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Bascha Mika und Kalle Ruch über Christian Ströbele: „Christian wollte die Welt verbessern, ganz klar“

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Von: Bascha Mika

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Hans-Christian Ströbele auf dem Parteitag der Grünen 1989 in Duisburg.
Hans-Christian Ströbele auf dem Parteitag der Grünen 1989 in Duisburg. © Sepp Spiegl/Imgago

Kalle Ruch, ehemaliger Geschäftsführer der taz, und Bascha Mika, ehemals taz-Chefredakteurin, kannten Christian Ströbele seit vielen Jahren. Ein Gespräch über einen Menschen, der auch eine Legende war.

Bascha Mika: Was, Kalle, ist deine liebste Erinnerung an Christian Ströbele?

Kalle Ruch: Ich war mal mit ihm auf der Interzonenautobahn unterwegs. Noch vor dem Mauerfall. Und an der Grenze – das war schon irre, wie Christian mit den DDR-Vopos umgegangen ist. Er hat sie richtig gefoppt. Wenn sie mit ihrer Schikane anfingen und von ihm verlangten: „Machen Sie mal ihr Ohr frei!“, hat er sich natürlich geweigert und angefangen mit ihnen zu diskutieren. Aber er kam damit immer durch.

Mika: Ja, Respekt vor irgendwelchen Obrigkeiten war so gar nicht sein Ding. Ich bin oft mit ihm von Berlin nach Schleswig gefahren, als dort vor dem Oberlandesgericht gegen die Brandstifter von Mölln verhandelt wurde. Immer hatte er eine Tüte Milch als Wegzehrung dabei. Christian war da als Vertreter der Nebenkläger, ich als Reporterin für die „taz“. Weil der Brandanschlag rechtsextremistisch motiviert war, wurde die Anklage durch die Bundesanwaltschaft vertreten. Und obwohl Christian ja eigentlich nicht auf der Gegenseite war, hatte er ganz offensichtlich Spaß daran, die Bundesanwälte zu ärgern und vorzuführen. Ihnen zu zeigen, dass er eindeutig klüger und der bessere Jurist war. Und das immer in leicht ironischem Ton, mit einem kleinen Lachen zwischen den Sätzen – was die Schmach natürlich noch größer machte.

Ruch : Bei den Vopos konnte er eigentlich froh sein, dass Sie ihn nie wegen Geschwindigkeitsübertretungen erwischt haben. Christian war ja ein begeisterter Schnellfahrer, der sich wenig um irgendwelche Tempolimits kümmerte. Dass er heute als Vorzeige-Fahrradfahrer in die Geschichte eingeht… (lacht)… das ist schon komisch. Er hatte auch immer schöne Autos, die aber wegen seines Hundes Bobo, einem zotteligen, asiatischen Hirtenhund, schnell verdreckt waren.

Mika : Kennst Du eigentlich die Geschichte von Anita und ihrem Hund?

Ruch : Nee…

Mika : Ich fand es immer erstaunlich, dass Christian trotz seiner Erfahrungen als Anwalt und Politiker nie hartgesotten daherkam. Die Kollegin Anita hatte einen alten Hund, der nicht mehr besonders gut auf den Beinen war. Und immer, wenn sie für längere Zeit verreisen musste, hat sie ihn zu Christian gebracht und der hat sich gekümmert. Das hat mich damals sehr beeindruckt. Es hatte so etwas Warmherziges und auch Alltägliches. Und dass bei einer lebenden Legende, die er für mich damals noch war. Schon bevor ich Christian näher kennenlernte, hat mich das sehr für ihn eingenommen.

Ruch : Er war eben ausgesprochen sozial, auch zu Hunden…

Mika : …und ein politischer Überzeugungstäter. Was denkst Du, hat ihn angetrieben?

Ruch : Christian wollte die Welt verbessern, ganz klar. Es ging um flüchten oder standhalten. Entweder verziehen wir uns auf eine einsame Insel und machen uns ein schönes Leben oder wir verändern die Gesellschaft. Sein Antrieb war, über Alternativen nachzudenken, Veränderungen anzustoßen, neue Projekte zu gründen.

