_0_48
+
Ausweise und Epauletten: Stalin ordnete 1940 den Massenmord an polnischen Offizieren in Katyn an.

Artur Becker

Artur Becker über Europa: Auf der Suche nach meinem Kosmopolen

  • vonArtur Becker
    schließen

Durch die Geschichte begründet, von Ideologien bedroht: Der Schriftsteller Artur Becker über Aspekte einer europäischen Identität.

Ich musste als polnischer Autor, der auf Deutsch schreibt und der damit auch ein deutscher Autor geworden ist, einen sehr langen Weg zurücklegen. Mir ist in meiner Volksrepublik Polen vor allem eine Identität in die Wiege gelegt worden: die nationale, der ich mich mein Leben lang hätte verpflichtet fühlen sollen – solch einen Eindruck gewann ich schon schnell, weil ich bereits ein aufgeweckter und non-konformistisch eingestellter Jugendlicher war. Und ich war mit dieser Aufbürdung auch dann nicht einverstanden, als nach der Wende in Polen und anderen ehemaligen Ostblockländern ein langsamer Prozess der Demokratisierung einsetzte. Ich wollte auch nicht auf meine antikommunistische Haltung reduziert werden, zumal diese in Polen stets populär war und damit auch letztendlich wenig glaubwürdig: Jeder behauptete, er sei Antikommunist.

Unter anderem deshalb musste ich auf der Suche nach meinem Kosmopolen einen so langen Weg zurücklegen, weil ich zudem auch noch die folkloristisch-katholische Identität aus meiner Bartensteiner Provinz mit der atheistischen, staatlich verordneten kombinieren musste, und beide Ideologien verursachten automatisch zahlreiche Widersprüche für meine existenzielle, ja ontologische Situation.

Schlimm genug ist aus diesem Grunde der Versuch vereinzelter Ignoranten in unserem heutigen Deutschland, den ehemaligen Bürgern aus dem sozialistischen Lager den Vorwurf zu machen, wenn auch ganz leise, sie hätten viel zu oft eine sogenannte postnationale Geschichtsperspektive. Wie bitte? Polen hat sich zum Beispiel bis heute von den Schrecken der deutschen Okkupation noch nicht richtig erholt – genauso wie die Juden, ihre Brüder und Schwestern, tragen sie tiefe Narben. Die ehemalige DDR wohnt nach wie vor in vielen gekränkten Seelen und „Intellekten“, weil die DDR ein terroristischer Unterdrückungsapparat gewesen ist – das Leid der Opfer aus dem ehemaligen Ostblock wird in Westeuropa allerdings viel zu oft rationalisiert und vor allem im Kontext des Kalten Krieges analysiert: die Individuen mit ihren Idiosynkrasien und das Psychoanalytische bleiben dabei auf der Strecke.

Nun, ich sehe die Rückkehr des Autoritären und auch der Nationalismen, wie sie erschöpfend in Hannah Arendts großem Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ ausgeforscht wurden, vor allem in der Unfähigkeit des heutigen Bürgers und seines Staates, die Traumata der Vergangenheit, sprich: des 20. Jahrhunderts, verarbeiten zu können. Geschichte per se dient wieder der Instrumentalisierung durch Individuen, Parteien, Vereine, Institutionen, Regierte und Regierende, Verrückte und Erdabgewandte, psychisch Labile und Hörige im Stil des Untertanen Diederich Heßling. Und die Sehnsucht nach der Bewahrung eines vermeintlich glücklichen Zustands, den man in der Vergangenheit einmal glaubte besessen zu haben, was nach Leszek Kolakowski typisch für rechtskonservative Bewegungen sei, wird heute angesichts der Herausforderungen in der globalisierten Welt immer größer – deshalb finden obskure Wahrheitssager und Propheten so viel Anklang, selbst bei vermeintlich gebildeten Bürgern: Sie alle widmen sich der Mythologisierung der Vergangenheit, wovor durchaus auch die Schriftsteller nicht gefeit sind.

Zur Person

Artur Becker, geboren 1968 im polnischen Bartoszyce (Masuren), lebt seit 1985 in Deutschland. Becker schreibt Romane, Erzählungen, Gedichte und Essays. Zuletzt erschien der Roman „Drang nach Osten“.

