1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

Antisemitismus: „Juden werden als weiße europäische Kolonialisten wahrgenommen“

Erstellt:

Von: Harry Nutt

Kommentare

Der rumänische Kuenstler Dan Perjovschi hat die Säulen des Fridericianums in Kasselschwarz angemalt und mit Zeichnungen und Symbolen in weißer Farbe versehen.
Der rumänische Kuenstler Dan Perjovschi hat die Säulen des Fridericianums in Kasselschwarz angemalt und mit Zeichnungen und Symbolen in weißer Farbe versehen. © IMAGO/epd

Über die 15. Ausgabe der Documenta in Kassel wird seit Monaten heftig gestritten. Der Soziologe Natan Sznaider weiß warum – und erklärt die Hintergründe.

Herr Sznaider, in wenigen Tagen wird in Kassel die Documenta Fifteen eröffnet, die hinter den Kulissen für viel Furore gesorgt hat. Was erwarten Sie?

Ich bin gespannt, ob es Demonstrationen gibt ( lacht ). Im Grunde aber hält sich meine Spannung in Grenzen, weil ich nicht glaube, dass man dort, wie zuletzt vielfach befürchtet, antisemitische Kunst zu sehen bekommt.

„We need to talk“ – „Wir müssen reden“, so lautete der Titel eine Gesprächsreihe, in der über die Antisemitismusvorwürfe gegen die Documenta debattiert werden sollte. Sie waren dazu eingeladen und haben dann abgesagt. Warum? Und was ist seither passiert?

Ich gehöre eigentlich nicht zu den Absagern, und von Cancel Culture halte ich gar nichts. Als liberaler Zeitgenosse habe ich mich auf die Veranstaltung gefreut, gerade auch, weil ich dort mit Leuten zusammengetroffen wäre, deren Positionen gegenläufig zu meinen sind. Die Reaktion des Zentralrats der Juden hat mich jedoch für eine besondere Verletzlichkeit sensibilisiert, die ich nicht einfach übergehen wollte.

Wie meinen Sie das?

Es geht nicht nur um die Documenta. Mir wurde bewusst, dass der Zentralrat der Juden als Vertretung der Juden in Deutschland seit einiger Zeit die Wahrnehmung macht, dass die Steine auf dem Spielbrett des deutschen Kulturbetriebs umgestellt werden. Die Befürchtung, dass jüdische Menschen in Deutschland ihren Standort verlieren könnten, ist keine ganz neue Entdeckung. Zuletzt scheint sich bei ihnen der Eindruck verdichtet zu haben, dass sie von der kulturellen Elite des Landes im Stich gelassen werden. In diesem Sinne wollte ich ein Zeichen der Solidarität mit dem Zentralrat zum Ausdruck bringen. Es handelt sich nicht um ein klassisches Antisemitismusproblem. Es geht vielmehr um eine Neuformatierung kulturpolitischer Institutionen. Dass die Documenta beschlossen hat, die aktuelle Ausstellung im Zeichen des globalen Südens auszurichten, ist an sich nicht sonderlich aufregend. Wenn man sie jedoch ganz ausdrücklich im Rahmen eines postkolonialistischen Diskurses positioniert, wird es hochpolitisch, erst recht in Bezug auf Israel. Seit Edward Saids 1978 und 1979 erschienenen Büchern „Orientalism“ und „The Question of Palestine“ ist der postkolonialistische Diskurs explizit antiisraelisch. Juden werden als weiße europäische Kolonialisten wahrgenommen. So gesehen ist postkolonialistisch orientierte Kunst eine, die sich klar gegen die Ausübung jüdischer Souveränität im Nahen Osten wendet. Das hat in Deutschland gerade vor dem Hintergrund der Documenta-Geschichte eine besondere Brisanz.

Worin besteht sie genau?

