Solidaritätsbekundung mit Israel auf einer Demonstration in Magdeburg (Symbolbild).
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Solidaritätsbekundung mit Israel auf einer Demonstration in Magdeburg (Symbolbild).

Antisemitismus-Debatte

„Streitfall Antisemitismus“: Wenn Kritik an Israel vorschnell verurteilt wird

Im Buch „Streitfall Antisemitismus“ diskutiert Wolfgang Benz die Diffamierung von Israelkritik zu Antisemitismus anhand von Beispielen.

Der namhafte Historiker Wolfgang Benz hat mit „Streitfall Antisemitismus“ ein überfälliges Buch herausgegeben. Antisemitismus ist nicht nur umstritten zwischen seinen Anhängern und Gegnern. Mit aller Härte ausgefochtene Kämpfe gibt es auch unter denjenigen, die sich mit Antisemitismus befassen und als seine Gegner begreifen. In der Wissenschaft wie in der politischen Öffentlichkeit prägen persönliche Angriffe, offene Briefe und Gegenbriefe, Rücktrittsforderungen und Rücktritte das Bild, nicht jedoch auf Erkenntnisfortschritt orientierte Debatten.

Konflikt-Auslöser finden sich meist an den Schnittstellen von (möglichem) Antisemitismus mit den Themen Islam, Migration und Nahostkonflikt. Deswegen besteht kein Zweifel, dass der „Anspruch auf Deutungsmacht“ und „politische Interessen“ in der Antisemitismusdebatte auf den Seziertisch der wissenschaftlichen Reflexion gehören.

Der Begriff: Unterschiedliches Verständnis von Antisemitismus

Der Band beinhaltet einige in dieser Hinsicht äußerst stimulierende intellektuelle Anregungen. Besonders sticht Daniel Cil Brechers kluge Reflexion der deutsch-jüdisch-israelischen Beziehungen heraus, die von erwartungsüberfrachteten Idealisierungen geprägt sind.

Zugleich beschreibt er die schrittweise „Israelisierung des Antisemitismus-Verständnisses“, wobei man allerdings Analysen zur zeitgleich stattfindenden Israelisierung des Antisemitismus vermisst. Spannend auch – bei teils deutlichem Widerspruch in manchen Deutungen – Michael Kohlstrucks Erläuterungen, welch unterschiedliche, aber implizit bleibende Verständnisse von Antisemitismus in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern vorherrschen. Denn meist werden diese unterschiedlichen Begriffsverständnisse nicht expliziert und das Fehlverstehen ist programmiert.

Antisemitismus: Vage Assoziationen führen zu Diffamierungen

Die meisten Aufsätze zeichnen einzelne Konfliktkonstellationen nach. In deren Zentrum: die umstrittene Boykottbewegung BDS, die sich vor allem für ein Ende der Besatzung und ein Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge einsetzt. Im Einklang mit einem Bundestagsbeschluss vom vergangenen Jahr scheinen viele sie als gegenwärtig stärksten Ausdruck von Antisemitismus zu begreifen. Mehrere Beiträge im Buch zeigen auf, wie allein schon eine vage Assoziation von Personen mit dieser Bewegung zu Ausladungen und Diffamierungen führt, die jedes Maß und jede Redlichkeit zu verlieren drohen. Micha Brumlik analysiert das hier arbeitende Kontaktschuldprinzip daher zurecht als Ausdruck eines neuen McCarthyismus.

Solidaritätsbekundung mit Israel auf einer Demonstration in Magdeburg (Symbolbild).

Besonders aufschlussreich ist Thomas Kniepers ikonographische Bildanalyse einer des Antisemitismus bezichtigten Karikatur aus der „Süddeutschen Zeitung“. Knieper zeigt, wie eilig mancher erregte Kommentar aus überzeichneten körperlichen Merkmalen des israelischen Premiers Netanyahu (große Ohren und Nase) in dieser Zeichnung von Dieter Hanitzsch eine antisemitische Bedeutung, gar NS-„Stürmer“-Stil, konstruierte. Angesichts der elaborierten Bildanalysen Kniepers überrascht dann allerdings sein klarer Schluss: die Karikatur sei nahostpolitisch gerechtfertigt und keinesfalls antisemitisch.

Wieso die Möglichkeit unterschiedlicher Lesarten, die bekanntermaßen vom Rezeptionskontext abhängen, in der Analyse so vehement ausgeschlossen bleibt, erschießt sich nicht. Dabei drängt sich förmlich auf, dass die Intentionen des Karikaturisten integer gewesen sein mögen, seine (nahostpolitische) Interpretation des Dargestellten plausibel, seine Mittelwahl (die Überzeichnung der Merkmale von Protagonisten) völlig üblich – und dass durch die gewählten jeweiligen Formen und deren Bedeutungsvielfalt (Körpermerkmale, politisch-religiöse Symbole) doch auch eine antisemitische Lesart bereitgestellt wird.

