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Israelis beobachten den Himmel in der heftig beschossenen südlichen Hafenstadt Aschdod.
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Israelis beobachten den Himmel in der heftig beschossenen südlichen Hafenstadt Aschdod.

Naher Osten

Avishai Margalit zu Gaza und Israel: „Beide Seiten haben beim Schutz von Zivilisten kläglich versagt“

  • VonMichael Hesse
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Der israelische Philosoph Avishai Margalit über die tiefen und die aktuellen Ursachen des Gaza-Konflikts – und die Frage, was das für Israels Linke und die Friedensbewegung bedeutet.

Professor Margalit, die Welt verfolgt mit Sorge die Kampfhandlungen im Nahen Osten. Sind Sie persönlich von den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern betroffen?

Ich bin nicht direkt von der Gewalt um mich herum in Jerusalem betroffen. Meine Kinder und ihre Familien müssen in Tel Aviv, wo sie alle leben, jedoch in den Schutzkeller laufen, wenn die Raketen aus dem Gazastreifen abgeschossen werden. Wenn Sie mich also fragen, ob ich direkt betroffen bin, lautet meine kurze Antwort: Nein. Ich könnte auch eine lange Antwort geben, die aber zu lang wäre für ein kurzes Interview.

Mit dem Ausbruch eines Konflikts beginnt immer die Frage, was ihn ausgelöst hat, wer verantwortlich ist? Lässt sich das überhaupt sagen?

Ich nehme einmal an, mit „ausgelöst“ meinen Sie die unmittelbaren Ereignisse, die die Eruption der gegenwärtigen Gewalt verursacht haben und nicht die langjährigen tieferen Ursachen des Konflikts. Der Ausbruch der Gewalt hatte vielfache Gründe, zu viele Streichhölzer wurden in der Nähe eines Pulverfasses angezündet. Es war ein Amalgam relativ miteinander unzusammenhängender Ereignisse, die aber dann innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne konvergierten.

Welche zählen Sie dazu?

Die israelischen Einschränkungen für Palästinenser im Monat des Ramadan und – als die Gewalt ausbrach – die Erstürmung der Al-Aksa-Moschee, des drittwichtigsten Heiligtums des Islam, war das eine wichtige Ereignis. Ein anderes der angesetzte Termin vor dem Obersten Gericht, das sich mit der Forderung der Räumung palästinensischen Eigentums in Sheikh Jarrah befassen sollte, wo die Palästinenser seit 1954 leben. Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, was die Forderung der Räumung der palästinensischen Häuser angeht. Denn die Juden sind auf der anderen Seite ermächtigt, ihre Eigentumsrechte, die sie vor 1948 genossen, wahrzunehmen. Palästinenser können keine Ansprüche in gleicher Weise erheben. Wissen Sie, dieses Ereignis hat bei den Palästinensern die Erinnerung an die massive Vertreibung von 1948 wachgerufen. Und dann gab es auch noch die geplante Parade der Juden, um die Besatzung der Altstadt Jerusalems von 1967 zu feiern.

Von den Palästinensern als reine Provokation empfunden.

Eine Parade, die einen an die protestantische Orange-Day-Parade in katholischen Gebieten von Nordirland erinnert. Der Weg, den die Parade nehmen sollte, wurde ja noch in der letzten Minute untersagt, aber der Schaden war bereits angerichtet. Und dann noch die Verlegung der palästinensischen Wahl durch die Fatah, bei der die Hamas davon ausgegangen war, mit einer Einheitsliste gegen die vier Listen der Fatah anzutreten. Das hat die Hamas zu gewaltsamen Protesten angespornt, um sich unter den Palästinensern als führende Kraft zu etablieren. Und es gab noch einen weiteren Auslöser des Konflikts.

Welchen?

Die Unfähigkeit in Israel, eine stabile Regierung nach vier Wahlen innerhalb von zwei Jahren zu bilden, und Netanjahus Angst vor dem Gerichtsprozess gegen ihn, der über seinem Kopf schwebt. All dies und noch etwas mehr geschah innerhalb eines Monats.

Wie gewichtig waren die Vorgänge auf und vor dem Tempelberg in Bezug auf die dann folgende Eskalation der Gewalt?

Die Al-Aksa-Moschee, die sich innerhalb des Tempelberg-Heiligtums befindet, ist das aussagekräftigste Symbol der palästinensischen Identität. Die palästinensische Gesellschaft ist stark fragmentiert, aber Al-Aksa ist das vereinigende Symbol für alle Palästinenser. Überdies findet sie in der islamischen Welt als solcher eine starke Resonanz. Und wenn ich eine vermischte und etwas schrille Metapher verwenden darf, ist Al-Aksa das palästinensische Stalingrad. Die Palästinenser betrachten jede Änderung des Status quo des Heiligtums als einen bedrohlichen Versuch Israels, den Zugriff der Palästinenser auf den Platz zu schwächen. Es ist unzweifelhaft, Al-Aksa hat eine entscheidende Rolle in den ganzen Ereignissen gespielt.

Dann flogen die Raketen der Hamas und die Bombardements Israels im Gaza-Streifen setzten ein. Opfer sind vor allem in der Zivilbevölkerung zu finden. Gibt es jemanden, der von den kriegerischen Auseinandersetzungen profitiert? Die Hamas auf der einen und Premier Netanjahu auf der anderen Seite?

