„Boarding“: Einschiffung der „Pilgrim Fathers“ im September 1620 auf der „Mayfloyer“ im Hafen von Plymouth.
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„Boarding“: Einschiffung der „Pilgrim Fathers“ im September 1620 auf der „Mayfloyer“ im Hafen von Plymouth.

USA

„Die Augen aller Völker sind auf uns gerichtet“

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Ein Versuch, die Vereinigten Staaten zu begreifen: Dabei landet man beim Rassismus der ersten Stunde, der im Reinheitsfuror der Pilgerväter und Puritaner gründet und bis heute wirkt.

Wer sich aufmachte, um England den Rücken zu kehren, weil ihm das bekannte England unerträglich geworden war, hoffte. Wer es tat, auf der Suche nach Rechtssicherheit, religiöser Toleranz und Arbeit, glaubte. Anders als das Alte Europa verhieß das Einschiffen nach Amerika einen Aufbruch – zu anderen Ufern, mit welchem Ausgang auch immer. Mit der Ankunft verband sich ein Versprechen, über das Anlanden hinaus, wo auch immer, eine Landnahme, wie auch immer. Auch diese Aussicht auf ein Neu-England war Glaubenssache.

Dieser Gedanke beherrschte die Köpfe derjenigen, die als Pilgerväter oder Puritaner aufbrachen. In beiden Fällen waren es religiöse Dissidenten, die als Abweichler oder als radikale Protestanten beschrieben worden sind, als Extremisten oder Sektierer. Unter ihnen solche, die davon überzeugt waren, auf das Land zu treffen, in dem Milch und Honig fließen. Was da vor Augen stand, ob nun als New Canaan oder Neues Jerusalem, folgte Vorbildern einer innerweltlichen Prophetie.

Die Realität am anderen Ende der Welt war allerdings bestürzend. Öde Nehrungen, undurchdringliche Wälder. Als die Mayflower im November 1620 vor Cape Cod vor Anker ging, hatten die Auswanderer das anvisierte Ziel im Süden um mehrere hundert Meilen verfehlt. Zudem war man spät dran, nicht nur wegen eines gnadenlos eisigen Winters. Erfolgte doch die britische Besiedlung Nordamerikas, gemessen an der spanischen Eroberung Südamerikas, mit einer Verzögerung von mehreren Jahrzehnten.

Unternehmer auf eigene Faust

Man muss die Abenteurer und Freibeuter, die die nordamerikanische Küstenlinie von Florida bis Neuschottland absuchten, nicht für friedliche Entdeckernaturen halten, wenn man sie dennoch als zurückhaltende Unternehmer bezeichnet, Unternehmer auf eigene Faust. Jamestown war 1607 als Handelsniederlassung entstanden – und hielt durch, anders als das 1585 aus dem Boden gestampfte Roanoke, das im Desaster endete.

Es war eine nicht mehr abreißende Migration seit den 1620er Jahren, denn nicht nur einzelne Familien wagten das Abenteuer einer Atlantiküberquerung, sondern ganze Dörfer machten sich auf aus einem England, in dem der König, Karl I., ohne Parlament tyrannisch regierte. Eine für Migrationsbewegungen typische Kettenmigration, so dass sich zwischen 1630 und 1640 allein 20 000 Dissidents davonmachten.

An der Ostküste entstanden seit den 1620er Jahren nicht mehr nur Stützpunkte, sondern Siedlungen. 1620 die Gründung von Plymouth, 1626 Salem, 1630 Boston, sechs Jahre zuvor New Amsterdam. 1638 folgte, bereits im Landesinnern, Philadelphia. Durch die puritanische Auswanderungswelle nach 1625 kam es zu so etwas wie einer ursprünglichen Akkumulation von Glauben und Geschäft, ja mehr noch, dessen gegenseitiger Durchdringung, dessen wechselseitiger Legitimität, wie ein Puritaner aus Plymouth schrieb: „In Amerika wachsen Religion und Gewinn zusammen.“ Was da zusammenwuchs, wurde Gesetz.

