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Felix Dolah: „16 Lonely Suicides“ (2018) Kohle auf Papier. Studio Felix Dolah
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Felix Dolah: „16 Lonely Suicides“ (2018) Kohle auf Papier. Studio Felix Dolah

Interview

Ausstellung über Suizid: „Viel mehr Männer nehmen sich das Leben“

  • Sophie Vorgrimler
    VonSophie Vorgrimler
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Die Kuratorin des Museums für Sepulkralkultur Kassel Tatjana Ahle über ihre Suizid-Ausstellung, Prävention und den paradoxen Umgang der Gesellschaft und künstlerische Verarbeitung.

Frau Ahle, Sie haben im Kasseler Museum für Sepulkralkultur, also der Todes-, Bestattungs- und Trauerkultur, die erste Ausstellung zum Thema Suizid kuratiert. Kein leichtes Thema – was stellt man da aus?

Da stellt sich natürlich die Frage, was können wir zeigen und was nicht – Stichwort: Triggerwarnung. Das Thema kam 2018 auf als unser Museumsdirektor Dr. Dirk Pörschmann in einem Radiointerview darüber gesprochen hat, dass es in knapp 30 Jahren, in denen unser Haus nun besteht, noch keine Ausstellung zu diesem Thema gab, was längst überfällig schien. Daraufhin hat ihn Reinhard Lindner, Professor für Sozialwesen an der Universität Kassel und außerdem einer der Leiter des Nationalen Suizidpräventionsprogramms kontaktiert, um über den Plan dieser Ausstellung ins Gespräch zu kommen. Die Ausstellung verbindet einerseits Forschung und Wissenschaft, also Zahlen, Daten, Fakten, Text. Auf der anderen Seite hat sie einen Schwerpunkt auf Kunstwerken, die Suizid thematisieren. Es gibt auch Abschiedsbriefe und Erfahrungen von Betroffenen, sowohl von Suizidalen als auch Angehörigen.

Wie sind Sie bei der Konzeption vorgegangen?

Wir haben uns schnell ein breites Netzwerk aufgebaut. Zum einen zu Agus e. V. (Angehörige um Suizid), der deutschlandweit Angehörigen von Suizidverstorbenen Unterstützung anbietet. Außerdem haben wir seit Anfang 2019 mit Studierenden zusammengearbeitet und Themen gesammelt, die auf jeden Fall rein müssen, und solche, die wir nicht brauchen, weil sie triggern oder weil wir sie schlicht sowieso alle vor Augen haben, wie beispielsweise Suizidmittel. Außerdem wollten wir als Kulturschaffende auch die Wissenschaft und Betroffene einbeziehen, weil klar war: Das Thema können wir allein nicht angehen.

Ausstellung zu Suizid in Kassel: „Es ist ein Tabuthema“

Provokativ gefragt: Steht es nicht jedem Menschen frei, sich zu entscheiden, sein Leben zu beenden?

Niemand streitet ab, dass Suizid ein Freiheits- und Persönlichkeitsrecht ist; in Deutschland ist der Suizid nicht strafbar. Die Akzeptanz in der Gesellschaft dafür, wem das zusteht, ist aber sehr unterschiedlich: bei einer alten Person äußern viele Verständnis – bei einer Mutter mit zwei Kindern aber, da gibt es eine Debatte. Außerdem will auch nicht jeder Mensch, der Suizid begeht oder versucht, wirklich sterben – sondern meist verzweifelt einer unerträglichen Situation entkommen. Und da gibt es eben auch andere Möglichkeiten als den Tod, die ins Blickfeld geholt werden müssen.

Warum ist der Suizid so ein heikles Thema?

Offensichtlich hat unsere Gesellschaft ein Problem damit: zum einen spricht sie nicht darüber, es ist ein Tabuthema. Anderseits gibt es ein öffentliches Interesse: Es gibt Darstellungen in Film, Medien, Literatur, teilweise auch auf heroisierende Art.

Ausstellung zu Suizid in Kassel: „Eine Beratungseinheit kann vor Ort angesprochen werden“

Wen soll die Ausstellung ansprechen?

Das Herzstück des Projekts ist die Ausstellung selbst, die eine große Gruppe Menschen ansprechen soll. Aber es gibt auch eine Publikation dazu und ein Begleitprogramm, das spezifischere Themen in den Fokus nimmt. Uns war schon bewusst, dass das Thema nicht nur unser typisches kunst- und kulturinteressiertes Publikum anspricht, sondern auch Betroffene anzieht. Das soll sie auch; sie ist ja auch dafür da, um aufzuklären, zu entstigmatisieren, wo nötig, und auch Betroffenen zu helfen, Suizidalität oder Suizidtrauer offen anzusprechen. Wenn es auch keine Ausstellung zu Suizidprävention ist, haben wir trotzdem auch hier einen Auftrag, wenn wir das Thema anschneiden – und eine Kernfrage ist schon: Wie kann man Betroffenen helfen?

