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Astrophysikerin und Schriftstellerin Pippa Goldschmidt: Der Weltraum, wie wir ihn sehen wollen

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Die Bilder des Carina-Nebels und seiner Wolke aus Gas vom 12. Juli 2022 erinnern an Landschaften auf der Erde. Foto: Goddard Space Flight Center/Nasa/Imago Images
Die Bilder des Carina-Nebels und seiner Wolke aus Gas vom 12. Juli 2022 erinnern an Landschaften auf der Erde. Foto: Goddard Space Flight Center/Nasa/Imago Images © Imago

Die spektakulären Aufnahmen vom James-Webb-Teleskop vermitteln ein unechtes, aber ästhetisches Bild vom All.

(Dieser Artikel erschien zuerst am 19. Juli 2022 in der „Art Review“ in englischer Sprache.)

Ein subjektiver Prozess unserer Wahl – und ästhetischer Datentransfer – prägt die Art, wie wir die entferntesten Punkte des Alls wahrnehmen.

Die Nasa veröffentlichte vor einiger Zeit die ersten vom James- Webb-Weltraumteleskop gemachten Bilder. Am Weihnachtstag 2021 von Französisch-Guyana aus ins All geschickt, ist Webb nun mehr als eine Million Meilen von der Erde entfernt und auf Dauer im Schatten unseres Planeten stationiert, um das empfindliche Instrumentarium vor dem Licht und der Hitze der Sonne zu schützen.

Webb wurde als Ersatz für das ehrwürdige Hubble entworfen (1990 gestartet hat es lange schon seine ursprünglich vorgesehene Lebenszeit von 15 Jahren überschritten), aber auf vielerlei Weise ist es ein komplett andersartiges Tier. Weil Webbs Spiegel viel größer ist als der seines Vorgängers, kann es viel mattere Objekte beobachten und arbeitet vorrangig auf infraroter Wellenlänge, weit jenseits der Reichweite, die wir mit unseren Augen sehen können oder mit Teleskopen entdecken, die auf der Erdoberfläche stationiert sind. Entdeckungen mittels infrarotem Licht sind wesentlich, wenn wir etwas über mögliche Zeichen für Leben um andere Planeten herum erfahren wollen, über die Entstehung von Sternen und den Aufbau der entferntesten Galaxien im Universum.

Aber da wir nicht sehen können, was Webb entdeckt hat, müssen seine Daten in sichtbares Licht übersetzt werden. Die originalen Entdeckungen sind Aufstellungen von Zahlen, die von einer digitalen Kamera aufgezeichnet und in Graustufen umgewandelt wurden. Diese Graustufenbilder werden mit unterschiedlichen Wellenlängen aufgenommen, denen dann jeweils eine Farbe zugewiesen wird, ehe sie zu einem vielfarbigen Bild zusammengefügt werden. Die Entscheidung, welche sichtbare Farbe der jeweiligen Infrarot-Wellenlänge entsprechen könnte, ist subjektiv. Aber diese Entscheidung ist in den finalen, vielfach veröffentlichten Bildern nicht ersichtlich. Joseph DePasquale leitet bei der Nasa ein ganzes Team, das sich diesem Bemühen widmet, und, in seinen Worten, „Kunst und Ästhetik verwendet, um astronomische Daten aufzubereiten für die Erzeugung von druckfähigen Bildern“. Das Farbschema hat sogar einen Namen: die Hubble-Palette.

Wenn wir uns zum Beispiel den Carina-Nebel ansehen, und die ihn begleitende Wolke aus Gas, in der junge Sterne entstehen, sehen wir komplexe Strukturen, dargestellt in Braun- und Blautönen – vielleicht ziemlich vertraute Nuancen, die uns an Landschaften auf der Erde erinnern. Dieses Bild ist danach ausgerichtet, so dass die braunen Strukturen die Vorstellung von Land erwecken, die blauen die von Himmel. Der begleitende Text der Nasa ermutigt uns ebenfalls, diese Verbindung herzustellen: „Die Kosmischen Klippen genannt, sieht Webbs scheinbar dreidimensionales Bild wie zerklüftete Berge an einem mondbeschienenen Abend aus (…) Diese Landschaft aus ,Bergen‘ und ,Tälern‘, getüpfelt mit glitzernden Sternen, ist tatsächlich der Rand eines nahen, jungen Gebietes, in dem Sterne entstehen (…)“.

Die Kunsthistorikerin Elizabeth Kessler von Stanford hat daüber geschrieben, wie die Bilder von Hubble (ebenfalls ursprünglich in Graustufen) auf eine Weise manipuliert wurden, die die Farbpalette evoziert von Gemälden des amerikanischen Westens aus dem 19. Jahrhundert, die von Künstlern wie Albert Bierstadt und Winslow Homer gemalt wurden – diese Kunst versuchte, Menschen, die das nie mit eigenen Augen gesehen hatten, das überwältigende Ausmaß und die Größe dieses neuen Grenzlands zu vermitteln. Es war Kunst, die das Sublime anregte, und die Bilder von Hubble haben den gleichen Effekt.