Keine Frage, die letzten Ereignisse haben Netanjahu einen guten Dienst erwiesen. Er hatte so die Möglichkeit, die Bildung einer alternativen Koalitionsregierung einzudämmen, die ihn aus seinem Amt als Premierminister verdrängt und ihn zum Auszug aus der Residenz in der Balfour Street gezwungen hätte. Eine Residenz übrigens, die in den Augen der Opposition zur israelischen Bastille geworden ist.

Zur Person

Avishai Margalit, 1939 in Afula im heutigen Israel geboren, studierte in Oxford und lehrte Philosophie an der Hebräischen Universität Jerusalem. Dazu kamen Gastprofessuren u.a. in Harvard, Oxford und Berlin. Nach der Emeritierung übernahm er 2006 eine Professur für Philosophie am Institute for Advanced Study in Princeton.

Zu seinen Büchern gehören die auch auf Deutsch erschienenen Bände „Politik der Würde“, „Über Kompromisse und faule Kompromisse“ (beide bei Suhrkamp) sowie „Okzidentalismus: Der Westen in den Augen seiner Feinde“ (mit Ian Buruma, bei Hanser).

Und wie steht es mit der Hamas?

Der aktuelle Gewaltausbruch hat die Hamas zur führenden Kraft im Kampf gegen Israel gemacht. Die von der Fatah geführte Palästinensische Autonomiebehörde erscheint dagegen blutleer und fast irrelevant. Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass die Ablösung der Fatah als Trägerin der palästinensischen Bestrebungen eines der Hauptziele der Hamas war. Ihr gelang es auf spektakuläre Weise, den Gazastreifen mit Jerusalem, der Westbank und den israelischen Arabern zu verbinden.

Ist es nicht legitim, dass die israelische Regierung den Raketenterror der Hamas nicht einfach akzeptiert und vielmehr eine Reaktion zeigt?

Ich vermute mal, dass Sie mit legitim die moralische Rechtfertigung für den Krieg meinen. Also entweder von Seiten der Israelis, nachdem sie von Raketen aus Gaza angegriffen wurden, oder von Seiten der Palästinenser – da sie einer zerstörerischen Besatzung unterworfen sind. Die Theorie des gerechten Krieges macht einen wichtigen Unterschied zwischen der Rechtfertigung eines Staates oder einer staatsähnlichen Organisation, einen Krieg zu führen, im Unterschied zu der Rechtfertigung in der Art und Weise, wie sie den Krieg führt. Ihre Fragen haben mit der Rechtfertigung, in den Krieg zu ziehen, zu tun, wohingegen ich glaube, dass die dringendere Frage jetzt die Art und Weise der Führung des Krieges ist.

Und wie fällt da Ihr Urteil aus?

Der Lackmustest für die Führung eines Krieges ist das Schicksal unschuldiger Zivilisten und Zivilistinnen. Die Raketenangriffe auf sie durch die Hamas und der Angriff durch die israelische Luftwaffe in einem der am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde sind ein klares Indiz dafür, dass beide Seiten bei diesem Lackmustest kläglich versagt haben.

Befürchten Sie, dass es in den israelischen Städten zu einem Bürgerkrieg mit der arabischen Bevölkerung kommen wird?

Nein, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Aber das Potenzial für Auseinandersetzungen in den Kommunen Israels existiert fraglos.

Was kann die israelische Friedensbewegung tun? Sie war einmal sehr viel stärker als heute.

Die Linke in Israel war erheblich geschwächt durch das weit verbreitete Gefühl, dass ihr Beharren auf der Palästina-Frage nicht mehr als eine fixe Idee ist. Zumindest dieser Punkt hat sich durch die letzten Ereignisse dramatisch geändert. Es ist nun ein weitverbreitetes Gefühl, dass der ungelöste Konflikt mit den Palästinensern sehr lebendig ist und, was noch wichtiger ist, dass er sich hartnäckig hält. Das bedeutet nicht, dass die Linke in Israel im Begriff ist, wieder politische Macht zu erlangen, aber das allgemeine Gefühl ihrer Irrelevanz könnte verschwinden.

In vielen europäischen Staaten gab es Demonstrationen gegen Israel, auch in Deutschland. Jüdische Organisationen sprechen hier von offenem Antisemitismus. Kann man eine klare Linie zwischen Israel-Kritik, die sich auf die Siedlungspolitik und Besatzungspolitik bezieht, und Antisemitismus ziehen?

Ich habe die Ehre, zu den Unterzeichnern der „Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus“ zu gehören. Man findet darin eine zufriedenstellende Antwort auf Ihre Frage. Die Kurzdefinition dort lautet: „Antisemitismus ist Diskriminierung, Vorurteil, Feindseligkeit oder Gewalt gegen Jüdinnen und Juden als Jüdinnen und Juden (oder jüdische Einrichtungen als jüdische).“ Diese Definition, wenn sie richtig gezogen wurde, wie es in der Erklärung geschieht, schließt die zynische Verwendung aus, jede Form von Kritik an Israel als antisemitisch zu titulieren. So ist zum Beispiel die Unterstützung der palästinensischen Forderung nach Gerechtigkeit und der vollen Gewährung ihrer politischen, nationalen, bürgerlichen und Menschenrechte, wie sie im internationalen Recht verankert sind, keineswegs antisemitisch.

Interview: Michael Hesse

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