Stichwort: Werther-Effekt , Marilyn Monroe, „Schlafes Bruder“ und Kurt Cobain – es ist ja bekannt, dass Suizide bekannter Personen einen Nachahm-Effekt haben können, unter anderem auch, weil in der Vergangenheit die Berichterstattung nicht sehr sensibel war. Aber auf der Webseite Ihres Museums befindet sich nicht die übliche Triggerwarnung. Wie verhindern Sie, dass sie das falsche Signal setzt und Suizidale sich ermutigt fühlen, sich das Leben zu nehmen?

Mit der Uni Kassel haben wir eine studentische Beratungseinheit zusammengestellt. Studierende der Sozialen Arbeit sind drei Mal wöchentlich im Museum vor Ort und können angesprochen werden. Nach einer Erstberatung können sie Betroffene auch an entsprechende Stellen weiterverweisen. Anstelle einer Triggerwarnung oder Hotline verweisen wir zum Beispiel auf unserer Webseite auf dieses Hilfsangebot, das ja direkt im Museum verfügbar ist. Man muss also sagen, dass das Projekt aus vier Bausteinen besteht. Die Ausstellung heißt aber auch: „Suizid – Let’s talk about it!“, denn was die Forschung zu Suizidprävention weiß: Gespräche darüber sind das suizidpräventivste Mittel und mindern das Risiko. Allein, dass sich die Ausstellung mit dem Thema auseinandersetzt und ihm das Tabu nimmt, ist hilfreich.

Ausstellung zu Suizid in Kassel: „Assistierte Suizide steigern die Suizidrate“

Welche Forschungsergebnisse überraschen am meisten?

Mich hat überrascht, dass assistierter Suizid die Suizidrate steigert. Man könnte ja meinen, dass die Anwendung von harten Methoden – etwa Erschießen oder in die Tiefe stürzen – in der Menge weniger werden, aber die Rate bleibt da konstant, das zeigen etwa Zahlen aus der Schweiz, wo der assistierte Suizid ja schon länger legal ist. Und die assistierten Suizide kommen on Top. Für die Besucherinnen und Besucher ist meistens sehr neu, dass sich viel mehr Männer als Frauen das Leben nehmen. Das ist fast weltweit so. In Deutschland sind es drei Mal so viele, im hohen Alter sogar fünf Mal so viele.

Kuratorin Tatjana Ahle.

Wie gehen andere Länder oder Kulturkreise mit dem Thema Suizid um?

Da gibt es gravierende Unterschiede. In etwa 25 Ländern ist ein Suizidversuch zum Beispiel auch heute noch strafbar, er wird mit Geld- oder Freiheitsstrafe geahndet. Die Frage ist: Welchen Unterschied macht das für Menschen mit Suizidgedanken, wenn ihr suizidales Erleben quasi auf eine gesetzliche Straftat zuläuft, wenn sie vielleicht dadurch eher nicht darüber sprechen, dass sie in eine solche Notlage geraten sind?

Wie gehen die Religionen mit Suizid um?

Das ist ein schwieriges Terrain, aber der tatsächliche Einfluss der Religionen heute lässt sich so pauschal nicht zusammenfassen, dazu ist die Gesellschaft zu heterogen. Prägend für den Blick auf den Suizid sind nämlich genauso das Land, die Region oder das individuelle Umfeld. Für die Religionen gilt aber: Die meisten verbieten den Suizid. Die christlichen Kirchen haben Suizid lange bestraft. Suizidverstorbene wurden lange beispielsweise nicht auf dem christlichen Friedhof begraben, das ist aber heute nicht mehr so.

Ausstellung zu Suizid in Kassel: „Suizidale erleben den Vorwurf, sie zögen sich aus einer Verantwortung“

Das kommt von der Vorstellung, dass das Leben nicht in der Hand des Individuums, sondern der Gottes liegt. Der gleiche Ansatz gilt in monarchisch oder autokratisch geprägten Ländern.

Wo mein Leben nicht mir gehört, sondern vermeintlich einem anderen, sei es ein Gottheit oder Kaiser oder auch die Gesellschaft, der ich verpflichtet bin, ist der Suizid eher oder schneller als strafbarer Akt aufgefasst. Auch die Zombie-Figur stammt aus Machtstrukturen – eine grausame Erzählung:. Ehemalige Kolonialherren haben ihre Sklavinnen und Sklaven unter Druck gesetzt, in dem sie erzählt haben, dass sie im Falle eines Suizides auf ewig dazu verdammt seien, als Zombies weiterzuarbeiten. Eine sehr pervertierte Art der Suizidprävention, wenn man so will. Und auch heute besteht in der Leistungsgesellschaft Suizidalen gegenüber manchmal der Vorwurf, sie zögen sich mit dem Suizid aus einer Verantwortung.

