„Und so stellen wir solche Menschen aufs hohe Podest und machen darunter weiter wie zuvor“: Gandhi-Verehrung in Indien.
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„Und so stellen wir solche Menschen aufs hohe Podest und machen darunter weiter wie zuvor“: Gandhi-Verehrung in Indien.

Mahatma Ghandi

Arun Gandhi: „Trump ist der Anti-Gandhi“

  • Joachim Frank
    vonJoachim Frank
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Arun Gandhi über die Lehren seines Großvaters, Mächtige, die lieber mittels Angst und Schrecken herrschen und die verbreitete Gewalt des Internets.

Arun Gandhi, geboren 1934, ist der fünfte Enkel von Mahatma Gandhi. Als Jugendlicher lebte er zwei Jahre in Indien bei seinem Großvater. Arun Gandhi arbeitete als Journalist für die „Times of India“ und die „Washington Post“. Heute ist er Präsident des „Gandhi Worldwide Education Institute“, das Gandhis Ideal der Gewaltlosigkeit propagiert. Seit 2016 lebt Arun Gandhi in Rochester bei New York. 

Seine Bücher „Wut ist ein Geschenk“ (2017) und „Sanftmut kann die Welt erschüttern“ (2019) sind im DuMont Buchverlag erschienen. 

Herr Gandhi, seit Jahrzehnten halten Sie das Vermächtnis Ihres Großvaters hoch. Aber wo in der hohen Politik ist es denn angekommen?

In der politischen Praxis hat das Ideal der Gewaltlosigkeit wenig Spuren hinterlassen, mit Ausnahme von Nelson Mandelas Kampf gegen die Apartheid in Südafrika. Aber ich glaube, das Konzept ist auch weithin missverstanden worden – als ein einzelnes Instrument zur Konfliktbewältigung, das Männer wie mein Großvater, wie Martin Luther King oder Mandela bei Bedarf aus dem Werkzeugkasten gezogen hätten.

Was ist es denn stattdessen?

Großvater glaubte, dass die Menschheit eine umfassende Kultur der Gewalt errichtet habe, die alle Lebensbereiche durchdringt: unser Reden, unsere Beziehungen, die Arbeit, den Sport, die Religion – einfach alles. Diese Kultur der Gewalt ist wie ein Krebsgeschwür, das die Gesellschaft von innen heraus zerstört. Großvater wollte, dass wir das realisieren – und der Kultur der Gewalt eine Kultur der Gewaltlosigkeit entgegensetzen.

Ein schöner Traum, aber auch nicht mehr.

Keineswegs! Die Idee der Gewaltlosigkeit hat die Köpfe und Herzen sehr vieler Menschen erreicht und bewegt. Nur die Mächtigen finden es leider bequemer, ihre Herrschaft auf Angst und Schrecken zu gründen. Deshalb kommt ihnen die Kultur der Gewalt sehr viel mehr zupass als die Kultur der Gewaltlosigkeit. Das ist ja auch die einfachste Methode: Je mehr Angst Sie den Menschen machen, desto besser können Sie sie kontrollieren. Und unglücklicherweise haben wir alle uns diesem System der Kontrolle durch Angst unterworfen. Großvater sagte: „Niemand kann uns mehr unterdrücken als wir selbst.“ Wenn wir aufwachen und uns dagegen zur Wehr setzen würden, könnten wir die ganzen Herrschaftsstrukturen über den Haufen werfen.

Sie leben in den USA. Gründet Donald Trumps Herrschaft nicht auf dem Gegenteil all dessen, was Gandhi gelehrt und vorgelebt hat?

Absolut. Man könnte sagen, Trump ist der Anti-Gandhi. Nur weiß er ja noch nicht einmal, wer Gandhi war (lacht). Außerdem ist er nicht der Einzige, der so redet und handelt. Er macht es nur ungeschminkter und roher als andere.

Und er ist damit – wie gesagt – ungemein erfolgreich.

Das stimmt leider. Es ist eben sehr viel leichter, Hass zu säen als Liebe. Für mich ist das ein Indiz dafür, wie tief die Kultur der Gewalt in uns allen steckt. Da kommt einer wie Trump – und macht mit seinen Hassbotschaften in kürzester Zeit zunichte, wofür andere mit der Macht der Liebe in 30 Jahren gearbeitet haben. Das ist sehr bitter.