Dennoch ist die britische Kolonisation nicht selten als vergleichsweise verhalten bezeichnet worden, jedenfalls verglichen mit der französischen und der spanisch-portugiesischen. Gemessen an der französischen im Norden, wobei das Vordringen durch den Sankt-Lorenz-Strom, bis hin zu den Großen Seen, günstigere topografische Bedingungen eröffnete als die lange als unüberwindbare Barriere angesehenen Appalachen.

Erst recht im Vergleich mit den wütenden Eroberungen der spanischen Konquistadoren und den portugiesischen Invasoren folgten die Entdeckungen der Briten lange Zeit weniger einer historisch-politischen Mission als vielmehr privaten oder privatwirtschaftlichen Zielen, wie es Urs Bitterli in seiner Geschichte der Entdeckung der beiden Amerika pointiert hat.

Aussicht auf Gewinn

Aussicht auf Gewinn brachte die Menschen im britischen Plymouth auf die Schiffe, Auswanderer ebenso wie Abenteurer, und so beträchtlich die Gewinne, auf die spekuliert werden konnte, so bewegten sie sich nicht in den sagenhaften Dimensionen, von denen die Spanier zu berichten wussten. Anstelle von Gold wurde mit Pelzen gehandelt, nicht Silber wurde aus Neuengland mitgebracht, sondern Holz, fremde Früchte und, vor allem, Tabak.

Die spanische Eroberung, die sich ausdrücklich in der Tradition der Reconquista, der christlichen Rückeroberung der iberischen Halbinsel sah, wurde mit einer weit entschiedeneren Energie und rücksichtsloseren Brutalität betrieben als zunächst die britischen Vorstöße. Die spanische Niederwerfung der Neuen Welt basierte auf der Konfession der spanischen Krone; die britische, zumal nach 1625, als die große puritanische Auswanderungswelle einsetzte, war eine Fluchtbewegung, regelrecht Reißaus vor politischer Instabilität und gnadenloser religiöser Verfolgung.

Die Eroberung Südamerikas im Namen Christi fiel verheerend aus – was im nicht-katholischen Europa nicht verborgen blieb. Das protestantische England Elisabeth I. glaubte sich dem als rücksichtslos vorgehenden Spanien ethisch überlegen. Anstelle der Grausamkeiten und Gräueltaten, die in England durch Erzählungen, vor allem aber durch Kupferstiche Verbreitung fanden, glaubten sich die Engländer absurderweise edler, gerechter und gütiger als die Spanier, die die niedergeworfene Urbevölkerung versklavte – wobei das Selbstbild Englands ob seiner Selbstgerechtigkeit durchaus bizarr anmutet angesichts rücksichtsloser religiöser Intoleranz auf der Insel oder im Krieg gegen Irland. Der Staat ging unbarmherzig vor, und wer, wie der berühmt-berüchtigte Sir Francis Drake, dem die Königin selbst freie Hand ließ bei seiner Freibeuterei, auf eigene Faust handelte, taxierte Eingeborene als lukrative Handelsware, die, wenn sie Engländern auf dem Rücktransfer nach Europa im Weg waren, über Bord geworfen wurden.

England, das jahrzehntelang den ruchlosen Handel mit der Ware Mensch verurteilt hatte, stellte seine Skrupel schließlich zurück. Die Wirtschaft lieferte Gründe. Angefangen in Barbados, wo Engländer in den 1640er Jahren darangingen, die Knochenarbeit in den Zuckerrohrplantagen von Afrikanern verrichten zu lassen, die, in Laderäume verfrachtet und in Ketten gelegt, zu Tausenden über den Atlantik verschifft wurden. Damit einher ging wie schon in Spanien nun auch in England ein intellektueller Diskurs, der sich etwa auf Aristoteles berief, war dieser doch der Überzeugung gewesen, dass es Menschen gäbe, die zum Sklaven geboren seien.