Die Bilder von Webb setzen offensichtlich den Versuch fort, eine spezifische Ästhetik zu erzeugen. Vielleicht hofft die Nasa, dass diese Bilder so ikonisch werden wie, zum Beispiel, Hubbles „Säulen der Schöpfung“, veröffentlicht im Jahr 1995. Und weil wir beinah drei Jahrzehnte Zeit hatten, uns an diese Darstellung des Weltraums zu gewöhnen, berücksichtigen wir nicht mehr, wie diese Methode funktioniert. Sie hat sich selbst unsichtbar gemacht, die makellosen Webb-Bilder erzeugen die Illusion, dass wir die Dinge mit unseren eigenen bloßen Augen sehen, indem sie unsere bildlichen und ästhetischen Erwartungen erfüllen.

Das wiederum verstärkt den heroischen Aspekt unserer Astronomie – wir allein stehen dem gewaltigen und Ehrfurcht einflößenden Kosmos gegenüber, der letzten und größten Grenze. Und wir sind in der Lage, sie mit unserer in Menschenmaß dimensionierten Technologie zu verstehen. Im Gegensatz zur scheinbaren Perfektion der Webb-Bilder, wurden die 2019 entstandenen Abbildungen, die das Event-Horizon-Teleskop von einem Schwarzen Loch in einer benachbarten Galaxie gemacht hatte und die auch ein erstaunliches Kunststück waren, von einigen Experten als „verschwommen“ kritisiert.

Die Webb-Bilder zeigen das Universum nicht so, wie wir es tatsächlich sehen, sondern wie wir hoffen, es zu sehen. Es ist viel besser als unsere eigenen Ansichten des nächtlichen Himmels, die allzu oft durch Lichtverschmutzung, schlechtes Wetter und künstliche Satelliten beeinträchtigt werden. Das Webb-Bild des Galaxienhaufens SMACS 0723 ist überfüllt mit entfernteren Galaxien, die das Hauptziel mit Licht bombardieren. Im Universum, so enthüllt es sich, wimmelt es vor Galaxien: ovale, spiralförmige, glatte, zerrissene, verzerrte, isolierte und solche, die in Gruppen aufeinander einwirken. Die unterschiedlichen Formen, Größen und Farben geben ihnen den Anschein organischen Materials. Wir tauchen ein in ein kosmisches Meer von Information, und die Dunkelheit des Nachthimmels stellt sich zunehmend als Illusion heraus, die erzeugt wird von unserer Unfähigkeit, mehr als ein enges Fenster von dem zu sehen, was uns das Universum anbietet.

Das Stück Himmel, das Webb als „First Deep Field“ eingefangen hat, ist materiell winzig (Hubble hat viele ähnliche „tiefe Felder“ produziert, wenn auch keines davon so detailliert wie dieses). In den Worten der Nasa ist es so klein wie ein Sandkorn, das eine Armlänge entfernt gehalten wird. Wir sind gleichzeitig mit den unglaublichen und unergründlichen Entfernungen der Galaxien von uns konfrontiert – von Milliarden von Lichtjahren – und ihrer mikroskopischen Erscheinung. Galaxien sind riesig; unsere eigene Milchstraße hat einen Durchmesser von mehr als hunderttausend Lichtjahren. Aber damit wir in der Lage sind, so entfernte Galaxien zu sehen und zu verstehen, müssen sie in einer anderen Dimension wiedergegeben werden, die sie so klein macht wie biologische Zellen.

Weil das Licht, das von diesen Galaxien abgegeben wird, so lange braucht, um zu uns zu reisen, blicken wir zurück in der Zeit, wenn wir auf diese Bilder blicken. Die entfernten Galaxien teilen keinen „Jetzt“-Moment mit uns; sie sind unwiederbringlich in der Vergangenheit fixiert, ihre Abbilder so geisterhaft wie sepiagetönte Fotografien lang schon gestorbener Verwandter, deren Namen an den Rand geschrieben sind. „Großmutter Klara“, „Galaxienhaufen“. Wir sprechen von der Geburt und vom Tod von Sternen, denn nur so können wir das Universum verstehen - indem wir seinen Geistern von Angesicht zu Angesicht begegnen.

Die Ästhetik soll offenbar dabei helfen, die Bilder von Webb ikonisch werden zu lassen. Foto: STSCI/NASA/Imago Images
Die Ästhetik soll offenbar dabei helfen, die Bilder von Webb ikonisch werden zu lassen. Foto: STSCI/NASA/Imago Images © Imago
Pippa Goldschmidt ist britisch-deutsche Belletristik- und Sachbuchautorin. Nach ihrer Promotion in Astro- nomie an der University of Edinburgh, arbeitete sie für die britische und schottische Regierung unter anderem im Fachbereich Weltraumregulierung.
Pippa Goldschmidt ist britisch-deutsche Belletristik- und Sachbuchautorin. Nach ihrer Promotion in Astro- nomie an der University of Edinburgh, arbeitete sie für die britische und schottische Regierung unter anderem im Fachbereich Weltraumregulierung. © Privat

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