Es gibt hierzulande ein großes jüdisches Milieu, das sich mit Israel solidarisiert, nicht zuletzt weil es davon überzeugt ist, dass die eigene Sicherheit in Deutschland und Europa durch Israel garantiert wird. In diesem Milieu werden Angriffe auf Israel mit Angriffen auf ihr jüdisches Leben selbst gleichgesetzt. Auf der anderen Seite hat sich ein sogenanntes weltoffenes Kulturmilieu etabliert, das sich ganz bewusst entprovinzialisieren möchte. Man will nicht mehr deutsch, sondern europäisch sein. Und als Europäer sind sie bereit, mit deutschen Tabus zu brechen, deren Akzeptanz lange als selbstverständlich galt, etwa die historische Einzigartigkeit des Holocaust. Zu diesem neuen Selbstverständnis gehört auch die Kritik an Israel, die nun als weltoffen gilt. Daraus sind neue Widersprüche entstanden, die nun auch auf der Documenta ausgetragen werden und ganz sicher nichts mit künstlerischem Geschmack oder Ästhetik zu tun haben.

Aufseiten der Linken wird derzeit ein Theorem bearbeitet, dem zufolge erinnerungspolitische Motive zunehmend von rechts gekapert werden. In Berlin hat dazu soeben eine Konferenz unter dem Titel „Hijacking Memory“ stattgefunden. Was hat es damit auf sich?

Ich halte es für eine typische Manifestation jenes weltoffenen Milieus, das sich wechselseitig seine Weltoffenheit bestätigt und keinen Widerspruch duldet. Indem sie konstatieren, dass die Erinnerung an die Schoah von rechten Akteuren entführt werde, unterstellen sie zugleich, dass ihnen diese Erinnerung auch gehöre. Das ist für mich ein klarer Fall von Weltverschlossenheit. Dass durch die Hintertür die Boykottorganisation BDS hereingelassen wird, gehört für mich ebenfalls zu einer falsch verstandenen Weltoffenheit. Die Aktionen des BDS waren gerade im Kunstbereich ein Ausdruck extremer Illiberalität, gegen die sich Repräsentanten von Juden in Deutschland notwendig zur Wehr setzen müssen.

Zur Person:

Natan Sznaider wurde 1954 in Mannheim geboren. Seine Eltern waren aus Polen stammende staatenlose Überlebende der Schoa. Sznaider, der an der Akademischen Hochschule in Tel Aviv unterrichtet, wurde 1992 an der Columbia-University in New York mit einer Arbeit über die „Sozialgeschichte des Mitleids“ promoviert. Später unterrichtete er an der Columbia, der Hebräischen Universität in Jerusalem sowie der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Schwerpunkte seiner Forschungen sind Kultursoziologie, Politische Theorie, Hannah Arendt, Globalisierung, Kosmopolitismus, Erinnerung und Schoah.

Sein Buch „Fluchtpunkte der Erinnerung. Über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus“ ist im Januar bei Hanser erschienen. Die Studie kann als Schlüsseltext der jüngeren Debatte zum Thema, zu der auch die Auseinandersetzungen um die Documenta gehören, gelesen werden. Das Buch war für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert.

Hat sich die Documenta GmbH vor der Auseinandersetzung mit dem Thema BDS weggeduckt?

Wenn man guten Willens ist, könnte man ihr zumindest Naivität attestieren. Vielleicht war man geneigt, in bester Absicht progressiv, woke und dem globalen Süden gegenüber aufgeschlossen zu sein. Dabei ist allerdings das wichtigste Merkmal des postkolonialistischen Diskurses vergessen worden: Kontextualisierung. Herkunft, soziales Gefälle, Sprecherposition – alles ist bedeutend. Bei der Documenta scheint man aber davon ausgegangen zu sein, dass die Ausstellung auf einem globalen Mond stattfindet und nicht in der deutschen Provinz. Ich vermute, dass dieses Missverständnis sehr viel mit einer neu entstandenen deutschen Kulturelite zu tun hat, die nicht mehr deutsch sein will. Die Kunst dient da gewissermaßen als Katapult für einen ideellen Befreiungsschlag. Mit der Bezugnahme auf postkoloniale Narrative meinte man wohl, sich der eigenen Geschichte entledigen zu können.

