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Auge in Auge - ein Buchmesse-Rundgang

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Von: Judith von Sternburg

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Spielerei: Ton, Farbe, Bewegung in der Gastland-Halle.
Spielerei: Ton, Farbe, Bewegung in der Gastland-Halle. © Renate Hoyer

Es fühlt sich so richtig an: Unterwegs auf der ersten vollen Buchmesse seit drei Jahren

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen wird bei dieser Buchmesse noch häufiger erwähnt als sonst, und wie fast immer natürlich nicht ganz korrekt. Andererseits will der Mensch Worte dafür, dass es am ukrainischen Stand in Halle 4 einen Zettel mit der ironischen Aufschrift „Bombshelter. Pets are allowed“ gibt, und ironisch ist das nur, weil der Zettel an der Tür zum üblichen Messestand-Hinterkämmerchen mit Wasserkiste und Brezelnachfülltüte hängt. Es gibt außerdem eine Lampe, die aufleuchten soll, wenn in der Ukraine Bombenalarm gegeben wird. Das lässt sich nicht nachprüfen, aber es erinnert daran, dass es in ukrainischen Städten gegenwärtig Bombenalarm und verheerende und tödliche Bombardements gibt. Die Raketen kommen aus Russland. Vieles lässt sich diskutieren, aber nicht alles.

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen lässt sich durchaus diskutieren. Wenn der ukrainische Schriftsteller Jurij Andruchowytsch, soeben mit dem Heine-Preis geehrt und mit „Radio Nacht“ auf der Messe unterwegs, danach gefragt wird – und natürlich steht die Vorstellung im Raum, es müsse der helle Wahnsinn sein, aus einem bekriegten Land anzureisen und über steigende Buchpreise zu reden –, sagt er: Er fühle sich keineswegs ungleichzeitig, wenn er auf der Buchmesse sei. Die Menschen in der Ukraine seien in diesen Tag zutiefst kulturinteressiert. Wo immer Musik gemacht oder eine Lesung angeboten werde, ein Theater spielen könne, sei der Zulauf groß. Dass er im Westen des Landes lebt, betont er, mache natürlich angesichts der ungleich dramatischeren Lage im Osten einen großen Unterschied. Geografisch (vorläufig) Glück zu haben, ist ein allgemein vertrauter Eindruck. Eindrücke zu teilen, nicht im Netz, sondern von Angesicht zu Angesicht, wer hätte gedacht, dass das so einen Eindruck macht?

Neben dem Stand der Ukraine zeigen sich Georgien und Polen mit entsprechender Plakatierung solidarisch. Vor der Videobotschaft des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, die im Saal „Harmonie“ ausgestrahlt wurde (FR vom 21. Oktober), wurde nicht nur zur Unterstützung für den ukrainischen Buchmarkt aufgerufen, auch die sehr lange Liste der internationalen Buchmessen von London bis Taipeh, die sich mit seinem Videoauftritt und der Ukraine solidarisieren wollen, wurde vorgelesen.

Man trifft auf der Buchmesse Menschen, denen unbehaglich ist angesichts der zahlreichen Reden des Präsidenten im olivgrünen T-Shirt. Das ist nachvollziehbar und an sich nicht verblüffend, angesichts der Situation aber doch. Während Selenskyj Russland und auch den Iran als Exporteure des Todes nannte und dazu aufrief, nach Wissen zu streben, nach Wahrheit zu suchen und Bücher zu drucken und zu lesen, stellte sich gewissermaßen die Frage, was der russische Präsident Wladimir Putin dem internationalen Publikum einer Buchmesse in diesen Tagen zu sagen hätte. Womit er vor lesenden Menschen für seinen Krieg werben könnte, was für ihn sprechen könnte. Abgesehen davon zeigte sich Selenskyj erneut als guter Redner (darüber, dass man ihn parallel zu allem anderen immer noch wie den Schauspieler in der Serie „Diener des Volkes“ sieht, wird man später nachdenken und lachen können). Und er muss ausgezeichnete Redenschreiber haben.

Die Frankfurter Buchmesse 2022 ist faktisch nicht so groß wie die von 2019, aber eine einzelne Person ist ihrerseits zu klein, um das mit bloßem Auge zu bemerken. Es ist voll genug, um das Tragen einer Maske nicht völlig abwegig zu finden. So handhaben es einige auch.

In der Halle des Gastlandes Spanien gelingt es, im Herbst eine Art Sommerstimmung herzustellen und einen Ort, an dem man sich befinden will. Luftige weiße Tücher bilden Schneckenhaus-Eingänge für die Foren, die gleichzeitig stattfinden können, ohne einander zu stören. Wer gerade ein neues Großraumbüro einrichtet, könnte hier vielleicht noch etwas lernen. Die duftigen Tücher sind mit Text aus der „Gramática castellana“ von Antonio de Nebreja bedruckt, der 1522 starb und auch ohne Sprachkenntnisse daran erinnert, dass Sprache Struktur und System ist, die zu begreifen ein großes Abenteuer ist. Das ansonsten längst in der Gegenwart angekommene Futuristische, in dem Farbe, Buchstabe, Bewegung sich gegenseitig beeinflussen, wird in verschiedener Weise ausprobiert.