Wird er als Präsident wiedergewählt werden?

Ich hoffe nicht. Wenn doch, wird das der Ruin der Demokratie und der Ruin der USA sein.

Auch Indien ist heute mit seinen ethnischen und religiösen Konflikten weiter entfernt von Gandhi denn je.

Im Grunde war Indien nie sehr nahe an Gandhi. Man hat ihn benutzt und ausgebeutet, um das Ziel der Unabhängigkeit zu erreichen. Der eigentliche Plan meines Großvaters sah vor, dass Indien nach der Unabhängigkeit auf dem Weg der Gewaltlosigkeit weitergehen und eine darauf gegründete Gesellschaft aufbauen sollte. Das aber lehnte die Regierung ab. So ist Gandhi zwar bis heute in aller Munde, überall in Indien hängt sein Foto, überall hat man ihm Standbilder errichtet – aber trotzdem hat man sich seiner entledigt. Eine Woche vor seiner Ermordung hat Großvater einem Ihrer Kollegen auf die Frage nach der Zukunft seiner Philosophie etwas sehr Bezeichnendes gesagt: „Das indische Volk wird mich verehren, aber es wird meine Sache nicht zu seiner Sache machen.“ Das ist ein Satz, den andere große Persönlichkeiten, die wir verehren, auch hätten sagen können.

An wen denken Sie?

An Jesus zum Beispiel. Wie mein Großvater wollte er, dass die Menschen ihr Leben ändern. Aber wir wollen das nicht. Und so stellen wir solche Menschen aufs hohe Podest und machen darunter weiter wie zuvor.

Sie haben einmal gesagt, heutzutage wäre Ihr Großvater auf Facebook und Twitter unterwegs. Was würde er dort posten?

Er würde geduldig und beharrlich die Botschaft der Liebe und des Friedens unter die Leute bringen. Schauen Sie, wenn wir über „Frieden“ reden, verbinden wir damit nur die Abwesenheit von Krieg. Demnach müssten die Menschen in meinem oder in Ihrem Land im Frieden leben. Aber das tun sie nicht. Wir alle üben auf verschiedenste Weise Gewalt aus – und merken es noch nicht einmal. Ergänzend zur physischen Gewalt spreche ich von der „passiven Gewalt“, die wir einander ständig antun, weil wir alle Teil der Kultur der Gewalt sind. Nur wenn wir unsere Schwächen erkennen und sie in Stärken verwandeln, können wir auch eine Veränderung herbeiführen – und bessere Menschen werden.

Aber gerade das Internet scheint am wenigsten empfänglich für Botschaften der Liebe und des Friedens, während die „passive Gewalt“ hier am allerbesten gedeiht.

Es ist wie mit allen Instrumenten, derer wir Menschen uns bedienen. Wir können einen guten oder einen schlechten Gebrauch davon machen. Ich bin davon überzeugt, dass wir über das Internet auch gute Botschaften verbreiten können. Es stimmt schon, die Leute reagieren darauf nicht so unmittelbar und so intensiv wie auf Hass-Botschaften. Aber da hilft nur eines: dranbleiben. Ich persönlich bin auch gar nicht so erpicht auf Millionen von Likes und Followern, die einen heute zum Superstar hochjubeln und morgen in den Staub fallen lassen. Mir sind die wenigen lieber, die mich wirklich mögen und dem, was ich sage, wirklich folgen.

Im Februar hat ein rassistischer Gewalttäter ein schreckliches Blutbad angerichtet. Wie wollen Sie solche Leute mit Gandhis Botschaft erreichen?

Es wäre ein grobes Missverständnis, Terroristen mit Gandhi kommen zu wollen. Der Weg läuft anders herum: Jeder Mensch, der sein Herz für Gandhis Botschaft öffnet, kann sie verstehen und danach handeln. Eines ist klar: Noch nie sind Probleme durch Hass gelöst worden. Terroristen, die in ihrem Leben oder in der Gesellschaft ein Problem erkannt haben und darauf mit Hass und zerstörerischer Gewalt reagieren, werden am Ende nichts gewinnen, sondern sich selbst zerstören. Die Geschichte beweist es uns. Gandhi war der festen Überzeugung, dass in allen Menschen etwas Gutes ist. Wenn wir ihnen respektvoll, höflich und freundlich begegnen, werden sie entsprechend darauf reagieren.