In Ihrem Buch „Fluchtpunkte der Erinnerung“ gehen Sie der Frage nach, wie es historisch und soziologisch zur intellektuellen Starre zwischen den Diskussionen um Holocaust und Postkolonialismus gekommen ist. Ist die Documenta so gesehen ein kleiner Ausschnitt eines viel größeren Bildes?

Auf jeden Fall. Die Documenta kommt in meinem Buch nicht vor, weil es bereits erschienen war, als die Diskussion Fahrt aufnahm. Ich glaube, ein Kernmotiv all dieser Debattenstränge erwächst aus dem Bedürfnis, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Daher rührt auch der unversöhnliche Ton in den Auseinandersetzungen. Wenn man meint, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, dann erlebt man Einwände immer schon als Widerspruch aus der falschen Ecke. Das hat dazu geführt, dass Gegenrede mit Adjektiven wie rassistisch und islamophob zurückgewiesen werden. Als politische Form hat ein postkolonialistisches Verständnis der globalen Gesellschaft beinahe normativen Charakter angenommen.

Sie werden bei einer Veranstaltung des Documenta-Instituts, das an der Universität Kassel angesiedelt ist, dennoch öffentlich diskutieren. Was unterscheidet dieses Forum vom abgesagten Format?

Ich betrachte die Debatte über die Documenta wie im Übrigen auch unser Gespräch hier bereits als Teil der Documenta. Ich werde auf dem Podium mit René Aguigah diskutieren, der dem postkolonialistischen Diskurs sehr viel Sympathie entgegenbringt. Wir werden da bestimmt nicht einer Meinung sein, aber wir freuen uns gerade deshalb auf die Auseinandersetzung. Es wäre die Aufgabe der Documenta, genau solch einen Rahmen herzustellen. Das Documenta-Institut unter der Leitung von Heinz Bude ist ja unabhängig von der Documenta. Für die Documenta aber wäre es enorm wichtig, die Kunst diskursiv zu begleiten.

Die Künstlerin Hito Steyerl hat kürzlich in einem Essay insbesondere den in Deutschland vorherrschenden Zugriff auf postkoloniale Theorien kritisiert. Sollte man der Kunst gegenüber nicht neugierig-aufgeschlossen sein?

Der Kunst auf jeden Fall. Meine Vorbehalte richten sich nicht gegen die Künstlerinnen und Künstler, auch nicht gegen das Kuratorenkollektiv Ruangrupa. Ich erkenne vielmehr eine Art kolonialistische, mindestens paternalistische Haltung darin, Akteure des globalen Südens mit der Ausstellung zu beauftragen, zu der man sich dann zurücklehnt und zusieht, was passiert.

Die Diskussion über die Documenta steht vermittelt durch das Stichwort Postkolonialismus in Zusammenhang mit dem sogenannten zweiten Historikerstreit, zu dem viel von einer Aufmerksamkeitskonkurrenz zwischen Holocaust und der Wahrnehmung von Genoziden die Rede war, die dem Holocaust vorausgingen. Kann es überhaupt so etwas wie eine globale Erinnerungskultur geben?

Es gibt sie ja schon. Aber sie muss permanent mit lokalen und partikularen Erinnerungskulturen konfrontiert werden. Es sind gerade partikulare Gewalterfahrungen, die Teil einer neuen globalen Erinnerungskultur werden. Solange man diese nicht mit einer universalen oder gar einer sich gegenseitig stärkenden multidirektionalen Erinnerung verwechselt, dann geht eine neue globale Erinnerungskultur von jeweils partikularen Erinnerungen aus. Und genau deshalb sollte es nicht angehen, dass eine Kulturelite aus der Vogelperspektive Gut und Böse voneinander unterscheidet und vorschlägt, was jetzt zusammengedacht werden soll. Und dazu gehören auch jüdische und israelische Erinnerungen.

Interview: Harry Nutt

Auch interessant

Kommentare