Durch die Sklaverei wurde geltendes englisches Recht, die jedermann zustehende Gerechtigkeit, wie sie es Common Law angelegt war, gebeugt. Demonstrativ ausgesetzt, wenn ein Engländer 1630 in Virginia dafür öffentlich ausgepeitscht wurde, weil er „seinen Leib befleckte, in dem er sich zu einer Negerin legte“. Andere Dokumente kommen darauf zu sprechen, dass es unter den Auswanderern zu wenige Frauen gab. Mit der Folge, dass Frauen auf Heiratsmärkten, ein weiterer Menschenhandel, regelrecht verschachert wurden.

Bereits der Rassismus der ersten Stunde gründet in dem Reinheitsfuror der Pilgerväter, erst recht die zweite und dritte Generation der Puritaner rechtfertigte die Ungleichheit als gottgewollt. Die extreme soziale und kulturelle Hierarchisierung wurde mit der Bibel in der Hand gepredigt und fundamentalistisch gelebt. Die Entwürdigung richtete sich gegen Landarbeiter, Knechte, Mägde, Dienstboten, gegen die ersten schwarzafrikanischen Sklaven und die Indianer.

Auseinandersetzungen mit Einheimischen

Auch die Auseinandersetzungen mit den Einheimischen, die den Fremden anfangs nicht nur feindlich entgegengetreten waren, gelegentlich sogar ausgesprochen gastfreundlich und manche Pilgerniederlassung über den ersten Winter gerettet hatten, wurden bald immer häufiger mit militärischen Mitteln geführt. Im Anschluss an einen Krieg, den Kolonisten in Connecticut gegen die Pequots führten, entschlossen sich die Engländer, die überlebenden Indianer zu versklaven und in die Karibik zu verkaufen. Die demonstrative Verachtung der Indianer war so unerbittlich wie deren Demütigung, rücksichtslose Vertreibung und Ausrottung.

Der Rassismus der Konquistadoren in Südamerika folgte von der ersten Stunde an dem Gesetz der Willkür. Der Rassismus der Kolonisten in Nordamerika schuf – dagegen – eine „begründete“ Zweiklassenrechtsprechung. Der Rassismus ist ein elendes Kapitel der amerikanischen Rechtsgeschichte. Denn, so schreibt Jill Lepore in ihrer Geschichte der USA: „Eine der beunruhigenderen Ironien der amerikanischen Geschichte liegt in der Tatsache, dass Gesetze, die entworfen wurden, um die Sklaverei zu rechtfertigen und über Sklaven zu herrschen, zugleich auch neue Ideen von Freiheit und der Regierung der Freien kodifizierten.“ Begründung und Ausdehnung von Freiheitsrechten also auf dem Rücken von Unfreien. Zur Dialektik der Aufklärung gehört die Barbarei.

Es gibt ungezählte Fälle „begründeter“ Gewalt gegen die Anderen. Die „Ungleichheit der Rassen“ war ein Narrativ, das ein Philosoph wie John Locke ebenso zu begründen wusste wie – später – amerikanische Präsidenten oder der brutale Plantagenbesitzer. Keine Leibeigenschaft, so lautete 1641 das sich human lesende Credo in Massachusetts, unter Berufung auf die berühmte Magna Charta. Allerdings war es umgehend versehen mit der Einschränkung: keine Gefangenschaft mit Ausnahme von Kriegsgefangenen sowie solchen „Fremden“, die „sich selbst verkaufen oder an uns verkauft werden“ – gefangen genommene Indianer also oder in Ketten herbeigeschleppte Afrikaner.

Dieser Rechtsbruch der ersten Stunde durch Menschen, die der Willkür in England entflohen, und die in Neuengland antraten als die guten Hirten, im Namen eines gottgefälligen Lebens, verhängte über die neuen Kolonien ein Regime krassester Ungleichheit, das der weißen amerikanischen Mentalität zur Routine geworden ist, eingesenkt wie ein nationaler Code.

