Sie spielen oft für einen Hungerlohn: Laut einer Studie leben Kulturschaffende oft an der Grenze zur Armut.
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Sie spielen oft für einen Hungerlohn: Laut einer Studie leben Kulturschaffende oft an der Grenze zur Armut.

Kulturmarkt

Arme Kulturschaffende: Alle hängen im gleichen Netz

  • Petra Kohse
    vonPetra Kohse
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Die von der Bundesregierung beauftragte Studie „Frauen und Männer im Kulturmarkt“ berichtet von großer Armut.

Gut gezählt ist halb verwaltet. In ihrer Koalitionsvereinbarung hat die Bundesregierung daher einen Bericht zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Kulturschaffenden in diesem Land angekündigt, den der Kulturrat, Dachverband der Kulturverbände in Deutschland, jetzt vorgelegt hat. Schon 2013 gab es einen Bericht zum „Arbeitsmarkt Kultur“, 2016 dann einen zur Lage von „Frauen in Kultur und Medien“, und beide Ansätze werden jetzt enggeführt in „Frauen und Männer im Kulturmarkt“.

Von großem aktuellen Interesse ist dabei der Blick auf die Selbstständigen im Kulturbereich, die durch die Schutzvorkehrungen während der Coronakrise mit am stärksten betroffen sind. Deren Untergruppe, die sogenannten Solo-Selbstständigen, fallen bei den Coronahilfen des Bundes bis heute durch alle Raster und werden an Grundsicherung verwiesen.

Basierend auf den Daten der Bundesagentur für Arbeit, des Statistischen Bundesamts und der Künstlersozialkasse (KSK) wird in Einzeltabellen mannigfach ausdifferenziert aufgelistet, dass es in den Bereichen Musik, Buch, Kunst, Film, Presse, Rundfunk, darstellende Kunst, Design, Architektur Werbung und Game insgesamt 719 106 selbstständig Tätige gibt, von denen knapp die Hälfte sogenannte Mini-Selbstständige sind, also nicht mehr als 17 500 Euro im Jahr verdienen. Im Verhältnis die meisten Mini-Selbstständigen gibt es beim Film: Da verdient nicht einmal jeder zweite mehr als diese 1400 Euro im Monat.

Rund 100 000 dieser Selbstständigen sind als Künstler und Publizisten in der KSK versichert. Was nicht heißt, dass es nur 100 000 Künstler und Publizisten im Land gäbe. Wer tatsächlich brotlos ist, darf hier nicht rein, wer das meiste Geld im Ausland verdient, auch nicht.

Bestverdiener unter den KSK-Versicherten sind die Librettisten mit 49 000 Euro jährlich, also gut 4000 Euro im Monat brutto. Am wenigsten verdienen die Konzeptkünstler, die kaum mehr als 900 Euro im Monat mit ihrer Arbeit einnehmen – und lediglich etwas weniger als diese Summe hinzuverdienen dürfen, wenn sie ihren Versichertenstatus als hauptberufliche Künstler nicht verlieren wollen. Librettistinnen übrigens bringen es nur auf etwa 1125 Euro im Monat. Haben sie weniger Ideen, werden sie weniger beschäftigt oder von den Opernhäusern übers Ohr gehauen?

Das natürlich bringen Zahlen alleine nicht ans Licht. Was die von Olaf Zimmermann und Gabriele Schulz, den Geschäftsführern des Kulturrates, verantwortete Studie zeigt, sind eine großflächige Armut im kulturellen Bereich und nach wie vor bestehende Gender Gaps zu Ungunsten von Frauen von bis zu 26 Prozent etwa im Bereich Theater, Film und Fernsehen im Jahr 2018. Außerdem beeindruckt die Übersicht, welche Berufszweige auch im sozialversicherungspflichtigen Segment zum Kulturmarkt gehören.

Zu den künstlerisch und kunsthandwerklich Tätigen kommen etliche kaufmännische und technische Sparten. Vom Industriedesign bis zur kunsthandwerklichen Metallgestaltung sind hier alle gelistet und nach Anforderungsprofilen, Frauenanteil, Ost-West-Verteilung und Gehaltsunterschieden in der Entwicklung der letzten Jahre differenziert. In der Verlagswelt beispielsweise gehören auch Anzeigenverkäufer zum Club, im Kunsthandwerk Steinbildhauer und Restauratoren. Das große Bild, das hier erscheint, ist das etlicher Punkte (künstlerisches Schaffen), um die sich immer größer werdende Kreise bilden (Kulturbetrieb, Zuliefermarkt und Erhaltungsbereiche) – und alles miteinander liegt auf einem Netz, in dem mittelbar letztlich jeder mit jedem verbunden ist.

Schulz und Zimmermann schreiben: „Künstlerinnen und Künstler arbeiten nicht im luftleeren Raum, ihre Kunst ist nicht einfach da und ebenso wenig wird sie einfach so rezipiert und eine Vergütung erfolgt. Die im März 2020 beginnende Corona-Pandemie machte anschaulich, wie viele Menschen in dem Geflecht Kunst und Kultur tätig sind, ihr Geld verdienen und wie so vieles ineinandergreift. Wenn Bibliotheken und Buchhandlungen geschlossen sind, fallen Lesungen aus, eine wichtige Einnahmequelle für Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Wenn keine Veranstaltungen stattfinden, entfallen nicht nur Aufträge für Künstler, sondern ebenso für Tontechnikerinnen, Maskenbildner und viele andere mehr.“

Der Kulturmarkt ist eine Nahrungskette, in der, anders als in der Natur, alle nur satt werden, wenn alle satt werden. Dass der Kulturrat im Fazit einfordert, es müsse angemessen bezahlt werden, es brauche ein starkes Urheberrecht, und man solle darüber nachdenken, die Selbstständigen in die Arbeitslosenversicherungen einzubinden – das ist das Lamento der letzten Jahrzehnte. Jetzt aber hat man, auch aus aktuellem Anlass, vor Augen, dass es hier bei weitem nicht um eine Nische geht.

Gabriele Schulz, Olaf Zimmermann:Frauen und Männer im Kulturmarkt – Bericht zur wirtschaftlichen und sozialen Lage. Berlin 2020, 508 Seiten, 24,80 Euro.

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