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Der Kampf für eine gerechtere Welt

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Von: Artur Becker

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Sie kochten in der eigenen Soße: Die Linken der 68er-Studentenbewegung. Foto:Imago Images
Sie kochten in der eigenen Soße: Die Linken der 68er-Studentenbewegung. © Heinz Gebhardt/Imago

Was bedeutet der Begriff „links“ heute? Das Denken einer Utopie – oder doch nur Wokeness und Öko-Lifestyle? Artur Becker hat sich in seinem neuen Buch damit auseinandergesetzt.

Ein Buch mit dem so einfach anmutenden Titel „Links“ zu schreiben, hat selbst nicht wenig von einem utopischen Vorhaben. Der Begriff ‚links‘ gehört schließlich nicht nur zu den am stärksten umkämpften, sondern vor allem zu den unschärfsten Begriffen unserer Gegenwart. ‚Links‘, das kann heute gleich alles oder auch nichts bedeuten. Die einen kaprizieren den Begriff auf eine parteipolitische Linie und verbinden ‚links‘ mit der Partei Die Linke, jener Partei, die bei der letzten Bundestagswahl knapp an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert ist und nicht erst seitdem auf der Suche nach ihrer Identität ist. Diese Suche ist dabei durchaus repräsentativ für die Unschärfe des Begriffs ‚links‘ insgesamt. Für andere meint ‚links‘ nämlich viel mehr, und zwar eine grundlegende Lebensform, die sich auf Kernthemen besinnt, die historisch gemeinhin als ‚links‘ gelten: den Kampf für die Nichtprivilegierten, die Unterdrückten und gegen den Kapitalismus als System, das Unterschiede und Wettkampf geradezu heraufbeschwört und letztlich nur ein Ziel verfolgt – möglichst viel Kapital anzuhäufen. Dass nicht wenige dieser Kernthemen als populistische Parolen von der internationalen Rechten gekapert werden konnten, ist nur ein weiterer Beleg für die Krise des Begriffs ‚links‘.

Ganz im Gegensatz zu diesem Wunsch nach historischer Rückbesinnung versteht eine Gegenbewegung „links“ gerade als einen mit neuen Identifikationsmöglichkeiten zu füllenden Begriff, etwa mit der sogenannten ‚Wokeness‘, die den Kampf für je einzelne, benachteiligte Gruppen meint, dabei aber, so eine gewichtige Kritik, das gesellschaftliche Allgemeine, ja, die soziale Frage aus dem Blick zu verlieren droht. ‚Links‘ scheint aber nicht selten auch das Synonym zu sein für die Haltung einer Haltungslosigkeit, einem bloß noch privilegierten, pseudo-linken Öko-Lifestyle: ‚Links‘, das kann heute auch bedeuten, im Elektro-SUV zum Biobäcker zu fahren, um einen Dinkelbrocken für 10 Euro zu kaufen. Ein Konsens-Kommunismus, bei dem sich moralischer Gemeinsinn oft darauf beschränkt, die Weltanschauung der eigenen Blase zu spiegeln. In einer Gegenwart, in der auf Kinderarbeit setzende Billigmodeketten Che-Guevara-Shirts verkaufen, ist eine Antwort auf die Frage danach, was ‚links‘ eigentlich bedeutet, bedeutet hat und vor allem bedeuten kann, wichtiger denn je.

In diesem Sinne scheint es mir absolut drängend, die Bedeutung von ‚links‘ neu zu denken, zu definieren, zu positionieren. Denn ‚links‘, das meint weder bloße Parteizugehörigkeit noch einzig den Lifestyle der Bionaden-Bourgeoisie. Gegen die vorschnelle begriffliche Einengung auf eine bestimmte Bedeutungsdimension einerseits und der begrifflichen Entleerung aufgrund einer Vielzahl unscharfer Bedeutungsansprüche andererseits muss eine Definition von ‚links‘ vielmehr einer definitorischen Offenheit ins Auge sehen, die gleichwohl nicht die Geschichte ihres Begriffs verleugnet. Wenn die linken Kräfte unserer Gesellschaft wieder zu einer wirklichen Kraft finden wollen, die Ideelles und Reales miteinander vereint, dann muss sie ihre Wurzeln wiederfinden. Sie muss die Utopie wiederentdecken – und zwar nicht als einen nie zu erreichenden Wunschtraum, sondern im Sinne eines dialektischen Kampfes um eine neue, eine gerechtere Welt.