Gegen den Einsatz des Antisemitismus-Begriffs zu machtstrategischen Zwecken

Dieses Beispiel verdeutlicht pars pro toto: der Band ist zwar Metaanalyse des Streitfalls Antisemitismus, zugleich jedoch notwendig ein Teil desselben. Er ist eine deutliche Positionierung gegen einen ins beliebige tendierenden Antisemitismusbegriff, gegen die verbreitete überschnelle Assoziierung von Kritik an Israel mit Antisemitismus, gegen den strategischen Einsatz des „Antisemitismusvorwurfs“ zu machtstrategischen Zwecken.

Nur ein Aufsatz im ganzen Buch widmet sich entsprechend dem umgekehrten Fall, konkret der verbreiteten Abwehr einer Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der DDR. Wolfgang Benz situiert dies in der dialektischen Konstellation aus durchaus auch vorhandenem Enthüllungseifer und Abwehrreflex.

Doch nur ein Teil der Beiträge überzeugt durch theoretische Tiefe oder empirische Dichte. Zwar hält der Band programmatisch die Fahne von Wissenschaftlichkeit und Expertise im Diskurs um umstrittene Antisemitismusdeutungen hoch, doch den so gesetzten Anspruch erfüllt er selbst nur begrenzt. Dafür sind zu viele der Beiträge eher journalistische, essayistische oder schlicht assoziative Gebrauchsprosa. In ihnen spürt man auch die Enttäuschungen, die Wut, die Kränkungen, das persönliche Rechtfertigungsbedürfnis der Autoren und Autorinnen – alles nur zu verständlich angesichts dieses Diskurses, zu dessen Standardrepertoire ad-personam-Angriffe gehören.

Das Buch

Wolfgang Benz (Hg.): Streitfall Antisemitismus. Metropol Verlag. 328 S., 24 Euro

Mehrere der Beteiligten sind zu Unrecht als Antisemitismusverharmloser oder Schlimmeres gescholten worden, weil sie den Scharfmachern der Debatte nicht genehme Positionen vertraten.

Vielleicht muss man dies wissen, um zu verstehen, wieso zurecht kritisierte überzogene Antisemitismusvorwürfe gelegentlich auch überzogen zurückgewiesen werden. Dazu ein Beispiel: Mehrere Kommentatoren in den sozialen Medien zeigten sich schon entrüstet über einen Satz aus dem Buch (S. 61): „Wenn selbst Schüler, die auf dem Schulhof ihre Mitschüler mit ‚Du Jude‘ beschimpfen, als Antisemiten tituliert werden, dann läuft etwas ziemlich schief“.

„Streitfall Antisemitismus“ ein Beitrag zur Versachlichung der Debatte und ihr Spiegel

Aus dem weiteren Text ergibt sich, was die Autorin Juliane Wetzel sowie der weiter hinten sekundierende Michael Kohlstruck meinen: Schüler und Schülerinnen haben ein kaum abgeschlossenes Weltbild (aber Antisemitismus ist eines), sie bedienen sich insgesamt oft (unreflektiert) abwertender Sprache, ihre explizite „Abstempelung“ als Antisemiten ist aus pädagogischer Perspektive wenig hilfreich.

Wolfgang Benz (71) ist Historiker und emeritierter Professor der TU Berlin.

Und doch liest sich der zitierte Satz für zu schnelle Leser und Leserinnen wahrscheinlich so: ‚Jude‘ als Schimpfwort zu verwenden, ist nicht antisemitisch. Die Autorin sollte angesichts ihres jahrzehntelangen Engagements gegen Antisemitismus über jeden solchen Zweifel erhaben sein und eine wohlgesonnenere Deutung erwarten können. Doch die öffentliche Debatte zeigt: dem ist nicht so. Und das korrigierend Gemeinte und doch auch Irreführende steht nun einmal so da.

So verständlich die Resultate solcher immer wieder durchscheinenden persönlichen Empörung sind, so wenig entschuldigen sie allerdings die Schwächen vieler Beiträge im Buch: konzeptuelle Dünnhäutigkeit, mäandernde Argumentationen oder mangelnde Quellennachweise. Das Buch ist damit nicht nur ein Beitrag zur Versachlichung der Debatte, sondern ebenso ihr Spiegel.

„Streitfall Antisemitismus“ behandelt ein eminent wichtiges Thema

Es behandelt ein eminent wichtiges Thema, ist aber insgesamt deswegen noch kein herausragendes Buch. Gegen seine wütenden Gegner und Gegnerinnen, die die im Buch aufgeworfenen Probleme schon als „alternative Fakten“ a la Trump bezeichneten (so die von der Kritik des Buches auch mit gemeinte Linguistin Monika Schwarz-Friesel im „Deutschlandfunk“), ist es aber in aller Entschiedenheit zu verteidigen.

Denn auch wenn der Streit um Antisemitismus und Nahostkonflikt schon seit Jahrzehnten geführt wird, die wirkliche Debatte über die moralischen Vertracktheiten der Antisemitismusdiskussion im Kontext des Nahostkonflikts steht noch aus. Ein Beitrag dazu, der zukünftig nicht einfach übergangen werden kann, liegt hiermit vor.

Der Autor Peter Ullrich ist seit 2014 Fellow am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin.

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