An anderen Stellen wird Suizid auch verherrlicht.

Da gibt es auch sprachlich große Unterschiede: Suizid ist der neutrale Begriff. Freitod romantisiert den Suizid und propagiert, es handle sich um eine Freiheit, den Tod zu wählen, die es im Erleben einer schweren Krise aber eigentlich gar nicht gibt. Das Wort Selbstmord wiederum trägt den Mord, eine Straftat, in sich. Auch in der Kunst und der Literatur gibt es große Unterschiede in der Darstellung. Gerne wurde und wird der Suizid verherrlicht, vor allem in Barock und Renaissance sieht man ihn als willensstarke, konsequente Tat in Szene gesetzt.

Ausstellung zu Suizid in Kassel: „Einige verschweigen die Todesursache“

Welche Erfahrungen machen Angehörige von Menschen, die sich das Leben genommen haben?

Egal ob ein Suizid im Umfeld plötzlich oder angekündigt passiert, macht das für Angehörige ein neues Lebensthema auf, das mit Trauer, Verlust, aber auch Scham- und Schuldgefühlen verbunden ist. Viele Menschen machen auch die Erfahrung, dass andere sich anschließend abwenden, die Freundeskreise wechseln. Für viele ist es schwer, darüber öffentlich zu sprechen, einige verschweigen die Todesursache und sagen stattdessen, es sei ein Unfall gewesen.

Zur Person

Tatjana Ahle ist Kunst-, Kultur- und Religionswissenschaftlerin. Für das Museum für Sepulkralkultur in Kassel hat sie die Ausstellung „Suizid – let’s talk about it!“ kuratiert.

Die Ausstellung läuft bis zum 27. Februar 2022. www.sepulkralmuseum.de Foto: Anja Köhn

In der Ausstellung befindet sich auch ein Exponat, in dem eine Angehörige ihre Emotionen verarbeitet hat.

Ein individuell gestalteter Grabstein. Die Schwester eines Suizidverstorbenen hat als Teil des Trauerprozesses den Grabstein für ihren Bruder selbst bearbeitet. Der Stein, wurde drei Mal gebrochen und wieder verbunden, die Brüche sind aber deutlich sichtbar. Sie hatte auch Wut auf ihren Bruder, und den Stein so zu bearbeiten, ist natürlich auch ein aggressiver Akt. Wut wird in diesem Zusammenhang auch gerne tabuisiert, aber in diesem Fall hat die negative Emotion Platz gefunden und der heilsame Prozess ist zu einer ästhetischen Form der Erinnerung geworden. Es ist für Angehörige zur Verarbeitung wichtig, Emotionen, auch solche wie Wut, äußern zu dürfen.

Ausstellung zu Suizid in Kassel: „Die Kunstwerke beschäftigen sich auf implizige Weise mit Suizid“

Sie sagen, jeder suizidale Mensch habe in seiner Phantasie eine spezielle Version davon, wie er sein Leben beenden würde.

Das ist dann für die meisten Menschen diese eine Version, und keine andere kommt für sie in Frage. Wenn beispielsweise eine Person beabsichtigt, sich von einer Brücke zu stürzen und die Brücke ist an diesem Tag gesperrt, wird sie nicht nach Hause gehen und Tabletten nehmen oder anders herum. Auf diesem Weg können Suizide auch verhindert werden, denn da entsteht dann ein Zeitfenster, in dem vielleicht doch ein Gespräch oder eine Form der Hilfe möglich ist.

Eine Fotoreihe in der Ausstellung beschäftigt sich auch mit der Überwindung einer Depression, die mit Suizidgedanken einherging.

Die Kunstwerke in der Ausstellung beschäftigen sich fast alle auf sehr implizite Weise mit dem Thema Suizid, aber sie illustrieren nicht oder zeigen explizite Darstellungen von Suiziden, wie wir sie aus früherer Presse noch kennen. Auch auf den Bildern der US-amerikanischen Künstlerin Donna J. Wan sieht man Nebel, Schwindel, den Abgrund, die Weite – sie bilden einen Denkraum. Sie hat ihre depressive Phase überwunden und danach Orte aufgesucht, von denen sie sich ausgemalt hatte, sich dort in die Tiefe zu stürzen – statt das zu tun, hat sie aber später eine Fotoreihe angefertigt. Was zu sehen ist, sind Landschaftsaufnahmen, die Golden Gate Bridge, Blicke in die Ferne von Orten, die sie dann lebend besuchen konnte.

Interview: Sophie Vorgrimler

Hilfe bei Suizid-Gedanken: Wenn es Ihnen nicht gut geht oder Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein, und es gibt auch andere Hilfsangebote. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 erreichbar. Es gibt auch die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung oder eines Hilfe-Chats. Weitere Informationen finden Sie unter www.telefonseelsorge.de

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