Mika : Aber neben dem Bedürfnis nach Veränderung war er doch auch sehr beharrlich und hat seine Fahne nie nach dem Wind gedreht. Ich habe ihn immer dafür bewundert, dass er nicht verbohrt, aber immer standhaft war.

Ruch : Er war kein Wankelmütiger. Dabei aber ganz pragmatisch. Es gab ja öfter die Situation, dass er die Grünen in der Regierungsverantwortung hätte beschädigen können, zum Beispiel als es um die Beteiligung Deutschlands am Kosovo-Krieg ging. Aber so weit trieb er es mit seiner abweichenden Meinung nie. Er war auch immer dafür, die Macht zu ergreifen. Ihm ist es zu verdanken, dass die erste rot-grüne Koalition auf Landesebene in Berlin überhaupt zustande kam. Er war ein Linker, der sich nicht verweigerte.

Mika : Ich hab mich immer gefragt, ob er bei aller Nahbarkeit und sympathischer Ausstrahlung nicht doch ganz schön eitel war.

Ruch : Bestimmt. Das geht ja gar nicht anders, bei der Rolle, die er spielte. Und dass er sich dazu entschlossen hat, in Kreuzberg direkt zu kandidieren, hatte auch mit Eitelkeit zu tun. Und natürlich hat es ihm geschmeichelt, dass er dort vier Mal das Direktmandat holen konnte.

Mika : Seine Partei hatte ihn vor der Bundestagswahl 2002 aber auch übel abgestraft und ihm nur einen miesen Listenplatz gegeben. Bei seinem damaligen Wahlkampf für das Direktmandat habe ich ihn einen Tag begleitet. Damals zog er mit einem Esel statt mit Fahrrad durch Kreuzberg-Friedrichshain. Er hatte ja überhaupt keine Berührungsängste, sprach jeden einfach an und ließ sich auch von jedem anquatschen. Er war schon sehr unprätentiös. Das war der Wahlkampf wo er mit dem Slogan „Ströbele wählen heißt Fischer quälen“ auftrat.

Ruch: War doch ein guter Spruch…

Zur Person

Karl-Heinz Ruch , geboren 1954, gehörte 1978 zu den Gründern der Berliner Tageszeitung taz, deren Geschäftsführer er bis 2019 war. Ruch ist verheiratet und hat zwei Kinder. Foto: PA/DPA

Bascha Mika , ebenfalls Jahrgang 1954, war von 2014 bis 2020 Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau und ist jetzt ihre Autorin.

Mika: Seine Rolle als widerborstiger und radikaler Mahner bei den Grünen hat Christian schon sehr gefallen. In einem Interview erzählte er mir, dass er die Partei ja nicht umerziehen könne. Aber die Enttäuschung über das Kind, das sich nicht so entwickelt, wie die Eltern es sich vorgestellt haben, war ihm deutlich anzumerken. Auch die „taz“ fand er ja in den vergangenen Jahren längst nicht mehr radikal genug.

Ruch: Das hat er auch immer offen kritisiert…

Mika: Zum Beispiel als die „taz“ in ihr neues Haus einzog, und er sagte: „Ich wünsche mir ganz vermessen, dass die „taz“ eine linke – und, ja, auch eine radikale – Zeitung bleibt.“

Ruch: Hat ihm aber niemand übel genommen…

Mika: Was ist er denn für die „taz“? Gründungsvater, Übervater?

