In den hochemotionalen, doch irgendwie auch ermüdenden Debatten über Rekonstruktionen schwingt stets auch die Auffassung mit, dass Gebautes Bild und Ausdruck unserer Gesellschaft ist. Doch so einfach darf man sich die Sache nicht machen.

Denn die Annahme, dass Bauformen unmittelbar politische Ideale zum Ausdruck bringen oder gar die gesellschaftliche Wirklichkeit beeinflussen, basiert auf einem mythischen Bewusstsein. Und das gipfelt dann in der Behauptung, dass eine gläserne Fassade Transparenz oder die Abwesenheit des Orthogonalen Freiheit bedeute, dass Säule und Risalit Diktatur darstellen und Symmetrie dem Absolutismus Vorschub leiste. Was erkennbar in die Irre führt. Andererseits verfügt die Architektur tatsächlich über eine potenzielle, über das unmittelbar Bauliche hinausgehende Bedeutung. Und natürlich sind Gebäude immer wieder als Ausdruck politischer Selbstdarstellung benutzt – oder doch interpretiert – worden, gerade im selbstverliebten Berlin der letzten drei Jahrzehnte.

Darf man daraus ableiten, Architektur sei politische Ikonographie? Zu Zeiten des sogenannten Dächerkrieges, als sich Ende der 1920er Jahre die Parteien anhand der Zehlendorfer „Onkel-Tom-Siedlung“ von Bruno Taut und den nebenan liegenden Häusern Am Fischtal publizistisch bekämpften, waren solche Zuschreibungen zumindest einfacher.

Was aber sagt uns die Rekonstruktion der Reichstagskuppel in dieser Hinsicht? Je mehr Interpretationsmodelle angeboten werden, desto deutlicher wird die Beliebigkeit der Lesarten. Wie Spiegel werfen die Baukörper Positionen und Polemiken zurück und verändern ihre vermeintliche Botschaft, je nachdem, wer sie betrachtet und wertet. Unschärfe oder Uneindeutigkeit wohnt vielen architektonischen Codes inne.

Gewiss ist es ein usurpatorischer Akt, wenn eine der letzten Amtshandlungen Donald Trumps darin lag, per Dekret einen „klassischen“ Stil für amerikanische Regierungsbauten zu verordnen. Dennoch, weder eine Fassade noch eine stadträumliche Komposition sagen heute sehr viel aus über die tatsächlich ausgeübte Macht.

2. Politik hat sich weniger in Form und Stil der Architektur zu manifestieren als vielmehr in der Art und Weise ihres Zustandekommens.

In seinem berühmten Vortrag „Demokratie als Bauherr“ hat Adolf Arndt die Aufgabe so definiert: „Demokratie muss das Unsichtbare sehen lassen, dass die Menschen ihrer selbst in diesem Miteinander ihres Menschlichseins, ihrer Gesellschaft, ihrer Gemeinschaft ansichtig werden. Die demokratische Aufgabe des Bauens ist, dass ein jeder Mensch sich als Mensch für sich und Mensch im Gefüge gewahrt.“ Zurecht ist beklagt worden, dass die einseitige Berücksichtigung rationaler Kriterien in der Architektur deren Leistung entwerte und sie vom Massenpublikum abgeschnitten habe – weil sie die Kraft, das Gefühl zu erreichen, verliere. Demgegenüber notwendig sei eine Architektur, die unser eingefahrenes kulturelles System in produktiver Weise erschüttere. Indes, ist das mehr als eine vage Sehnsucht?

Stichwort Verwaltungsgebäude: Gibt es überhaupt eine ausgewogene Balance zwischen gestalterischem Anspruch und dem sparsamen Umgang mit öffentlichen Mitteln? Ist nicht die zeitgenössische Anspruchshaltung im Verhältnis zwischen Politik und Architektur ambivalent? Der vielzitierte Steuerzahler posiert zwar voller Stolz vor den Baudenkmälern der Vergangenheit, aber öffentliche Bauten der Gegenwart sollen lieber beim Investor zum niederen Stückpreis von der Stange erworben werden.

Um dieses Dilemma zu überwinden, braucht es eine klare Arbeitsteilung: Der öffentliche Bauherr hat zu definieren, was er will, ein Verfahren zu wählen, das so zweckdienlich wie nötig und so transparent wie möglich ist – und dann aber den Stab weiterzureichen an die Fachwelt.

3. Es ist gleichwohl gefährlich , sich vom Anspruch zu verabschieden, mit einer „besseren“ Architektur auf eine „bessere“ Gesellschaft hinzuarbeiten.

Die epochale Leistung der Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts lag – mit den Worten von Franz Dröge und Michael Müller – darin, Modelle zu entwickeln, in denen „der Anspruch auf eine Demokratisierung des Anteils des Ästhetischen am Leben mehr ist als der bloße Reflex ökonomischer Interessen“. Gerade die fortschrittlichen Architekten damals wollten die Welt, so wie sie ist, zunächst einmal ungeschminkt zur Kenntnis nehmen, sich auf sie einlassen – um sie letztlich zu verändern.

Davon hinübergerettet ins Heutige hat sich eher wenig. Wir sind, der Postmoderne sei Dank, von einem Artenreichtum der Stile und Formen umgeben, der ausschließlich den Gesetzen der Mode folgt: heute hui, morgen pfui! Von der sinnstiftenden Ganzheit durch eine gelungene Architektur kann die Rede nicht mehr sein. Und unsere gesamte Wirklichkeit wird mehr und mehr in eine Zeichenwelt umgewertet. In diesem komplexen und allumfassenden Prozess hat die Baukultur augenscheinlich einen schweren Stand.

Folgerichtig darf man ihre Aufgabe auch keineswegs darin sehen, dass sie gesellschaftlich nicht vorhandene Leitbilder auf formalem Wege erzeugt. Das wäre verfehlt. Freilich, eine allzu defensive Haltung ist auch nicht angemessen: Es mag ja sein, dass Architekten heute nicht die alleinigen und definitionsmächtigen Akteure sind; aber mehr als ein Herold, der bloß Entwicklungen registriert, darf es schon sein. Weder für Planer noch Politiker ist die Architektur ja etwas, das vom Himmel fällt – oder wie ein Virus über einen kommt. Natürlich kann man sie beeinflussen.

Sämtliche Ordnungen des Lebens sind, in der einen oder anderen Form, mit Macht besetzt oder von ihr flankiert. Zugleich gibt es einen unauflöslichen Zusammenhang von formal-ästhetischem Ausdrucksmittel und jeweiligem Deutungsmuster. Ob Architektur im multimedialen Zeitalter noch politische Ordnung spiegeln – oder gar stabilisieren – kann, ist und bleibt zwar eine konfliktträchtige Frage. Wenn es aber gelingt, das öffentliche Bewusstsein hinsichtlich der Wechselwirkung von Gesellschaft und gebauter Umwelt zu schärfen, dann wäre das fraglos ein Gewinn. Für alle. (Robert Kaltenbrunner)

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