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Bad Angeles – eine ehemalige Hochburg faschistischer Gruppen

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Von: Claus Leggewie

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Anti-Neonazi-Demonstration in Los Angeles 2010.
Anti-Neonazi-Demonstration in Los Angeles 2010. © Getty Images/AFP

Letters from L.A., Teil 4: It Can Happen Here. Die Stadt Los Angeles war einmal eine Hochburg faschistischer Gruppen – ein Rückblick.

Wenn man vom Thomas Mann House über einen steilen Abhang in den Rustic Canyon absteigt, stößt man auf ein verfallendes Haus und ebenso heruntergekommene Wirtschaftsgebäude. Kein Schild weist auf die Geschichte dieses mittlerweile abgesperrten und videoüberwachten Areals namens „Murphy Ranch“ hin, das früher auf Führungen durchs dunkle Los Angeles verzeichnet war. Es handelt sich um nichts weniger als ein Hauptquartier US-amerikanischer Nationalsozialisten, die das Dritte Reich auf seinen eigentlichen Hauptfeind ausdehnen wollten; die Vereinigten Staaten waren als älteste liberale Demokratie die Inkarnation des den Nazis verhassten Westens.

An diesen schaurigen, mit Graffitis übersäten Ort musste ich denken, als jüngst ein Anführer der Nazi-Gruppe „Atomwaffen Division“ zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. So nennt sich eine offen an das Dritte Reich anschließende Gruppe aus dem Alt-Right-Spektrum, die jüdische und schwarze Journalistinnen und Bürgerrechtler bedroht und Kontakt zum deutschen „NSU“ unterhalten hatte. Die Staatsanwaltschaft von Seattle erachtete die Gruppe für bereit und fähig, den angekündigten Bombenterror tatsächlich zu verüben, diverse Mordtaten werden ihr angelastet. „Vordenker“ dieser auf den ersten Blick „unamerikanisch“ wirkenden Braunen Armee Fraktion waren William Turner, der Autor der „Turner Diaries“, einer Anleitung zu Terroranschlägen, und James Mason, der Verfasser des Newsletters „Siege“, der den Rassenkrieg auslösen wollte. Aus diesen nur scheinbar marginalen, in den sozialen Netzwerken zu neuer Blüte gekommenen Quellen haben Einzelkämpfer die Motivation ihrer Anschläge in Oslo/Utøya und Oklahoma, Christchurch und Halle bezogen.

In der Murphy Ranch unweit der Wohnorte der europäischen Exilanten in Pacific Palisades hatten Winona and Norman Stephens ihre Basis zum Endsieg Adolf Hitlers eingerichtet, der für sie (und den „Führer“) erst vollständig war, wenn die Zentralen der westlichen Moderne zerstört waren. Murphy Ranch sollte die US-Festung auf der Achse Berlin–Tokio werden. Das Paar gehörte der 1933 von William Dudley Pelley gegründeten paramilitärischen Silver-Shirts-Bewegung an, die bis zu 15 000 Mitglieder gehabt haben soll.

Nicht die einzigen Neonazis in LA

Sie waren nicht die einzigen bekennenden US-Nazis, wie Steve Ross für sein Buch „Hitler in Los Angeles“ recherchiert hat. Suprematistische Fantasien einer arischen Herrenrasse trieben in Los Angeles erstaunliche Blüten. Der Romancier Sinclair Lewis nahm Figuren wie Pelley und Huey Long, den rechtspopulistischen Gegenspieler Franklin D. Roosevelts, als Vorbilder seines Romans „It Can’t Happen Here“, dessen Titel das genaue Gegenteil meinte: dass der Faschismus auch in den USA Platz greifen könnte.

Im Februar 1939 hatten sich Tausende im New Yorker Madison Square Garden gegen die „bolschewistisch-jüdische Verschwörung“ versammelt. Lange galt Stalins Sowjetunion als der wirkliche Feind, gegen den man sich mit Hitler besser verbünden solle, als diesen zu bekämpfen. Deutsch-Amerikaner:innen spielten hier eine wichtige Rolle. Der „Western Gau“ in Los Angeles County soll damals mehr als 6000 Mitglieder gezählt haben, im Dreieck zwischen Wilshire Boulevard, Broadway und Pico Boulevard rund um das Deutsche Generalkonsulat trafen sich braun uniformierte Kämpfer des „Amerikadeutschen Bundes“ in einem „Deutschen Haus“, im „Turnverein“ und im „Alt Heidelberg Inn“. Verstärkt wurden sie durch den in Los Angeles besonders aktiv gewordenen Ku Klux Klan und andere US-Faschisten. „Bundesführer“ Fritz Kuhn, eine durch und durch kriminelle Figur, wurde 1945 nach Deutschland deportiert, wo er 1951 starb.

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Nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbour 1941 machte das FBI dem Treiben ein Ende, die Vereinigten Staaten traten gegen die weit vorherrschende Stimmung des „America first“ in den Krieg gegen Hitlerdeutschland ein. Nicht zufällig haben Rechtsradikale wie Pat Buchanan in den 1990er Jahren und nun Donald Trump den Slogan „America first“ wiederbelebt. Der wirtschaftsprotektionistische Slogan ist unterdessen zum Schlachtruf des Kulturkampfes gegen Immigration, Abtreibung und liberale Eliten mutiert.

Der Sturm aufs Kapitol vor einem Jahr stellt eine radikale Kampfansage an die liberale Demokratie dar; da die außerparlamentarische Mobilisierung der Alt-Right-Sekten nun durch legislative Initiativen der Trump ergebenen Republikaner aufgegriffen und verstärkt wird, kann man sich erneut nicht sicher sein, dass „es“ in den USA nicht auch geschehen könnte – der protofaschistische Coup d’État, den einzelne Protagonisten der Alt-Right-Bewegung mit Mussolinis Marsch auf Rom und dem Hitlerputsch in München assoziieren.

Zum Autor

Claus Leggewie ist Ludwig-Börne- Professor an der Universität Gießen und aktuell Honorary Fellow am Thomas Mann House in Los Angeles.

Thomas Mann, der von seiner schaurigen Nachbarschaft unten im Rustic Canyon vermutlich nichts wusste, ist heute ein Vorbild des konservativen Bürgers, der angesichts der akuten Bedrohung der Freiheit seine früheren Aversionen gegen die liberale Demokratie ablegte und sich als Vernunft- wie Herzensrepublikaner in die Front gegen den Faschismus einreihte. Auf derart prinzipienstarke und einflussreiche Konservative warten die Vereinigten Staaten gerade vergebens. (Claus Leggewie)

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