Natürlich, mein 20. Jahrhundert ist ein anderes als das meiner Freundin aus der Metzlerstraße in Frankfurt, die in Westdeutschland geboren wurde und in der Deutschen Gesellschaft für In-ternationale Zusammenarbeit Landesdirektorin gewesen ist: Sie kennt die Probleme im Nahen Osten, in Israel und Palästina, sowie in Südafrika aus erster Hand; sie hat den Friedensprozess im Nahen Osten über viele Jahre hinweg begleitet, wobei ich ihre Desillusionierung und Enttäuschung über den täglichen Terror, die täglichen Kämpfe in Syrien oder über den Konflikt in Palästina rational und kulturgeschichtlich nachvollziehen kann. Aber sobald wir auf Osteuropa und mein Polen zu sprechen kommen, muss ich Monologe halten und Erklärungen und Antworten liefern, da das Wissen meiner Freundin über die Geschichte Polens und das schwierige Verhältnis zwischen meinem Geburtsland und Deutschland minimal ist. Sie hat stets viele Fragen. Und sie ist oft ratlos.

Katyn wurde ein umkämpfter Erinnerungsort

Nichts anderes erlebte der Historiker Tony Judt, als er anfing, sich mit Osteuropa und speziell mit Polen zu beschäftigen: Zu Anfang war er ratlos, weil er schnell begriffen hatte, wie wenig er über diesen Teil Europas wusste. Er begann mit der Lektüre des exzellenten Marxismus-Kritikers Leszek Kolakowski, den er sogar persönlich kennenlernen durfte. Kolakowski lehrte lange Zeit in Oxford, aber bevor er im Exil seine Karriere vorantrieb, wurde er 1968 als intimer Kenner der kommunistischen Doktrin und Theodizee in der Volksrepublik Polen zur Persona non grata erklärt. Er musste emigrieren, und der damals Ende der sechziger Jahre geisteswissenschaftlich und intellektuell aufstrebende und blutjunge Tony Judt, der immerhin schon die Erfahrung des Wohnens und Arbeitens im Kibbuz gemacht hatte, las Kolakowskis dreibändige Ausgabe „Die Hauptströmungen des Marxismus – Entstehung, Entwicklung, Zerfall“ wie eine Bibel und begriff, wie unterschiedlich die Herangehensweisen und Perspektiven der westlichen Linken und der osteuropäischen Kommunisten und Dissidenten waren. Man vergisst heute viel zu schnell, dass die jungen Linken der BRD, die in den Sechzigern und Siebzigern aktiv waren, und wenn auch nur als Sympathisanten, die DDR verherrlichten – genauso wie französische Linke die Sowjetunion glorifizierten. In „Nachdenken über das 20. Jahrhundert“ schreibt Judt: „Auch das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges schien Stalins Weitsicht zu bestätigen. Die westlichen Verbündeten und viele ihrer Bürger waren sofort bereit, als Gegenleistung für den sowjetischen Beitrag zur Niederschlagung des Faschismus die sowjetische Darstellung zu übernehmen. Nicht nur die sowjetische Propaganda stellte etwa das Massaker von Katyn als deutsches Verbrechen dar. Die meisten Leute im Westen fanden die sowjetische Version plausibel, und wenn sie Zweifel hegten, so sprachen sie nicht darüber.“

Dieser Text

wurde verfasst für die Dresdner Chamisso-Poetikdozentur, die erstmals von 2001 bis 2011 vergeben und in diesem Jahr neu aufgelegt wurde. Die Veröffentlichung geschieht mit freundlicher Genehmigung der Sächsischen Akademie der Künste in Dresden.

Die Erfahrung des Realsozialismus, wie ich sie in der Volksrepublik Polen gemacht habe, betraf ja nicht nur die Desillusionierung darüber, dass die Verfolgung von Dissidenten und Regimegegnern für immer zum Alltag gehören würde. Der Versuch der Dissidenten und streikenden Arbeiter, dem Sozialismus ein menschlicheres Gesicht zu verpassen, scheiterte spätestens 1989 gänzlich, als der Ostblock die Prozesse der Demokratisierung in Gang setzte. Doch wie wichtig diese Erfahrung der Desillusionierung über die Unumsetzbarkeit einer Utopie, die ich im Realsozialismus machen durfte, ist, eben nicht nur phänomenologisch, sondern realistisch, im täglichen Leben und Umgang mit einem kommunistischen Regime verankert, merkte ich während meiner Gespräche mit meinem Freund Dr. Rodrigo Naranjo aus Santiago de Chile. Er, ein linker Philosoph und ein absoluter Gegner der Pinochet- und DINA-Diktatur, unter der seine ganze Familie gelitten hatte, konnte sich nicht vorstellen, warum der Sozialismus in Polen gescheitert ist, obwohl er Leszek Kolakowski oder Jan Tomasz Gross kennt und über ein soziologisches Basiswissen verfügt. Es ist daher kein Wunder, dass Jean-Paul Sartre Milosz’ Essayband „Verführtes Denken“, das von dem sogenannten „hegelianischen Stich“ erzählt, wie man in Polen die ideologische Vergiftung durch den Marxismus beschreibt, nur strikt ablehnen konnte. Auch Pablo Neruda war Milosz lange Zeit nicht wohlgesinnt – sie alle blendeten lange den sowjetischen Terror aus, die Gulag-Lager, die Gefängnisse, die brutalen und mörderischen Niederschlagungen der Arbeiterdemonstrationen, die Flucht der Dissidenten in den Westen, die Jahre 1956 in Ungarn und Polen; die vielen Fehler, die Salvador Allende während seiner Amtszeit bis 1973 gemacht hatte.