Ruch: Puh, Gründungsvater und Übervater trifft es wahrscheinlich schon. Mit dem, was jeden Tag in der „taz“ passierte, hatte er gar nichts zu tun. Er wurde die ersten Jahre immer dann geholt, wenn sich irgendwelche Konflikte überschlugen. Er sollte mitdiskutieren und vermitteln…

Mika: Und wie er das getan hat, gehört als Brötchenlegende auch zur Geschichte der „taz“…

Ruch: Ja, Christian und die Brötchen… Die Versorgungslage in der Berliner Wattstraße, dem ersten Standort der „taz“, war extrem schlecht. Das war finsterster Wedding. Es gab eine Eckkneipe, die wir die Fettecke nannten, weil es dort nur fettige Sachen zu essen gab. Wenn Mittwochs Plenum war, kam Christian vorbei und brachte immer gute Laune, Kuchen und belegte Brötchen mit. Wir waren damals ja alle so arme Hungerleider. Wir so Mitte Zwanzigjährige, die sich zum ersten Mal beruflich ausprobierten. Ströbele deutlich älter, bereits um die vierzig und ein bekannter und erfahrener Anwalt.

Mika: Hatte Christian eigentlich die Idee, dass die Linken eine alternative Tageszeitung brauchten?

Ruch: Auffallend an Ströbele war, dass er oft was Neues ausprobiert hat. Mit dem Anwaltskollektiv zum Beispiel, das er mitgegründet hat. Auch bei der Gründung der Berliner Alternativen Liste, also den späteren Grünen, war er dabei. Oder eben bei der „taz“ als alternativer Tageszeitung. Vielleicht war er sogar derjenige, der in Berlin als erster die Idee dazu hatte. Zeitungen waren damals ja noch etwas ganz Wichtiges und Wertvolles.

Mika: Aber auch nach Gründung der „taz“ hat er sich doch um Euch gekümmert.

Ruch: Am Anfang hatten wir ja viel Ärger mit der Polizei. Durchsuchungen und so weiter. Einmal hatte die „taz“ eine Protestveranstaltung vor dem Gefängnis in Moabit organisiert, weil zwei Herausgeber der Zeitschrift „radikal“ dort im Knast saßen. Wir wurden alle abgeführt, festgenommen und in die Polizeiwanne verfrachtet. Und dann kam Ströbele in die Wanne und machte uns gute Laune, dass doch alles gar nicht so schlimm sei.

Mika : Er war schon auch ein Beschützer, oder?

Ruch: Irgendwie schon. Die „taz“ war ja zunächst ein Verein: „Freunde der alternativen Tageszeitung“. Ströbele war Vorstand und hat in dieser Funktion über die „taz“ gewacht. Zum Beispiel, dass sie nicht von Leuten aus den K-Gruppen unterwandert wurde. Er kümmerte sich auch darum, dass kein Geld vergeigt und verprasst wurde. Als erfahrener Anwalt dachte er immer an das mögliche böse Ende. Eigentlich war er schon damals so eine Art Aufsichtsrat – was er dann nach der Umwandlung der „taz“ in eine Genossenschaft auch tatsächlich wurde.

Mika: Ich erinnere mich gut, dass er es auch war, der Anfang der 90er Jahre vehement für die Genossenschaft gekämpft hat. Was die meisten von uns in der Redaktion – mich inbegriffen – für eine doofe Idee hielten und gar nicht wollten. Er hatte damals die Weitsicht, wir Redakteur:innen nicht.

Ruch: Eigentlich ist mein stärkster Eindruck von ihm, dass er ein Gute-Laune-Mensch war. Er kam mit seinem Hund oder er kam mit Kuchen und Brötchen oder er kam und man sah die Freiheit schon vor der Tür… (lacht). Warum sollte er auch nicht so sein? Er hatte doch ein spannendes und sehr erfüllendes Leben, trotz der Krankheit am Schluss. Eine tolle Karriere, war geschätzt und geachtet. Wer, wenn nicht er, hätte gute Laune verbreiten können?

Mika: Doch wer würde das bei einem extrem politischen Menschen so erwarten? Sein Biograf Stefan Reinecke schrieb über ihn: „Er trinkt nicht, raucht nicht. Politik ist sein Marihuana“. Hoffen wir mal, lieber Christian, dass Du davon im Himmel genug bekommst.

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