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Antisemitismus und Kolonialismus: Entlang ideologischer Kampflinien

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Von: Harry Nutt

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Documenta-Besucher stehen in der documenta-Halle auf der Halfpipe, die Teil des Werks der Initiative Baan Noorg Collaborative Arts and Culture ist.
Documenta-Besucher stehen in der documenta-Halle auf der Halfpipe, die Teil des Werks der Initiative Baan Noorg Collaborative Arts and Culture ist. © dpa

Der Abbruch der Documenta ist keine Option, sie muss uns im Gegenteil noch lange beschäftigen.

Je länger über das Auftauchen antisemitischer Topoi auf der Kasseler Kunstausstellung Documenta diskutiert wird, desto nebulöser wird das Gesamtbild, in dem sie erschienen sind. Die jüngste Irritation wurde dabei durch das lange Zeit erstaunlich schweigsam gebliebene indonesische Kollektiv Ruangrupa hervorgerufen, die künstlerische Leitung der Documenta 15. Die Bilder der Broschüre „Présence des Femmes“ seien „eindeutig nicht antisemitisch“, ließen sie Ende der Woche mitteilen. Die neuen Vorwürfe gegen die Präsentation eines algerischen Archivs beruhten auf einer Fehlinterpretation. Die ausgestellte Broschüre von 1988 zeigt roboterartige Soldaten mit entblößten Zähnen und Davidsternen. Es handele sich dabei aber nicht um abstrakte Darstellungen von Menschen jüdischen Glaubens, so Ruangrupa. Die Zeichnungen seien vielmehr Propagandakunst der damaligen Zeit, die den Standpunkt der Palästinenserinnen und Palästinenser gegenüber der israelischen Besatzung ausdrückten. Ist nun also alles gut?

Kontextualisierung und Expertise, so kann man Ruangrupas Einlassung verstehen, haben Vieldeutigkeit und Relativierungschancen eröffnet. Die Überzeugung jedenfalls, dass antijüdische Bildsprache im Besonderen und menschenverachtende Äußerungen im Allgemeinen, wenn schon nicht wegpädagogisiert, so doch gebannt werden können, ist auf exemplarische Weise in Kassel der Annahme gewichen, dass sie durch den Verweis auf regionale Lesarten weniger gefährlich erscheinen. Kein Wort also über die Ächtung des Antisemitismus sowie die künstlerische Banalität und ideologische Dürftigkeit des Gezeigten. Es gilt als opportun, mit groben Strichen den „Kolonisator“ Israel zu skizzieren, um so Konsens über einen zu bekämpfenden Unterdrückungszusammenhang herzustellen.

Jenseits der Frage nach der Universalität antisemitischer Stereotype oder ihrer kniffligen – nicht selten strategischen – Diversifizierung, hat die Documenta die Malaise der Kunstkritik und Kunst auf den Punkt gebracht. Es geht nicht länger um die ästhetische Herausforderung einzelner Künstler und Werke sowie der Lust, sich ihren Zumutungen immer wieder neu zu stellen. Mehr als jemals zuvor hat die Kasseler Ausstellung ihr Publikum in zwei Bekenntnisfraktionen geteilt, deren Grundfrage lautet: Wie hältst du es mit der postkolonialen Konstellation?

In kaum gekannter Schärfe

Die Kunstkritiker und -kritikerinnen hatten Zeit genug, sich warmzulaufen. Und so wurde über die Documenta schon seit Januar gestritten, lange bevor ein einziges Werk im Fridericianum oder an der Karlsaue zu sehen war. Um kein Missverständnis entstehen zu lassen: Die künstlerische Leitung war von Anfang an auch Opfer eines einheimischen Kulturkonfliktes, der am Beispiel der Documenta in bislang kaum gekannter Schärfe sichtbar geworden ist. Künstlerische Ausdrucksformen bilden nicht länger eine Sphäre notwendiger ästhetischer Reibung, sondern sind politischen Deutungsschemata unterworfen, die längst auch in den hiesigen Kultureinrichtungen verankert scheinen.

Es ist ab sofort eine überaus anspruchsvolle kulturpolitische Herausforderung, die ideologischen Kampflinien, die sich entlang von Begriffen wie Rassismus, Postkolonialismus, Feminismus, Gender etc. gebildet haben, in ihren Einflusszonen samt ihrer zerstörerischen Energie zu markieren. Das Bemühen jedenfalls, in allen nur erdenklichen gesellschaftspolitischen Feldern aus guten Gründen mehr Achtsamkeit und Sensibilität anzumahnen, steht in einem fundamentalen Widerspruch zur Ignoranz gegenüber der Monstrosität neoimperialer Machtansprüche, die sich in dem einfachen Schema globaler Süden vs. kapitalistischer Norden erstaunlich unhinterfragt eingenistet haben.

Jetzt, nach der Hälfte der Documenta, wird man wohl bilanzierend feststellen dürfen, dass sich die Sinnstiftung des Lumbung-Prinzips, so sympathisch es auch erscheinen mag, auf einen romantizistischen Kollektivgedanken beschränkt, der den weltpolitischen Herausforderungen kaum gewachsen scheint. Jenseits des desaströsen Umgangs mit antisemitischen Motiven im Kunstkosmos enttäuscht die Ausstellung in Kassel mit weltfluchtartigem Ausblenden von Krieg und Pandemie. Die großen Themen der Zeit kommen nicht vor.

Obwohl die Documenta 15 vorgibt, intensiver als jemals zuvor politische Fragestellungen im Kunstraum zu positionieren, fällt sie doch hinter die Erwartung zurück, Denken, das an der Zeit ist, auch zu benennen. Schon deshalb kann es keine Option sein, die Documenta aus dem Gefühl ihres Misslingens vorzeitig zu beenden. Wofür die d15 steht, wird uns noch lange beschäftigen.

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