Ich selbst kenne den Realsozialismus aus der Volksrepublik Polen und dem Kalten Krieg. Obwohl ich nur knapp 17 Jahre meines Lebens in diesem politischen System gelebt habe, konnte ich seine Schokoladen- wie seine krankhaften Schattenseiten ausgiebig kennenlernen und studieren. Polen ist natürlich ein spezifisches Land, der Sozialismus beziehungsweise Kommunismus konnte in meiner Heimat nach der Abrechnung mit dem Stalinismus nie so erfolgreich gedeihen wie in der DDR. In Polen hatte ich vielmehr den Eindruck, ich würde in einem Staat mit zwei Staatsreligionen oder -ideologien leben: der marxistischen Doktrin auf der einen Seite und der katholischen auf der anderen.

Wir lebten in der Volksrepublik Polen in einer Diktatur, und obwohl die Linken den Nationalismus verabscheuen, waren der Nationalismus und der rechtskonservative Patriotismus – das Leben und Aufopfern für das Vaterland – wesentliche Parolen dieses sozialistischen Staates, der eigentlich von Rechten innerhalb einer linken Arbeiterpartei regiert wurde. Das zeigt schon, dass die Definition der Linken nicht nur heute keine einfache Sache ist, sondern, bei genauerem Hinsehen, schon damals war. Ja, überhaupt ist es schwer, holistisch zu erklären, was ‚Links-sein‘ eigentlich bedeutet: Schließlich geht es nicht zuletzt um Mythos und Ideologie zugleich.

So habe ich als Jugendlicher den Realsozialismus erlebt: Er glich einem Glauben. Zwar war das Glaubenskonzept des Sozialismus utopisch, doch zugleich erlebten wir in Polen täglich die Diktatur der Regierenden, der neuen Eliten, der ‚Parteibonzen‘, die doch eigentlich abgeschafft werden sollten. Dieses Verständnis von Utopie, die begrifflich etwas permanent vorstellt, ohne es auch nur im Ansatz einzulösen, ist gerade nicht meines. Die Utopie, wie ich sie denke, ist eine dialektische, die von der Gleichzeitigkeit des Visionierens eines absolut Neuen wie des realistischen Betrachtens der realen Situation und der Reflektion über beides lebt.

Der alltägliche Marxismus, der aus vielen Widersprüchen bestand, knüpfte in seiner Ideologie an ältere christliche Ideen an: an den Gottesstaat Augustinus‘ oder den autoritären Staat Thomas von Aquins, in dem der Papst über dem König steht und Gott über den irdischen Angelegenheiten des Menschen. Der Marxismus, wie er in den Ländern des Realsozialismus täglich praktiziert wurde, hatte also erstaunlicherweise mit den Ideen der Aufklärung wenig zu tun, wenn er sich auch tolerant sowie bürger- und menschennah gab. Die Verfassungen waren modern und fortschrittlich, doch die sozialistischen, autoritär regierten Staaten erzeugten einen hässlichen Sumpf, in dem Rassenhass, Nationalismus, Kriegsgelüste und Korruption dominierten; selbstverständlich war da auch Platz für Antisemitismus. Die Linken hatten im Ostblock ihre ursprüngliche Idee des Widerstandes vollkommen aufgegeben. Die Arbeiterklasse durfte nicht mitregieren, sie musste sich mit hohen Lebensmittelpreisen herumschlagen, verfiel dem Alkoholismus und wählte nicht selten den Weg der Emigration und Flucht in den Westen.