Die Opfer terroristischer Gewalt hatten nicht einmal die Chance, das zu versuchen …

Natürlich nicht. Und sie wurden ohne irgendein persönliches Verschulden zu Opfern. Die Fehler sind früher gemacht worden. Als Gesellschaft reagieren wir immer erst auf Krisen, wenn sie eskalieren. Und dann versuchen wir, schnell den Deckel draufzumachen und das Ganze zu vergessen. In einer Kultur der Gewaltlosigkeit würden wir uns der Spannungen und der Probleme annehmen, bevor sie zur Krise werden. Wieso sind diese fanatisierten Rechten so hasserfüllt? Sie sind nicht so geboren, sie sind dazu geworden aufgrund bestimmter Umstände in ihrem Leben – oftmals aufgrund sozialer oder wirtschaftlicher Benachteiligung. Und da kommen wir an einen weiteren wunden Punkt: Unsere Gesellschaft ist durch und durch materialistisch bestimmt. Immer geht es darum, wer das größte Stück vom Kuchen bekommt. Die Marginalisierten und Abgehängten zählen nicht. Und dann wundern wir uns, wenn sie abdriften und sich mit Gewalt ihr Stück vom Kuchen holen wollen? Wir müssen einfach begreifen: Es gibt einen negativen Zusammenhang zwischen Materialismus und Moral. Je stärker das eine, desto schwächer das andere.

Sie sagen von sich, dass Sie Ihrem Großvater nicht in allem folgen: Sie ernähren sich nicht vegan, Sie leben nicht in Armut. Geht das denn, sich aus Gandhis – wie Sie es nennen – Philosophie das herauszupicken, was einem passt, und anderes beiseite zu lassen?

Dazu möchte ich zweierlei sagen. Erstens: Ich bin nicht vollkommen. Aber nicht einmal Großvater selbst war vollkommen. Er hat hart an sich gearbeitet und vieles erreicht, was ihn dann ja auch zu einem Vorbild hat werden lassen. Davon bin ich weit entfernt. Aber ich bemühe mich, ihm an der einen oder anderen Stelle nachzueifern. Damit kann ich mich selbst ändern – und vielleicht noch ein paar andere. Ich setze Samenkörner in die Seelen von Menschen. Damit habe ich das getan, was ich als meine Pflicht betrachte. Ob die Samen keimen, wachsen und gedeihen, das liegt dann nicht bei mir, sondern bei den anderen.

Sie wollten noch etwas anderes sagen …

Ich halte meine Art zu leben nicht für Rosinenpickerei. Gut, ich bin nicht in dem Maße arm, wie Großvater es war. Ich habe eine nette Wohnung und so. Aber ich lebe nicht in Saus und Braus. Dabei müssen Sie auch bedenken: Großvater lebte arm, aber er hatte eine Menge Leute, die ihn mit allem Notwendigen versorgten. Und das waren ihrerseits durchaus reiche Leute. Wenn wir von „Armut“ reden, müssen wir immer dazu sagen, was wir damit meinen.

Nämlich?

Großvaters Begriff von Armut ist weit, weit entfernt von der Not, unter der Menschen in Teilen Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas leiden müssen. Großvater verstand unter Armut den Verzicht auf die Anhäufung überflüssiger Besitztümer. Ihm ging es um einen „mitfühlenden Kapitalismus“: Wer etwas besitzt, soll so damit umgehen, dass er nicht nur an sich selbst denkt, sondern auch die anderen im Blick hat. Geld zu verdienen, ist in Ordnung. Aber das verdiente Geld soll auch dem Fortkommen der Gesellschaft zugutekommen. In Deutschland finden Sie diesen Gedanken im Konzept der „sozialen Marktwirtschaft“ und in dem Verfassungsgrundsatz „Eigentum verpflichtet“ wieder. Und dann noch eines: Natürlich könnte ich mich als treuer Jünger meines Großvaters ausgeben, indem ich mich auf eine Bastmatte hocke und mich kleide wie er. Aber so zu tun als ob, macht mich nicht zu einem guten Menschen.

Vielleicht sogar im Gegenteil.

Auch mit Armut kann man sich groß tun. Aber Angeberei ist niemals eine gute Sache. Die Lehren meines Großvaters zu verstehen, heißt, das eigene Leben an ihnen auszurichten, aber nicht, ihn zu imitieren.

Interview: Joachim Frank

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