Die Schreibarme, die langsam, aber unaufhörlich am „Universal Poem“ schreiben, einem „von der ganzen Menschheit geschriebenen Gedicht“ (was? wie? huch?), aber natürlich wird es nur von dem Teil der Menschheit geschrieben, der daran mitschreiben möchte. Ach so. Es ist wie beim Wahlrecht, bloß weniger dramatisch. Die anderen müssen nur hinnehmen, dass auch in ihrem Namen vor kurzem „die ersten 23 000 Verse in Form von Funkwellen in den 600 Lichtjahre von der Erde entfernten Kohlensacknebel geschickt“ wurden. Wen der Mitteilungsdrang der Erdlinge immer rührt, muss gerade in dieser Halle trotzdem an Filme denken, in denen nicht die nobelsten Außerirdischen durch interstellare Kontaktanzeigen angelockt wurden.

Das Gestaltungsteam der Halle hat dafür gesorgt, dass man sich nicht wie in einem Reisebüro fühlt. Wie Spanien aussieht, wird hier als bekannt vorausgesetzt. Die Größe der spanischsprachigen Welt zeigte sich aktuell daran, dass gar nicht viele Kopfhörer ausgeliehen werden mussten, während die Runde über Gedächtnis und Erinnerung sprach. Man genierte sich fast, aber es lohnte sich. Erinnerung sei ein Gefühl, sagte Vicente Valero (mit „Krankenbesuche“ auf der Messe vertreten). Zu erzählen sei simulierte Erinnerung, sagte Fernando Aramburo („Die Mauersegler“). Dass er mit dem Begriff der „kollektiven Erinnerung“ erst recht wenig anfangen kann – was das überhaupt sein solle –, ist vor diesem Hintergrund nicht erstaunlich, obwohl es eigentlich doch erstaunlich ist, wenn man sie erst recht als Konstruktion erachtet.

Eine Buchmesse, fast wäre es schon in Vergessenheit geraten, ist ein Ort, an dem vieles, auch Grundsätzliches befragt und überlegt werden kann. Vicente Molina Foix, an dieser Stelle als Shakespeare-Übersetzer gefragt, erklärte: Wenn es um Geschichte versus Literatur gehe, gewinne immer die Literatur. Das ist bestechend, aber in einem Zusammenhang, der aus jedem Satz einen Aphorismus oder eine Kurznachricht machte, wäre es auch wieder ungemein riskant. Wer dem, der das sagt, in die Augen sieht, kann aber direkt Zweifel anmelden. Das Leben besteht aus mehr als einem Satz oder zwei Sätzen.

Das Leben, sagte am Abend die französische, in Marokko geborene Schriftstellerin Leïla Slimani, als hätte sie zugehört, bestehe nicht aus großen, sondern aus zahllosen kleinen Geschichten. Im Schauspielhaus Frankfurt stellte sie bei einer der Großlesungen zur Messezeit ihren (Familien- und Erinnerungs-)Roman „Schaut, wie sie tanzen“ (Luchterhand) vor, der zweite Teil einer geplanten Trilogie. Verwurzelt fühle sie sich nirgendwo, sagte sie, auch darum werde ihr gelegentlich sowohl abgesprochen, über Marokko zu schreiben als auch über Frankreich zu schreiben. Salman Rushdie habe einmal zu ihr gesagt: Wenn du zwischen zwei Stühlen sitzt, dann schreibe eben darüber, zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Ohnehin, so Slimani, sei es nicht möglich, beim Schreiben loyal zu sein. Im Schreiben schwinge die Möglichkeit des Verrats immer mit. Agnes Kammerer las geschmackssicher die deutschen Passagen. Barbara Wahlster stellte die Fragen und übersetzte (ein Glanzstück an Konzentration).

Hauke Hückstädt, als Leiter des Frankfurter Literaturhauses einer der Gastgeber, rief eingangs dazu auf, das Buch in der Welt sichtbar zu machen. „Lesen Sie wieder in der U-Bahn“, sagte er, „Bücher müssen überall sein“, erst dann entfalteten sie ihre Kraft. Er empfahl ferner mit ordentlichem Schwung den Besuch von Elfriede Jelineks „Lärm“ hier am Ort (mit Agnes Kammerer).

Bei der Frankfurter Buchmesse war wenig die Rede von der Krise, in die die Kultur im Nachgang von Corona (oder doch mittendrin?) geraten könnte, geraten ist. Ein bisschen zusammenzuhalten, kann jetzt aber nicht schaden. Am Wochenende auf die Buchmesse fahren. Auf dem Weg in der U-Bahn ein Buch lesen und am Willy-Brandt-Platz fix aussteigen und eine Theaterkarte kaufen. Da wäre richtig Zukunft drin.

Glücklicher Ausgang, jedenfalls die Hoffnung darauf.
Glücklicher Ausgang, jedenfalls die Hoffnung darauf. © dpa

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