Im Namen der geschichtlichen Notwendigkeit und des Fortschritts haben die sozialistisch-kommunistischen Regierungen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ihre eigenen Völker begangen. Vielleicht ist das eine Erklärung dafür, dass die Idee der Utopie, die meines Erachtens der Motor linken Denkens und Handelns ist, gänzlich aus den Augen verloren wurde. Die Linke braucht folglich ein konkretes Denken der Utopie, ein utopisches Denken, dem notwendig Handlung folgen müssste. Links heißt in diesem Sinne nicht Moralisieren oder Träumen, es heißt, das Neue denken und so in die Welt bringen.

Immer schon hat es mich gestört und wütend gemacht, dass die Kommunisten im Ostblock auf einem hohen Ross saßen, moralische Predigten hielten, aber zum Schluss für ihre Kritiker, die Dissidenten, stets nur eine Antwort hatten: Repressalien. Das Scheitern der marxistischen Linken in Polen und anderen Ostblockländern besteht ja darin, dass sie für die Wirklichkeit und damit auch für das Elend der desolaten Wirtschaft keine praktische Antwort gefunden haben. Der sozialistische Staat war korrupt und ökonomisch wie ideologisch ausgebrannt. Und die Linken, die regierten, waren in Wahrheit rechte nationalistische und konservative Ideologen, die ihre Privilegien genossen – unter dem Deckmantel der sozialistischen Erfolgspropaganda.

Als ich 1985 die Volksrepublik verließ, hatte ich in Polen bereits Gedichte publiziert und hielt mich selbstverständlich für einen Antikommunisten.

Doch mit dem Beginn des Studiums der Kulturgeschichte Osteuropas und der Germanistik an der Universität Bremen sowie mit dem Beginn des Schreibens und Publizierens auf Deutsch im Jahre 1989 eröffneten sich mir neue Möglichkeiten für die Auseinandersetzung mit der westlichen Linken. Mein jugendlicher Antikommunismus wurde rasch begraben, und ich begriff, dass für mich die westliche Linke zwar attraktiver war als die Linke aus dem ehemaligen Ostblock, es aber auch hier einiges gab, das mit meiner Vision nicht zusammenging.

Das Buch

Artur Becker: Links – Ende und Anfang einer Utopie. Westend Verlag Frankfurt 2022. 144 S., 16 Euro.

Lesung: Am 9.6. stellt Artur Becker sein Buch “Links. Ende und Anfang einer Utopie“ um 19 Uhr bei Genusskomplizen in Frankfurt vor.

Natürlich fiel mir damals als Erstes auf, was viele Emigranten aus Osteuropa genauso wie ich empfunden hatten: die manchmal ungeheure Naivität der Linken aus der 68er-Studentenbewegung – sie hatten zwar für die moderne westliche Gesellschaft viele positive Veränderungen bewirkt, doch sie ‚kochten in der eigenen Soße‘, wie man im Polnischen sagt, was heißt, dass sie in ihrer Idiosynkrasie und ihrem Elitarismus auf mich behäbig und arrogant wirkten. Viele dieser Linken verklärten die DDR oder die Sowjetunion, obwohl ihnen die dort begangenen Verbrechen längst bekannt waren – immerhin waren wir schon in den Achtzigerjahren angekommen.

Die manichäische Teilung dieser Tage trug dabei zwar uralte Charakterzüge wie in der Antinomie ‚Proletariat versus Bourgeoisie‘, aber das war auch alles: Der Böse war weiterhin der Staat, der sich mit dem Kapital zu verbrüdern schien, wobei die westlichen Linken nicht begriffen, dass sie Sozialleistungen genießen konnten, von denen man im Sozialismus nur hatte träumen können. Und wie Yves Montand, der sich als Linker und Kommunist bezeichnete, sagte, dass er lieber in einem teuren Sportwagen als in einem Panzer sitze, so dachten (und denken bis heute) viele Linke. Die SPD-Wähler und Arbeiter galten jedenfalls oft als Spießer, die ‚Arbeiterklasse‘ war für die intellektuellen Linken uninteressant geworden, zumal sich die SPD mehr und mehr von ihren Wurzeln abwandte: Die radikalen Linken wirkten auf mich besonders lächerlich, da sie mich entweder als einen rechtskonservativen Junker aus Ostpreußen oder als katholischen, romantischen Lech-Walesa- und Solidarnosc-Anhänger betrachteten – mein Gott!, dachte ich immer wieder, sie romantisieren etwas, das sie nicht einmal verstehen.