Der Historiker Bernd Stöver gibt in seiner Gesamtdarstellung der Geschichte der USA einen weiteren Aspekt zu bedenken. Er macht plausibel, dass die puritanische Siedlerbewegung in der Tradition eines Aufruhrs in Europa stand, der die Bauernkriege religiös angeheizt hatte. Dieses Aufbegehren vollkommen Rechtloser gegen Despotismus und Ausbeutung zugrunde gelegt, ist der Despotismus, den die Dissidenten über die Sklaven umso niederschmetternder.

Erzählung von den Pilgervätern

Eroberer und Eroberte: Die Erzählung von den Pilgervätern kann gar nicht ernst genug genommen werden, wurde sie doch von der amerikanischen Vergangenheitspolitik stets bemüht. Christliche Herkunft war dabei so wichtig wie Dissidententum, wobei religiöses Dissidententum gleichbedeutend mit politischem war. Wer Dissident war, konnte sich sicher sein, im Fokus der Kirche und der Staatsgewalt zu sein. Puritaner zu sein, war nicht ungefährlich, ja lebensgefährlich. Puritaner zu sein war auch verbunden mit Prominenz und Prestige. Das mag erklären, dass die Neuenglandfahrer davon ausgingen, dass ihr Aufbruch nicht unbemerkt blieb. Sie waren mehr als bloß simple Auswanderer, sie zeigten sich berufen zum Exodus. Man war sich sicher, dass ihnen die Welt, ihre Welt zusah.

Es war einer der ihren, John Winthrop, ein Kolonist, der 1630 zum ersten Gouverneur von Massachusetts gewählt werden sollte, der sich sicher war. „Die Augen aller Völker sind auf uns gerichtet.“ Ein Satz, den Winthrop den Seinen bereits bei der Abfahrt in England zurief. Das Selbstbewusstsein einer Bewegung, die sich als Reinigungsbewegung verstand, war unübersehbar. Übertroffen wurde es allerdings von einem wahrhaftig grenzenlosen Sendungsbewusstsein – und die Winthrop-Sentenz dient in den USA bis heute zur Begründung einer globalen Mission.

Dieses sektenhafte Sendungsbewusstsein ist keine ultimative Erklärung für den Rassismus in den USA, aber doch eine für dessen „puritanische“ Tradition, weiterhin. Was hinter den Palisaden von New Plymouth vor sich ging, was in „God’s own Country“ geschah, wurde unternommen im Namen des Herrn: die Selbstverwaltung ebenso wie das Geschäft, die Sklaverei genauso wie das Schwarzweißdenken. Zur Tradition der Selbständigkeit, und an dieser Stelle ist das Amerikabuch Bernd Stövers aufschlussreicher und präziser als die hochgelobte Darstellung Jill Lepores, gehörte eine ausgeprägte Wagenburgmentalität (wie sie im globalen Maßstab ein Donald Trump twitternd reproduziert). Lagerdenken und Manichäismus, ein religiöses ebenso wie ein ideologisches und rassistisches Schwarzweißdenken haben den Puritanismus geprägt und wurden für amerikanische Vergangenheitspolitik konstitutiv.

Absehbar, was das für die nächsten Monate bedeutet, fallen doch in die Endphase des Wahlkampfs Donald Trumps die 400-Jahr-Feiern der Ankunft der Pilgerväter. Wie die Welt Trump kennengelernt hat, wird der amerikanische Präsident den amerikanischen Gründungsmythos rücksichtslos ausbeuten. Er wird ihn ideologisch an sich reißen und religiös aufladen. Trumps Schwarz-Weiß-Manichäismus wird aus dem Weißen Haus wie aus einer Wagenburg regieren, er wird polarisieren im Namen einer erneuten Landnahme.

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