Dabei ist der Marxismus, betrachtet als eine gescheiterte, homo-zentrische Ideologie und Utopie des 20. Jahrhunderts, ideengeschichtlich einer vertieften und detaillierten Auseinandersetzung wert, während der Nationalsozialismus, was sich vor allem Vertreter der Neuen Rechten stets vor Augen führen sollten, absolut nichts zu bieten habe, wie Tony Judt in „Nachdenken über das 20. Jahrhundert“ schreibt: „Für mich gibt es keinen einzigen Nazi-Intellektuellen, dessen Überlegungen als interessanter Beitrag zur Ideengeschichte (…) gelten können.“

Noch deutlicher ist Albert Camus geworden, der kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf Einladung von Nicola Chiaromonte an der Columbia University in New York eine Rede über die Gefahren des Hitlerismus gehalten hatte. Chiaromontes Freund Gustaw Herling, der Kosmopole aus Neapel, rekapituliert die Essenz dieser Rede in seinem berühmten „Tagebuch bei Nacht geschrieben“. Im Eintrag vom 18. Januar 1976 schreibt er (in meiner Übersetzung): „Hitler gibt es nicht mehr, doch seit seinem Verschwinden wissen wir ein paar Dinge mehr. Erstens: dass das Gift, das mit dem Hitlerismus ansteckte, nicht beseitigt ist; es steckt noch in jedem von uns. Wer auch immer heute über die menschliche Existenz in Begriffen der Macht, des Nutzens und der historischen Aufgaben spricht, verbreitet dieses Gift; er ist ein Verbrecher, ein wirklicher oder ein möglicher. Wenn nämlich das Problem des Menschen auf irgendeine Art von historischer Aufgabe reduziert wird, egal, welche, ist er nichts als das Rohmaterial der Geschichte, und man kann mit ihm machen, was man will.“

Polens Nationalkonservative beerben totalitäres Denken

Ja, Camus hat recht, das ewige Gift des Hitlerschen Rassismus und Faschismus schläft nicht, es kann jederzeit aufwachen und uns angreifen. Deshalb ist meine Angst vor den Nationalismen nicht bloß ein Ergebnis meiner Sorge um die Zukunft oder gar ein Ausdruck der Kapitulation meines homozentrischen Bewusstseins; es ist eine Angst, die ich sozusagen aus der sozialistischen Praxis kenne, aus meinem Heimatland Polen.

Der Kommunismus hat mir mein Vaterland gestohlen, und jetzt versuchen es ihm die Nationalkonservativen nachzumachen, die sich vor allem durch eine Schwäche auszeichnen: durch das Fehlen jeglicher Toleranz gegenüber Andersdenkenden, die ihrem einzigrichtigen und -wahren Glauben nicht frönen. Apropos Widersprüche: In einem FAZ-Interview lobte Jaroslaw Kaczynski, der im Prinzip Polen seit 2015 im Alleingang regiert wie ein Diktator, Carl Schmitt in den Himmel. Man muss in diesem Zusammenhang die Geistesverwandtschaft nicht allzu sehr bemühen, sie ist bei den beiden Herren offensichtlich, viel interessanter sind außerdem wieder die Widersprüche, welche einem in diesem Kontext sofort ins Auge springen; Kaczynskis Forderung zugleich nach Reparationen für die irreparablen Menschenverluste und für die unvorstellbar große Zerstörung des kulturellen und wirtschaftlichen Potenzials Polens während der Nazibesetzung im Zweiten Weltkrieg steht im Widerspruch zu seiner Bewunderung für den umstrittenen Juristen der Nazis und dessen Kampf für einen modernen autoritären Staat, in dem Ernst Jüngers Waldspaziergänger ihre konservative, antidemokratische Revolte endlich gänzlich ausleben könnten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare