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Russland

Auf dem Weg in die Hölle

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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Geschichtsklitterung: Ein russischer Theaterregisseur wirft Europa und dem Westen eine „ethische“ Wiederauflage des Dritten Reichs vor

Der gegenwärtige Westen sei wie der junge Gangster aus Stanley Kubricks Film „Clock Work Orange“, dessen Aggressionen man durch chemische Kastration und teilweise Gehirnamputation vernichtete. Europa habe ein totalitäre „ethische“ Neuauflage des Dritten Reiches geschaffen. Die Nazis hätten den Menschen zum Hass auf andere dressiert. „Im Neuen ethischen Reich dressiert man den Menschen zur Liebe und nimmt ihm das Recht, frei zu hassen.“

Der russische Theaterregisseur Konstantin Bogomolow hat ein Manifest mit dem Titel „Europas Raub 2.0“. veröffentlicht. In der Nowaja Gaseta, einer liberalen Oppositionszeitung. Ein langer Text über „Quer-Sozialisten“, „Fem-Fanatiker“ sowie „Öko-Psychopathen“. Und über die angebliche Unmöglichkeit in Europa „Mir gefällt nicht…“ zu sagen.

Nervosität wegen Nawalny

Hauptinstrument der neuen Schreckensherrschaft sei das Internet, kontrolliert von den sozialen Netzen, die inzwischen Hauptpfeiler des Kapitalismus seien. Die Nutzer betrieben „virtuelle Lynchjustiz, virtuelle Hetze, virtuelle Gewalt und reale psychische und gesellschaftliche Isolation derer, die nicht im Gleichschritt marschieren.“ Statt der Rasse prüfe man jetzt unter dem Mikroskop die ethische Vergangenheit jedes erfolgreichen Individuums. Zum Glück aber sitze das gegenwärtige Russland im letzten Waggon „dieser Wahnsinns-Eisenbahn Richtung Hölle und multikultureller, genderneutraler Teufel“. „Wir müssen den Waggon nur abkuppeln, ein Kreuz schlagen und anfangen, unsere Welt zu bauen.“

Die russische Öffentlichkeit reagierte gespalten. In einer Umfrage des liberalen Radiosenders Echo Moskwy lehnten Prozent Bogomolows Thesen ab, 47 Prozent aber unterstützten sie. Viele Russen haben eine ausgeprägte Abneigung gegen die politische Korrektheit amerikanischen Stils. „Im Manifest werden nur offensichtliche Dinge genannt“, pflichtet der Historiker Alexei Lapschin auf Facebook bei. „Inquisitorische Unduldsamkeit unter dem Anschein neuer Ethik, totalitäre Politkorrektheit, extreme Vereinfachung des Menschens.“ Bogomolow selbst beschwerte sich später in einem Interview, feministischer Mainstream in den USA strafe Regisseure wie Woody Allen auch ohne Gerichtsurteil faktisch mit einem Berufsverbot.

Auch russische Leser bezweifeln, ob das totalitärer Terror sei. Und warum Bogomolow andererseits kein Wort über die aktuellen Massenrepressalien in Russland verliere. Vielleicht, weil der 45-jährige in Moskau zum Establishment gehört. 2018 warb er bei den Bürgermeisterwahlen für den Kreml-treuen Amtsinhaber Sergei Sobjanin, 2019 wurde er künstlerischer Leiter des Theaters an der Malaja Bronnaja. „Der Mann war Sobjanins Vertrauensmann, hat alle Proteste mit Schmutz beworfen“, twittert der Soziologe Igor Jakowenko. „Was erwartet ihr von ihm?“

Zurzeit macht nicht nur Bogomolow Front gegen den Westen. So erklärte vergangene Woche der russische Außenminister Sergei Lawrow, Russland sei bereit, die Beziehungen zu Europa abzubrechen, wenn es von dessen Seite neue Sanktionen gäbe, die sensible russische Wirtschaftszweige bedrohten. Sein Chef Wladimir Putin ließ am Wochenende Passagen eines eigentlich vertraulichen Hintergrundgespräches mit russischen Chefredakteuren im Staatsfernsehen ausstrahlen. Darin erklärte er, Europa und die USA benutzten Alexej Nawalny, um die wachsende Unzufriedenheit auch in Russland für ihre eigenen Interessen auszunutzen.

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