Aber letztendlich hatten sie alle, egal ob radikal oder liberal, eine Gemeinsamkeit: Sie sahen nicht unbedingt frohen Mutes in die Zukunft, die Welt erschien ihnen in einem erbärmlichen Zustand. Der Mensch, so der einende Befund, hatte den falschen Weg gewählt: den Weg eines Parasiten. Es ist kein Wunder, dass im Jahr 1980 die Partei der Grünen gegründet wurde und dass ökologische Fragen von Jahr zu Jahr mehr und mehr zu einem globalen Thema und ihrer Hauptsorge wurde.

Gegenüber Utopien war die Linke seltsamerweise immer schon skeptisch, wie etwa der Vorzeigelinke und marxistische Intellektuelle Antonio Gramsci, der in einem Artikel von 19183 schreibt: „Die Utopie besteht gerade darin, die Geschichte nicht als eine freie Entwicklung zu konzipieren, die Zukunft als etwas Feststehendes, bereits Vorgezeichnetes zu sehen, an vorbestimmte Pläne zu glauben.“

Es hatte zumindest lange gedauert, bis ich begriff, dass die westeuropäische Linke, die wiederum bestimmte Ansprüche stellte und hatte, tatsächlich nicht imstande war, die Sorgen eines osteuropäischen und regierungskritischen Intellektuellen zu begreifen. Sie hielten ihn schlicht für einen Verräter an der sozialistischen und damit fortschrittlichen Sache und Idee. Nein, ich kam mir nach meiner Ankunft in Westdeutschland Mitte der Achtzigerjahre wirklich oft wie ein Rechtskonservativer und gar Nationalist vor. Dabei war ich bloß aus einem Land angereist, das unter der Nazibesatzung in ganz Europa die größten Opfer gebracht hatte – vergleichbar eigentlich nur mit Russland und der Ukraine –, sodass meine Geschichtsperspektive ganz anders war als die der Deutschen. Und trotzdem kam ich aus einem gescheiterten, ‚gefallenen‘ politischen System, kurz gesagt: als Verlierer.

Ältere Linke, die noch eine lebhafte Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und sein Ende hatten, wussten darüber Bescheid, dass es in Warschau während der Nazibesatzung zwei Aufstände gegeben und dass in Polen neben dem Holocaust eine zweite Vernichtung stattgefunden hatte: die an 3,2 Millionen polnischen Juden und die an 2,8 Millionen polnischen Christen; vom kulturellen Verlust, von endgültiger Auslöschung von Kulturgütern und intellektuellem Potenzial wollen wir an dieser Stelle gar nicht erst anfangen zu sprechen. Junge Linke, insbesondere in Westdeutschland, hatten dagegen nur Russland vor Augen. Von Trotzki und Bakunin fasziniert, übersahen sie Polen und seine Rolle zwischen dem russischen Imperium und Preußen, zwischen der Sowjetunion und Nazideutschland. Das ist bis heute so, vor allem in den Kreisen der Sozialdemokraten, die sich mit dem polnischen Katholizismus schon immer schwergetan haben.

Kehren wir aber in den Westen zurück. Bereits in den Siebzigern und Achtzigern zeichnete sich in der BRD ab, was später zur Krise der Linken einen wesentlichen Beitrag leisten sollte: Sie ließ sich von den Grünen und den Volksparteien ihre Themen stehlen. Was sie ebenso verschlief, war die Tatsache, dass ihr auch der moderne Kapitalismus mit seiner Marktwirtschaft einen Strich durch die Rechnung machte, denn der Lebensstandard in der Europäischen Union konnte auch für das Prekariat angehoben werden, sodass der Konsum für die Arbeiterschaft attraktiv wurde, vor allem dank der Kredite.

Als ich 1985 im Westen ankam, wunderte ich mich über die zahlreichen sozialen Erleichterungen und Gesetze. Der Arbeiterklasse im Sozialismus ging es auf jeden Fall viel schlechter als ihren Leidensgenossen im Westen, doch die westliche Linke hatte mehr oder weniger eine ganz andere Kundschaft gewonnen und etabliert. Es hatte ein regelrechter Paradigmenwechsel stattgefunden, dessen Zeuge ich noch werden konnte, denn zum einen waren die Arbeiter keine Sklaven mehr von geldgierigen Kapitalisten, die ihnen lediglich einen Hungerlohn zahlten, zum anderen wechselten sie auch zunehmend das politische Lager. Das taten sie, weil sie sich von den Linken und Sozialdemokraten nicht mehr repräsentiert fühlten, da diese zwar vorgaben, für Gleichheit und Gerechtigkeit einzutreten, die Realität aber ein ganz anderes Bild offenbarte: eine Multikulti-Gesellschaft, das Eindringen der liberalen Narration der Regierungsinstitutionen und der EU in ihre lokalpatriotisch-traditionelle Lebensweise, die zunehmende Elitenbildung in der Politik und Wirtschaft, deren Sprache für sie fremder und fremder wurde, wie auch die immer komplizierter wirkende Vernetzung dieser Eliten in der globalisierten Welt. Sie gaben ihre Freiheit im Namen der Sicherheit auf, wie es Zygmunt Bauman ausdrücken würde: Sie wurden rechtskonservativ und hatten gar kein Interesse mehr an einer Zukunft, die für sie ökonomisch und sozial ohnehin unter einem großen Fragezeichen stand. In diesem Sinne hatten sich die Linken von ihren ehemaligen Wählern verabschiedet.

Nun schwächelt die Linke schon seit Jahren, sie steht im Schatten ihrer größten Erfolge: im Westen im Kontext der 68er-Revolution, der Gründung der Grünen und der Friedensproteste, und im Osten hat sie nach 1989 noch nie ein leichtes Leben gehabt – sie verliert seit geraumer Zeit ihre Wähler an Rechtskonservative, wobei die Arroganz der Linken: ihre Neigung zum moralistischen Auftreten und Gebaren, zu ihrem Imageverlust sicherlich einen wesentlichen Beitrag geleistet hat. Vor allem die intellektuellen Linken haben sich schon vor langer Zeit vom Prekariat abgewandt.

Die größte Kraft der Linken liegt in ihrem Denken der Utopie, das in sich dialektisch sein muss. Was unserer Welt fehlt, ist das Denken des anderen, denn vor lauter Angst vor Querdenkern und alternativen Fakten haben wir vergessen, dass es zum Menschsein gehört, andere Möglichkeiten zu imaginieren, einen Abstand zum Ist-Zustand einnehmen zu können – die Standpunkte anderer ernsthaft zu durchdenken. Eine Utopie braucht heute niemand, so könnte man einwenden, denn nicht nur sind die ökonomischen wie ökologischen Probleme unserer Zeit viel zu drängend, als dass es sinnvoll wäre, sich mit Utopien zu beschäftigen. Zugleich macht das notwendig Unbestimmte, das jeder echten Utopie eigen ist, den Menschen Angst – vor allem den Nicht-Abgesicherten, Prekären, für die die Gegenwart schon unbestimmt genug ist.

Die Utopie dialektisch denken, heißt aber immer, Unsicherheit, Offenheit und Versuch auszuhalten. Heute scheint alles derart katastrophal, dass wir nur noch Lösungen wollen, schnelle, greifbare, kontrollierbare. Diese Besessenheit vom Fortschritt ist keinesfalls neu, hat aber an Entschiedenheit gewonnen. Träumereien – und das ist es, was man oft als Utopie versteht – kann sich unsere Zeit einfach nicht mehr leisten. Dass es aber gerade die Utopie ist, die für die Linke eine Haltung und für unsere Gesellschaft eine neue Gegenwart bereithält, möchte ich in meinem Buch zeigen.

Der Text ist eine gekürzte Fassung des Vorworts.

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